Fitness, Markt | Autor: Albert Busek und Florian Schmidt |

"Pumping Iron" – Modernes Krafttraining & Bodybuilding

Vom 19. Jahrhundert bis zu den Anfängen des professionellen Bodybuildings hat sich in der Branche einiges getan. Das ist Grund genug dieser spannenden Zeit den zweiten Teil unserer Reihe zu widmen. Gehen Sie mit uns auf eine Zeitreise zurück zu den Anfängen des modernen Krafttrainings und den Muskelathleten der damaligen Zeit. Erfahren Sie vom deutschen Bodybuilding-Pionier aus erster Hand, wie er die Entwicklung seit den 1950er Jahren erlebt und mitgeprägt hat.

Während des 19. Jahrhunderts gewann das Krafttraining immer mehr an Bedeutung: Drei große Strömungen der neuzeitlichen Körperkultur lassen sich in eben diese Epoche datieren, die einen wichtigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der gesamten Branche haben sollten. Der Sport in England, die Schwedische Heilgymnastik und die Turnbewegung in Deutschland prägten relevante gesellschaftliche Veränderungen mit und waren wichtige Innovationstreiber. Der europäische Fitnesstrend schwappte auch über den großen Teich nach Amerika und mündete dort in den „First American Weight Training Boom“.

Möbel aus Schweden kennt jeder – aber kennen Sie auch Fitness „made in SWEDEN“?

Begründer der Schwedischen Heilgymnastik, die trotz des Namens vor allem Prävention zum Ziel hatte, ist Pehr Henrik Ling (1776–1839). Der Schwede gründete bereits 1813 das erste staatlich anerkannte Zentralinstitut für Gymnastik, wo fortan Gymnastiklehrer für Schulen, die Armee sowie die Medizin ausgebildet wurden. Die Schwedische Heilgymnastik bestand überwiegend aus Widerstandsübungen und erfreute sich wachsender Beliebtheit. Durch einen weiteren innovativen Schweden wurde der Grundstein für ein dosiertes, isoliertes Training einzelner Muskelgruppen gelegt: Der Arzt Gustaf J. W. Zander (1835–1920) entwickelte verschiedenste Krafttrainingsgeräte mit variabel einstellbaren Widerständen, die ab 1877 industriell gefertigt und weltweit vertrieben wurden (vgl. Geest, 2012 & Pauls, 2015). Zander vermarktete sein Trainingskonzept ganzheitlich und Anfang des 20 Jahrhunderts trainierten bereits mehr als 100.000 Menschen in den sogenannten „Zander-Instituten“. Vor dem ersten Weltkrieg entstanden viele solcher urbanen Trainingsstätten. Ausgestattet waren die Vorläufer der heutigen Studios bereits mit Trainings- und Massageräumen, Schwimmbädern, Saunen und Co. Anders als die Turnvereine boten diese Zentren bereits damals zeitlich flexible Trainingsmöglichkeiten, um sich gezielt gerätegestützt fit und gesund zu halten.

Die Turnbewegung um die Pädagogen „Turnvater Jahn“ und Johann C. F. GutsMuths trug ebenfalls dazu bei, körperliche Fitness von den Königshäusern bis in die Schulen zu etablieren – obgleich hier weniger das gezielte spezifische Muskeltraining im Vordergrund stand. Neben den Fitnesshochburgen Schweden und Deutschland entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue aufstrebende Kraftsportzentren in Russland und den baltischen Ländern. Der damalige „Trainer-Guru“ Dr. Wladislaw von Krajewski (1855–1907) versammelte in St. Petersburg die Besten seiner Zunft (u. a. Hackenschmidt und Sandow). Weitere Kraftsportzentren etablierten sich in allen großen europäischen Metropolen (u. a. London, Paris und Wien) und die Zander-Geräte breiteten sich auch in Deutschland aus (u. a. Leipzig, Berlin, Baden-Baden).

