fM: Bodybuilding erlebt seit einigen Jahren einen Boom. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr und woran liegt das?
Lars Springer: Der Boom hat mehrere Ursachen. Zum einen verändert sich unsere Gesellschaft: Viele Menschen sind wieder auf der Suche nach Struktur und nach etwas, das ihnen Halt gibt.
Früher war das oft der klassische Vereinssport, der hat heute nicht mehr denselben Stellenwert. Bodybuilding hingegen bietet genau das, was sie suchen: klare Regeln, Disziplin, einen strukturierten Alltag. Der zweite große Faktor ist Social Media. Plattformen wie Instagram oder TikTok zeigen permanent Trainingsinhalte und Vorbilder.
Natürlich ist nicht alles, was dort gezeigt wird, richtig, aber ich sage mittlerweile: Lieber überhaupt etwas machen und dabei Fehler machen, als gar nichts tun. Bewegung ist immer besser als Stillstand, solange es die Menschen gesundheitlich nicht gefährdet. Und schließlich hat sich das Image stark gewandelt. Es geht nicht mehr um Anabolika, sondern um einen Lifestyle, der ganz viel mit Selbstdisziplin zu tun hat.
Der Bodybuilder von heute erfüllt nicht mehr das Klischee von früher. Bodybuilder treten heute ganz anders auf: reflektierter, gebildeter, oft auch unternehmerisch erfolgreich. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Handwerker über den Koch bis zum Akademiker. Das macht den Sport nahbarer und sympathischer.
Du selbst bist erst mit 40 Jahren ins Bodybuilding eingestiegen. Wie kam es dazu?
Ich habe schon immer trainiert, aber eher ohne konkretes Ziel. Irgendwann habe ich reflektiert und gemerkt, dass ich in meinem Leben gleich zweimal mein Talent nicht genutzt habe: im Gesang und im Kunstturnen. Singen hat mich als Kind nicht interessiert und im Kunstturnen war ich sogar mal Deutscher Meister – aber in der Pubertät wollte ich lieber ausgehen und Mädchen kennenlernen.
Dieses ungenutzte Potenzial hat mich beschäftigt. Mit 40 habe ich mir dann gesagt: „Ich wollte schon immer auf die Bühne, jetzt ziehe ich es durch.“ Ich habe mir einen Coach gesucht und bin das Thema konsequent angegangen. Das Ergebnis: Nach einem Jahr wurde ich Deutscher Meister und später Europameister. Das hat mich komplett gepackt.
Was fasziniert dich am Bodybuilding besonders?
Du bist komplett verantwortlich für deinen Fortschritt. Du siehst sehr schnell, ob du Fehler machst, aber eben auch, ob du Fortschritte erzielst und dein Training und deine Ernährung funktionieren. Diese direkte Rückmeldung ist extrem motivierend.
Über den Interviewpartner

Lars Springer
Er ist Unternehmer, Coach und Bodybuilder. Als Inhaber und Geschäftsführer des SPRINGER Fitness- & Gesundheitsclubs betreibt Lars Springer eine Studiokette mit mehreren Standorten. Parallel dazu bietet er Coaching an und begleitet Klienten in den Bereichen Fitness, körperliche Transformation und Mindset.
Sportlich gehört Springer zu den erfolgreichsten Athleten seiner Klasse im Amateurbodybuilding: Zu seinen Erfolgen zählen der Europameistertitel, der Gewinn der Deutschen Meisterschaft sowie mehrere Klassensiege.
Foto: Archiv Lars Springer
Dazu kommt die Transformation des Körpers. Es ist beeindruckend, was alles möglich ist. Es geht nicht nur um Muskelaufbau, sondern um ein tiefes Verständnis für den eigenen Körper bis hin zu Details wie Wasserhaushalt und Muskelsteuerung. Man entwickelt ein ganz anderes Körpergefühl.
Je weiter du kommst, desto intensiver wird dieses Empfinden – das kann fast schon süchtig machen. Und: Es verbindet. Egal ob Anwalt oder Schichtarbeiter – alle, die auf der Bühne stehen, teilen dieselbe Leidenschaft und denselben Aufwand. Das schafft großen gegenseitigen Respekt.
Wie hat sich das Training seit den 1970er Jahren verändert?
Früher war vieles „Trial and Error“, Ausprobieren am eigenen Körper. Heute haben wir Trainingswissenschaft, Ernährungswissen und ein viel größeres Verständnis für Regeneration. Der größte Unterschied ist: Heute wird mit mehr Verstand trainiert.
