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Laufend in Bewegung

Die fitness MANAGEMENT traf Prof. Dr. Thomas Wessinghage zu einem Hintergrundgespräch im Rahmen des Aufstiegskongresses 2017.

Thomas Wessinghage - der Leichtathlet

65 Jahre jung ist Thomas Wessinghage. Während viele Menschen sich in seinem Alter über den Eintritt in den Ruhestand freuen und ihr Rentnerdasein genießen, steht er vor mehr als tausend Gästen im Mannheimer Kongresszentrum und führt moderierend durch den Aufstiegskongress. Markante Gesichtszüge, graumeliertes Haar, gedeckter Anzug. Sein äußeres Erscheinungsbild entspricht seiner augenfälligen Verfassung: gesammelt, charmant in der Ansprache, fokussiert auf den Inhalt, geschliffen im Wort. Alle schauen auf ihn, wenn er einführt, überleitet oder zusammenfasst. Die große Bühne und das Scheinwerferlicht aber überlässt er bereitwillig den Vortragenden und Referenten.

Verständlich, kennt er doch seit jungen Jahren das Gefühl, im Rampenlicht zu stehen und alle Blicke auf sich zu ziehen: Auf den Sportler, den Arzt, den Direktor, den Dozenten, den Professor und den Prorektor. Das Wissen darum, dass es so ist, wie es ist, hat er angenommen, auch wenn er diese Erfahrung seinerzeit nicht gesucht hat. „Ich war durchaus begabt. Aber ich war immer schüchtern. Ich war nicht derjenige, der sich selbstbewusst an die Spitze gestellt hat“, resümiert Thomas Wessinghage. „Aber ich habe in meinem Leben erfahren, was in einem Menschen stecken kann, und was man mit Beharrlichkeit, guten Ratschlägen von außen und einer gewissen Dosis von Demut und Zweifeln zustande bringen kann.“

Wie es der Zufall wollte: Der Leichtathlet
Wie es der Zufall wollte, einem Schulkameraden verdankt Thomas Wessinghage, dass aus einem sportlich interessierten jungen Menschen ein Sportler von Weltklasse wurde. Er war 14 Jahre jung und beendete die Bundesjugendspiele mit dem traditionellen Dreikampf aus Laufen, Springen und Werfen als Jahrgangs- und Schulbester. Ein Schulkamerad redete ihm zu, auch im erstmals ausgetragenen Einzelwettkampf über 1.000 Meter anzutreten. „Ich lief ganz gut, wurde Dritter“, erinnert er sich. „Und das war dann der Beginn meiner Karriere.“ Vom beschaulichen TuS Nammen in der Stadt Porta Westfalica, da, wo sich der Mittellandkanal und die Weser treffen, ging es anschließend „laufend“ in die weite Welt.

Die sportlichen Erfolge bescherten ihm viele Titel und Medaillen. 22-mal wurde Thomas Wessinghage Deutscher Meister. In Athen feierte er mit dem Gewinn der Europameisterschaft seinen größten Erfolg. Mehrfach wurde er Hallen-Europameister, beim Weltcup stand er ganz oben. Er war Olympiateilnehmer bei den Spielen in München und Montreal. Und er hält den ältesten, immer noch gültigen deutschen Rekord einer olympischen Laufdisziplin der Männer, den über 1.500 Meter, aufgestellt vor mehr als 37 Jahren in Koblenz.

Der Aufwand lohnte
Was aber nach 20 Jahren Leistungssport bleibt, ist für Thomas Wessinghage viel mehr als Siege und Medaillen. Ob seine sportliche Karriere allen Aufwand gelohnt hat? „Ja, natürlich“, schaut er in sich ruhend zurück. „Da brauche ich keine Zehntelsekunde zu überlegen.“ Und mit dem gebührenden Abstand sowie der zwischenzeitlich gewonnenen Lebens- und Berufserfahrung führt Thomas Wessinghage seine Gedanken aus. Und in der Art und Weise seiner Schilderungen spürt man, wie sehr es Thomas Wessinghage selber immer noch kaum glauben kann, welches Glück ihm Dank des Sportes zu Teil wurde. „Es hat sich gelohnt, einen Weg zu gehen, der nicht einfach ist. Der demjenigen, der ihn geht, irgendwann signalisiert: Du kannst es schaffen, oder du hast es geschafft. Du hast mehr erreicht, als du dir in früheren Jahren hättest ausmalen können. Du hast dich über Grenzen hinweg bewegt, die dir unüberwindlich schienen. Man erkennt, wie viel man mit Beharrlichkeit und mit Durchsetzungskraft erreichen kann. Das war auch eine Schule für das Leben, die ich durchlaufen habe.“

Es ist kein Zufall, dass Thomas Wessinghage in der Leichtathletik „so glücklich geworden“ ist. Leichtathletik ist eine „geradlinige Sportart, die grundlegend einfach ist. Da stehen zehn Leute am Start. Und wer zuerst am Ziel ist, hat gewonnen.“ Und sie sei „ein sehr kameradschaftlicher Sport“. Thomas Wessinghage erinnert sich, selbst, als er auf seinem höchsten Niveau gelaufen sei, „hatte ich trotzdem viele Freunde“ unter den Läufern. Diese Freundschaft sei auch ein Grund gewesen, mit 35 Jahren noch zu laufen. „Wir haben uns immer wieder getroffen, national wie international.“ Und am Ende vieler Rennen haben sich die Gegner auf der Bahn als Freunde in den Armen gelegen.

