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Krafttraining von der Antike bis ins Mittelalter

Heute ist das gezielte und umfassende Körpertraining in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Rückblickend ist man versucht zu sagen, dass wir einen „langen Weg“ gegangen sind. Die Anfänge der „Körperkultur“ liegen aber sehr viel weiter zurück, wie dieser erste Teil der fMi-Reihe zeigt.

Die Fitness- und Gesundheitsbranche wäre nicht das, was sie heute ist, wenn nicht schon früh Vorreiter die körperliche Fitness und das Muskeltraining vorangetrieben hätten. Aber wo liegt eigentlich der Ursprung und auf welche Vorläufer gehen aktuelle Trends und Entwicklungen zurück? All das sind Fragen, die wir im Rahmen unserer umfangreichen Artikelserie rund um die Geschichte unserer Branche beleuchten werden.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die körperliche Fitness von jeher eine wichtige Rolle einnimmt und sich über die Jahrtausende in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen immer mehr differenziert und weiterentwickelt hat. Was heute evidenzbasiert untersucht bzw. sportwissenschaftlich belegt ist, ist aber keinesfalls allein ein Verdienst der Neuzeit.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die körperlich fitten und starken Männer im Sinne der darwinistischen Weltanschauung schon immer durchgesetzt haben – das Prinzip „Survival of the fittest“ galt schon in der Steinzeit und daran hat sich im Laufe der Zeit auch nicht viel geändert. Die ersten sportlichen Übungen und Spiele sind schon in steinzeitlichen Höhlenmalereien zu erkennen, wobei hier sicherlich noch nicht von einem systematischen Training bzw. einem Wettkampf gesprochen werden kann. Sichere Nachweise für Sport und Spiel lassen sich bis in die frühesten Perioden der altägyptischen Geschichte verfolgen, also bis 5.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. So weit, so gut – aber das hat noch nicht sehr viel mit dem heutigen Fitnesssport bzw. dem gesundheitsorientierten Krafttraining zu tun.

Antikes Griechenland – zwischen Diätetik, Muskelkult und Olympia
Die direkten Vorläufer des heutigen Kraft- und Muskeltrainings gehen schon bis ca. 2.000 Jahre v. Chr. ins antike Griechenland zurück. Die körperliche Fitness war für die Griechen von elementarer Bedeutung, schließlich hing vom Kampfeswillen und der körperlichen Konstitution des Heeres das Wohl eines ganzen Volkes ab. Bereits die Griechen praktizierten eine Art Krafttraining und übten sich im Bodybuilding.

Einer der Modellathleten der damaligen Zeit war Milon von Kroton (* um 555 v. Chr.), der sich später u. a. als professioneller Ringkämpfer einen Namen machte. Bereits in seiner Jugend stemmte er ein Kalb und im erwachsenen Alter packte er sogar eine ganze Kuh. Milon wurde als Knabe Olympiasieger im Ringen und gewann zwischen 532 und 516 v. Chr. insgesamt fünfmal den begehrten Titel bei den Männern. Auch deshalb galt er zu seiner Zeit als stärkster Mensch der Welt. Soweit zum Mythos und der Geschichte – was viele aber nicht wissen, ist, dass Milon von Kroton nach einem strikten Trainingsplan, dem sogenannten „Tetradenzyklus“ trainierte. Mit diesem Zyklus gingen klare Trainings- und Ernährungsempfehlungen sowie definierte Ruhe- bzw. Belastungszeiten einher. Der Athlet folgte den Empfehlungen seines Mentors und Trainers Pythagoras, der somit als antiker Vorreiter bzw. Wegbereiter der heutigen modernen Superkompensationstheorie sowie des progressiven Muskeltrainings gesehen werden kann.

Wer hätte gedacht, dass die ersten Vorläufer des systematischen Muskeltrainings auf einen ansonsten eher mathematisch angehauchten Philosophen zurückgehen? Zu Zeiten Milons wurden eben nicht Gewichte, sondern ganze Kälber in die Luft gestemmt – und das noch mit System! Herodikos, Epiktet, Hippokrates und Co. waren weitere wichtige Vorreiter ihrer Epoche, die sich intensiv mit den systematischen Zusammenhängen zwischen Training, Ernährung, Psyche, Bewegung, Ruhe und Medizin auseinandersetzten und im Rahmen der Diätetik etc. analysierten. Durch die antiken Olympischen Spiele wurden diese systematischen Vorläufer der Leibeserziehung stetig weiterentwickelt und zunehmend professionalisiert.

Gymnasion – Vorläufer heutiger Fitness- und Gesundheitsstudios?
Wer glaubt, dass die Athleten von damals keine professionellen Trainingsstätten vorfanden, ist auf dem Holzweg. Sogenannte „Gymnasien“ waren damals der Schmelztiegel des hellenistischen Sport- und Körperkults und die Brutstätte für viele Topathleten und Olympioniken. Der Begriff „Gymnasion“ hat seinen Ursprung in dem griechischen Wort „gymnos“, was so viel wie „nackt“ bedeutet. Und nackte Tatsachen waren zu dieser Zeit absolut gang und gäbe. Kein Muskelshirt, keine Performance-Hose – trainiert wurde, wie Gott die Modellathleten schuf.

