Fitness, Gesundheit | Autor/in: Anke Sörensen |

Symbiose aus Therapie und Training

Das sportsmed-saar ist eine Praxis für Physiotherapie, Sportphysiotherapie und ambulante Rehabilitation am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Seit der Gründung 2008 ist es stetig gewachsen und hat sich permanent in Bezug auf Fortbildungen und Diagnosemöglichkeiten weiterentwickelt. Hier trainieren sowohl Kaderathlet:innen als auch Patient:innen. Neben der therapeutischen Behandlung wird ein klassischer Selbstzahler:innenbereich angeboten.

Interview mit Oliver Muelbredt und Dirk Mund über Training nach Therpaie

Eine Einführung ins Thema können Sie in unserem Artikel 'Therapie und Training' lesen.


Die Geschäftsführer Oliver Muelbredt, Trainingstherapeut und Athletiktrainer, und Dirk Mund, Physiotherapeut, schaffen im sportsmed-saar, eine optimale Verbindung aus Therapie und Training. Im Doppelinterview erläutern beide, welche Vorteile und Synergieeffekte sich aus diesem Konzept ergeben.

mfhc: Sie bieten Physiotherapie und medizinische Trainingstherapie an. Wollten Sie von Anfang an eine Symbiose aus Therapie und Training schaffen?

Oliver Muelbredt: Ja, unbedingt. Ein Patient soll und muss ganzheitlich gesehen werden, im Sinne einer Erweiterten Ambulanten Physiotherapie (EAP) ja sowieso. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ein komplettes Kompetenzteam aus Physiotherapeut:innen, Osteopath:innen, Manualtherapeut:innen und Diplom-Sportlehrer:innen fachübergreifend eine:n Patient:in betreut.

Was unterscheidet Ihren Ansatz von herkömmlichen Physiotherapiepraxen?

Oliver Muelbredt: Wir verfügen über einen großen Pool an apparativen Möglichkeiten: AlterG Laufbandanalyse, isokinetische Testmaschinen für untere und obere Extremitäten sowie Rumpftestungen, Elektromyografie (EMG), KangaTech, physikalische Therapie usw.

Vor Kurzem haben wir ein Gerät angeschafft, mit dem man sowohl einen kompletten Hüftstatus erheben als auch kleinste Muskelgruppen und Gelenke testen kann. Neben EMG-Messungen besteht auch die Möglichkeit eines EMG-Biofeedbacktrainings, das dem:der Patient:in bei der Ansteuerung eines einzelnen Muskels hilft und ihn:sie diesen wahrnehmen lässt oder defizitär eben auch nicht.

Ein Skillcourt, ein Gerät, das die Wahrnehmung äußerer Reize in Bewegungsmustern und somit Wahrnehmung und Reaktionsverhalten aufzeigt, sowie ein Antigravitationslaufband, auf dem man eine:n Patient:in mit bis zu 70 Prozent reduziertem Körpergewicht trainieren lassen kann, runden das Angebot ab.

Welche medizinischen, trainingswissenschaftlichen, psychologischen und betriebswirtschaftlichen Aspekte haben Sie dazu bewogen, das sportsmed-saar in diesem Bereich zu positionieren?

Dirk Mund: Aus medizinischer Sicht wollten wir ein Rundumpaket schnüren. Schon zu Beginn unserer beruflichen Laufbahn haben wir die Vorteile einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu schätzen gelernt. Ich habe vor unserer Gründung in der Schweiz und in Luxemburg gearbeitet und diese Symbiose vermisst, da es dieses Behandlungskonzept so dort nicht gab.

Aus psychologischer Sicht wissen es die Patient:innen zu schätzen, dass zwischen Therapie und Trainingstherapie ein enger Austausch stattfindet. Das schafft Vertrauen, welches unheimlich wichtig für den Therapieerfolg ist. Und man muss auch sagen, dass Krankengymnastik am Gerät (KG-Gerät) sehr gut vergütet wird und deshalb aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist.

Inwieweit profitieren die Physiotherapie mit den vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten und die Angebote zur medizinischen Trainingstherapie (MTT) voneinander?

