Corona, Fitness, Gesundheit | Autor: fM Redaktion |

„Die überwiegende Mehrheit der Menschen braucht jemanden, der ihnen hilft“

fitness MANAGEMENT hat Brancheninsider nach ihren ganz konkreten Erfahrungen zum Gesundheitszustand ihrer Mitglieder und Patienten während der Lockdowns gefragt. Wir wollen diese Warnungen anhand von Beispielen greifbarer zu machen. Der renommierte Orthopäde und Sportmediziner Prof. (DHfPG) Dr. Thomas Wessinghage spricht eindrucksvoll über seine Erfahrungen mit gesundheitspositiven Effekten von Fitnesstraining und Bewegung.

Der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Thomas Wessinghage über Erfahrungen mit gesundheitspositiven Effekten von Fitnesstraining und Bewegung

fM: Sind Ihnen aus Ihrer ärztlichen Tätigkeit Fälle von Patienten bekannt, die vor einem der beiden Lockdowns im Jahr 2020 beschwerdefrei waren und bei denen nach der mehrwöchigen Trainingsabstinenz eine Verschlechterung ihres Zustandes eingetreten ist?

Dr. Thomas Wessinghage: Diese Frage würde ich gern etwas anders beantworten.

Ich war in der Rehabilitation tätig, habe also mit Patienten zu tun gehabt, die schwere Ereignisse hinter sich hatten – zumeist Operationen, vielfach aber auch Unfälle – und da habe ich solche Beispiele tagtäglich erlebt.

Ich hatte ständig Patienten, bei denen ich wusste, wenn die jetzt nicht trainieren, dann wird das nichts mehr.

Ich erinnere mich an Sportunfälle sowie an Radfahrer, die gestürzt waren, und insbesondere auch an ältere Menschen, die durch körperliche Gebrechen stark eingeschränkt waren.

Mein Team und ich wussten, dass es für all diese Betroffenen nur einen Weg raus gibt – und das ist das gezielte körperliche Training. Diese Erkenntnis bezieht sich sowohl auf Kranke in Kliniken als auch auf Kunden in Fitnessstudios und anderen Sporteinrichtungen.

Die Bedeutung der gezielten Bewegung für die Gesundheit des Menschen ist vollkommen unstrittig.

Welche Krankheitsbilder oder Verletzungen sind generell besonders betroffen?

Wenn wir uns über Leiden der Menschen unterhalten, dann kommen wir immer wieder an den Punkt, dass die Erkrankungen, die am häufigsten auftreten oder die schlimmsten Beeinträchtigungen mit sich bringen, mit dem modernen Lebensstil und dem Bewegungsmangel zu tun haben.

Nehmen wir den Typ-2-Diabetes als Beispiel: Grob geschätzt gibt es zehn Millionen Diabetiker in Deutschland. Neun Millionen bräuchten diese Krankheit nicht zu haben, wenn sie sich ausreichend und gezielt bewegen würden – nur grob geschätzt.

In Deutschland gibt es jedes Jahr rund 500.000 Patienten mit Herzinfarkten und Schlaganfällen als Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von denen etwa 40 Prozent nicht betroffen wären, wenn sie sich ausreichend bewegen würden. Das wären rund 200.000 Fälle in Deutschland pro Jahr.


 


Bei der Diskussion um die Wiedereröffnung ganzer Branchen fiel häufig das Wort 'systemrelevant'. Wie stehen Sie dazu?

'Systemrelevanz' ist ein sehr technischer Terminus. Man könnte es aber anders formulieren und sagen: 'Aus Sorge um das Wohlergehen der Menschen können und wollen wir auf Bewegung nicht verzichten.'

Die aktuelle Situation ist nämlich fatal: Gerade in einer Zeit, in der es um die Gesundheit geht, um die Widerstandsfähigkeit, die Resilienz, in der es darum geht, nicht krank zu werden und eine Infektion zu vermeiden oder auch eine Infektion besser zu überstehen, in der es darum geht, nach der Krankheit mit einem vielleicht sogar schweren Verlauf wieder auf die Beine zu kommen – und es geht darum, die Folgen des Lockdowns im Hinblick auf Eintönigkeit und depressive Stimmung auch psychisch zu überwinden –, in einer solchen Zeit ist es besonders wichtig, dass die Menschen ein ausreichendes Maß an Bewegung und Training fest in ihren Lebensplan integrieren.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen braucht heute jemanden, der ihnen dabei hilft.

Und jetzt sind wir bei der 'Systemrelevanz' der Fitnessstudios: Das, was früher die Vereine waren, sind heute die individualisierten Angebote. Viele Menschen sind damit überfordert, sich einen Bewegungsplan zu machen, obwohl sie ihn extrem dringend brauchen – ich würde fast sagen, genauso dringend wie Essen und Trinken!


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Hier wollen die Fitnessstudios ihre Aufgabe wahrnehmen. Wenn die vorgegebenen Hygienemaßnahmen umgesetzt werden, sehe ich überhaupt keine Logik darin, die Studios zu schließen.