Diese Zentren wurden schnell zum Mittelpunkt der gymnastischen und körperlichen Leibeserziehung und fungierten fortan als Aushängeschild und Vorzeigeinstitutionen der griechischen Leibeskultur. Sie wurden großzügig von Mäzenen und der Politik gefördert, finanziell unterstützt und durch die angegliederten Philosophenschulen sukzessive zu elitären gesellschaftlichen Lehrstätten für Sport und Bildung ausgebaut. Somit waren die Athener Gymnasien die ersten Prototypen der heutigen Fitness- und Gesundheitsstudios und die Keimzelle vieler wichtiger philosophischer sowie trainingswissenschaftlicher Denkanstöße, Modelle und Ansätze, die bis heute von hoher Relevanz sind und nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Fitness bei den Römern – „Mens sana in corpore sano“
Als die Römer sich im 2. Jahrhundert v. Chr. die Griechen untertan machten, haben sie neben der Kultur und den damaligen Sportarten auch das Know-how über Trainings, Diät- und Entspannungsprogramme etc. übernommen und weiterentwickelt. „Mens sana in corpore sano“ ist nicht erst seit dem römischen Satiriker und Dichter Juvenal (1. und 2. Jahrhundert n. Chr.) bekannt. „In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist“ und neben Training gehört auch die richtige Regeneration dazu.

Viele Vorläufer heutiger Spas, Kryokammern, Saunen, Dampfbäder und Co. gehen schon auf die römische Thermenkultur zurück – nur da hießen sie eben beispielsweise Caldarium, Frigidarium oder Tepidarium. Weitere Hinweise auf die heilsame Wirkung von Bewegung und körperlichem Training auf die Gesundheit sind schon in den frühen Werken des Arztes und Anatomen Galenos von Pergamon (um 150 n. Chr.) zu finden, der die ersten zielgerichteten Widerstandsübungen und Ansätze der Heilgymnastik beschreibt. Wenn man so will, sind hier die ersten Ursprünge eines gesundheitsorientierten Krafttrainings zu sehen.

Mehr als nur „Brot und Spiele“ – Fitness als Event
Neben den heroischen, gestählten Gladiatoren, die sich in blutigen Kämpfen auf Leben und Tod im „Circus Maximus“ maßen, spielte der Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness, Training und „Spektakulum“ schon im alten Rom eine wichtige Rolle.

Was heute als Kettlebells, Burpees oder Functional Training bekannt ist, geht schon auf die alten Römer zurück. Schon vor rund 2.000 Jahren wurde in den Gladiatorenschulen und anderswo mit Hanteln, Rundkugeln und dem eigenen Körpergewicht gezielt trainiert, um sich optimal vorzubereiten. Was beim römischen Volk zum Event und zur Belustigung bei „Brot und Spielen“ funktioniert hat, klappte auch in den 1990ern noch: Fitness und Sport als Event und Happening weckte Emotionen und war medial präsent. Mit den American Gladiators zum Beispiel haben sich zumindest die „modernen Gladiatoren“ in unterschiedlichen Formen bis heute erhalten. Der einzige Unterschied: Heute entscheidet nicht der Daumen des Kaisers und der Pöbel auf Gedeih und Verderb, sondern der Facebook-Like oder die Einschaltquote.

Ave Caesar – Bootcamp à la Romana
Alles andere als spaßig war für die damaligen Legionäre der harte militärische Drill in den Legionärsschulen und römischen Garnisonen  – „Bootcamp à la Romana“ sozusagen. Liegestützsprünge, Hangeln, Tragen, Schleppen, Hindernisparcours, Ausdauerläufe etc. – all das ist nicht weit weg von heutigen Fitness-Competitions wie der HYROX Challenge, der NINJA-WARRIOR-Serie, dem StrongmanRun, den Highland Games oder diversen weiteren Formaten.

Anders als zu Zeiten Julius Caesars bezahlen heute aber die Kunden dafür, sich vom Drill Instructor im Bootcamp oder in der CrossFit-Box für diese Events „fix und fertig“ machen zu lassen. Die Methoden bleiben die gleichen, nur der Fokus und der Zweck des Trainings haben sich verändert. Wie die Zeit doch vergeht – und wer denkt, dass Muskeltraining nur reine „Männersache“ war, irrt gewaltig – denn die ersten Mosaik-Abbildungen von trainierenden Frauen mit Fausthanteln stammen ebenfalls aus dieser Epoche und werden auf ca. 300 n. Chr. datiert.

Mittelalter – Ritter, Rost und wenig Fortschritt
Durch den Zerfall des Römischen Reiches (um 476 n. Chr.) sowie den zunehmenden Einfluss des Christentums schwand im Mittelalter die Bedeutung der Leibeserziehung und der gezielten körperlichen Ertüchtigung zumindest für die breite Bevölkerung. Die Tatsache, dass viele Christen ehemals zu den blutigen Gladiatorenkämpfen verurteilt wurden, trug sicher auch dazu bei, dass die römischen Sportarten und der Kult um die gestählten Muskel-Athleten in der „dunklen Epoche“ weitestgehend verschwanden und man sich eher dem Seelenheil verschrieb.

