Fitness | Autor: Jürgen Wolff |

Marc Rohde: „Werte und Identifikation spielen eine entscheidende Rolle“

Wir betrachten das Phänomen Boutique Fitness: Dazu haben wir insgesamt 3 Experten-Interviews geführt. Unser Gespräch über die aktuellste Erfolgsgeschichte des amerikanischen Fitnessmarkts mit dem internationalen Fitnesscoach, Consultant und Boutique-Business-Entwickler Marc Rohde lesen Sie hier.

Marc Rohde verfügt über 27 Jahre Erfahrung in der Fitnessbranche. Sein Know-how über die Boutique-Gyms hat er im Laufe seiner internationalen Tätigkeit als Ausbilder der Life Fitness Academy gesammelt. In dieser Funktion und als Coach hat er in den letzten 14 Jahren mehr als 10.000 Trainer ausgebildet. Der Auf- und Ausbau auch im Bereich Programming und das Entwickeln zielgruppenspezifischer Programme von Big-Box-Fitness bis zu Personal-Training-Studios haben sein Portfolio erweitert. Durch Reisen zu Kongressen in aller Herren Länder und den Austausch mit anderen Top-Consultants hat er einen exzellenten Überblick über die internationale Fitnessbranche.

fM: Wo liegt für Sie das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen Boutique-Studios und klassischen Fitnessstudios?
Marc Rohde:
Überall. Boutique-Studios gehen unkonventionelle Wege, weil die Menschen, die sie eröffnen, anders denken. Häufig ist hier weniger mehr, was den Look angeht, dafür ist aber viel mehr Know-how in Sachen Ausbildung und Spezialisierung gefragt. Das gilt übrigens auch für die Budgets, die bedarfsorientierten Öffnungszeiten oder das Programmangebot, das oft auf eine sehr spitze Zielgruppe zugeschnitten ist und die breite Masse gar nicht bedienen will.

Größe, Preise, Schnelligkeit und Präzision in der Aus- und Durchführung sind bemerkenswert in den Boutique-Studios. Ebenso deren Mitglieder: Sie sind häufig Early-Adopters und wollen Neues entdecken, erleben und unkonventionelle Wege abseits des Mainstreams gehen.

Es gab in den letzten 20 Jahren so etwas wie eine akzeptierte Mittelmäßigkeit im Kursbereich. Nur wenige Konzepte haben es geschafft, die Qualität durch gute Trainerausbildungen und regelmäßige Coachings in diesem Bereich zu steigern. In den meisten Fällen wollte niemand das Geld für qualifizierte Trainer investieren. Hier wird es Zeit, anders zu denken.

Boutique-Studios machen es anders und sorgen für absolut loyale Trainer und Mitarbeiter sowie absolut abgegrenzte Inhalte und Klassen. Die Trainer bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, die über den Sport hinaus Werte teilt, als Gruppe auftritt und ihre Werte auch nach außen trägt.

Die Trainer haben Auditions. Wer dort arbeiten möchte, muss einen Auswahlprozess durchlaufen, auch – und gerade – die externen Trainer. Monatliche Assessments, Upskill-Trainings alle drei Monate, regelmäßige Besuche des Head of Training und Mails an die Kunden, wie zufrieden sie mit den Klassen sind: Es wird nichts dem Zufall überlassen.

Darüber hinaus hat jede Klasse einen Ablaufplan mit Modulen und Markern, die jede Stunde qualitativ überprüfbar machen. Jede Klasse ist für drei, sechs, neun und zwölf Monate im Voraus geplant und das Ziel steht präzise fest. Alles wird dem Ziel Trainingserfolg und Kundenzufriedenheit untergeordnet. Diese Haltung ist im Boutique-Bereich nicht wegzudenken und einer der Grundpfeiler.

Heute weiß jeder, dass gerade im Kursbereich die größte Kundenbindung entwickelt wird. Mit über 80 Prozent Frauenanteil ist es verwunderlich, dass sich viele Studiobetreiber immer noch davor verschließen, die Angebote auch auf eher 'männliche' Interessen auszulegen, z. B. ohne Choreos und mit bekannten Trainings-
gegenständen (Boxsack, Sprungseil, MMA, Langhantelathletik etc.).

fM: Der Markt für Mikro- oder Boutique-Studios ist enorm vielfältig. Welche Faktoren sehen Sie als Hauptgrund für den anhaltenden Erfolg so vieler unterschiedlicher Konzepte?
Marc Rohde:
Die individuelle und authentische Präsentation mit dem Fokus auf absolute Spezialisierung. Mit Herz und Seele gefüllt, erfolgsorientiert und verantwortungsbewusst. Werte und Identifikation spielen beim Aufbau des Brands eine entscheidende Rolle.

fM: Wie würden Sie Ihr Studio und das zugehörige Konzept in aller Kürze beschreiben?
Marc Rohde:
1:1-Personal-Cross-Fitnesstraining. Das Track Gym in Altona ist mit 25 Quadratmetern die kleinste Box Deutschlands. Ein vollständig eingerichtetes Gym, allerdings nur für eine Person: Rack, Rudermaschine, Ropes, Kettlebells, 280 Kilo-Plates, Ringe, Turf etc. – alles ausgerichtet auf Bewegungen – in Körper und Geist.