„Life is Movement“ – Sandow, Urvater des Bodybuildings

Große Berühmtheit erlangte Friedrich Wilhelm Müller (1867–1925) alias „Eugen Sandow“, als er bei einem Kräftemessen den bis dahin selbsterklärten stärksten Mann der Welt, Charles A. Sampson, besiegte. Eben dieser Sandow war es, der bei seinen Auftritten fortan mit Muskelposen und Kraftkunststücken seinen austrainierten Körper publikumswirksam in Szene setzte – genau hier schlägt die Geburtsstunde des modernen Bodybuildings.

Durch die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen erlebte der Körperkult der Antike (siehe Teil 1 dieser fMi-Serie) eine Renaissance: Keiner erfüllte zur damaligen Zeit dieses Körperideal besser als der junge Deutsche. Er tourte mit seiner eigenen Bühnenshow durch Europa, die USA und Australien und machte Fitness zum Event. Sandow verkaufte Postkartenserien mit der Abbildung seines Astralkörpers und posierte gerne (wie die griechischen Vorbilder) lediglich mit einem Feigenblatt bekleidet. (Lesen Sie auch: Krafttraining von der Antike bis ins Mittelalter)

Was viele aber nicht wissen ist, dass Sandow weit mehr als nur ein „Athlet und Poser“ war. Er interessierte sich für sportwissenschaftliche Hintergründe, Anatomie sowie gezieltes Muskeltraining und war später der „Personal Trainer“ des britischen Königs George V. Im Jahr 1919 veröffentlichte er mit „Life is Movement“ sein eigenes Lehrbuch, in dem der bekannte Autor Sir Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes) das Vorwort schrieb. Unzählige Vertreter aus Adel, Politik, Kirche, Medizin und Wissenschaft protegierten dieses Werk.

Schnell gründeten sich eigene „Sandow-Schulen“. In diesen Keimzellen wurden seine Kräftigungsmethoden weiterverbreitet, gelehrt und praktiziert. In der Folge brachte er eigene Trainingskonzepte, Fernkurse, Bücher und eine Zeitschrift heraus, was sicher auch dazu führte, dass Sandow auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den populärsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehörte – vergleichbar nur mit Arnold Schwarzenegger. Sein Marketing-, Show- und Geschäftstalent ebnete den Weg für das moderne Bodybuilding und die Parallelen zum „Terminator“ sind verblüffend. Der Pionier verstarb 1925 und mit ihm ging eine der schillerndsten Figuren der damaligen Zeit. Durch die Wirren der beiden Weltkriege kam die Entwicklung des Bodybuildings wie auch die der Fitnessbewegun

Kalifornien – die Wiege des modernen Körperkults

1936 gründete Jack LaLanne das erste „moderne“ Fitnessstudio in Oakland (Kalifornien) und Ende der 30er Jahre setzte sich die „Physical Culture“-Entwicklung mit dem „Mr. America Contest“ und weiteren „Mr. Contests“ durch.

Maßgeblich zum Hype und der Verbreitung der Fitnesswelle in den USA trug ein ganz besonderer Ort bei – der Muscle Beach. Das weltbekannte Outdoor-Fitnessstudio unter der Sonne Kaliforniens war der Ort, an dem gestählte Muskeln einen wahren Kultstatus erlangten. Am „Muskelstrand“, der ursprünglich in Santa Monica (ab 1933 bis 1959) und später in Venice (L.A.) zu finden war, trainierte das Who’s who der Szene. Am Muscle Beach trafen sich Kraftsportler, Bodybuilder, Turner und Akrobaten. Sie machten den Kraftsport zum Event und Happening.

„Pudgy“ Stockton – die erste weibliche Bodybuilderin

Der weibliche Star dieser Zeit war Abbey „Pudgy“ Stockton (1917–2006), die als professionelle Kraftfrau die Menschen mit ihren Shows begeisterte. Zusammen mit ihrem Mann zeigte sie am Santa Monica Pier eine beeindruckende Liveshow aus Akrobatik-, Gymnastik- und Kraftelementen. Als „starke Frau“ unter den vielen Männern stach die kleine Amerikanerin deutlich heraus, die Ende der 1940er Jahre das Cover unzähliger Magazine zierte. In der Zeitschrift „Strength & Health“ veröffentlichte Stockton ab 1944 ihre eigene Fitness-Kolumne „Barbelles“, in der sie Frauen wertvolle Trainingstipps gab. Im Jahr 1948 wurde sie „Miss Physical Culture Venus“ und Zeit ihres Lebens setzte sie sich für den weiblichen Kraftsport ein. Sie ist eine Ikone und war in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg das große Vorbild für die Frauen, die damals schon nach dem Bodybuilding-System trainierten. Es gab davor und auch später viele „starke Frauen“, aber „Pudgy“ kann man als die erste bezeichnen, die das moderne „Bodybuilding“ für Frauen populär gemacht hat.

