Management | Autor/in: Thorsten Clemann |

Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit

In der Fitness- und Gesundheitsbranche denken Jahr für Jahr viele Gründungsinteressierte über den Schritt in die Selbstständigkeit nach. Doch wie gelingt der erfolgreiche Start in die Selbstständigkeit und was gilt es dabei alles zu beachten? Der folgende Praxisleitfaden liefert Gründer:innen wertvolle Orientierung und hilfreiche Umsetzungstipps für den Gründungsprozess.

Prioritäten für eine erfolgreiche Selbständigkeit richtig setzen

Klarheit und Struktur sind wesentliche Eckpunkte, die sich viele Gründer:innen auf dem Weg in die Selbstständigkeit in der Fitness- und Gesundheitsbranche wünschen.

Doch welche Themen sind dabei besonders wichtig und müssen zuerst angegangen werden? Was sollte bei der Gründung alles beachtet werden? Für welche Aspekte sollte man zum Start in die Selbstständigkeit möglichst viel Zeit, Geld und Energie investieren und welche Themen können erst einmal hintangestellt werden?

Schon bei diesen grundlegenden Fragen herrscht in der Praxis häufig eine gewisse Unsicherheit, was in der weiteren Umsetzung zu zahlreichen Fallstricken, Hindernissen und Problemen führen kann.

Wie wichtig ist der Businessplan?

Ein klassischer Businessplan hat im Rahmen einer Existenzgründung in zahlreichen Situationen natürlich nach wie vor immer noch seine Daseinsberechtigung. Als planerische Grundlage eines Gründungsvorhabens kann er sowohl für Gründer:innen als auch für weitere interne und externe Adressat:innen (z. B. Geldgeber:innen, Netzwerkpartner:innen, potenzielle Kund:innen) ein wichtiges Planungs-, Kontroll- und Kommunikationsinstrument sein.

Auch für die Beantragung von Fördermitteln und die Vergabe von Krediten wird er von den jeweiligen Parteien explizit gefordert.

Doch ein Businessplan ist in der Praxis nicht selten auch eine Ansammlung unbestätigter Hypothesen und kommt damit des Öfteren einem Blick in die Glaskugel gleich. In ihm wird häufig versucht, die Unternehmenszukunft planbar zu machen, obwohl sie das faktisch nicht oder nur in begrenztem Maße wirklich ist.

So können unternehmerische Risiken (Clemann, 2020), beispielsweise veränderte Marktbedingungen und externe Einflüsse, nicht immer vollständig einkalkuliert werden und bringen akribisch geplante und detailverliebte Businesspläne auch schnell an ihre Grenzen. Die letzten beiden turbulenten Corona-Jahre 2020 und 2021 haben das sehr deutlich gezeigt.

Individueller Businessplan

Wie umfangreich ein Businessplan konkret aussehen und wie viel Zeit Gründer:innen dafür effektiv investieren sollten, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab und kann pauschal so nicht beantwortet werden.

Generell gilt: Je eher für den Start in die Selbstständigkeit externe Finanzmittel benötigt werden, umso wichtiger ist ein umfassender und aussagekräftiger Businessplan.

Relevante Fragen rund um Recht, Steuern und Versicherungen

Doch wie sieht es mit anderen relevanten Gründungsthemen aus? Gerade rechtliche, steuerliche und versicherungstechnische Fragen bereiten vielen Gründungsinteressierten schon lange vor dem eigentlichen Schritt in die Selbstständigkeit große Sorgen.

Doch die Angst, die mit diesen Themen häufig einhergeht, ist erfahrungsgemäß oftmals unbegründet. Denn es gibt für Interessierte praxisnahe Existenzgründungslehrgänge und Workshops, die über diese Themen informieren und wichtige Hilfestellungen bieten.


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Sobald sich Gründer:innen schließlich selbstständig machen, können dann in einem weiteren Schritt spezifische Detailfragen mit entsprechend qualifizierten Rechts-, Steuer- und Versicherungsexpert:innen besprochen werden.

Häufiges Problem: Detailverliebtheit statt klarer Fokus

Viele Gründer:innen sind der festen Überzeugung, dass schon direkt zu Beginn der Selbstständigkeit ein durchgestyltes Logo, eine eigene Website, Flyer oder hippe Visitenkarten ein absolutes Muss sind. Aber braucht es das wirklich schon zu diesem frühen Zeitpunkt?

So werden teilweise Wochen oder gar Monate damit verbracht, an dem optimalen Logo, der perfekten Online-Präsenz oder dem meisterhaften Werbe-Claim zu arbeiten, statt sich mit zentralen Kernaspekten der Gründung und den konkreten Bedürfnissen der potenziellen Wunschkund:innen auseinanderzusetzen – die für den erfolgreichen Start in die Selbstständigkeit aber so wichtig wären.