Nach einer intensiven Bewegungsanalyse und Anamnese verbinde ich das körperliche Training mit einem mentalen Coaching. Motivatoren, Glaubenssätze, Visionscoaching und Zielsetzung gehen bei mir weit über die Körperfettreduzierung hinaus und sind zentraler Bestandteil des gesamten Prozesses und der Leistung für meine Kunden.

Beim Körpercoaching nutze ich korrigierende Bewegungsmuster, um die Qualität zu steigern, und funktionelle Kräftigung. Mit der letzten Stufe wird der Schritt in athletische Muster vollzogen. Die Basis bilden immer Bewegungen und das Erlangen von Fähigkeiten.

Mental Coaching: Die größten Motivatoren liegen mehrere Ebenen unter der ersten Aussage, wie Kunden sie manchmal treffen: Ich möchte gerne 5 Kilogramm abnehmen. Tief verwurzelt im 'Ich' finden wir immer wieder Kraftquellen, die es ermöglichen, bisher Unerreichtes zu realisieren. Warum? Weil es einen Grund gibt. Weil es in der Persönlichkeit verwurzelt ist und als wichtiger wahrgenommen wird als das oberflächliche Ziel. Im Coaching spricht man von der 'Aufladung eines Ziels'. Je größer diese ist, desto eher lässt sich ein Pull-Effekt erzeugen: 'weg von' und 'hin zu'.

Dieses mentale Coaching wird von der Körperarbeit und den dadurch entstandenen Glückshormonen untermalt und gestützt. Das ist meine Arbeit.

fM: Woher kam der Impuls für Sie, es mit einem Mikro- oder Boutique-Konzept zu versuchen?
Marc Rohde:
Seit 1992 bin ich Trainer. Nach vielen Jahren des Reisens und der Arbeit in den Top-Studios Deutschlands habe ich seit 2004 mit meiner Firma 'elbsprint' in Hamburg Outdoortrainings etabliert. In der Rolle als Consultant und Ausbilder war es die logische Folge, dass ich einen Raum für die Überprüfung der Techniken und Anwendungen benötige. Alles andere wäre nicht authentisch und würde meinem eigenen Anspruch nicht gerecht. Fünf bis zehn ständige PT-Kunden bilden die Basis mit zusätzlichen Small Group-Trainingskursen.

fM: Welche Tipps haben Sie für Trainer oder Studiobetreiber, die mit dem Gedanken spielen, ein eigenes Boutique- Studio zu eröffnen?
Marc Rohde:
Aus Sicht eines Entwicklers würde ich sagen: Zur progressiven Entwicklung eines Boutique-Konzeptes sollte an drei Säulen gearbeitet werden: Brand Building, Expert Building und Marketing.

Zuerst braucht man eine klare Message! Nur eine klare Botschaft hilft dabei, dich abzugrenzen, zu polarisieren und dein Konzept zu platzieren – selbst wenn es vergleichbare, ähnliche Ideen am Markt schon geben sollte.

Erzeuge einen 'Tribe'! Werte und Glaubenssätze, die Verbündete schaffen und eine Community sowie ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen, sind der offensichtliche Schlüssel zum Erfolg (siehe 1Rebel, Blok etc.).

Kampf dem Durchschnitt! Absolute Spezialisten und Rockstar-Trainer sollten dein Konzept unterstützen. Mittelmäßigkeit oder die Zufriedenheit mit mittelmäßigem Niveau müssen der Vergangenheit angehören, wenn du zwischen 15 und 35 Euro pro Teilnehmer und Stunde berechnen möchtest.

Social Media ist vielen ein Dorn im Auge, aber als Marketingmaßnahme für deine Zielgruppen essenziell wichtig. Hier werden deine Marke, die Top-Trainer und deine Überzeugung visualisiert und noch wichtiger – emotionalisiert. Die Zeit, Instagram als jugendliche Spielerei abzutun, ist vorbei.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 05/2019

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