fM: CrossFit Saar definiert sich als „starke Fitness-Familie“. Welchen Stellenwert hat dieses Attribut für eure Box?
Gerrit Sittler: Wir haben unsere Community eigentlich schon immer als unsere kleine CrossFit®-Familie bezeichnet. Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir vor ziemlich genau 15 Jahren mit einer kleinen Handvoll Menschen in einer alten Backstube angefangen haben. Diese Gemeinschaft durfte über viele Jahre ganz natürlich wachsen. CrossFit® bringt Menschen zusammen, das ist bekannt. Ob daraus aber wirklich Gemeinschaft entsteht, entscheidet aus meiner Sicht nicht das Trainingsprogramm, sondern der Umgang miteinander. Deshalb ist Community für uns ein wesentlicher Bestandteil dessen, was CrossFit® ausmacht.
Wodurch zeichnet sich die Community bei CrossFit Saar aus?
Natürlich gehören gemeinsame Events, Sommerfeste oder besondere Workouts für uns dazu, ob zum Geburtstag eines Members oder wenn ein weggezogenes Mitglied uns seit Langem noch mal besucht. Sie alle schaffen gemeinsame Erinnerungen und haben einfach Spaß. Das Gemeinschaftsgefühl entsteht aber vor allem im Alltag – durch den Umgang miteinander, das ehrliche Interesse der Coaches und die vielen kleinen Begegnungen rund ums Training. Motivation schwankt bei jedem Menschen. Gemeinschaft ist oft das, was Menschen trotzdem weitermachen lässt. Ich glaube, genau das macht am Ende den Unterschied.
Über den Interviewpartner

Gerrit Sittler
Der Diplom-Sportwissenschaftler
und Personal Trainer ist Gründer
von CrossFit Saar. Während seines
Studiums der Sportwissenschaften
entschied er sich,
Personal Trainer zu werden, um
Menschen im Training enger zu
betreuen und sie effizient an ihre
Ziele zu bringen. Durch ein
Engagement auf der FIBO kam er
mit CrossFit® in Berührung und
lernte die Benefits des Trainingssystems
am eigenen Körper
kennen. Diese Art zu trainieren
wollte Gerrit Sittler seinen Kunden
bieten und gründete 2012 CrossFit
Saar, das erste CrossFit®-Affiliate
im Saarland. Heute ist er fitter als
mit 30 bei der Gründung.
Foto: CrossFit Saar
Was macht eine echte Community im Zeitalter von KI und Social Media aus?
Ich finde die Entwicklung rund um KI unglaublich spannend. Sie wird vieles verändern und uns in vielen Bereichen unterstützen. Aber je digitaler unser Alltag wird, desto wertvoller werden echte Begegnungen. Eine KI kann einen Trainingsplan schreiben oder Bewegungen analysieren. Sie merkt aber nicht, mit welcher Energie jemand durch die Tür kommt. Sie klopft dir nach einer schweren Wiederholung nicht auf die Schulter und sie freut sich nicht ehrlich mit dir über deinen ersten Pull-up.
Inwieweit übernehmen Fitness- und Gesundheitsanbieter inzwischen auch eine Rolle als sozialer Raum?
CrossFit® hat hier aus meiner Sicht einen besonderen Stellenwert. Die Gruppen sind überschaubar, man trainiert gemeinsam und lernt sich mit der Zeit wirklich kennen. Bei uns trainieren meist etwa zwölf Menschen in einer Class. Da bleibt kaum jemand ungesehen. Man freut sich miteinander über Erfolge, unterstützt sich und wächst gemeinsam. Dabei spielt es irgendwann kaum noch eine Rolle, welchen Beruf jemand hat oder wie fit er ist. Vor der Langhantel begegnen sich alle auf Augenhöhe. Zusätzlich zu Austausch und Umgang im Training selbst haben wir eine Ecke für die Community mit einem großen Board, auf dem sich Leute für gemeinsame Aktivitäten oder Events verabreden können, nach dem Training etwas trinken oder einfach plaudern können. Darüber hinaus haben wir eine Communitygruppe bei WhatsApp, in der wir unsere Members vernetzen und auf dem Laufenden halten.
