So populär der Begriff „Medical Fitness“ ist, er ist weder gesetzlich definiert noch innerhalb des deutschen Gesundheitswesens rechtlich geschützt. Grundsätzlich kann also jedes Studio bzw. jeder Anbieter diesen Begriff verwenden.
In der Regel versteht man unter Medical Fitness jedoch ein strukturiertes, evidenzbasiertes Trainings- und Betreuungskonzept an der Schnittstelle zwischen Therapie und Fitness. Ziel ist es, durch individuell angepasste Bewegungsprogramme unter fachlicher Anleitung die Gesundheit, Funktionalität und Lebensqualität der Trainierenden nachhaltig zu verbessern – und zwar präventiv und/oder rehabilitativ.
Häufig handelt es sich bei dem gesundheitsorientierten Training um eine Ergänzung oder Fortführung physiotherapeutischer Maßnahmen im angeschlossenen Trainingsbereich einer Praxis oder im Fitnessstudio.
Vom Zusatzangebot zum Versorgungskonzept
Während Medical Fitness früher eher mit Reha oder Nachsorge assoziiert wurde, hat sie sich zu einem integrativen Bestandteil der Gesundheitsversorgung entwickelt. Entscheidend ist dabei die Verschiebung vom gerätegestützten Training hin zu ganzheitlichen Konzepten.
Im Fokus stehen nicht mehr isolierte Maßnahmen, sondern individuelle Versorgungspfade – von der Akutphase über die Rehabilitation bis hin zur nachhaltigen Bindung an körperliche Aktivität und Training.
Interviews zum Thema
Die Interviews mit Prof. Dr. Jörg Loth und Annie Unkrig liest du, indem du auf das jeweilige nachstehende Bild klickst.
Krankenkassen übernehmen beispielsweise anteilig die Kosten für zertifizierte Präventionskurse nach Paragraf 20 SGB V sowie für ärztlich verordneten Rehabilitationssport und Funktionstraining nach Paragraf 64 SGB IX oder gewähren Zuschüsse für die regelmäßige Teilnahme an Patientenschulungen nach Paragraf 43 Abs. 1 SGB V oder Boni für die Mitgliedschaft im Fitnessstudio.
Neue Zielgruppen und veränderte Bedarfe
Neben klassischen (Sport-)Verletzungen rücken auch Rehapatienten mit chronischen Erkrankungen, metabolischen Risikofaktoren oder stressbedingten Beschwerden in den Fokus. Gleichzeitig wächst das Gesundheitsbewusstsein für präventive Maßnahmen in der breiten Bevölkerung.
Medical Fitness wird auch für jüngere Zielgruppen relevant, die frühzeitig in ihre Gesundheit investieren wollen. Angebote müssen entsprechend angepasst werden: weg von standardisierten Programmen, hin zu modularen, lebensphasenorientierten Konzepten.
Individualisierung durch Daten und Diagnostik
Studios und Gesundheitsanbieter, die sich im Medical-Fitness-Bereich positionieren, übernehmen zunehmend strukturierte Anamnesen, funktionelle Screenings sowie evidenzbasierte Trainingsplanung. Die Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten und weiteren Gesundheitsberufen wird dabei zum Erfolgsfaktor.
Ein wesentlicher Trend ist die zunehmende Nutzung von Diagnostik und datenbasierten Entscheidungen. Moderne Screening-Tools, Bewegungsanalysen und digitale Assessments ermöglichen eine präzisere Einschätzung des Gesundheitszustands und damit eine deutlich individuellere Trainingssteuerung.
Für Physiotherapeuten und qualifizierte Trainer bedeutet das: Sie werden zu Gesundheitsmanagern, die Training nicht nur anleiten, sondern gezielt steuern und evaluieren. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung der Kunden, nachvollziehbare Ergebnisse und messbare Fortschritte zu sehen.
Studienlage zeigt Relevanz
Die „Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft 2026“ untermauern, dass die Gesundheit einer der wesentlichen Treiber für die Anmeldung in Fitness- und Gesundheitsanlagen ist. „39,5 Prozent der Anlagen ordnen sich diesem Schwerpunkt zu.
