Gesundheit | Autor: Sabine Kind, Matthias Schömann-Finck, Sarah Staut |

Ältere Menschen – eine unterschätzte Zielgruppe für Fitness-Studios?

Deutschland wird älter! Mit steigendem Alter gehen viele Einschränkungen einher, wie beispielsweise abnehmender Leistungsfähigkeit, was unter anderem dazu führt, dass der Körper für Krankheiten anfälliger und die Selbstständigkeit vermindert wird.

Problemstellung
Mittlerweile ist bekannt, dass Bewegungsmangel bzw. -armut eine ähnlich schädigende Wirkung auf die Gesundheit hat wie Rauchen. Anstatt sich im Alter auszuruhen, ist es essenziell, den Körper in Bewegung zu halten. Jedoch geht es hierbei nicht um Wettkampfcharakter, vielmehr steht der Erhalt von Koordinationsfähigkeiten und Beweglichkeit im Vordergrund, um Alltagsanforderungen besser erfüllen und Erkrankungen vermeiden zu können. Dennoch fehlt es Senioren oftmals an Bewusstsein, wie relevant Sport und Bewegung im Alter ist und welche Vorteile ein gesundheitsförderlicher und aktiver Lebensstil mit sich bringt. Genau hier liegt das Präventionspotenzial: es müssen Maßnahmen von Seiten der Gesundheitsstudios, Präventionsanbietern, aber auch der Kommunen getroffen werden, um Senioren für einen gesundheitsbewussten Alltag zu sensibilisieren und dementsprechend Gesundheits- und Beweglichkeitskompetenz aufbauen bzw. erhöhen zu können. Zudem spielt auch die soziale Komponente, ein nicht unbeachtliches Kriterium, eine wichtige Rolle, um Senioren mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen zu können.

Das Ausmaß sportlicher Aktivität in der Gesellschaft ist im Zuge der Diskussion um die Ausbreitung von „Zivilisationskrankheiten“ wie Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes ein wichtiges Thema. Denn regelmäßig ausgeübte körperliche Aktivität ist ein zentraler Schutzfaktor zur Prävention von vielen der chronisch-degenerativen Erkrankungen, die nicht nur die Betroffenen durch langwierige Krankheitsverläufe enorm belasten, sondern die auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht durch Therapiekosten, Arbeitsausfälle, etc. eine große Belastung darstellen.

Die Empfehlungen für gesundheitsförderliche körperliche Aktivität liegen bei mindestens 150 Minuten moderat intensive körperliche Aktivität/Woche, ergänzt durch zwei Einheiten muskelkräftigender Aktivität (Rütten & Pfeifer, 2016). Aussagen darüber, wie viele Menschen körperlich aktiv sind und wie viele Menschen die Empfehlungen für gesundheitswirksame körperliche Aktivität erreichen, sind allerdings schwierig zu erhalten. Befragungen, die oft die Grundlage epidemiologischer Studien darstellen, beinhalten aus methodischer Sicht die Gefahr, dass Personen sich entweder nicht korrekt erinnern oder aber, dass Effekte „sozialer Erwünschtheit“ das Antwortverhalten der Befragten verzerren. Das bedeutet, dass die befragten Personen, beispielsweise weil sie wissen, dass ein ausreichender Umfang körperlicher Aktivität in der Gesellschaft positiv angesehen ist, eben dieses erwünschte Verhalten als ihr eigenes angeben und somit die Erhebung verzerren.

Eine Erhebungsmethode, die von der Befragung abweicht, ist die Erhebung der täglichen Zeitverwendung durch Tagebücher, in denen die Probanden in kleinen Intervallen (z. B. 10 Minuten) im Tagesverlauf notieren, was sie tun. Dies stellt zwar für die Versuchspersonen einen großen Aufwand dar, ermöglicht jedoch genauere Aussagen, da Erinnerungslücken und Effekte sozialer Erwünschtheit weniger auftreten. Diese Art der Erhebung wird vom Statistischen Bundesamt für die alle zehn Jahre durchgeführte Zeitverwendungserhebung genutzt. Die Ergebnisse der Erhebung von 2012/13 wurden 2017 in einem Berichtsband veröffentlicht. Dieser zeigt hinsichtlich der sportlichen Aktivität interessante Differenzen zu anderen Studien. Die Erkenntnisse der Zeitverwendungserhebung könnten auch die Angebotsgestaltung von Fitness- und Gesundheitseinrichtungen beeinflussen.

Die Auswertung der Autoren Klein, Gruhler und Rapp zur Sportaktivität zeigt, dass im Gegensatz zu anderen Studien mutmaßlich noch weniger Personen sportlich aktiv sind als bislang vermutet. Die Auswertung wirft aber auch ein anderes Licht auf ältere Menschen und auf die Beliebtheit bzw. Bedeutung von Fitness und Gesundheitssport (Kategorie „Gymnastik/Fitness/Ballett und Tanzen/ Gesundheitssport“).

Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass gemäß der Zeitverwendungserhebung die sportliche Aktivität mit dem Alter zunimmt. Insbesondere für Aktivitäten von mehr als 10 Minuten Dauer zeigt sich ein deutlicher Anstieg. An einem zufällig ausgewählten Tag üben knapp ein Viertel der 74-jährigen eine solche Aktivität aus (im Vergleich: bis zum sechsten Lebensjahrzehnt liegt dieser Wert bei rund 15 Prozent).

Im Zusammenhang mit der Zunahme sportlicher Aktivität stellt sich die Frage, welche Sportarten die verschiedenen Altersklassen ausüben. Denn es steht zu vermuten, dass in älteren Altersklassen der Fokus vorwiegend auf schonenden, weniger intensiven und gesundheitsförderlichen Aktivitäten liegt. Und genau dieses Bild zeigt die Auswertung der Daten: Rad- und Wassersport als individuell gut steuerbare Ausdaueraktivitäten werden häufiger ausgeübt, während Ballspiele rückläufig sind. Am stärksten ist der Zuwachs jedoch in der Kategorie „Gymnastik/ Fitness/Ballett und Tanzen/Gesundheitssport“. Diese stellt generell die beliebteste Sportkategorie über alle Altersklassen dar, ab dem vierzigsten Lebensjahr ist zudem ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen.

Durch spezielle Trainings- und Kurskonzepte die Zielgruppe der Senioren erreichen
Nach den Daten der Zeitverwendungserhebung werden Aktivitäten wie Gymnastik, Gesundheitssport, Herzsport oder Rückenschule mit steigendem Alter immer interessanter. Hier gilt es insbesondere zu berücksichtigen, dass viele ältere und alte Personen mit der sportlichen Aktivität dann beginnen, wenn die Leistungsfähigkeit bereits eingeschränkt ist und bestehende Gesundheitsprobleme die Veranlassung für die Aufnahme der Aktivität stellen (beispielsweise Herzprobleme).

Eine Herausforderung für Vereine, Fitness-Studios und weitere Sportanbieter besteht darin, Initiativen zu ergreifen, um Senioren für Sport zu motivieren, ggf. sogar zu begeistern und langfristig zu binden. Dieser Artikel soll an einem Beispiel zeigen, wie Trainings- und Betreuungsangebote für die Zielgruppe Senioren gestaltet sein können.

Trainingsangebote für ältere und alte Menschen optimal ausrichten
So genannte psycho-edukative Kurskonzepte stellen ein gutes organisatorisches Rahmenkonzept für den Einstieg dar. Sie ermöglichen den Fitnessanbietern eine gezielte Kundenansprache, erhöhen die Kundenbindung und können als Wegbereiter für zukünftiges individuelles Training dienen.

Das primäre Ziel dieser Kurskonzepte besteht in der Vermittlung von Handlungskompetenzen. Durch den Erwerb dieser Kompetenzen wird die Aufrechterhaltung körperlicher Aktivität verstärkt und das Sturzrisiko reduziert. Außerdem spielen psychosoziale Komponenten eine weitere wichtige Rolle. Gleichgesinnte treffen sich, bilden Gruppen, motivieren sich gegenseitig, tauschen sich aus und erwerben somit gleichzeitig wichtige soziale Ressourcen.

Bedarfsanalyse
Um ein zielgruppenadäquates Konzept anbieten zu können, sollte zu Beginn eine Bedarfs-, u. U. auch Problemanalyse erfolgen. Es sollten z. B. Daten und Fakten zu vorrangigen Zielsetzungen von Senioren bzw. Motive zur Ausübung sportlicher Aktivitäten bzw. recherchiert werden. Hierzu gehören u. a. besondere Vorlieben in der Art und Dauer, bevorzugte Uhrzeiten (der späte Abend ist für diese Zielgruppe eher ungeeignet), besondere körperliche und mentale Voraussetzungen, besondere Einschränkungen usw.. Die Basis für eine solche Bedarfsermittlung können z. B. wissenschaftliche Veröffentlichungen in verschiedenen Fachzeitschriften, spezielle Fachbücher, etc. bilden. Die Bedarfsanalyse hat auch den Hintergrund sich näher mit der Zielgruppe auseinanderzusetzen.

Zielgruppe und Zielsetzung
Basierend auf der Bedarfsanalyse ist die Zielgruppe, die mit dem Kurskonzept angesprochen werden soll, näher zu definieren. Dabei sollten verschiedene Merkmale, wie z. B. Alter, Geschlecht und Lebensverhältnisse Berücksichtigung finden.

Neben der Zielgruppe sollten auch die Ziele, die mit dem Kurskonzept erreicht werden sollen, definiert werden (z. B. Steigerung der körperlichen Fitness und Belastbarkeit, Steigerung der Beweglichkeit, Sturzprophylaxe,...). Damit später die Zielerreichung im Rahmen einer Erfolgsevaluation auch überprüft werden kann, sollten die Kursziele möglichst quantifizierbar formuliert und geeignete Zielindikatoren gefunden werden.

Inhaltlich-organisatorische Konzeptplanung
Nachdem das Thema, die Zielgruppe und die Zielsetzung festgelegt wurden, geht es an die konkrete Konzeptplanung. Dabei sollten die in Tabelle 1 aufgeführten Punkte beachtet werden.

