Corona, Digital, Markt | Autor: Florian Schmidt & Jürgen Wolff |

Digitalisierung als Herausforderung für Studios und Industrie

Die umfassende digitale Vernetzung der Studios beschäftigt die Betreiber schon seit Jahren und es wird zunehmend schwieriger, mit den schnelllebigen Entwicklungen Schritt zu halten. Durch die coronabedingt angeordneten Studioschließungen hat die Digitale Transformation zusätzlich an Dynamik gewonnen und sowohl Lücken bzw. Nachholbedarf als auch neue Potenziale aufgezeigt. Wir haben bei Monica Lanzendörfer (Fit-In-Haan), Dominik Weirich und Pascal Braun (FACEFORCE) nachgefragt, wie sie die letzten Monate erlebt haben, wie ihre digitale Erfolgsstrategie aussieht und wie sie zukünftige Herausforderungen im Markt beurteilen.

Digitalisierung als Herausforderung für Studios und Industrie

Der digitale Fitness- und Gesundheitsmarkt hat in den letzten Jahren einen wahren Boom erlebt und wächst rasant. In Sachen Konnektivität und Studiovernetzung hat sich sehr viel getan, aber reicht das?

Wie smart und digital ist die Branche aktuell?

Die Wearable-Technologie, vollständig digitalisierte Trainingsgeräte, smarte Körperwaagen, Studio-Apps, Online-Fitness-Communitys und Co. vermitteln den Kunden heute ein umfassendes Trainingserlebnis und bieten den Studiobetreibern zahlreiche Einsatzmöglichkeiten und Perspektiven. Diese werden bisher aber nur von den Wenigsten in vollem Umfang genutzt.

Der erste coronabedingte Lockdown im März hat vielen Unternehmen den Stand der eigenen digitalen Transformation schonungslos aufgezeigt. Sofern nicht schon vorhanden, musste praktisch über Nacht am „Innovationsrad“ gedreht werden, um schnell digitale Lösungen und Alternativen zu finden.

Wo geht die digitale Reise hin?

Spätestens angesichts des zweiten Lockdowns stellen sich spannende Fragen: Welche Lehren ziehen die Verantwortlichen aus der 'Corona-Phase'? Wie können Neuerungen gewinnbringend auch über die Krise hinaus genutzt werden, um das Trainingserlebnis, die Betreuung und das Studiomanagement zukünftig noch effizienter, individueller und kundennäher zu gestalten?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir mit den Köpfen der FACEFORCE GmbH, Dominik Weirich (CEO) und Pascal Braun (CFO) und mit Monica Lanzendörfer, Inhaberin des Fit-In-Haan, über ihre Erfahrungen, Pläne und Strategien gesprochen.


fM: Welchen Stellenwert hat das Thema 'Digitale Transformation' in Ihrem Unternehmen?

Monica Lanzendörfer: Einen sehr großen! Die Welt wird immer digitaler und das jüngere Publikum sowie junge Mitarbeiter fordern vor allem die Kommunikation über Online-Kanäle und Social Media.

fM: Wer kümmert sich in Ihrem Unternehmen um die konkrete Umsetzung?

Monica Lanzendörfer: Jeder Mitarbeiter kümmert sich in seinem Bereich darum, dass die digitalen Tools optimal eingesetzt werden. Den Überblick behalte aktuell noch ich, werde das aber zukünftig an meinen neuen dual Studierenden übergeben, der den B. Sc. Sport-/Gesundheitsinformatik an der DHfPG beginnt.

fM: Inwiefern hat die Corona-Krise aus Ihrer Sicht die Digitale Transformation beschleunigt?

Monica Lanzendörfer: Durch die Corona-Krise wurde sozusagen der Turbo gezündet. Viele Projekte, die geplant waren, wurden in kürzester Zeit umgesetzt.

fM: In welchen Bereichen sind Sie aktuell digital besonders aktiv?

Monica Lanzendörfer: In allen Bereichen. Unser Hauptaugenmerk liegt aber auf der Mitgliederkommunikation via eigener Studio-App, digitaler Kursplanbuchung, digitalen Trainingsplänen über Social Media, unseren Blog, Newsletter und WhatsApp.

fM: Welche Fähigkeiten erwarten Sie im Bereich Digitalisierung von Ihren Mitarbeitern?

Monica Lanzendörfer: Ich erwarte, dass die Mitarbeiter in ihrem Bereich die digitalen Möglichkeiten weiterentwickeln, damit die Mitglieder und unser Studio langfristig davon profitieren. Die älteren Kunden müssen dabei unterstützt werden, die Angebote zu nutzen und Hemmungen abzubauen.

fM: Wie beurteilen Sie das Potenzial des neuen dualen Studiengangs B. Sc. Sport-/Gesundheitsinformatik?

Monica Lanzendörfer: Der Studiengang wurde genau zur richtigen Zeit entwickelt. Ich habe direkt einen Studenten dieser Studienrichtung eingestellt.

fM: Wie stellen Sie sich das digitale Fitnessstudio 4.0 im Jahre 2030 vor?

Monica Lanzendörfer: Als optimale Verbindung von digitaler und analoger Welt, in der die Kunden entscheiden – ähnlich wie bei einem Buffet –, was sie wie nutzen möchten, wie etwa Training im Studio oder digital mit dem Trainer zu Hause.


fM: Welchen Stellenwert hat das Thema 'Digitale Transformation' für die Fitness- und Gesundheitsbranche?

Dominik Weirich: Die Digitalisierung ist seit einem Jahrzehnt ein großes Thema in der Fitness- und Gesundheitsbranche. Ihr Stellenwert ist vor allem betriebswirtschaftlich enorm hoch.

