Corona, Fitness, Gesundheit | Autor/in: fM Redaktion |

„Je inaktiver die Patienten vorher waren, desto stärker waren sie hinterher eingeschränkt“

Bei Betreibern von Fitness- und Gesundheitsanlagen macht sich die verordnete Inaktivität von Mitgliedern und Patienten durch die Lockdown-Phasen bemerkbar. Physiotherapeut und Betreiber des Trainings- und Therapiezentrum TZ Eggenfelden, Hans Stummer, schildert konkrete Fälle von Fitnessportlern, deren Gesundheitszustand sich durch die trainingsfreie Zeit massiv verschlechtert hat.

fMi: Haben Sie im TZ Eggenfelden Mitglieder bzw. Patienten, die vor einem der beiden Lockdowns im Jahr 2020 beschwerdefrei waren und bei denen nach der mehrwöchigen Trainingsabstinenz eine Verschlechterung ihres Zustandes eingetreten ist?

Hans Stummer: Ein Beispiel aus der Physiotherapie ist für mich besonders präsent. Wir hatten uns im Verlauf des Lockdowns im März entschlossen, die Praxis zu schließen, obwohl die rechtliche Situation uns erlaubt hätte, den Betrieb weiterzuführen.

Aufgrund des heftigen lokalen Pandemiegeschehens konnten wir den Praxisbetrieb nicht in einer wirtschaftlich lohnenden Weise aufrechterhalten. Es ging einfach niemand mehr aus dem Haus, auch die Ärzte hatten leere Praxen.

Die Patienten konnten bedingt durch unsere fünfwöchige Praxisschließung während des ersten Lockdowns nicht behandelt werden.

Einer unserer Patienten, der zuvor mit Unterstützung gehen konnte, wurde durch den Wegfall der regelmäßigen Physiotherapie rollstuhlpflichtig. Er hat sein 'Prä-Corona-Aktivitäts-
niveau' bis heute noch nicht wieder erreicht.


 


Ich habe aber auch Beispiele von Rückenpatienten aus dem Trainingsbetrieb: Bernhard, 57 Jahre, Handwerker, hat chronisch unspezifische lumbale Rückenschmerzen.

Nach mehreren Rehaaufenthalten, Facetteninfiltrationen und -denervierung kam Bernhard in unser Studio. Neben langfristiger Physiotherapie trainiert er dreimal wöchentlich (itensic, milon Kraftausdauer, funktionelles Training, Cardio).

Bereits während des ersten Lockdowns bemerkte er durch die Trainingsabsenz eine deutliche Verschlechterung seiner Rückenschmerzen – eine sechswöchige Arbeitsunfähigkeit war die Folge.

Nachdem sein Zustand sich bis zum zweiten Lockdown stabilisiert und er Angst vor einer erneuten Symptomverstärkung hatte, einigten wir uns zusammen mit dem behandelnden Hausarzt auf eine Verordnung KGG (Anm. d. Redaktion: Krankengymnastik am Gerät), damit er trotz des zweiten Lockdowns weiterhin trainieren kann.

Gerhard, 60 Jahre, Lagerist, leidet an multiplen thorakalen Diskusprotrusionen (Anm. d. Redaktion: Bandscheibenvorwölbungen) mit thorakalen Rückenschmerzen. Gerhard trainiert bereits sein Leben lang.


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Nachdem seine Rückenprobleme begannen, wurde ihm ärztlicherseits eine Beendigung des Krafttrainings nahegelegt. Daraufhin verschlechterte sich seine Symptomatik deutlich.

Gerhard suchte bereits in der ersten Lockdown-Phase nach Möglichkeiten, weiterhin zu trainieren und ließ sich ein Rezept KGG verordnen. Jedoch musste er dann pausieren, da wir auch den Praxisbetrieb, wie gerade erwähnt, einstellen mussten. Im zweiten Lockdown kann Gerhard nun mittels KGG-Rezept weiter trainieren.

Ein nützlicher Nebeneffekt des Umstandes, dass wir nun Patienten mit ähnlich gelagerter Symptomatik in Kleingruppen (KGG wird in der Gruppe bis drei Personen verordnet) trainieren: Es kommen nun Kunden untereinander ins Gespräch, die sich vorher aufgrund unterschiedlicher Besuchszeiten nie kennenlernten. Neue Bekanntschaften werden im Studio geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht.

Welche Krankheitsbilder sind generell besonders betroffen?