Oliver Muelbredt: Wir sehen uns alle als Therapeut:innenteam, das im Sinne des:der Patient:in interagiert. Physiotherapie und MTT tauschen sich täglich auf dem kurzen Dienstweg aus. Einmal pro Woche werden Problemfälle im gesamten Team diskutiert, um eine maximale Betreuung und maximalen Output für den:die Patient:in zu gewährleisten.

Durch welche unternehmerischen Maßnahmen sichern Sie im Praxisalltag diese Synergieeffekte?

Oliver Muelbredt:Wir setzen ganz klar auf standardisierte Testmöglichkeiten und Screenings, um muskuläre Dysbalancen im Kraftbereich und Ansteuerungsprobleme im Bereich der Neurologie des:der Patient:in oder Athlet:in aufzuzeigen.

Hier haben wir in den letzten Jahren intensiv investiert. Des Weiteren haben wir in Zusammenarbeit mit externen Expert:innen eine Testbatterie für unsere Bedürfnisse entwickelt und orientieren uns hier an den Zielbereichen „Return to activity, sport, competition“.

Dirk Mund:Durch die Investition in Messsysteme können wir sagen „Stop guessing, start assessing“. Wir wollen valide Aussagen über Beschwerdeursachen treffen. Dazu braucht es reliable Testmöglichkeiten. Das wissen die Patient:innen zu schätzen.

Durch diese Möglichkeiten können wir u. a. vergleichbare Wiederholungstests ausführen und auch unsere Therapie überprüfen. Bei uns gibt es keine „Pi mal Daumen“-Therapie.

Welche Bedeutung haben die Mitarbeiter:innen und deren Qualifikationen für die erfolgreiche Verzahnung von Therapie und Training?

Oliver Muelbredt:Jede:r Therapeut:in ist extrem wichtig und trägt mit seinem:ihrem Engagement, der Qualifikation und Erfahrung dazu bei, dass die Patient:innen optimal versorgt werden und schnellstmöglich therapiert werden können. Damit prägt jede:r Einzelne den Ruf von sportsmed-saar immens und nachhaltig mit. Das Team ist sportsmed-saar, nicht nur Dirk und ich.

Dirk Mund:Wir sind mit unserem Therapeut:innenteam breit aufgestellt, sodass jede:r Patient:in seinen:ihren Therapeut:in finden kann. Die Mitarbeiter:innen in allen Bereichen sind das Herz der Praxis.

Wie entscheidend ist aus Ihrer Sicht das weiterführende Training nach Abschluss einer therapeutischen Leistung?

Oliver Muelbredt:In Zeiten von ärztlicher Budgetierung der Rezepte reichen die Verordnungsmöglichkeiten oftmals nicht aus, um eine Therapiemaßnahme vollständig zu Ende zu führen. Deshalb zeigt die Therapie oft nur einen Weg zum Erfolg auf, der nach Ende der Therapiemaßnahme weitergeführt und zu Ende gebracht werden muss.

Das war der Grund, warum wir einen Selbstzahler:innenbereich eingerichtet haben, um den Patient:innen die Möglichkeit zu geben, weiter von uns betreut zu werden.


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Dirk Mund:In allen Leitlinien für muskuloskelettale Beschwerden wird Bewegungstherapie empfohlen. Durch die Erstbehandlung mit Rezept haben die Patient:innen schon ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und werden dann gern weiter von uns betreut.

Wie wichtig ist dabei die Bindung zwischen den Patient:innen und Trainer:innen auch aus psychologischer Sicht?

Oliver Muelbredt:Immens wichtig. Das Vertrauensverhältnis und der Vertrauensvorschuss sind sehr hoch und das psychologische Verhältnis zwischen Patient:innen und Therapeut:innen ist entscheidend für den Rehabilitationsbereich.