Für die Digitalisierung der Studios sind die drei wichtigsten Bereiche: Mitgliedergewinnung, Fluktuationssenkung und auch die Generierung von Zusatzumsätzen.

Pascal Braun: Je nach Preissegment und Positionierung der Fitness- und Gesundheitsanlage ist der Grad der Digitalisierung unterschiedlich.

Im Discountbereich ist so gut wie alles digitalisierbar, während im oberen Premiumsegment hingegen noch nicht alle Aspekte zufriedenstellend zu digitalisieren sind.

fM: Inwiefern hat die Corona-Krise die Digitale Transformation beschleunigt?

Dominik Weirich: Die Corona-Krise hat die Digitale Transformation in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark beschleunigt. Schauen wir uns das neue Messsystem von cardioscan an, das ohne menschlichen Kontakt funktioniert.

In Zeiten von Corona ist das natürlich ein echter Wettbewerbsvorteil. Auch Immunprogramme der digitalen Trainingsgeräte, wie etwa bei EGYM, sind aktuell in aller Munde.

Ähnlich verhält es sich bei 3D-Körpervermessungssystemen. So ist es mit HOLOSCAN möglich, kontaktlos und mit Abstand den Körperumfang von Kunden, die abnehmen möchten, zu dokumentieren und auf ihre Smartphones und somit in die Hosentasche der Interessenten zu transportieren.

Solche Systeme beschleunigen aktuell maßgeblich die Digitale Transformation.

fM: Welche Unternehmensbereiche sind von der Digitalen Transformation besonders betroffen?

Pascal Braun: Besonders erfolgreiche Fitness- und Gesundheitsanlagen werden durch einen zukunftsorientierten Unternehmergeist hervorgebracht.

Daher nutzen besonders erfolgreiche Anlagen die Gunst der Stunde, indem alle Bereiche auf Vordermann gebracht werden. Dies beinhaltet zwangsläufig die Digitalisierung.

Wer heute z. B. noch mit einer veralteten Mitgliederverwaltung arbeitet, dem entgehen einfach Potenziale. Erstens bedeutet professionelle Digitalisierung immer Zeitersparnis und zweitens ebenfalls die Verbesserung des Wirkungsgrades.

Früher hat ein Mitgliederverwaltungssystem beim Check-in auf den Geburtstag hingewiesen. Heute ist es bereits möglich, dass automatisiert ein Blumenstrauß mit Grüßen versendet wird.

Für eine Premiumanlage ist dieses Tool ein i-Tüpfelchen, wenn es um die Senkung der Fluktuation geht.

fM: Welche Erfolgspotenziale und auch Herausforderungen bringt die Digitale Transformation aus Ihrer Sicht mit sich?

Dominik Weirich: Die Potenziale liegen wie eben beschrieben ganz klar im Bereich der Zeitoptimierung sowie der Erhöhung des Wirkungsgrades.

Die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, betreffen hauptsächlich die Mitarbeiter. Diese müssen auf der einen Seite fähig und auf der anderen Seite auch willens sein, die digitalisierten Abläufe anzunehmen.

Hier braucht es ein gutes Management, um die digitalisierten Prozesse einzubinden und somit das volle Potenzial zu entfalten.

fM: Über welche Fähigkeiten müssen Mitarbeiter im Zuge der Digitalen Transformation verfügen?

Pascal Braun: Durch die Digitale Transformation werden viele Aufgaben, die früher von Hand erledigt wurden, für die Mitarbeiter obsolet. Das bedeutet, dass mehr Zeit für die Mitgliederbetreuung zur Verfügung steht.

Diese frei werdende Zeit wird zukünftig hauptsächlich durch die Anwendung von Soft Skills ausgefüllt werden. Das bedeutet für einen Trainer: Während z. B. der EGYM Zirkel die Trainingsanpassungen selbstständig leistet, muss der Trainer für Dinge wie Motivation, Spaß oder auch Verständnis bei den Mitgliedern sorgen.

Früher musste der Trainer noch selbst das 1-RM berechnen, um das Trainingsgewicht einzustellen. Diese Skills werden in der Zukunft in einer volldigitalisierten Anlage nicht mehr gebraucht. Die Leistung der Trainer wird hauptsächlich durch die zwischenmenschlichen Fertigkeiten sichtbar.

fM: Wie beurteilen Sie das Potenzial des neuen Studiengangs B. Sc. Sport-/Gesundheitsinformatik?

Dominik Weirich: Wir sehen diesen Studiengang sehr positiv und haben uns selbst dazu entschieden, einen dualen Studenten in diesem Bereich auszubilden. Digitalisierungsexperten der Fitnessindustrie werden zukünftig vermehrt diese Studenten einstellen.

Die Betreiberseite kann von dem Studiengang profitieren, weil im Endeffekt die digitalen Produkte und Dienstleistungen der Fitnessindustrie besser werden. Alles in allem gute Aussichten!


Fazit

Die Digitale Transformation unserer Branche umfasst eine Vielzahl von Faktoren und Schnittstellen, die zukünftig noch gezielter miteinander vernetzt werden müssen.

Insellösungen gilt es zu vermeiden, weshalb die Weiterentwicklung des Fitnessstudios 4.0 ganzheitlich konzipiert und als komplexes Gesamtsystem verstanden werden muss.

Nur wenn es gelingt, die neuen Möglichkeiten gewinnbringend zu implementieren und zu nutzen, können Kunden, Mitarbeiter und das Unternehmen davon langfristig profitieren.

Eines ist sicher, das 'digitale Innovationsrad' dreht sich schnell weiter und wer nicht up to date bleibt, wird es künftig zunehmend schwerer haben, mit dem Fortschritt und den Innovationen Schritt zu halten.