Detailplanung des Kurskonzeptes
Nach der Grobplanung erfolgt die inhaltliche Detailplanung des Kurskonzeptes unter Angabe der Themenschwerpunkte der einzelnen Kurseinheiten, der konkreten Lernziele und -inhalte für alle theo-retischen und praktischen Kurseinheiten. Ebenso sollten Hinweise zur methodischen Gestaltung enthalten sein. Der didaktisch-methodische Kon-zeptaufbau sollte unter Einbezug der definierten Zielgruppe, der übergeordneten Kursziele und der wissenschaftlichen Evidenz erfolgen

In Tabelle 2 ist beispielhaft ein Auszug aus einem Kurskonzept für Senioren dargestellt.

Im Anschluss an die letzte Kursstunde sollte eine Evaluation durchgeführt werden. Hierbei könnte den Kursteilnehmern mithilfe von Fragebögen oder einer Diskussionsrunde die Möglichkeit geboten werden, ein Feedback zu geben, um etwaige Anpassungen des Kurses vornehmen zu können.

Fazit
Die Erkenntnisse der Zeitverwendungserhebung legen dar, dass Senioren durchaus aktiv und interessiert an sportlichen Aktivitäten sind. Dieser Aspekt verdeutlicht, dass Senioren für die Gesundheits- und Fitnessbranche eine interessante Zielgruppe darstellt und dementsprechend erfolgsversprechende Angebote konzipiert werden sollten.

Eine systematische Konzeptplanung, bestehend aus einer Bedarfsanalyse, einer daraus abgeleiteten Zielgruppendefinition und Zielformulierung, sowie einer darauf aufbauenden inhaltlichen und methodischen Detailplanung, orientiert am Stand der wissenschaftlich verfügbaren Evidenz. Ebenso ist der Einsatz von geeigneten Fachkräften für die qualitätsgesicherte Entwicklung und Umsetzung entsprechender Konzepte von elementarer Bedeutung. Als Anbieter sollte man außerdem prüfen, ob Kooperationen (z. B. mit kommunalen Einrichtungen) möglich sind. Dies kann z. B. ein wesentlicher Vorteil zur Erreichbarkeit Zielgruppe sein. Regelmäßiges Training ist ein Garant für den Erfolg. Aus diesem Grund sind fest geplante Trainingstage unabdingbar, um Ziele zu erreichen. Zudem fungieren Fitnessstudios bzw. Kursräume als Begegnungsstätten und bieten Anlass, Kontakte zu knüpfen und Gruppendynamik zu fördern.

Als weiteren Anreiz bietet es sich außerdem an, am Ende des Kurses oder bei einem Nachtreffen einen kleinen Kaffee-/Kuchen-Event mit kleiner Tombola o. ä. zu veranstalten.

Sabine Kind
Sabine Kind studierte den „Master of Arts” Gesundheitsmanagement an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement DHfPG. Seit 2011 ist sie an der DHfPG und ihrem Schwesterunternehmen BSA-Akademie als Dozentin im Fachbereich Gesundheitswissenschaften tätig. Des Weiteren ist sie Autorin von Fachartikeln und gefragte Expertin zu Fitness- und Gesundheitsthemen.

Sarah Staut
Sarah Staut arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin an der DHfPG sowie der BSA-Akademie im Fachbereich Gesundheitsförderung/Betriebliches Gesundheitsmanagement. Praktische Erfahrungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement sammelte sie bereits in namhaften Unternehmen. Dort wirkte sie bei der Planung und Umsetzung betrieblicher Gesundheitsprogramme und der psychischen Gefährdungsbeurteilung mit.

Matthias Schömann-Finck
Matthias Schömann-Finck, M.A., M.Sc., erreichte einen Magisterabschluss in Politikwissenschaft und Geschichte 2005 und schloss ein Masterstudium „Patient Management“ 2006 erfolgreich ab. Parallel zu einer Karriere im Leistungssport verantwortet der Doppelweltmeister im Rudern dort die Studienmodule „Gesundheitssystem und Prävention“ und „Konzepte und Strategien der individuellen Gesundheitsförderung“. 

Auszug aus der Literaturliste
Klein, T., Gruhler, J. & Rapp, I. (2017) Sportaktivität – Verbreitung und soziale Unterschiede. In Statistisches Bundesamt (Destatis) (Hrsg.), Wie die Zeit ver-geht. Analysen zur Zeitverwendung in Deutschland. Beiträge zur Ergebniskonferenz der Zeitverwendungserhebung 2012/2013 am 5./6. Oktober 2016 in Wiesbaden (S. 149 - 162). Wiesbaden.

Rütten, A. & Pfeifer, K. (Hrsg.). (2016). Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. Erlangen: Friedrich-Alexander-Universität Er-langen-Nürnberg.

Für eine vollständige Liste kontaktieren Sie bitte: marketing@dhfpg-bsa.de

Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 02/2017

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mfhc Ausgabe 02/2017

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