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Nicht selten werden für die Marketingaspekte schon kurz nach der ersten Geschäftsidee Unsummen an finanziellen und zeitlichen Ressourcen aufgewendet, ohne überhaupt eine:n erste:n Kund:in gewonnen oder gar einen Euro verdient zu haben.

Gerade hier lohnt es sich deshalb, Prioritäten zu setzen und das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Denn beim erfolgreichen Aufbau einer Selbstständigkeit haben ganz andere Themen zunächst eine weitaus höhere Relevanz.

Der nachfolgende Leitfaden kann Gründer:innen hierbei eine gute Orientierung geben und beleuchtet die zentralen Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Schritt 1: Klarheit über sich selbst gewinnen

Bevor es in die Selbstständigkeit geht, ist es wichtig, die eigene Motivation zu hinterfragen und die persönlichen Ziele und Intentionen, die damit verbunden sind, klar herauszuarbeiten. Gründungsinteressierte sollten sich daher folgende Fragen stellen:

  • Welche Werte sind mir besonders wichtig?
  • Für welche Themen „brenne“ ich wirklich?
  • Welche Ressourcen in Form von Zeit, Wissen und Geld stehen mir derzeit zur Verfügung? Welche zusätzlichen Qualifikationen brauche ich für das Gründungsvorhaben?   
  • Wie, wo, mit wem und auf welche Art und Weise möchte ich heute, aber auch in Zukunft überhaupt arbeiten und leben?

Diese Fragen gilt es zuallererst zu beantworten, denn sie entscheiden schlussendlich darüber, ob der Schritt in die Selbstständigkeit wirklich zielführend ist und welches Geschäftsmodell dafür überhaupt infrage kommt. Möchte man zukünftig zum Beispiel örtlich flexibel bleiben, wäre eine Selbstständigkeit mit einem festen Standort in vielen Fällen sicherlich nicht die beste Wahl.

Wenn der Wert „Sicherheit“ für einen selbst einen bedeutenden Stellenwert hat und allein der Gedanke an hohe Schulden einem schlaflose Nächte bereitet, dann sollte man beispielsweise auch tunlichst vermeiden, in allzu starke finanzielle Abhängigkeit zu externen Geldgeber:innen zu treten.

Besonders dieser intensiven Selbstreflexion wird bei vielen Gründungen leider kaum oder nur sehr wenig Beachtung geschenkt. Das Resultat ist, dass viele Selbstständige sich von Anfang an ein Unternehmen aufbauen, das zumindest langfristig nicht der eigenen Persönlichkeit und der Zukunftsplanung entspricht.

Stimmt in einem solchen Fall aber die Strategie, kann es sein, dass das Unternehmen dennoch wirtschaftlich gut läuft und rentabel ist. Doch die eigene Motivation und Lebenszufriedenheit leiden auf Dauer stark darunter, weil die entstehenden Rahmenbedingungen einfach nicht zu den eigenen Wertevorstellungen und dem bevorzugten Lebens- und Zukunftsmodell passen.

Schritt 2: Richtige Strategie und Zielgruppe wählen

Sind diese persönlichen Eckpfeiler geklärt, kann in einem nächsten Schritt das eigentliche Gründungsvorhaben und vor allem die Frage nach den zukünftigen Wunschkund:innen stärker in den Fokus gerückt werden. Die Entwicklung einer Erfolg versprechenden Geschäftsstrategie (Clemann, 2019; Friedrich, Malik, & Seiwert, 2018) und die Auswahl einer passenden Zielgruppe fallen einem danach meist auch deutlich leichter.

Bei Gründungen im Fitness- und Gesundheitsmarkt ist es in der Regel empfehlenswert, nicht die breite Masse als Zielgruppe auszuwählen, da die entsprechende Zielgruppe zu heterogen ist und die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen der Menschen viel zu unterschiedlich sind (Kreis, 2021).


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Viel sinnvoller ist es, sich von Beginn an auf eine bestimmte Zielgruppe zu fokussieren und für diese der:die beste Problemlöser:in am Markt zu werden. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass man die lukrativsten oder attraktivsten Märkte direkt für sich besetzen und potenzielle Kund:innen gezielt ansprechen kann.

Zudem ist eine solche Spezialisierungsstrategie bei Marktveränderungen häufig deutlich anpassungsfähiger und mit geringeren Investitionsvolumina und laufenden Kosten verbunden. Beim Blick in die Fitness- und Gesundheitsbranche wird dies bei den verschiedenen Mikrostudiokonzepten sehr gut deutlich.

