Andreas Pürzel: „Würdest du auch trainieren, wenn keiner zusieht?“

Andreas Pürzel beschreibt Bodybuilding als Schule für Disziplin, Identität und Gemeinschaft. Training schafft Fokus, Gesundheit und Ausgleich zur digitalen Welt und Vergleichskultur.
Lesezeit: 5 Minuten
Mann mit langen Haaren und verschränkten Armen vor schwarzem Hintergrund.
Die entscheidende Frage bleibt laut Andreas Pürzel dieselbe: Trainierst du für Anerkennung oder aus innerer Überzeugung?
Andreas Pürzel sieht Bodybuilding als Gegenpol zur digitalen Welt. Der Gründer von DASGYM. betont die Bedeutung von Disziplin, Fokus und Gemeinschaft. Gleichzeitig warnt er vor Vergleichsdruck durch Social Media und sieht Gesundheit als Grundlage für langfristigen Trainingserfolg.

fM: Bodybuilding hat in den letzten zehn Jahren enorm an Popularität gewonnen. Wie erklärst du dir diese Entwicklung?

Andreas Pürzel: Der Boom ist unübersehbar. Ein zentraler Punkt ist, dass Wissen heute überall leicht zugänglich ist.

Früher war es schwierig, an gute Trainingspläne oder fundierte Ernährungsinformationen zu kommen, heute reicht ein Klick. Aber das allein erklärt den Boom nicht. Entscheidend ist auch die Digitalisierung:

Einerseits macht sie Bodybuilding sichtbar und zugänglich, andererseits führt sie dazu, dass viele Menschen sich trotz ständiger Vernetzung einsam fühlen. Sie suchen nach Identität und Anerkennung. So wird der eigene Körper zu einem Mittel, um diese Identität zu formen.

Gleichzeitig sind Fitnessstudios heute überall verfügbar. Diese Mischung aus Zugänglichkeit, Sichtbarkeit und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit treibt die Entwicklung stark an.

Bodybuilding hat sich vom Nischenphänomen fast zum Mainstream entwickelt. Geht dabei etwas verloren?

Die Gefahr des Mainstreams ist, dass alles schnell gehen soll. Der Begriff „showing off“ passt hier sehr gut. Bodybuilding ist aber das Gegenteil davon, denn es braucht Zeit, Disziplin und Fokus. Heute wird oft ein falsches Bild vermittelt: schnelle Ergebnisse, perfekte Körper.

Die Kluft zwischen Sein und Schein wird größer. Genau hier liegt die Gefahr. Die eigentlichen Werte – Fokus und Disziplin – müssen aktiv bewahrt werden, weil sie einem schnellen Konsumdenken widersprechen. Bodybuilding erzeugt Serotonin. Es ist wie eine Wanderung auf einen Berg: Sie ist anstrengend und braucht Zeit, aber von oben kann man die Aussicht genießen.

Viele junge Menschen orientieren sich stark an Ästhetik. Fehlt ihnen das Verständnis für den Prozess hinter dem Bodybuilding?

Absolut. Über Social Media kann man sehr viel verzerren – durch Filter, Perspektiven oder Inszenierung. Das erzeugt einen enormen Druck. Andere sieht man immer von ihrer Schokoladenseite, sich selbst als „Normalo“ im Alltag.

Das führt zu einem ungesunden Perfektionismus. Wenn das „Soll“ zum „Muss“ wird, entsteht Stress. Dabei sollte der Fokus auf dem Prozess liegen, nicht auf einem idealisierten Endzustand.

Was fasziniert dich persönlich am Bodybuilding?

Training hat auf vielen Ebenen enorme Vorteile: Physiologisch verbessert es Gesundheit, Knochendichte, Haltung und Leistungsfähigkeit, sorgt außerdem für einen höheren Kalorienverbrauch.

Über den Interviewpartner

Andreas Pürzel

Der österreichische Kraftsportler steht für eine Trainingsphilosophie, die Körper, Denken und Handeln verbindet. Mit DASGYM. schuf er einen Ort für kompromisslose Trainingskultur, biomechanische Präzision und echte Leistungsentwicklung.

Als Unternehmer und Autor verbindet er Mechanik, Anatomie und geistige Haltung zu einem klaren Ansatz: Training ist für ihn kein Lifestyle, sondern ein Werkzeug, um Menschen körperlich und geistig belastbarer zu machen.

Foto: DASGYM.

Psychologisch ist es durch Myokine, die im Training ausgeschüttet werden, das beste Antidepressivum. Philosophisch gibt es Struktur: Training als Ritual schafft einen Ausgleich zur digitalen Welt. Beim Training bist du nur im Hier und Jetzt, kannst nicht abschweifen. Das macht es so wertvoll.

DASGYM. steht für eine klare Bodybuildingkultur. Warum ist dir ein spezialisierter Trainingsort so wichtig?

Menschen brauchen die richtige Stimmung, um Leistung abzurufen. Die entsteht über das Umfeld. Ein Gym muss alle Sinne ansprechen – und zwar visuell, akustisch und haptisch. Es soll eine eigene Welt sein, in die man eintaucht.