Die Leibeigenen ackerten auf den Feldern der Feudalherren und lediglich die Ritter bzw. Söldner trainierten gezielt ihren Körper und ihre Fertigkeiten, um bei den Turnierkämpfen bzw. auf dem Schlachtfeld zu bestehen. Zweifellos war hier eine gute körperliche Konstitution gefragt, schließlich hätte man die bis zu 25 Kilogramm schwere Rüstung andernfalls wahrscheinlich auch nicht tragen können.

Nach viel Schatten im Mittelalter kam aber auch für das Fitnesstraining wieder Licht – erfahren Sie in Teil 2 unserer Reihe mehr über die Renaissance des modernen Krafttrainings und gehen Sie zusammen mit uns auf eine Zeitreise zu den Urvätern des modernen Krafttrainings sowie des Bodybuildings.

Da wir Milon von Kroton leider nicht mehr persönlich befragen können und auch heilige Kälber nicht ewig leben, ist es nach der zugegeben schnellen Zeitreise durch die ersten Vorläufer der Fitness- und Krafttrainingshistorie an der Zeit, einen der „modernen Urväter“ abschließend zu Wort kommen zu lassen, der Sie zusammen mit uns durch diese Artikelserie führen wird.

Fazit und Ausblick von Albert Busek
Am 14. Oktober 1959 habe ich im Nebenraum einer Sauna in München erstmals eine Hantel in der Hand gehabt. Es war mehr als ein Schlüsselerlebnis, es war geradezu eine Offenbarung. Von diesem Moment an wusste ich, wohin mich mein Weg führen wird. Damals gab es in München noch kein Fitnessstudio und Gewichte fand man nur in Gewichtheber-Vereinen, wo individuelles und gezieltes Körpertraining, sprich: Bodybuilding, tabu war. In der Öffentlichkeit war diese Art Training hierzulande weitgehend unbekannt und wurde, wenn überhaupt, als seltsame Subkultur wahrgenommen. In der Bundesrepublik gab es damals ca. 30 Studios, wobei die meisten davon sehr klein waren. Heute ist das gezielte und umfassende Körpertraining in der Mitte der Gesellschaft angekommen und rückblickend ist man versucht zu sagen, dass wir einen „langen Weg“ gegangen sind. Die Anfänge der „Körperkultur“ liegen aber sehr viel weiter zurück, wie dieser erste Teil der fM-Reihe zeigt. Den Nahen Osten kann man als „Wiege“ des Körpertrainings bezeichnen. Vor 4.500 Jahren gab es in Ägypten schon Widerstandstraining (siehe Abbildung) und der im antiken Heiligtum Olympia gefundene „Lifting Stone“ gibt darüber Zeugnis, dass Krafttraining damals hoch im Kurs stand. Die Römer haben diese Kultur übernommen und weiterentwickelt, wobei das „Mosaik der Mädchen im Bikini“ aus dem 4. Jahrhundert der Situation in einem heutigen Fitnessstudio ziemlich nahekommt.

Albert Busek
Albert Busek ist u. a. Unternehmer, Studiobesitzer, Gründer der BSA-Akademie und einer der Wegbereiter des Bodybuildings in Deutschland. Als Sportfunktionär bei Bodybuilding-Meisterschaften trat er erstmals 1960 in Erscheinung. Als langjähriger Präsident des Deutschen Bodybuilding- und Fitnessverbandes (DBFV) sowie Herausgeber und Chefredakteur mehrerer Bodybuilding-Zeitschriften stieg er zu einem der einflussreichsten Funktionäre der deutschen Kraftsportszene auf.

Florian Schmidt
Florian Schmidt absolvierte nach einem Studium im Hotelmanagement und mehreren Jahren Berufserfahrung in der internationalen Hotellerie zusätzlich ein Master-Studium in Sportwissenschaft. Er ist als Dozent, Wissenschaftsredakteur und Tutor für die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement/BSA-Akademie tätig.

www.dhfpg-bsa.de

Auszug aus der Literaturliste
• Behringer, W. (2012). Kulturgeschichte des Sports: vom antiken Olympia bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck Verlag.
• Bielzer, L. (2011). Historische Entwicklung von Sport- und Veranstaltungsimmobilien. In L. Bielzer & R. Wadsack (Hrsg.), Betrieb von Sport- und Veranstaltungsimmobilien. Managementherausforderungen und Handlungsoptionen (Blickpunkt Sportmanagement, Bd. 3, 1. Aufl., S. 11-33). Frankfurt am Main: Peter Lang.
​​​​​​​• Pauls, J. (2015). Das große Buch vom Krafttraining. München: Stiebner Verlag.
​​​​​​​• Weiler, I. (2004). Gymnastik und Agonistik im hellenistischen Gymnasion. In D. Kah & P. Scholz (Hrsg.). Das hellenistische Gymnasion (S. 25-46). Berlin: Akademie Verlag.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de​​​​​​​.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 01/2019

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fMi Ausgabe 01/2019

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