Dirk Mund:Man sagt, dass der Therapieerfolg zu 50 bis 70 Prozent von der Bindung zwischen Patient:innen und Therapeut:innen abhängt. Fühlt sich ein Patient nicht ernst genommen oder mit seinen Problemen allein gelassen bzw. hat das Gefühl, dass hier nur Standardtherapie angeboten wird, dann wird es mit dem Therapieerfolg nichts.

Welche Rolle spielt das Athletiktraining am Olympiastützpunkt (OSP) Rheinland-Pfalz/Saarland für Ihr Unternehmen und Angebot?

Oliver Muelbredt: Die Arbeit mit den Athlet:innen des OSP schafft auch hier wieder Raum für Vertrauen, sodass viele meiner Athlet:innen im Verletzungsfall ihre Rehamaßnahme auch in meinen bzw. unseren Händen lassen und sich durch bekannte Gesichter gut betreut fühlen. Während des Rehaprozesses können hier schon Schwerpunkte hinsichtlich der Sportartspezifik gesetzt werden.

Wir sehen die Athlet:innen ganzheitlich und haben so die Möglichkeit, an Baustellen zu arbeiten, die nicht im verletzten Bereich liegen und für die im Alltag wenig Zeit bleibt. Somit ist die Reha auch immer eine Chance, die Athlet:innen im gesamten Anforderungsbereich ihrer Sportart besser und stabiler zu machen.

Der Vorteil hier ist natürlich auch, dass ich nach Abschluss der Reha unabhängig von Verordnungen weiter an den Problemen des:der Athlet:in im Athletiktraining arbeiten und ihn:sie so ganz gezielt in die Sportart zurückführen kann.

Was hat sich seit der Gründung des sportsmed-saar verändert?

Oliver Muelbredt:Unsere Eröffnung war am 15. September 2008. Seitdem sind wir stetig gewachsen, nicht nur personell, sondern auch inhaltlich, was Fortbildungen und apparative Möglichkeiten betrifft.

Dirk Mund: Der Gerätepark in unserem Kraftraum wurde 2014 komplett ausgetauscht, im Rahmen der räumlichen Erweiterung von 225 auf 450 Quadratmeter. Insgesamt ist die Praxis von 450 auf über 700 Quadratmeter gewachsen, denn neben den Behandlungsräumen und Trainingsmöglichkeiten haben wir die Praxis um ein Biomechaniklabor erweitert.

Dort können wir die Patient:innen noch besser screenen und die Therapie noch individueller gestalten.

Bekommen Sie in Ihrem Unternehmen den zunehmenden Fachkräftemangel im Ersten und Zweiten Gesundheitsmarkt zu spüren?

Oliver Muelbredt: Ja, das ist ein großes Problem und stellt die gesamte Branche vor eine schwierige Aufgabe.

Dirk Mund: In der Vergangenheit mussten Physiotherapeut:innen ihre Ausbildung selbst bezahlen. Aufgrund der schlechten Verdienstaussichten wurde daraus ein echter Fachkräftemangel. Das bekommen viele Praxen jetzt zu spüren.

Inwieweit waren Sie von der Corona-Pandemie betroffen und wie konnten Sie auf die Herausforderungen reagieren?

Oliver Muelbredt:Als Unternehmen des Ersten Gesundheitsmarktes durften wir auch in Corona-Zeiten geöffnet bleiben. Das Problem war, dass die Patient:innen aus Verunsicherung und Angst zu Beginn des ersten Lockdowns ausgeblieben sind. Dieser Zeitraum von circa sechs bis acht Wochen war mehr als beängstigend.

Hat sich durch die Pandemie die Nachfrage nach bestimmten Leistungen verändert?

Oliver Muelbredt: Ich habe das Gefühl, dass den Menschen in der Pandemie bewusst geworden ist, wie wichtig die eigene Gesundheit ist und dass es nicht selbstverständlich ist, sich uneingeschränkt sportlich betätigen zu können

Haben Sie in den vergangenen Jahren bedingt durch die Pandemie verstärkt auf die Digitalisierung gesetzt? Von welchen Aspekten profitieren Sie in welchen Bereichen, wo sind die Grenzen?

