Andrea Milz: „Wichtig ist es, Personen in Bewegung zu bringen, die bislang nicht aktiv waren“

Andrea Milz betont die gesellschaftliche Bedeutung der Fitnessbranche für Prävention, Bewegungsförderung und Vernetzung.
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Zwei nebeneinander angeordnete Porträts, links eine Frau (Staatssekretärin Andrea Milz) vor Flaggenhintergrund (Deutschland und NRW), rechts ein lächelnder Mann im T-Shirt vor blauem grafischem Hintergrund mit Kreis und Anführungszeichen.
Fitnesseckdaten 2026 Interview Politik: Andrea Milz, Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes Nordrhein-Westfalen, ordnet die Rolle der Fitnessbranche im Spannungsfeld von Gesundheitspolitik und Bewegungsförderung ein
Andrea Milz betrachtet die Fitnessbranche als wichtigen Bestandteil der Bewegungsförderung in Nordrhein-Westfalen. Sie ergänzt den Vereinssport. Beide spielen eine zentrale Rolle in der Prävention und Gesundheitsförderung. Durch eine Zusammenarbeit könnten neue Zielgruppen erreicht werden. Künftig soll die Vernetzung mit öffentlichen Strukturen weiter gestärkt werden.

fM: Wo ordnen Sie die Fitnessbranche zu: dem zweiten Gesundheitsmarkt oder doch eher der Freizeitwirtschaft?

Andrea Milz: Die Fitnesswirtschaft richtet sich an den Interessen, Wünschen und an den Erwartungen ihrer Kundinnen und Kunden aus. Für die einen mag das Gesundheitsmotiv ausgeprägter sein – für andere zählen eher Ästhetik oder die Freude an der Bewegung.

NRW hat eine starke Vereinslandschaft. Gleichzeitig trainieren Millionen Menschen in Fitness- und Gesundheitsanlagen. Welche Rolle sollte die Fitnessbranche im Sportland.NRW künftig einnehmen?

Dies entscheidet kein anderer als die Fitnessbranche selbst. Wir erleben seit vielen Jahren, dass Gesundheits- und Sportangebote der Fitnessbranche enorm nachgefragt sind. Die wachsende Nachfrage wird vom organisierten Sport und der Fitness- und Gesundheitsbranche mit unterschiedlichen Angeboten beantwortet.

Es ist aber Platz für beide. Sie ergänzen sich gut und leisten damit einen wichtigen Beitrag zu einem flächendeckenden Angebot an unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten für die Menschen in Nordrhein-Westfalen. Gerade diese Vielfalt und Dichte macht das Sportland.NRW einzigartig.

Sehen Sie in der Fitness- und Gesundheitsbranche eine gleichwertige Ergänzung zum organisierten Sport – oder erfüllen beide unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen?

Ich kenne den organisierten Sport und die Fitness- und Gesundheitsbranche sehr gut. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Neben seiner Kernaufgabe, Sportangebote zu machen, kommt dem organisierten Sport inzwischen eine ganz wichtige gesellschaftliche Aufgabe als Sozialraumakteur zu. Sportvereine sind die soziale Heimat vieler. Aus meiner Sicht sollten sie sich nicht als Konkurrenten verstehen.

Die Fitness- und Gesundheitsbranche leistet einen wichtigen Beitrag zum gesundheitsorientierten Training.

Bewegungsmangel und steigende Gesundheitskosten stellen Politik und Gesellschaft vor große Herausforderungen. Welchen Beitrag kann die Fitnessbranche zur Präventionsstrategie des Landes leisten?

Wichtig ist es, insbesondere die Personen in Bewegung zu bringen, die bislang nicht aktiv waren. Dafür bedarf es einer gezielten Ansprache. Die Fitness- und Gesundheitsbranche leistet durch qualifizierte, individuelle Betreuung, Anleitung und Gesundheitschecks einen wichtigen Beitrag zum gesundheitsorientierten Training. Insbesondere zertifizierte Präventionsangebote und Gesundheitsstudios bieten neben der Bewegung auch Inhalte zu Stressmanagement und einer nachhaltigen Änderung des Lebensstils.

Über die Interviewpartnerin

Andrea Milz – Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes Nordrhein-Westfalen

Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin begann Andrea Milz ihre berufliche Laufbahn 1981 in der CDU-Bundesgeschäftsstelle, wo sie als Sekretärin und Chefsekretärin tätig war. 1990 wechselte sie in die Pressestelle des Bundesministeriums für Post und Telekommunikation. 1995 trat sie in die Deutsche Post AG ein, wo sie im Politikbereich zunächst als Sachbearbeiterin, später als Referentin und schließlich als kommissarische Abteilungsleiterin arbeitete. Von 2000 bis 2017 gehörte Andrea Milz dem Landtag Nordrhein-Westfalen an und war von 2010 bis 2014 stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion. Seit dem 30. Juni 2017 ist sie Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes Nordrhein-Westfalen und engagiert sich für die Stärkung von Sportstrukturen, Ehrenamt und gesellschaftlichem Engagement.