Man weiß, dass der Muskel nicht im Training wächst, sondern in der Erholung. Auch Nahrungsergänzung ist heute viel gezielter einsetzbar. Gleichzeitig bin ich ein großer Fan der alten Mentalität – dieses kompromisslose „Ich schaffe das“, der Wille, sich durchzubeißen. Die Kombination aus beidem ist ideal.
Welche Rolle spielt Regeneration heute?
Regeneration spielt eine viel größere Rolle als früher. Im ersten Jahr habe ich vor allem trainiert, im zweiten Jahr habe ich gelernt, wie wichtig Regeneration ist.
Der Muskel wächst in der Erholung, nicht im Training. Dazu gehören Dinge wie Schlaf, Ernährung, aber auch aktive Maßnahmen: Physiotherapie, Kälteanwendungen oder gezielte Pausen. Wer permanent übertrainiert, kommt langfristig nicht weiter.
Welche Rolle spielt Social Media im Training?
Es ist ein zweischneidiges Schwert. Positiv ist, dass Social Media enorm viele Menschen motiviert, überhaupt mit Training anzufangen. Gerade bei jungen Leuten ist der Einfluss riesig; Vorbilder sind ihnen wichtig. Negativ ist die Informationsflut.
Weitere Interviews und Hintergründe
In weiteren Interviews sprechen Andreas Pürzel und Tim Budesheim über die nächste Generation des Bodybuildings.
Lies außerdem unseren Artikel „Lifestyle, Ästhetik, Gesundheit. Die nächste Generation Bodybuilding“ als Einstieg zum Interview.
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Jeder stellt sich als Experte dar. Oft werden Übungen kopiert, die für Einsteiger völlig ungeeignet sind. Ich sehe im Studio oft Dinge, die technisch keinen Sinn ergeben. Deshalb mein Rat: Grundlagen lernen, sich auf bewährte Übungen konzentrieren und nicht jedem Trend hinterherlaufen.
Welchen Stellenwert haben Coaches für dich?
Als Athlet haben Coaches für mich einen enorm hohen Stellenwert. Ohne Coach würde ich kein Bodybuilding auf diesem Niveau betreiben.
Ein guter Coach ist ein echter Gamechanger. Er betrachtet dich individuell, korrigiert Details, analysiert Daten wie Blutwerte und bringt dich deutlich schneller voran.
Was zeichnet einen guten Coach aus?
Einfühlungsvermögen ist das Wichtigste, denn gerade in Wettkampfphasen ist Bodybuilding auch mental extrem fordernd. Dazu kommen Fachwissen, Weiterbildungsbereitschaft und – ganz wichtig – eigene Erfahrung.
Ein Coach sollte idealerweise selbst einmal diesen Weg gegangen sein. Nur dann versteht er wirklich, was im Athleten körperlich und mental vorgeht.
Wie sieht ein optimales Studio für Bodybuilder aus?
Der Fokus muss klar auf dem Training liegen. Funktionalität ist wichtiger als Optik, auch wenn das Ambiente natürlich stimmen sollte. Wichtig sind gute Geräte und eine durchdachte Auswahl. Man braucht gute, effektive Maschinen, auch unterschiedliche Varianten für dieselbe Muskelgruppe.
Bodybuilder achten darauf, welche Maschinen vorhanden sind und wie sie sich anfühlen. Außerdem entscheidend: genug Platz und keine Überfüllung. Training muss effizient möglich sein. Wenn du ständig warten musst, leidet die Trainingsqualität.
Was sollten Betreibende beachten, wenn sie ihr Studio stärker in Richtung Bodybuilding entwickeln wollen?
Authentizität ist entscheidend. Man sollte nichts versprechen, was man nicht hält. Ein Gesundheitsstudio wird nicht glaubwürdig zum Bodybuildingstudio – und umgekehrt.
Man sollte klar kommunizieren, wofür man steht. Sinnvoll ist es, gezielt Trainingsbereiche zu schaffen: freie Gewichte, Plate-loaded-Geräte, funktionale Zonen. Wichtig ist, dass das Konzept zum Gesamtauftritt passt.
Welche Tipps gibst du Einsteigern ins Bodybuilding?
Erstens: Technik vor Gewicht.
Zweitens: Ernährung ernst nehmen – sie macht den Großteil des Erfolgs aus.
Drittens: Social Media kritisch hinterfragen.
Und viertens: Geduld haben.
Ziele sind wichtig, aber der Körper braucht Zeit. Wer es sich leisten kann, sollte früh mit einem Coach arbeiten. Das spart Jahre an Umwegen.



