Fitness | Autor: Daniel Kaptain |

Training ist gut, qualitatives Training besser (Teil 1)

Die Belastungen des Alltags und die Regenerationsphase beeinflussen die Leistungsfähigkeit im Training.

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Die Leistungsfähigkeit im Training ist entscheidend von den Belastungen des Alltags abhängig. Die Regenerationsphase ist dabei stets im Blick zu halten. Erst wenn alle Komponenten bekannt sind und Trainer wie auch Trainierende die Anpassungen und Reaktionen auf die Trainingsbelastungen realistisch abschätzen können, sind die Grundlagen für eine langfristige Planung gegeben.

Seit den 1980er Jahren ist der Mensch hinsichtlich Bewegungsausmaß und Energieverbrauch immer weniger gefordert. Die Technisierung, beginnend in den 70er Jahren durch die Automatisierung in der Industrie, der Wandel der Arbeitsfelder hin zur Administration und der Einzug des PCs, beschleunigt diese Prozesse. In der heutigen Zeit sind ca. 80 Prozent der Arbeitnehmer von administrativen – und damit sitzenden – Tätigkeiten betroffen.

Das Sitzen als Freizeitgestaltung Nr. 1
Der Großteil der Deutschen (ca. 70 Prozent) kommt auf weniger als eine Stunde Bewegung am Tag, wie eine Erhebung der TK (2013) ermittelte. Das Sitzen, vornehmlich vor dem PC und Fernseher, scheint die Freizeitgestaltung Nr. 1 zu sein. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen verbringt mehr als drei Stunden täglich vor dem Bildschirm. Obwohl die Empfehlungen der WHO mit drei Stunden Bewegung pro Woche (> 65 Prozent HFmax.) verhältnismäßig gering erscheinen, werden diese von nur ca. 15 Prozent eingehalten.  

Die Folgen:
1. Übergewicht
 Zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und die Hälfte der Frauen (53 Prozent) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös) – wie das Robert Koch Institut bereits 2014 bekannt gab.
 

2. Diabetes
Die AOK ermittelte schon im Jahr 2009 ca. 8,0 Millionen behandelte Diabetesfälle (9,7 Prozent der Bevölkerung). Diese alarmierende Zahl bedeutet darüber hinaus einen Anstieg von 49 Prozent gegenüber dem Jahr 2000 (5,4 Millionen Fälle, 6,5 Prozent der Bevölkerung).

3. Rückenschmerzen
83 Prozent der deutschen Erwachsenen haben oder hatten binnen eines Jahres (retrospektiv) Rückenschmerzen.

Diese Erkrankungen gelten, neben weiteren Zivilisationskrankheiten, als Auswirkungen des passiven Alltags, der mit dem Sitzen in Verbindung steht. Laut einer britischen Studie verkürzt der Bewegungsmangel die statistisch durchschnittliche Lebenserwartung um mehr als 20 Jahre, und ist somit gefährlicher als das Rauchen. Besonders in diesem Kontext stellen „Rückenschmerzen“ eines der größten Volksleiden in Deutschland dar und sind der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Als Ursache sahen 60 Prozent einseitige Belastungen durch lange Sitz-/Stehzeiten während der Arbeit.

Die Konsequenz
Die sinnvolle Gegenmaßnahme scheint klar: strukturiert und individuell dosierte Bewegung. Dies ist kein Geheimtipp, denn die Tatsache, dass seit den 90er Jahren die Fitness-Studios einen wahren Run erfahren haben, wird durch aktuell 10 Millionen Fitness-Kunden in deutschen Anlagen verdeutlicht. Ist das die Lösung? Eigentlich ja: Bewegungsmangel im Job wird durch regelmäßiges Training kompensiert, dreimal wöchentlich ist die Empfehlung. Die Realität: es wird ca. 1,2-mal wöchentlich trainiert. Hier liegt also noch ein großes Wachstumspotenzial.

Des Weiteren ist die Prämisse – Ausgleich zum Alltag – mit Vorsicht zu genießen, denn dies würde bedeuten, dass Kunden im Training stehen sollten, komplexe Bewegungsmuster mit ausreichender Intensität vollziehen und neben Kraft auch Ausdauer, Mobilität und Koordination trainieren müssen. In der Theorie ist diese Strategie sinnvoll und logisch. In der Realität hieße dies aber auch, dass ein bewegungsunerfahrener, dekonditionierter und von Zeitdruck geplagter Kunde eine sehr hohe Trainingsbelastung (Komplexität, Intensität, Umfang) ertragen müsste, sowohl körperlich als auch mental.