Foto: Land NRW / Ralph Sondermann

Viele Fitnessanbieter erreichen Bevölkerungsgruppen, die im Vereinssport unterrepräsentiert sind. Wie kann diese Reichweite strategisch für öffentliche Bewegungsziele genutzt werden?

Wir befinden uns in der vorteilhaften Lage, dass in unserem Land mit dem organisierten Sport und der Fitness- und Gesundheitsbranche zwei starke Systeme für die Bewegungsförderung der Bevölkerung bestehen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen finden hier eine große Vielfalt von Angeboten, die allen Ansprüchen gerecht werden.

Weitere Interviews und Hintergründe

Die Interviews mit Prof. Dr. Michael Hüther und Prof. Dr. Jörg Loth liest du, indem du auf eines der nachstehenden Bilder klickst.

Lies außerdem unseren Artikel Was prägt den Fitnessmarkt 2026? als Einstieg zum Interview.

Für uns in Nordrhein-Westfalen ist es wichtig, dass Menschen aller Altersgruppen, jedes Geschlechts und jeder Herkunft die Möglichkeit haben, ihre bewegungsbezogenen und sportlichen Ziele zu erreichen und einen gesunden Lebensstil mit Freude zu pflegen.

Ein großer Teil der Fitnessanlagen positioniert sich im Schwerpunkt „Gesundheit“. Welche politischen Rahmenbedingungen wären notwendig, um qualitätsgesichertes Fitnesstraining stärker in Präventionsprogramme und kommunale Gesundheitsstrategien einzubinden?

Fitnessanlagen leisten einen großen Beitrag zur wohnortnahen Zurverfügungstellung von Bewegungs- und Präventionsangeboten. Die Situation vor Ort ist sehr divers. Daher ist ein regelmäßiger Austausch mit der Kommune und weiteren Akteuren vor Ort essenziell. Wir werden auch in Zukunft solche Netzwerke und daraus entstehende Bewegungsangebote fördern.

Wie kann es gelingen, private Investitionen in Gesundheit – wie sie Millionen Menschen in Fitnessstudios tätigen – besser mit öffentlichen Gesundheitszielen zu verzahnen?

Diese Verzahnung findet ja bereits statt. Die Orientierung auf einen gesunden und bewegungsintensiven Lebensstil sorgt ja mit dafür, dass sich die Nachfrage nach entsprechenden Angeboten erhöht. Davon profitieren wir in mehrfacher Hinsicht. Gesundheitlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich.

Auf der Bevölkerungsebene nutzen wir verhältnispräventive Maßnahmen dafür, die Lebensbedingungen für alle Bürgerinnen und Bürger zu verbessern. Für Individuen liegt der Vorteil einer Mitgliedschaft, ob im Sportverein oder in der Fitness- und Gesundheitsbranche, in der Investition in die eigene Gesundheit und Lebenszufriedenheit.

Vorteile für die Teilnehmenden bestehen insbesondere durch Kooperationen, wie beispielsweise im Bereich von betrieblicher Gesundheitsförderung oder ZPP-zertifizierten Kursen.

Die Branche hat in Ausbildung, Professionalisierung und Qualitätsstandards investiert. Was erwarten Sie noch, damit die Branche als verlässlicher Partner wahrgenommen wird?

Es ist uns ein großes Anliegen, unsere förderpolitischen Programme dort, wo es möglich ist, für alle Anbietenden von Sport- und Bewegungsangeboten zu öffnen. Wichtig ist, dass wir mit öffentlichen Mitteln fördern, wo ein tatsächlicher Fehlbedarf in der Finanzierung besteht. Dies bedeutet auch, dass mit den Angeboten keine Gewinnabsichten verfolgt werden dürfen. Sobald diese Voraussetzungen erfüllt sind, freuen wir uns über möglichst vielfältige Anträge. Die Professionalisierung der Fitness- und Gesundheitsbranche steht dabei nicht infrage.

Wenn Sie das Sportland.NRW im Jahr 2035 beschreiben: Welche Rolle spielt die Fitness- und Gesundheitsbranche in einer bewegungsorientierten Gesellschaft der Zukunft?

Bis 2035 werden weitere Innovationen die Sport- und Bewegungslandschaft prägen. Ich gehe davon aus, dass uns ein noch stärker individualisiertes und systemisch angelegtes Training erwartet. Sicherlich werden dabei auch die vernetzte Gesundheitsbranche mit Ärzten, Krankenkassen und Therapeuten sowie der Einsatz von KI und Wearables eine zunehmend größere Rolle spielen.

Gerade in einer immer höher technisierten Welt und der Möglichkeit der digitalen Teilnahme, wird der persönlichen Interaktion und dem sozialen Austausch eine große Bedeutung zukommen. Ich sehe hier die Fitness- und Gesundheitsbranche nicht nur als Treiber von Entwicklungen, sondern auch in der Verantwortung, starke Communitys zu bilden – für mehr Begegnungen und echte Interaktion.

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