Fitness- und Gesundheitseinrichtungen sind aufgrund ihrer Organisationsstruktur sehr gut in der Lage, einen geeigneten Hygieneplan zu entwickeln und dessen Umsetzung auch durch die persönliche Verantwortlichkeit eines Hygienebeauftragten dem zuständigen Gesundheitsamt gegenüber zu belegen.

Wenn wir jetzt feststellen, dass wir fast zehn Monate nach dem Auftreten der Pandemie durch vermeintliche Schutzmaßnahmen unser Land in ernsthafte Schwierigkeiten bringen, aber dadurch nicht die Ältesten, die Heimbewohner, Patienten in den Kliniken und besonders die vulnerablen Menschen effektiv schützen können, sondern im Gegenteil die Todeszahlen steigen, dann führen die Maßnahmen nicht zu dem gewünschten Erfolg.

Deshalb müssen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hinterfragt werden. Auf keinen Fall sollten wir so weitermachen wie bisher.

Vielleicht sollten die Seniorenheime sowie deren Bewohner und die Beschäftigten vor Ort durch gezielte Strategien besser geschützt und die Fitnessstudios stattdessen geöffnet werden.

Welche Lösungen wünschen Sie sich für die Fitness- und Gesundheitsbranche, damit deren Kunden, Mitglieder sowie Patienten gar nicht erst in eine gesundheitlich schwierige Situation geraten?

Ich würde mir eine Aufklärungskampagne wünschen. Den Menschen sollte verständlich gemacht werden, was sie tun können und wie sie sich am besten körperlich betätigen, um ihre Abwehrkräfte zu stärken und damit das Infektionsrisiko zu senken.

Eine entsprechende Kampagne habe ich vermisst. Wir haben nur Kontakte vermieden und nichts für den Einzelnen getan, um dessen Widerstandsfähigkeit gegen die Infektion mit einem gefährlichen Virus zu erhöhen. Das finde ich falsch.

An erster Stelle würde ich mir diese Kampagne wünschen. Dazu gehört dann zweitens, dass die für eine körperliche Betätigung zur Verfügung stehenden Einrichtungen in den Fokus gerückt werden – das sind eben die Fitnessstudios, andere Sporteinrichtungen und durchaus auch Vereine, je nachdem welchen Sport die Menschen machen wollen.

Am besten suchen sich die Menschen eine Umgebung, die sie auffordert und nachhaltig dazu motiviert, sich zu bewegen und tun sich mit anderen zusammen, die ein ähnliches Ziel haben und die sie zusätzlich motivieren.

Viele Menschen brauchen Geräte, die sie zur Bewegung animieren. Stellen Sie sich eine leere Turnhalle vor, in der die Schulklasse am Rand auf den Bänken sitzt. Sobald Sie einen Ball in die Halle werfen, ist alles in Bewegung. Sportpädagogen nennen dieses Phänomen 'Aufforderungscharakter', den Geräte zweifelsfrei haben.

Betreuer und Trainer in den Studios haben einen noch sehr viel höheren Stellenwert für die Motivation.

An dritter Stelle kämen für mich die Vorschriften für den Infektionsschutz in den empfohlenen Einrichtungen, also die Begrenzung der Anzahl der Trainierenden pro Quadratmeter, Abstandsregeln, Maskenpflicht, Nutzung der Umkleideräume und Desinfektionsutensilien.

Aus meiner Sicht haben wir bisher zu wenig an die Menschen gedacht.


'Pandemie-Paradox Teil 2': „Je inaktiver die Patienten vorher waren, desto stärker waren sie hinterher eingeschränkt.Bitte klicken Sie hier für das Interview mit Hans Stummer, Physiotherapeut und Inhaber des TZ Trainings- und Therapiezentrum Eggenfelden.

Die Rückmeldungen machen deutlich, welche Verantwortung wir als Sport- und Therapieanbieter haben. Bitte klicken Sie hier für das Interview mit Daniela Völker und Andreas Scheibe, Zentrum Aktiver Prävention (ZAP) im Racket Center Nußloch in Teil 3 unserer Reihe 'Pandemie-Paradox'.


Unser Gesprächspartner

Der Orthopäde Prof. (DHfPG) Dr. med. Thomas Wessinghage (Jahrgang 1952) ist einer der renommiertesten deutschen Sportmediziner. Als Mittelstreckenläufer gehörte er mehr als 15 Jahre zur Weltklasse, war Europameister, 22 Mal Deutscher Meister und hält den aktuellen deutschen Rekord über 1.500 Meter. 

Nach dem medizinischen Staatsexamen an der Universität Mainz begann er seine medizinische Karriere 1977 als ärztlicher Leiter und Geschäftsführer der Tagesklinik Reha-Zentrum Nord in Norderstedt.

Bis September 2020 war er Chefarzt, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der drei Kliniken der Medical Park AG im Tegernseer Tal. Im Oktober 2020 hat sich Dr. Thomas Wessinghage nach 42 Jahren als Arzt in den Ruhestand begeben. 

Seit vielen Jahren ist er ein gefragter Experte und Referent zu den Themen Motivation, Laufen, Bewegung und Gesundheit. Dr. Thomas Wessinghage ist Autor mehrerer Bücher sowie Prorektor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG).

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi 01/2021

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fMi 01/2021

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