Schritt 3: Zielgruppenverständnis entwickeln und Annahmen frühzeitig testen

Wenn die Auswahl der entsprechenden Zielgruppe(n) feststeht, gilt es, die geplanten Produkte und Dienstleistungen auf den Prüfstand zu stellen und deren Kund:innennutzen umfassend zu hinterfragen. Das oberste Ziel bei allem unternehmerischen Handeln sollte dabei immer sein, die Probleme, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen besser zu kennen als sie selbst (Merath, 2016).

Denn nur mit kund:innennahen Dienstleistungen und zeitgemäßen, attraktiven Produkten können Gründer:innen aus dem umkämpften Markt der Mitbewerber:innen hervorstechen und Kund:innen nachhaltig überzeugen, begeistern und so langfristig binden (Kobel & Schmidt, 2021).

Der Faktor Kund:innennähe spielt insbesondere für selbstständige Unternehmer:innen eine zentrale Rolle. Deshalb ist es wichtig, sämtliche Annahmen, die über die Probleme, Wünsche und Präferenzen der Zielgruppe aufgestellt wurden, frühzeitig zu überprüfen und mit aktuellen Studienergebnissen, Umfragen, Kund:inneninterviews usw. abzugleichen.

Das eigene Angebot wird folglich nicht „im stillen Kämmerlein“ konzipiert, sondern sollte schon möglichst frühzeitig mithilfe von direktem Feedback potenzieller Kund:innen getestet und im Rahmen der Umsetzung dann kontinuierlich weiter optimiert werden.

Durch die intensive Auseinandersetzung mit den jeweiligen Zielgruppen fällt es vielen Unternehmer:innen in der Folge dann deutlich leichter, die eigenen Leistungen zielführend zu vermarkten (Russ, 2022).

Schritt 4: Umsetzung eines markttauglichen und zukunftsfähigen Geschäftsmodells

Besteht die Gewissheit, dass die eigenen Dienstleistungen auf dem Markt von der jeweiligen Zielgruppe auch tatsächlich nachgefragt werden, muss nun für das eigene Angebot noch ein möglichst passgenaues Geschäftsmodell gefunden und umgesetzt werden.

Neben der Frage nach der Wirtschaftlichkeit spielen hierbei auch weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Ein solides Finanzmanagement (Bleiber, 2010) ist für den langfristigen Erfolg in der Selbstständigkeit ein absolutes Muss. Geringe Fixkosten und ausreichend Liquiditätsreserven sichern im Worst Case die Handlungs- und damit oft auch die Überlebensfähigkeit des Unternehmens.


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Ein innovatives Geschäftsmodell (Rolli, 2022) sollte im Idealfall deshalb immer auf mögliche Marktveränderungen schnell und flexibel reagieren und jederzeit entsprechend angepasst werden können.

Angesichts wachsender Kund:innenbedürfnisse spielen die Faktoren Individualität, Flexibilität und Qualität (Weber & Schmidt, 2021) auch bei Neugründungen heute mehr denn je eine entscheidende Rolle und sollten deshalb von Anfang an berücksichtigt werden.


Fazit

Die richtigen Dinge in der richtigen Reihenfolge anzupacken ist ein entscheidender Erfolgsfaktor auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Ein falscher Fokus und Fehler zu Beginn des Gründungsprozesses können sehr schnell viel Zeit, Geld und auch Motivation kosten.

Wer hier mithilfe des vorgestellten Praxisleitfadens vorgeht, schafft von Anfang an klare Strukturen, vermeidet potenzielle Fallstricke und stellt die Weichen für eine erfolgreiche Unternehmenszukunft.


Über den Autor

Thorsten Clemann ist Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) und Referent an der BSA-Akademie im Fachbereich Ökonomie/Management. Als Unternehmensberater und Business Coach unterstützt er Gründer:innen und Selbstständige dabei, wirtschaftlich erfolgreich zu werden und ihre persönlichen Ziele zu erreichen.


Auszug aus der Literaturliste

Bleiber, R. (2010). Erfolgreiche Existenzgründung: Planung, Gründung, Finanzierung (2. Auflage). Freiburg: Haufe-Lexware Verlag.
Clemann, T. (2020). Erfolgsstrategien zur Risikoreduktion – Der Umgang mit unternehmerischen Risiken. fitness MANAGEMENT international, 150 (4), 66–67.
Friedrich, K., Malik, F. & Seiwert, L. (2018). Das große 1x1 der Erfolgsstrategie: EKS – Die Strategie für die neue Wirtschaft (24., aktualisierte Aufl.). Offenbach: GABAL Verlag GmbH.
Merath, S. (2016). Die Kunst seine Kunden zu lieben. Neurostrategie für Unternehmer (5., erweitertete Aufl.). Offenbach: GABAL Verlag GmbH.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.

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