Muscle Beach Venice – Tummelplatz von LaLanne, Columbu, Arnie & Co.

Bereits 1951 wurde am Venice Beach der „Weight Pen“ eröffnet, welcher dann 1987 offiziell zum „Muscle Beach Venice“ umgetauft wurde. Jack LaLanne, Steve Reeves, Arnold Schwarzenegger, Franco Columbu und Lou Ferrigno sind nur einige der vielen klangvollen Namen, die Venice Beach zum neuen Mekka der Kraftsportszene und dem Ursprung der modernen Fitnessbewegung gemacht haben. Joe Gold gründete 1965 unweit das legendäre „Gold`s Gym“, das spätestens durch die Dokumentation „Pumping Iron“ (1977) mit Arnold Schwarzenegger weltweit Aufmerksamkeit erregte. In den 1950er Jahren war es zunächst Steve Reeves, der als Mr. Universum und dann vor allem als Herkules-Darsteller einen weltweiten Bodybuilding-Boom auslöste. Von Kalifornien aus startete Joe Gold 1976 auch die Expansion der Fitnesskette „World Gym“ und die Erfolgsgeschichte der kommerziellen Fitnessstudioketten nahm hier ihren Lauf.

Kraftsportszene und Bodybuilding in Deutschland

Ende 1955 eröffnete Harry Gelbfarb (1930–2005) in Schweinfurt das erste Fitnessstudio in Deutschland. Die Schar der „Eisenfreunde“ war in den Fünfzigern national recht überschaubar. Durch die erste „Mr. Germany-Wahl“ 1960 im Münchner Bürgerbräukeller wurde die Kraftsportszene über Nacht bekannt, obgleich die damaligen medialen Berichterstattungen eher kritischer Natur waren. Bis 1963 existierten gerade einmal circa 40 kommerzielle Fitnessstudios, in denen meist Bodybuilder und Kraftsportbegeisterte trainierten. Geprägt durch diese Zeit entstand auch der abfällige Begriff der „Muckibuden“. Nur wenige hielten es damals für möglich, dass aus dieser Bewegung einmal der mitgliederstärkste und vielleicht sogar beliebteste Sport der Deutschen mit über 11,09 Millionen Mitgliedern werden würde.

Großen Anteil an dieser Entwicklung hat, neben den bisher erwähnten Muskelathleten, ganz besonders ein Mann, der in der Hall of Fame der Bodybuilder alle überragt und die Fitnessbewegung weltbekannt gemacht hat – Arnold Schwarzenegger. Zu Beginn seiner Ausnahme-Karriere stählte er auch in Deutschland seine Muskeln. Was wäre treffender, als seinen Wegbegleiter und Förderer Albert Busek hier zu Wort kommen zu lassen – der die Entwicklung des deutschen Bodybuildings und den Fitnessboom hautnah miterlebt hat.

Fazit Albert busek: Visionäre & Ikonen

Der menschliche Bewegungsapparat hat die Menschen seit jeher fasziniert. Unzählige Wissenschaftler, Künstler und vor allem Sportler haben sich damit intensiv beschäftigt, um das Bewusstsein dafür zu schärfen. Ohne das „Mäuschen“ (lat. Mus Musculus „Maus“) wären wir nicht lebensfähig, ja, wir könnten nicht einmal lachen (43 Muskeln sind dafür im Einsatz).