Oliver Muelbredt: Im Athletiktraining mit den Profis haben wir auf Online-Training gesetzt. Ich war anfangs extrem skeptisch, ob das funktionieren kann. Letztendlich hat es aber außergewöhnlich gut funktioniert und die Athlet:innen waren sehr froh, unter Anleitung weiter an ihrer Performance arbeiten zu können.

Diese Entwicklung freut mich sehr, da sie mir heute die Möglichkeiten gibt, meine Athlet:innen zu betreuen und Einfluss zu nehmen – egal, wo sie in der Welt gerade sind, ob im Wettkampf oder im Trainingslager. Diese Möglichkeit schweißt das Trainer:innen- und Athlet:innenteam nochmal mehr zusammen.


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Dirk Mund: In der Therapie wurden Online-Behandlungen bundesweit angeboten. Ich sehe das eher als Konzept für die Zukunft. Momentan finde ich es noch schwierig, Therapie in dieser Form anzubieten, denn dazu gehören ja auch ein paar Grundvoraussetzungen.

Es ist schwierig, mit den Patient:innen nur Übungen durchzugehen. Anders als bei Sportler:innen ist oft das Körpergefühl nicht so gut ausgeprägt und der:die Therapeut:in kennt die Patient:innen weniger gut als ein:e Trainer:in ihre Athlet:innen. Es gibt aber technische Entwicklungen, mit denen man auch online z. B. taktile Reize geben kann, um die Patient:innen zu stimulieren. Das wird mit Sicherheit spannend.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren für die Physiotherapie und das medizinische Training?

Oliver Muelbredt: Aus meiner Sicht wird die Tendenz immer mehr zu klar strukturierten Unternehmen gehen, die nachhaltige Konzepte mit standardisierten Test- und Protokollierungsmöglichkeiten aufweisen können.

Dirk Mund: Digitalisierung ist natürlich ein großes Thema. Im Gesundheitswesen wird die Telematik eingeführt. Während der Pandemie wurden auch in der Physiotherapie Online-Behandlungen durchgeführt. Die Spitze des Fachkräftemangels ist noch nicht erreicht. Von daher müssen wir als Praxisbetreiber für Angestellte attraktiv bleiben.

Wie können Betreiber:innen ihr Unternehmen innovativ und zukunftssicher aufstellen?

Oliver Muelbredt: Wir versuchen, uns breit aufzustellen, Kooperationen mit Ärzt:innen und Betrieben aus dem Gesundheitsbereich weiter auszubauen und uns fachlich sowie hinsichtlich der apparativen Ausstattung auf dem neuesten Stand zu halten. Auch die Zusammenarbeit mit Krankenkassen, Gesundheitsexpert:innen und weiteren Gesundheitsdienstleister:innen gehört hierzu.

Dirk Mund:Man muss die Augen und Ohren für innovative Entwicklungen offenhalten. Ein „Wir machen das schon immer so“ oder die Angst vor Investitionen wird ein Unternehmen nicht weiterbringen.

Über die Interviewpartner

Oliver Muelbredt ist Diplom-Sportlehrer mit dem Schwerpunkt Rehabilitation und Athletiktrainer am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saarland. Er bereitet Athlet:innen diverser Disziplinen auf Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele vor und betreut Spitzensportler:innen, u. a. Rennfahrer Timo Bernhard.

Gleichzeitig ist er Geschäftsführer des Rehazentrums sportsmed-saar, das ebenfalls seinen Sitz am Olympiastützpunkt hat.

Dirk Mund ist Physiotherapeut, Sportphysiotherapeut, Heilpraktiker und Osteopath mit vielfältigen Zusatzausbildungen. Nach Tätigkeiten in der Schweiz und in Luxemburg ist er heute Geschäftsführer des sportsmed-saar, außerdem Lehrbeauftragter an der Universität des Saarlandes und der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG).

2008 war er Physiotherapeut bei den Olympischen Spielen und ist Lizenzinhaber von „DOSB-Sportphysiotherapie“ und ausgebildeter Golf-Physio-Trainer.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der mfhc 01/2022 & für Abonnenten EXKLUSIV vorab.

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