Auch wenn er mit Leib und Seele Sportler war und ist, so war er doch nie ein Spieler. Dazu taugte schon sein Name nicht: Thomas, in der biblischen Tradition der Zweifler. „Dieser Thomas hat auch immer daran gezweifelt, dass er mal ein toller Sportler wird“, gesteht er freimütig ein. „Ich orientierte mich immer an der nächsten Aufgabe, immer alles Schrittweise.“

Auf Rat seines Vaters: Der Arzt
Und weil er so ist, wie er ist, ist es nur allzu verständlich, dass er trotz aller Erfolge seine Zukunft nicht allein auf den Sport und die Leichtathletik setzte. Dass er Medizin studierte, verdankt er dem Rat seines Vaters. Wie sich die Muster gleichen. Auch zur Leichtathletik kam er auf Empfehlung, auf die eines Schulkameraden.

„Arzt bin ich geworden, weil mein Vater zu mir sagte, du wirst Arzt. Das sei genau das Richtige für mich.“ Thomas Wessinghage selber wäre gerne Lehrer geworden, Lehrer für Englisch, Geschichte und Sport. Aber sich gegen seinen Vater aufzulehnen, war für ihn keine Option. „Vielleicht fehlt mir dieses starke Revoluzzer-Gen.“ Sein Abitur jedenfalls eröffnete ihm alle Möglichkeiten. Weil aber neben seinem Vater auch die Berufsberatung ihm das Medizin-Studium wärmstens empfahl, schrieb er sich ein. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Ich ging einfach hin und machte mit. Und dann stellte ich fest, dass es sehr spannend ist.“

Andere wussten weniger
Bei aller Begeisterung für das Studium, seine Leidenschaft galt auch weiterhin dem Sport. Zumal er nicht erst beim Staatsexamen feststellte, „dass andere, die keinen Sport trieben, weniger wussten“ als er. Der Grund ist für ihn einfach wie naheliegend. „Der Sport hat mir die Fähigkeit gegeben, konzentriert und zielorientiert zu arbeiten“, resümiert Thomas Wessinghage. Während seiner Zeit als Assistenzarzt merkt er schnell, wo seine besonderen Fähigkeiten wie Fertigkeiten liegen, und auf welchem Gebiet er sich weiter qualifizieren wolle. Seine manuelle Geschicklichkeit war eine ideale Voraussetzung für ihn als Operateur. Der weiteren Tätigkeit in der Orthopädie und Unfallchirurgie folgte später die Approbation zum Facharzt für Orthopädie.

Thomas Wessinghage ist erst 25 Jahre jung, als er sein Medizinstudium erfolgreich mit dem zweiten Staatsexamen abschließt. Nach Stationen als Assistenzarzt übernimmt er bereits zehn Jahre später die ärztliche Leitung und Geschäftsführung der Tagesklinik Reha-Zentrum Nord in Norderstedt. Und in der Leichtathletik sollten noch viele weitere Höhepunkte folgen: die Europameisterschaft, der Weltcupsieg, mehrere Deutsche Meister-Titel und -Rekorde.

So unheimlich manchem diese Erfolgsgeschichte auch erscheinen mag, Thomas Wessinghage macht im Gespräch nicht den Eindruck, von seiner sportlichen, studientechnischen wie beruflichen Entwicklung besonders überrascht zu sein, allenfalls von dem eingeschlagenen Tempo. Seinem Naturell entsprechend verweist er auf „eine gewisse Ausdauer“. Das „bisschen Dickköpfigkeit, verbunden mit einer gewissen Resillienz“, erinnere ihn immer wieder an seine westfälische Heimat. Sie sei der Grund, dass eben „diese Wege so geradlinig verlaufen sind“.

Sehnsucht nach Europa
„Wie ich bin“, erlebte Thomas Wessinghage in besonderer Weise als 30-Jähriger während eines bewusst angestoßenen „Strebens nach draußen“. Auch wenn er während seines sechsmonatigen USA-Aufenthaltes feststellte, dass die Medizin „dort viel besser sei als in Deutschland“, dass er „heute viel wohlhabender hätte sein können, wenn er in den Staaten geblieben wäre“, aber im gleichen Zug spürte er auch, „dass das Fundament der Gesellschaft für einen dickköpfigen Westfalen zu labil und künstlich ist“. Nach einem halben Jahr Arbeit in den USA hatte er „Sehnsucht nach zu Hause, nach europäischer Kultur, nach Tradition und Werten“. In den USA wurde der Deutsche Thomas Wessinghage „zum bekennenden Europäer“.