In Europa begann dieser „Muskel-Bewusstseins-Prozess“ vor ca. 200 Jahren und seither waren es neben den Forschern und Visionären immer einzelne Personen – Ikonen – die in den jeweiligen Zeitabschnitten entscheidend zur Popularisierung beigetragen haben. Neben den in diesem Bericht genannten Personen könnte man noch viele weitere aufzählen, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Bei den Visionären macht die jeweilige Durchsetzungskraft den großen Unterschied aus und bei den Ikonen ist es das geniale Marketing.

Die zwei herausragenden Ikonen der letzten 150 Jahre sind Eugen Sandow (geb. 1867 als Friedrich Wilhelm Müller in Königsberg) und Arnold Schwarzenegger (geb. 1947 in Graz). Um 1900 war Sandow so populär wie heute die großen Fußballstars. Erreicht hat Sandow dies mit seinen Auftritten (Kraftvorführungen und Muskelposen) in ganz Europa und schließlich auch in den USA als „Sandow, the Strongest Man in the World“. Trotz etlicher Rückschläge ging Sandow seinen Weg kontinuierlich weiter. Sandow gründete damals in seiner Wahlheimat England auch schon eine „League“ und nannte sie „All-for-Health-League“ mit Sitz in London. Sandow publizierte Bücher und Zeitschriften, hatte ein Versandgeschäft für Trainingsartikel und gründete Sandow-Institute. Hätte es damals schon die Filmtechnik gegeben, Sandow wäre einer der Superstars geworden. Zweifellos ist Eugen Sandow der Urvater des Bodybuildings.

Zwei Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges wurde in Graz mit Arnold Schwarzenegger der Mann geboren, der nach einigen anderen sehr populären Athleten schließlich DER designierte Sandow-Nachfolger werden sollte. Arnold brachte ähnliche Voraussetzungen mit wie Sandow: Stark (Gewichtheber und Powerlifter in den Anfangsjahren), total auf seine Ziele fokussiert, charismatisch und schon in sehr jungen Jahren ein genialer Selbstvermarkter. Wie Sandow hatte Arnold Kritiker gegen sich, aber auch er ließ sich nie von seinem Weg abbringen, egal wie unvorstellbar dieser Weg für viele – auch in seinem unmittelbaren Umfeld – erschien. In dieser Ausgabe finden Sie einen Bericht über Arnolds Karriere. Als Einzelperson hat seit mehr als 50 Jahren weltweit niemand mehr Impulse für die Fitnessbranche gesetzt als Arnold Schwarzenegger.

Die Autoren:

Albert Busek ist u. a. Unternehmer, Studiobesitzer, Gründer der BSA-Akademie und einer der Wegbereiter des Bodybuildings in Deutschland. Als Sportfunktionär bei Bodybuilding-Meisterschaften trat er erstmals 1960 in Erscheinung. Als langjähriger Präsident des Deutschen Bodybuilding- und Fitnessverbandes (DBFV) sowie Herausgeber und Chefredakteur mehrerer Bodybuilding-Zeitschriften stieg er zu einem der einflussreichsten Funktionäre der deutschen Kraftsportszene auf.

Florian Schmidt absolvierte nach einem Studium im Hotelmanagement und mehreren Jahren Berufserfahrung in der internationalen Hotellerie zusätzlich ein Master-Studium in Sportwissenschaft. Er ist als Dozent, Wissenschaftsredakteur und Tutor für die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement/BSA-Akademie tätig.

Auszug aus der Literaturliste

Behringer, W. (2012). Kulturgeschichte des Sports: vom antiken Olympia bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck Verlag.

Geest, G. von der (2012). Fitness-Bewegung. Vom Ursprung der „Mucki-Buden“, Ärztezeitung. Zugriff am 07.01.2019. Verfügbar unter www.aerztezeitung.de/panorama/article/822800/fitness-bewegung-ursprung-mucki-buden.html

Geisthövel, A. & Knoch, H. (Hrsg.). (2016). Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt: Campus.

McCracken, E. (2007). Pudgy Stockton: The Belle of the Barbell (The Iron Game History). Journal of Physical Culture. Vol. 10, Nr. 1, Zugriff am 18.01.2917. Verfügbar unter www.starkcenter.org/igh/igh-v10/igh-v10-n1/igh1001a.pdf

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 02/2019

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