Fitness, Gesundheit | Autor: Jürgen Wolff |

'Medical-Fitness-Anbieter werden in Zukunft eine zentrale Rolle spielen!'

Die Corona-Krise wird die Branche nachhaltig verändern und stellt den Zweiten Gesundheitsmarkt vor neue Herausforderungen. medical fitness and healthcare hat Gesundheitsdienstleister gefragt, zu welchen Schwierigkeiten die Schließungen geführt haben, welche Lösungen geplant sind und welche Chancen sich jetzt bieten.

'Medical-Fitness-Anbieter werden in Zukunft eine zentrale Rolle spielen!'

Eine Einleitung in das Titelthema der mfhc Ausgabe 01/2021 'Gesundheitsdienstleister unter Pandemiebedingungen' können Sie im Artikel 'Medical Fitness vs. Corona' lesen. Eine Leseprobe haben wir hier für Sie verlinkt.


medical fitness and healthcare hat mehrere Gesundheitsdienstleister nach ihren persönlichen Erfahrungen während der Lockdown-Phasen befragt. Darunter auch Wolf Harwath, Geschäftsführer milon Holding, Marc Wisner, Sales Director Health Markt milon und Thilo Stumpf, Gesicht des Netzwerkes Physio Aktiv.

mfhc: Inwieweit haben sich die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einerseits auf den Betrieb der Trainingsbereiche des Netzwerkes und andererseits auf den Betrieb der Praxen ausgewirkt?

Marc Wisner:Im Laufe der vergangenen Monate haben wir im täglichen Austausch mit unseren Partnern und im Rahmen einer groß angelegten Online-Befragung folgende Ersteindrücke gesammelt:

  1. Im Gegensatz zur Fitnessbranche sehen wir in Physiotherapiepraxen mit Trainingsbereich eine signifikant geringere Kündigungsquote von Mitgliedern. In Zahlen ausgedrückt sind das 15,9 Prozent im Vergleich zu den geschätzten 20 bis 30 Prozent Mitgliederverlusten in den Fitnessstudios. Wir gehen davon aus, dass vor allem durch die bessere Aufklärung in den Physio-Einrichtungen, die engmaschige Betreuung der Mitglieder und die höhere soziale Bindung eine höhere Loyalität der Mitglieder entstanden ist.
  2. Wir stellen darüber hinaus ein neu gewonnenes Bewusstsein für den Ersten Gesundheitsmarkt und einen sehr großen Beratungsbedarf bei unseren Partnern hinsichtlich der MED-zugelassenen milon- und five-Geräteserien fest.

Wie haben die Netzwerkpartner als Unternehmer auf diese Situation reagiert?

Thilo Stumpf: Durch ein gesteigertes Informationsbedürfnis zu Themen wie Wirtschaftlichkeit, Steuer- und Personalrecht sowie zu prozessrelevanten Fragen rund um die Trainingsorganisation. Für uns als Dachorganisation bestand die Herausforderung darin, tagesaktuell Informationen aus 16 Bundesländern aufzubereiten und sie allen Partnern in unserem dafür ins Leben gerufenen Physio-Aktiv-Forum sowie in speziellen Newslettern und Webinaren zur Verfügung zu stellen.

Unsere Partner beschäftigt seit Beginn der Pandemie die zentrale Fragestellung für jeden Physiounternehmer mit Trainingsbereich: Wie lange ziehe ich trotz Schließung Mitgliedsbeiträge ein und kompensiere die Aufwände, die für das Mitglied entstanden sind? Ein Zwischenergebnis der Online-Umfrage von Physio Aktiv hat ergeben, dass ca. 50 Prozent der Partner die Beiträge weiter eingezogen haben. Gerade jetzt kommt unser Netzwerk-Support ins Spiel, wenn es darum geht, alle Fragen rund um die Kompensation oder Verbuchung von Beiträgen zu klären, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden.

Abseits dieser Fakten registrieren wir bei unseren Partnern ein ausgeprägtes Bewusstsein für ein gesundheitsorientiertes Training und die negativen Folgen von Bewegungsarmut.


 


In welchem Maß haben digitale Tools in den Partnerbetrieben durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen?

Wolf Harwath:Aufgrund der Hygienebestimmungen waren unsere Partner gezwungen, sehr kurzfristig digitale Tools in Form von Patienten- und/oder Mitgliederverwaltungssystemen für die Trainingstaktung zu implementieren. Hier hat sich „die Spreu vom Weizen“ getrennt, weil die Praxen durch jahrelange Aufbauarbeit ihren digitalen Dialog den gegebenen Verhältnissen schnell und effizient anpassen konnten.

Unsere Transpondertechnologie erlaubt seit jeher kontaktfreies Training und auch Onboarding durch den milonizer. Das speziell für die Bedürfnisse in der Corona-Pandemie entwickelte Therapiemodul Isokinetik für das isokinetische Training ermöglicht es, individuell auf den Trainierenden angepasste Belastungen automatisch anzuwenden. Körperbereiche, die Schmerzen hervorrufen, können auf diese Weise mit weniger Widerstand belastet werden, während gesunde Körperpartien nicht geschont, sondern richtig trainiert werden. „Schmerzkunden“ können dadurch früh abgeholt und wieder sicher in ein regelmäßiges Training begleitet werden.

Für die seit Mai letzten Jahres laufende CoNFINE Studie haben die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, milon und Physio Aktiv zusammengearbeitet. Was wurde in der Studie untersucht und liegen schon Ergebnisse vor?