Wir haben Verschlechterungen durch Trainingsabsenz bei Patienten mit folgenden Krankheitsbildern bemerkt:

  • Chronisch unspezifischer lumbaler Rückenschmerz: erhöhtes Schmerzniveau, gewohntes Aktivitätsniveau konnte nicht aufrechterhalten werden
  • Multiple Sklerose: stärkere Fatigue, Tonussteigerung
  • Diabetes: höhere Insulindosen notwendig

Je multimorbider und inaktiver die Patienten vorher waren, desto stärker waren sie durch den Wegfall von Aktivierung durch Training und vor  allem durch Physiotherapie hinterher eingeschränkt.

Inwieweit ist es möglich, über digitale Trainingsbetreuung einen Teil der Probleme aufzufangen?

Digitale Trainingsbetreuung heißt bei uns Online-Kurse. Mit diesen haben wir die gewohnt fleißigen und regelmäßigen Kursteilnehmer weiterhin erreicht. Ein paar wenige konnten wir für Online-Kurse hinzugewinnen, wobei deren Anzahl nicht nennenswert ist.

Wir konnten mit unseren Maßnahmen also kaum Kunden auffangen. Inwieweit sie selbstständig mit anderen Mitteln weitermachen, wissen wir nicht. Einige haben berichtet, dass sie sich selbst mit Kleingeräten ausgestattet haben.

Wie gehen die Mitglieder damit um, dass ihnen die soziale Komponente des Trainings genommen wird?

Wie die Mitglieder mit den Kontaktverlusten umgehen, kann ich nur schwer beurteilen, da wir ja aktuell kaum Kontakt haben. Wir haben nach dem ersten Lockdown bei den Mitgliedern viel Erleichterung und Freude gespürt, dass sie wieder trainieren können.

Welche Lösungen oder auch mögliche Handlungsspielräume wünschen Sie sich für Ihre Einrichtung, damit Ihre Kunden, Mitglieder sowie Patienten gar nicht erst in eine gesundheitlich schwierige Situation geraten?

Die Lösung für die Physiotherapie gibt es bereits: Durch den Status 'systemrelevanter Beruf' waren wir hier vom 'Lockdown light' nicht betroffen. Die Auslastung war im Gegensatz zum ersten Lockdown hoch.

Offensichtlich wollten die Menschen wieder ihre gewohnte Teilhabe und hatten keine so große Angst mehr, aus dem Haus zu gehen. 

Wir versuchen auch, Angst zu nehmen, indem wir alle mit FFP-Masken arbeiten und vor den Augen der Patienten die Therapieliegen, Bänke oder Trainingsgeräte umfassend desinfizieren.

Wie bereits erwähnt, nutzen auch Trainingskunden die Möglichkeit, mittels einer ärztlichen Verordnung KGG trainieren zu können

Für die Studios wäre meiner Meinung nach die Zeit ebenso reif, als systemrelevant eingestuft zu werden. Ich hätte mir einfach gewünscht, weiter so arbeiten zu dürfen wie im Sommer.

Ehrlich gesagt: Digitale Betreuung können andere besser. Wir leben davon, physisch mit den Kunden und Patienten in Kontakt zu treten.


Klicken Sie hier für 'Pandemie-Paradox Teil 1': „Die überwiegende Mehrheit der Menschen braucht jemanden, der ihnen hilft.“ Der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Thomas Wessinghage spricht über Erfahrungen mit gesundheitspositiven Effekten von Fitnesstraining und Bewegung.

Die Rückmeldungen machen deutlich, welche Verantwortung wir als Sport- und Therapieanbieter haben“. Bitte klicken Sie hier für das Interview mit Daniela Völker und Andreas Scheibe, Zentrum Aktiver Prävention (ZAP) im Racket Center Nußloch in Teil 3 unserer Reihe 'Pandemie-Paradox'.


Unser Gesprächspartner

Hans Stummer (Jahrgang 1971), ist Physiotherapeut mit mehreren Abschlüssen in sportphysio- und manualtherapeutischen Konzepten. 2010 wechselte er aus dem Angestelltenverhältnis in die Inhaberschaft des TZ Therapie und Trainingszentrums Eggenfelden

Ziel des Fitnessstudios mit angeschlossener Physiotherapie im bayerischen Landkreis Rottal-Inn sind nachhaltige Gesundheitslösungen, d. h. Patienten und Kunden mit individuellen Lösungen in Bewegung zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie am Ball bleiben.

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der fMi 01/2021 & für Abonnenten EXKLUSIV vorab.

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