Gemeinsam im Austausch mit anderen Experten verschiedener Fachrichtungen lohnende Vorhaben an der Schnittstelle von Gesundheit, Prävention und Rehabilitation aufzusetzen und strategisch nachhaltig im Interesse aller Beteiligten zu begleiten, darin sieht Thomas Wessinghage seine berufliche Erfüllung. Nicht, „dass zehn Leute zu mir kommen und mir ihre Beschwerden schildern“, treibt ihn um, „sondern mit anderen herauszufinden, wie es gelingt, dass 20 andere Patienten diese Beschwerden erst gar nicht erleiden“.

Wir können es schaffen
„Wir können es schaffen, wenn wir es denn selber wollen“, seine Botschaft ist ein Appell zur Selbstbestimmung, sein Credo ein Aufruf zu lebenslanger Bewegung. Und da ist er, der leidenschaftliche Sportler im Arzt. „Wir leben heute in einer Welt“, so führt Thomas Wessinghage weiter aus, „in der die meisten gesundheitlichen Beschwerden Lebensstil bedingt sind. Das meiste, was uns heute zusetzt, auch finanziell, ist hausgemacht“.

Im Sport habe er erfahren, was man durch eigenes Zutun erreichen kann, „wenn man konsequent ist und ein wenig analytisch vorgeht, die eigenen Stärken und Schwächen kennenlernt und daraus einen Handlungsplan entwickelt“. Und denen, die es alleine trotz aller Versuche nicht schaffen, denen bleibt das medizinische System zur Unterstützung.

Thomas Wessinghage erweist sich dabei keineswegs als „Gegner des medizinischen Systems“, vielmehr als deren Befürworter und Beschützer. „Ich versuche nur das System soweit zu entlasten, dass es funktionstüchtig ist und bleibt.“ Gerade weil er die Menschen immer wieder an ihre Selbstverpflichtung erinnert, und diese über Bewegung ihren Teil zum Guten verändern, sei Thomas Wessinghage „nicht für den Praxisalltag geeignet“. Ich bin nicht „der Arzt, der in seiner Praxis sitzt und jedem ein Medikament verschreibt“.

Seine Bestimmung: Der Professor
Dieser Auftrag „Wir schaffen das oder du schaffst es“ ist seine Bestimmung. Für die Einlösung dieser Überzeugung wirbt er, als Referent, Moderator und Professor mit, wie er von sich selber sagt, „westfälischer Ausdauer, nordischer Weitsicht und süddeutscher Kompetenz“. Als Prorektor der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement DHfPG nimmt er sich dabei selber in die Verantwortung. „Es sind vornehmlich junge Menschen, die an entscheidender Stelle ihres Lebens stehen und sich dann für die DHfPG entscheiden. Denen haben wir als Hochschule seriös, kompetent und verlässlich mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“ Dabei bildet die Hochschule mit ihrer über die Jahre konsequent ausgerichteten Spezialisierung auf duale Bachelor- und Master-Studiengänge den Trend der Zeit optimal ab. Engagierten und hinreichend qualifizierten Absolventen eröffnen sich vielfältige Karrierechancen in einem vielfältigen Zukunftsmarkt, ist sich Thomas Wessinghage sicher.

65 Jahre jung ist Thomas Wessinghage. Seine Erfahrungen als Sportler und Arzt, als Referent und Hochschullehrer haben ihn zu einer Persönlichkeit reifen lassen, die überzeugend auftritt, aber nicht laut, Präsenz zeigt, sich aber nicht in den Mittelpunkt drängt.

Von der Fitnessbranche überzeugt
Thomas Wessinghage tut der Fitnessbranche gut. Er ist überzeugt, dass sie fit ist für die Zukunft. Erstens vertrete sie „ein zukunftsfähiges Produkt“. Heute wissen wir, was wir vor zwanzig Jahren noch nicht wussten: Fitness hat sich als Bewegung durchgesetzt. Zweitens, die Wachstumszahlen bestätigen diesen Eindruck. Und Drittens, die Fitnessbranche wird immer kreativer. Das eine Studio der Zukunft gibt es in seinen Augen nicht. „Der stete Abgleich und das ständige passgenaue Eingehen auf Wünsche, Hoffnungen, Ziele und Träume der Kunden, das wird die Zukunft sein“, prophezeit Thomas Wessinghage.

Laufend in Bewegung. Für Thomas Wessinghage ist dieses Prinzip „wesentliches Merkmal persönlicher Lebensqualität“, für die Fitnessbranche Ausdruck ihres Selbstverständnisses. Denn Bewegung macht fit für die Zukunft, Personen wie Branchen.

Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 02/2017

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