Der Zeitgeist
Die Ausgangssituation ist den meisten Brancheninsidern bekannt. Die Tatsache, dass Training eine Abhilfe schafft, auch. Seit Jahren hält sich ein ebenso sinnvoller wie auch kundenferner Trend: functional fitness. Per Definition ist „functional training“ ein Training, welches viel mehr Fokus auf die Bewegungsqualität legt als auf ein unreflektiertes Training einzelner Muskeln. Auch dieser Ansatz ist sinnvoll, logisch und konsequent. Erst die Qualität (Bewegung), dann die Quantität (Last, Intensität). Was wäre nun die Konsequenz? Der Kunde erlernt erst die Bewegung, dann kann er die Kondition aufbauen.

„Gefährliches Halbwissen“ aus dem Internet
Seit einigen Jahren nicht mehr wegzudenken: die Informationsbeschaffung aus dem Internet - Fluch und Segen zugleich! Zum einen liefert das Internet nahezu endlose Tipps, zum anderen sind eben diese Informationen oft nicht reflektiert bzgl. Adressat, Verfasser und Wahrheitsgehalt. Diese schürt eine neue Dimension von „gefährlichem Halbwissen“, denn v. a. der Unreflektierende und Fachfremde kann die Informationen nicht ausreichend relativieren. Man trainiert, lebt und verhält sich nach (oftmals) falschen Paradigmen. Aber auch viele Trainer leben nach dem Leitsatz: Viel hilft viel, bspw. bei der Trainingsintensität oder der Komplexität. Oftmals verstärkt sich der Eindruck, dass komplexe und intensive Trainingsstrategien mit Kompetenz und Kundenorientierung gleichgesetzt werden.

Die Folge
Dieses Zusammentreffen – unerfahrener Bewegungsanfänger trifft auf unerfahrenen (über)motivierten Trainer birgt Risiken. Mit der falschen Strategie, Beratung und Auswahl von Trainingsinhalten wird der Trainierende überfordert – der Drop-out ist vorprogrammiert. Dieser liegt bei geschätzten 70 Prozent innerhalb der ersten drei Monate. Eigentlich ein Widerspruch, bedenkt man die Absicht eines Neukunden, seinen passiven Lebenswandel zu ändern.

Die Aufgaben des Trainers
Seit Jahren ist festgelegt und etabliert, wie eine optimale Trainingsbetreuung und -steuerung aussieht. Die von Joe Weider (1919-2013) vor über 40 Jahren aufgestellten und in der Praxis erprobten sieben Trainingsprinzipien erklären und sichern das „optimale“ und effektive Training. Die fünf Stufen der Trainingssteuerung stellen die Aufgaben der Betreuung und damit des Trainers optimal dar.

Training ist ein Prozess, der zur Entwicklung der Leistungsfähigkeit dient. Somit muss nicht nur der Ausgangszustand definiert und dokumentiert sein, sondern auch alle Schritte und Maßnahmen zum Ausbau der Leistungsfähigkeit, welche von den körperlichen und motivationalen Fähigkeiten sowie den Eigenschaften des Trainierenden abhängen. Diese Fakten muss der Trainer bei der Fixierung der Ziele, v. a. bei der Erstellung des Trainingsplanes und der praktischen Durchführung, berücksichtigen.

Das Hauptaugenmerk sollte, als wichtigste Tätigkeit des Trainers, auf der praktischen Umsetzung liegen. Hier gilt es zu beobachten, zu analysieren und ggf. Gegenmaßnahmen/Anpassungen einzuleiten. Die Leistungsfähigkeit im Training ist entscheidend von den Belastungen des Alltags abhängig, so dass die Regenerationsphase ebenfalls im Blick zu halten ist. Erst wenn alle Komponenten bekannt sind und Trainer wie auch Trainierende die Anpassungen und Reaktionen auf die Trainingsbelastungen realistisch abschätzen können, sind die Grundlagen für eine langfristige Planung gegeben.

Fazit
Aktivitätssteigerung durch Fitnesstraining ist die Lösung des Problems „moderner Lebenswandel“ – jedoch nur, wenn der Trainer die Kompetenz, Zeit und Umsetzungsmöglichkeiten hat, dem Kunden ein ideales Training zu vermitteln.

Die wesentlichen Ressourcen des Trainers sind die fachliche Kompetenz und das Zeitbudget, denn Trainingsbetreuung kostet Zeit. Sind diese Kriterien erfüllt, so ist dies ein Garant für Erfolg – für Trainer wie für Kunden.

Ausblick
Im zweiten Teil (Ausgabe 02/2018) werden die zentralen Trainerkompetenzen behandelt, der dritte Teil (Ausgabe 03/2018) zeigt Möglichkeiten einer Trainingskonzeptionierung anhand eines Praxisbeispiels auf.

www.dhfpg-bsa.de

Prof. Dr. Daniel Kaptain
Prof. Dr. Daniel Kaptain ist u. a. Dozent an der DHfPG und der BSA-Akademie. Von 2010 bis 2013 promovierte er im Fachbereich Sportwissenschaften. Darüber hinaus ist er Experte für Konditions- und Athletiktraining sowie ausgebildeter Trainingstherapeut. 

Für eine Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 01/2018

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fMi Ausgabe 01/2018

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