Weitere Interviews und Hintergründe
In weiteren Interviews sprechen Henning Förster und Eckhardt Santana über Studios als sozialer Raum.
Lies außerdem unseren Artikel „Das zweite Zuhause?!“ als Einstieg zum Interview.
Indem du auf das entsprechende Bild oberhalb dieses Textes klickst, gelangst du direkt zum jeweiligen Artikel.
Welche Touchpoints und Prozesse sind entscheidend, damit sich neue Mitglieder willkommen fühlen und langfristig Teil der Community werden?
Wir versuchen, neue Mitglieder genau dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Viele kommen mit dem Gefühl zu uns, sie müssten erst fit werden, bevor sie überhaupt anfangen können. Genau diesen Druck versuchen wir ihnen als Erstes zu nehmen. Deshalb beginnt jeder mit einer individuellen Technik- und Bewegungseinweisung. Wir haben eine Starterroutine mit einigen Stunden intensivem Techniktraining, so führen wir sie an das CrossFit®-System heran.
Eine der herausragenden Eigenschaften der CrossFit®-Trainings ist die universelle Skalierbarkeit. Wir zeigen passende Scaling-Möglichkeiten und begleiten den Einstieg Schritt für Schritt. Ein Beispiel: Kannst du nicht auf eine hohe Kiste springen, springst du auf eine niedrigere. Wenn du auch das noch nicht kannst, springst du auf eine flache Gewichtsscheibe. Wenn du gar nicht springen kannst, machst du Step-ups auf eine leichte Erhöhung. So kannst du es bei uns mit allen Übungen machen und sie auf die Bedürfnisse der Member anpassen. Uns ist wichtig, dass niemand das Gefühl hat, sich erst beweisen zu müssen. Die Starterroutine liefert dafür den technischen und theoretischen Background, aber die Empathie der Coaches ist genauso wichtig. Denn nur dadurch ist gewährleistet, dass die Leute dort abgeholt werden, wo sie stehen und sich wohl und gut aufgenommen fühlen.
Braucht es Angebote für unterschiedliche Zielgruppen oder sind die Communityerlebnisse für alle gleich?
Es braucht keine unterschiedlichen Angebote. Durch das individuelle Scaling arbeitet jeder auf seinem eigenen Leistungsniveau und trotzdem erleben alle dasselbe Workout. Ich glaube, genau das schafft Respekt füreinander und verbindet Menschen, die sich außerhalb der Box nie begegnet wären.
Welche Rolle spielt das Team und welche Fähigkeiten und Qualifikationen sind besonders wichtig?
Das Team ist unglaublich wichtig. Es prägt die Kultur der Box und gestaltet den sozialen Raum für die ganze Community. Fachliche Kompetenz gehört dazu; genauso wichtig ist aber die Haltung und das ehrliche Interesse daran, jedem einzelnen Menschen zu helfen. Praktische Erfahrungen als Athlet und Coach sind dabei das A und O. Wer selbst durch diesen Prozess gegangen ist, die Bewegungen verstanden hat und erfahren hat, was ein gutes Coaching ausmacht, entwickelt ein gutes Verständnis dafür, worauf es ankommt: nicht nur Fachwissen, sondern auch Empathie, Geduld sowie der richtige Tipp zur richtigen Zeit und die richtige Art der Motivation.
Ich freue mich besonders darüber, wenn Mitglieder nach der Arbeit auf einen Kaffee bleiben oder sagen: „Ich komme heute gar nicht mehr zum Training – aber ich wollte einfach noch kurz bei euch sein.“ Da geht mir jedes Mal das Herz auf.
Wie wird sich die Rolle von Fitnessanbietern in Zukunft entwickeln?
Fitnessanbieter sind bereits mehr als Orte für Bewegung – und das wird sich in Zukunft noch verstärken. Unser Alltag wird immer schneller und digitaler. Gleichzeitig haben viele Menschen das Bedürfnis nach echter Begegnung und Zugehörigkeit. Deshalb glaube ich, dass Fitnessstudios und CrossFit®-Boxen künftig nicht nur die Gesundheit fördern, sondern auch wichtige Orte der Gemeinschaft sein werden. Vielleicht liegt genau darin die größte Chance unserer Branche.






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