Thilo Stumpf: Die Studie wurde seinerzeit im ersten Lockdown initiiert, um nach der Wiederaufnahme des Trainings über einen Zeitraum von sechs Monaten die negativen Auswirkungen von Bewegungslosigkeit in 405 deutschlandweit verteilten Physiotherapiepraxen zu untersuchen. Die Übermittlung der Daten aus der milon Cloud zu wissenschaftlichen Zwecken und die Auswertung durch das Institut verlaufen perfekt. Dass dies unter Berücksichtigung höchster DSGVO-Standards erfolgt, sei am Rande erwähnt.

Die Abteilung Geriatrie des Departments für Versorgungsforschung der Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Oldenburg wollte den negativen Effekten der coronabedingten Zwangspause wissenschaftlich auf den Grund gehen. Dazu untersuchen die Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Dr. med. Tania Zieschang und Dr. Jessica Koschate zwei Gruppen: Menschen im Alter ab 60 Jahren und eine Vergleichsgruppe mit Personen von 45 bis 59 Jahre.

Von großer Bedeutung für die Studie ist die Dokumentationsfähigkeit der internetbasierten Daten. Die Wissenschaftler können rückwirkend auf objektive Messungen vor der coronabedingten Trainingspause zurückgreifen und diese mit den Werten nach Wiederbeginn des Trainings vergleichen. Der Umfang und die Tiefe der Trainingsdaten von milon versetzt sie in die Lage, in bisher nicht gekannter Präzision die Fallzahlen von Menschen über und unter 60 Jahren auszuwerten.

Basierend auf den Erkenntnissen aus der nationalen Untersuchung plant die Abteilung Geriatrie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg nun, die Studie um einen internationalen Vergleich zu erweitern, da der Lockdown in einzelnen Ländern des europäischen Auslands sehr unterschiedlich gehandhabt wurde.

Wir erwarten von den Ergebnissen ab 2022 weitreichende Erkenntnisse für die Öffentlichkeitsarbeit, von der die gesamte Fitness- und Gesundheitsbranche profitiert.


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Mit welchen wesentlichen pandemiebedingten Veränderungen werden sich Medical-Fitness-Anbieter sowie auch Physiotherapeuten in Zukunft dauerhaft auseinandersetzen müssen?

Marc Wisner: Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade die Schnittstellenkompetenz der Physiotherapiepraxen ein wesentlicher Baustein zur Erschließung breiterer Bevölkerungsschichten als Zielgruppen für ein gesundheitsorientiertes Training sein wird.

Zivilisationskrankheiten wie beispielsweise Arthrose, Rückenschmerzen, Adipositas, Diabetes und psychische Leiden werden auch in Zukunft dramatisch zunehmen. Hier kommen die Medical-Fitness-Anbieter ins Spiel, die in Zukunft eine noch zentralere Rolle spielen werden. Gefragt sind maßgeschneiderte Trainingskonzepte mit neuen, zum Teil vollautomatisierten Programmen für die Behandlung individueller Problemfelder.

Für Fitness- und Therapieanbieter eröffnet sich in der aktuellen Situation also die einmalige Chance, ihren Kunden das Beste aus beiden Welten bieten zu können.

Haben Sie für den Restart des Trainingsbetriebes oder auch für den Betrieb der Praxis unter Pandemiebedingungen neue Konzepte entwickelt oder das Angebot erweitert, um neue Zielgruppen anzusprechen? Welche Maßnahmen haben dabei für Sie und die Netzwerkpartner Priorität?

Wolf Harwath: Die vielen Monate ohne Training haben Spuren in unserem Körper hinterlassen. Der Bedarf an Therapie und Fitness hat sich geändert. Wir müssen neue Wege gehen! Eine elementare Rolle spielt dabei die Kombination aus faszialer Stimulation sowie Kraft- und Beweglichkeitstraining, die wir bei der Entwicklung aktueller Trainingsmodule bereits berücksichtigen. Auf der Basis des heutigen Wissensstands entwickeln unsere Experten derzeit neue Schulungsformate, Trainingsabläufe, Vorträge, Leitfäden und auch Trainings- und Therapiemodule, die auf sportwissenschaftlichen und therapeutischen Grundlagen sowie jahrelangen Erfahrungswerten basieren.

Dieses Wissen zu unseren neuen Themenwelten teilen wir natürlich mit unseren Partnern – auf diesem Verständnis fußt unsere jahrzehntelange Netzwerkarbeit!

Den Einstieg sowie die anderen beiden Interviews können Sie hier auf fitnessmanagement.de/artikel lesen.

  1. Einstieg: Medical Fitness vs. Corona
  2. Interview mit Prof. Dr. med. Oliver Tobolski: 'Bewegung leben'
  3. Interview mit Rüdiger Loy: 'Persönliche Betreuung'

Über die Autoren

Wolf Harwath gehört zu den führenden Trainingsexperten der deutschsprachigen Fitness- und Gesundheitsbranche. Der gelernte Physiotherapeut und Unternehmer hat seit seinem Antritt als Geschäftsführer der milon Holding zum 1. Januar 2020 maßgeblich zur Reorganisation des deutschlandweit größten Netzwerkes für Physiotherapiepraxen mit Selbstzahlerbereich beigetragen.

Marc Wisner

Marc Wisner hat in über zehn Jahren mehr als 750 Physiotherapiepraxen auf ihrem Weg in den zweiten Gesundheitsmarkt begleitet. Dank dieser Erfahrung als anerkannter Strategieberater ist er für den jüngst verabschiedeten Expansionskurs des Physio Aktiv Netzwerkes verantwortlich.

Thilo Stumpf

Thilo Stumpf ist mit über zehn Jahren Erfahrung im Marketing bei milon das Gesicht des Netzwerkes Physio Aktiv und Impulsgeber auf regionalen Netzwerktreffen wie dem großen Kongress in Göttingen. Gemeinsam mit Professor Dr. Klaus Baum setzte er die große Physio Aktiv Rücken- und Arthrose-Studie erfolgreich um.

 


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