Zugleich zeichnet sich ab, dass eine gesundheitsorientierte Ausrichtung zunehmend an fachliche und strukturelle Voraussetzungen geknüpft ist und damit differenzierter im Markt verankert wird.“ (Capelan, 2026)
Ebenso wichtig wie die Positionierung des Angebots ist es, dass Patientinnen und Patienten ebenso wie Mitglieder dauerhaft zum Training bewegt werden. Das deutsche Gesundheitssystem ist bisher sehr krankheitsorientiert.
Patienten werden meist kurzzeitig mit physiotherapeutischen Maßnahmen betreut, um sie zu behandeln. Ziel sollte es aber sein, sie dauerhaft zu einem gesundheitsbewussteren Leben und zu langfristigen Bewegungs- und Lebensstilinterventionen zu bewegen. Studien zeigen jedoch, wie schwierig das ist:
Die Non-Adhärenz bei physiotherapeutischen Rehabilitationsprogrammen liegt teilweise bei 70 Prozent (Essery et al., 2017). Auch wenn die Anmeldung in einem Fitnessstudio erfolgt ist, besteht die Gefahr, dass die durchschnittliche Trainingshäufigkeit von Neumitgliedern im Monat innerhalb des ersten Jahres der Mitgliedschaft rapide abnimmt (Rand et al., 2020).
Sport- und Bewegungstherapie adressiert neue Zielgruppen
Um hier Abhilfe zu schaffen, ist qualifiziertes Personal nötig. Eine interessante Entwicklung für Medical Fitness ist ein neuer Studiengang:
„Die Sport- und Bewegungstherapie hält weiter Einzug in die Fitness- und Gesundheitsbranche und bildet zunehmend eine Schnittstelle zwischen klassischem Fitnesstraining und den präventiven sowie therapeutischen Effekten regelmäßiger Bewegung und körperlichen Trainings.
Sport- und Bewegungstherapeuten sind in der Lage, abrechnungsfähige Bewegungsangebote in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention durchzuführen und besitzen die notwendigen Kompetenzen, um gesundheitsbezogenes Wissen zu vermitteln und die praktische Umsetzung gesundheitssportlicher Aktivitäten anzuleiten. Aktuell investieren etwas mehr als 20 Prozent der Anlagen in entsprechende Weiterbildungen ihrer Mitarbeitenden.“ (Capelan, 2026)
Schließlich sind Prävention und Rehabilitation attraktive Geschäftsfelder.
Qualität, Standards und Positionierung
„Medical Fitness neu gedacht“ heißt also, die eigene Rolle im Gesundheitsmarkt aktiv zu gestalten. Die Zukunft gehört integrierten Konzepten, die Prävention, Training und Therapie miteinander verbinden. Für Physiotherapeuten und Anbieter im Fitnessstudio liegt darin eine große Chance: als kompetente Partner im Gesundheitssystem sichtbar zu werden und nachhaltige Mehrwerte für ihre Zielgruppen zu schaffen.
Welches Potenzial die Fitness- und Gesundheitsbranche als Partner aus Sicht der Krankenkassen bietet, erläutert Prof. Dr. Jörg Loth, Vorstand der IKK Südwest. Annie Unkrig, Sport- und Gesundheitsmanagerin im Sport- & Reha-Zentrum Dr. Unkrig, zeigt, wie Medical Fitness in ihren Unternehmen gelebt wird.
Auszug aus der Literaturliste
Capelan, R. (2026). Kommentar DSSV. In DSSV e. V. – Arbeitgeberverband Deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (Hrsg.), Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft 2026 (S. 8–11). Hamburg: Hrsg.
Essery, R., Kirby, S., Geraghty, A. W. A. & Yardley, L. (2017). Older adults’ experiences of internet-based vestibular rehabilitation for dizziness: A longitudinal study. Psychology & Health, 32 (11), 1327–1347.
Rand, M., Goyder, E., Norman, P. & Womack, R. (2020). Why do new members stop attending health and fitness venues? The importance of developing frequent and stable attendance behaviour. Psychology of Sport and Exercise, 51, 101771.
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Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:
Sörensen, A. (2026). Medical Fitness neu gedacht. medical fitness and healthcare, 1/2026, 18–27.