Wenn du den Raum betrittst, sollst du sofort in die richtige Mood kommen. DASGYM. hat durch die Auswahl der Geräte – viele davon custom-made –, Bilder, Statuen und richtige Musik eine eigene Identität und ist ein Ort, der mit seinen Mitgliedern wächst.

Was unterscheidet eine Bodybuildingcommunity von einer klassischen Fitnesscommunity?

Bodybuilding ist viel spezifischer. Es gibt Regeln: Planung, Genauigkeit und Härte. Fitness ist breit und vielfältig und das ist auch gut so. Aber Bodybuilding ist sehr zielgerichtet. Diese Klarheit schafft Identität.

Weitere Interviews und Hintergründe

In weiteren Interviews sprechen Tim Budesheim und Lars Springer über die nächste Generation des Bodybuildings.

Lies außerdem unseren Artikel „Lifestyle, Ästhetik, Gesundheit. Die nächste Generation Bodybuilding“ als Einstieg zum Interview.

Indem du auf das entsprechende Bild oberhalb dieses Textes klickst, gelangst du direkt zum jeweiligen Artikel.

Man erkennt Bodybuilder an vielen Dingen: wie sie trainieren, essen, sich bewegen und kleiden. Diese Kultur verbindet. Wenn Anfänger zu uns in DASGYM. kommen, bleiben sie nicht lange Anfänger. Sie werden sehr schnell aufgenommen, unterstützt und in den Bann gezogen. Im Endeffekt geht es darum, im Training so schnell wie möglich Fortschritte zu erzielen – und dabei unterstützt neben den Trainern auch unsere gute Community.

Du sprichst oft davon, dass Training ein Handwerk ist. Was meinst du damit?

Training ist eine Kunstform, die man erlernen muss. In der Trainingswissenschaft geht es um inter- und intramuskuläre Koordination. Du kannst das Ergebnis inszenieren, aber nicht die Leistung selbst. Wenn du 200 Kilo hebst, dann hebst du 200 Kilo – oder eben nicht. Es geht um Koordination, Technik und Erfahrung.

Das macht Training ehrlich. Im Bodybuilding gibt es nicht nur einen Weg zum Ziel, sondern unzählige Trainingspläne und Geräte, die man je nach Charakter und Persönlichkeit nutzen kann. Als Gymbetreiber ist es meine Aufgabe, eine Vielzahl von Werkzeugen und Trainingsmöglichkeiten anzubieten, damit unterschiedliche Personen ihr übergeordnetes Ziel über verschiedene Wege erreichen können.

Wie lässt sich leistungsorientiertes Training mit Gesundheit vereinbaren?

Es ist paradox. Viele Menschen haben Angst, „zu viel“ zu machen, obwohl sie eigentlich „zu wenig“ tun. Ideal ist, etwas zu finden, das man gern intensiv betreibt, ohne sich oder seinem Umfeld zu schaden. Was ist daran verwerflich, wenn ich 24/7 ans Training denke?

Es gibt nichts Besseres, als sich um seinen Körper zu kümmern. Bodybuilding kann und sollte gesund sein – sonst funktioniert es langfristig nicht. Ins Studio zu gehen, bedeutet Entschleunigung, denn während ich trainiere, kann ich nichts anderes machen. Das ist der erste wichtige Schritt in Richtung Gesundheit.

Apropos Gesundheit: Was zeichnet gute Coaches aus?

Sie müssen authentisch sein und selbst leben, was sie vermitteln. Gleichzeitig wird Technologie immer wichtiger, insbesondere KI. Die Zukunft liegt in zwei Extremen: persönliches High-End-Coaching und digitale Betreuung, die rund um die Uhr verfügbar ist.

Welche Empfehlungen hast du für Studiobetreiber, die das Setting stärker auf Bodybuilding und Kraftsport ausrichten wollen?

Das beste Studio entsteht, wenn der Betreiber es für sich selbst baut. Wer auf sich und seine eigenen Herausforderungen schaut, bleibt authentisch und zieht automatisch die richtigen Menschen an.

Wer versucht, es allen recht zu machen, wird austauschbar – und dann gewinnt am Ende der Preis. Wichtig sind eine klare Positionierung, das Image und die Seele des Gyms.

Wie sollte Bodybuilding in Zukunft gedacht werden?

Lifestyle, Ästhetik und Gesundheit gehören unmittelbar zusammen, aber Gesundheit ist die Basis. Gleichzeitig wird Training immer wichtig bleiben, gerade als Gegenpol zur digitalen Welt. Menschen suchen das Analoge, das Echte.

Die größte Gefahr ist der ständige Vergleich mit anderen. Wer nur einem Ideal hinterherläuft, wird nie zufrieden sein. Letztendlich ist die entscheidende Frage: Würdest du auch trainieren, wenn niemand zusieht?

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, geht es nicht um Anerkennung, sondern um dich selbst. Genau darin liegt die eigentliche Stärke des Bodybuildings.

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