fM: Mehr als zwölf Millionen Mitglieder, über sechs Milliarden Euro Umsatz und mehr als 160.000 Beschäftigte: Wie beurteilen Sie die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fitnessbranche in Deutschland?
Prof. Dr. Michael Hüther: Die Fitnessbranche gehört zu den wichtigsten Dienstleistungsbranchen im wachsenden Gesundheits- und Freizeitmarkt. Besonders wichtig ist die Branche aus ökonomischer Sicht, da sie sich positiv auf das Arbeitsangebot der Volkswirtschaft auswirkt.
Der demografische Wandel führt zusätzlich zu steigender Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen.
Prof. Dr. Michael Hüther – Direktor und Mitglied des Präsidiums am Institut der deutschen Wirtschaft
Die Mitglieder beugen durch ihre Aktivität in den Fitnessstudios präventiv Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen oder Diabetes vor. Damit hilft die Fitnessbranche dabei, dass auch andere Branchen ihre Beschäftigten länger bei hoher Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben einsetzen können.
Wo ordnen Sie die Fitnessbranche zu: dem zweiten Gesundheitsmarkt oder doch eher der Freizeitwirtschaft?
Auch wenn beide Zuordnungen richtig sein können – aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Zuordnung und Weiterentwicklung im zweiten Gesundheitsmarkt besonders wichtig. Es geht darum, das Prinzip „Prävention statt Reparatur“ zu stärken, durch Fitnessangebote einen gesunden Lebensstil als gesellschaftlichen Trend zu prägen und die Schnittstelle zur Medizin auszuweiten – zum Beispiel durch Rehasport, Präventionskurse und BGM.
Letztendlich kann dadurch der erste Gesundheitsmarkt vor dem Hintergrund steigender Herausforderungen im Zuge des demografischen Wandels entlastet werden.
Während das Wirtschaftswachstum in Deutschland stagnierte bzw. sich nur leicht erholte, verzeichnet die Fitnessbranche ein stabiles Wachstum. Wo sehen Sie Ursachen für diese Entwicklung im Vergleich zu anderen Wirtschaftssegmenten?
Die Industriebranchen werden durch mehrere gleichzeitig auftretende disruptive Einflüsse wie Demografie, Digitalisierung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung belastet. Hohe Energiekosten, der Wettbewerb aus China mit einer zu weichen chinesischen Währung und Zölle in den USA belasten die exportorientierten Hochtechnologiebranchen.
Dienstleistungsbranchen sind hiervon weniger betroffen; der demografische Wandel führt zusätzlich zu steigender Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen.
Die Fitness- und Gesundheitsbranche hat sich seit der Jahrtausendwende stark professionalisiert. Die branchenspezifische Fachqualifikation wird durch praxinahe duale Studiengänge sichergestellt, wissenschaftlich fundierte Trainingsmethoden werden eingesetzt. Inwiefern tragen diese Entwicklungen zum langfristigen Wachstum der Branche bei und erhöhen zugleich deren Attraktivität als Arbeitgeber?
Diese Entwicklung ist sehr wichtig und im Kern Voraussetzung dafür gewesen, dass sich die Fitnessbranche zu einem wichtigen Anbieter im stark wachsenden Gesundheitsmarkt transformieren konnte. Die Akademisierung der Ausbildung hilft auch bei der Fachkräftesicherung in der Branche und der Weiterentwicklung der Dienstleistungsangebote.
Über den Interviewpartner

Prof. Dr. Michael Hüther – Direktor und Mitglied des Präsidiums, Institut der deutschen Wirtschaft
Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen promovierte Prof. Dr. Michael Hüther in Volkswirtschaftslehre. 1991 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wo er 1995 zum Generalsekretär befördert wurde. Im Jahr 1999 übernahm er die Position des Chefvolkswirts der DekaBank und wurde 2001 zum Leiter der Abteilung Volkswirtschaft und Kommunikation ernannt. Seit August 2001 ist er Honorarprofessor an der EBS Business School und seit Juli 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Als führender deutscher Wirtschaftsforscher engagiert er sich für die soziale Marktwirtschaft und ist durch zahlreiche Gremienmitgliedschaften, darunter der Aufsichtsratsvorsitz der TÜV Rheinland AG, einflussreich in Politik und Wirtschaft.
Foto: Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V.
DSSV, DHfPG und Deloitte erheben die „Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft“ seit mehr als 35 Jahren. Welchen Stellenwert hat die Studie für das Image der Branche in der Öffentlichkeit und für die Interessenvertretung gegenüber Politik und Entscheidungsträgern?
Daten und Fakten sind wichtig, um die erfolgreiche Transformation der Branche darzustellen und ihre Bedeutung als wichtiger Akteur im zweiten Gesundheitsmarkt zu betonen. Der demografische Wandel führt unter sonst gleichen Bedingungen zu stark steigenden Gesundheitskosten und Belastungen bei den Lohnnebenkosten. Durch die Professionalisierung der Branche kann die Fitnesswirtschaft helfen, präventiv und damit investiv zu wirken und die Belastungen des demografischen Wandels für die Volkswirtschaft zu mildern.
Wie trägt die Fitness- und Gesundheitsbranche aus Ihrer Sicht zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung bei?
Zum einen direkt als Branche, die Dienstleistungen in den Bereichen Freizeit und Gesundheit erbringt. Darüber hinaus wirkt sie sich indirekt aus, indem sie, wie die Weiterbildungsbranche, einen Beitrag zum Humankapital der Volkswirtschaft leistet. Bildung und Gesundheit entscheiden darüber, ob es uns in einer alternden Gesellschaft gelingt, die Herausforderungen der Transformation zu meistern und den Wohlstand zu sichern.
Regelmäßige körperliche Aktivität trägt zur langfristigen Gesunderhaltung der Bevölkerung bei, im demografischen Wandel zählt „arbeitsfähig bleiben“ mehr denn je. Welche Rolle spielt die Fitness- und Gesundheitsbranche, um die Beschäftigungsfähigkeit der Erwerbstätigen langfristig zu sichern?
Wir werden im demografischen Wandel unseren Wohlstand nur halten können, wenn wir das Arbeitskräfteangebot des Einzelnen erhöhen – hierzu gehören die Ausweitung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit und eine längere Lebensarbeitszeit.
Neben besseren Erwerbsanreizen, die die Politik schaffen muss, sind auch die Unternehmen gefragt. Dabei werden beispielsweise Maßnahmen aus dem BGM relevant, die die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen innerhalb Deutschlands sowie im internationalen Vergleich sichern. Dazu gehören bei den Unternehmen drei Dinge: Investitionen in Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in Weiterbildung und in Gesundheit.
Ist Prävention aus Ihrer Sicht auch ein unterschätzter Hebel im War for Talents?
Ja, Unternehmen konkurrieren um einen knapper werdenden Fachkräftenachwuchs. Daher ist die Attraktivität als Arbeitgeber wichtiger denn je. Eine Unternehmenskultur, in der Werte wie Weiterbildung, Entwicklung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Gesundheit im Alltag gelebt werden, ist neben den Hard Facts entscheidend im Kampf um Talente.
Mehr Fitness und Prävention entlasten langfristig die Sozialversicherungssysteme und sind eine wertvolle Investition in Humankapital und Standortqualität. Stimmen Sie zu?
Diese These bringt die Bedeutung der Fitnessbranche sehr gut auf den Punkt.
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Die Interviews mit Prof. Dr. Jörg Loth und Andrea Milz liest du, indem du auf eines der nachstehenden Bilder klickst.
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