Fitness, Management | Autor: Jürgen Wolff |

Ulf Bengtsson: Top-Athlet und Fitnessunternehmer

Von einem kleinen Ort im Westen Schwedens an die Weltspitze: Der Fitnessunternehmer Ulf Bengtsson ist einer der bekanntesten Bodybuilding-Athleten seines Heimatlandes. Er erlebte die Bodybuilding-Szene in Venice in den Siebzigerjahren hautnah mit, gründete in den Achtzigerjahren World Class Fitness und entwickelte die Kette zu einem Multimillionen-Unternehmen – um nur einige Meilensteine seiner Karriere zu nennen. Heute betreibt er Premiumstudios in Tschechien, Kroatien, Polen, Rumänien und Belgien. Im Gespräch mit fitness MANAGEMENT (fM) verrät Ulf Bengtsson, warum er so erfolgreich ist, wie er mit Rückschlägen umgeht und wie es ihm gelang, immer wieder neue Maßstäbe zu setzen.

Gründer von World Class Fitness war schon als BB-Athlet in den 1970ern Weltklasse

Seine Karriere ist 'selfmade' und verlief so einzigartig wie vielfältig: Sie ist geprägt von der Leidenschaft für gutes Training, dem Willen, sein Leben selbst zu gestalten, der Fähigkeit, sich selbst maximal zu fordern, der Entschlossenheit, immer wieder Grenzen zu verschieben und dem Mut, dabei Risiken einzugehen.

Ulf Bengtsson ist international einer der erfolgreichsten Fitnessunternehmer. Er baute das Unternehmen World Class Fitness aus dem Nichts auf, brachte es an die Börse, verlor es auf dramatische Weise und ist nicht minder erfolgreich wieder zurückgekommen.

Am Anfang war der Spaß am Training

Ulf Bengtsson (Jahrgang 1954) stammt aus Arvika, einem kleinen Ort in der mittelschwedischen Provinz Värmland, die an der Grenze zu Norwegen liegt. Seit der Kindheit sportbegeistert, begann er in seiner Jugend zunächst als vielversprechender Diskuswerfer und entdeckte dadurch seine Leidenschaft für das Krafttraining, das für die Werfer mit zunehmendem Alter immer wichtiger wurde.

Er begann Kraftdreikampf und Gewichtheben zu trainieren und fand Gefallen am Bodybuilding. Es ist bezeichnend für den Ausnahmesportler, dass er dieser Leidenschaft konsequent nachging. Im Alter von 19 Jahren wurde er Landesmeister im Bodybuilding sowie als schwedischer Meister im Gewichtheben in die Nationalmannschaft berufen und stellte Landesrekorde auf.

Im Winter nachts Schlittschuhlaufen

Bereits als Jugendlicher war Ulf Bengtsson klar, dass er mehr vom Leben wollte, als ihm sein idyllischer Heimatort bieten konnte. Permanentes Lernen und schulische Bestleistungen hatte er schon früh als Schlüssel und Wegbereiter erkannt, um es von Arvika nach Stockholm und darüber hinaus zu schaffen.

Um sich selbst herauszufordern und die Grenzen seiner Belastbarkeit zu erweitern, war Ulf Bengtsson nicht zimperlich: „Ich bin im Winter nachts aufgestanden, um Schlittschuh zu laufen“, schildert er.

Bei minus 20 Grad trug ich nur ein T-Shirt und habe mehrere Runden auf dem See gedreht. Dass ich nicht aufgegeben habe, war Motivation für mich und der Beweis, dass ich in Zukunft alles schaffen kann.“

Universitätsabschluss trotz Vorurteilen

Nach seinem Schulabschluss als Jahrgangsbester wurde er am renommierten Royal College of Physical Education in Stockholm aufgenommen, heute The Swedish School of Sport and Health Sciences, GIH.

Als erster an diesem Institut eingeschriebener Bodybuilder musste er mit Vorurteilen kämpfen. So fragte ihn der berühmte Physiologe und Sportwissenschaftler Per-Olof Åstrand, wie er es geschafft habe, eine Hochschulqualifikation zu erlangen. Ein außergewöhnlich gut trainierter Körper stand für viele Menschen im Widerspruch zu Intelligenz und Bildung.

Diese Vorurteile wollte der Bodybuilder widerlegen, sie dienten ihm als zusätzlicher Ansporn, die höchstmögliche Ausbildung zu erlangen.

1976 machte er seinen Universitätsabschluss in Physiologie mit Bestnoten und wurde als akademischer Mitarbeiter am Institut angestellt. Mehrere Wochen lang arbeitete Ulf Bengtsson als Hochschullehrer, entschied sich dann aber, seine Karriere als Profi-Athlet fortzuführen.

„Die Wochen an der Universität waren die einzigen in meinem Leben, in denen ich als Angestellter ein normales Gehalt bekam“, sagt der Unternehmer rückblickend.

Von der Universität an den Muscle Beach

„Ich wollte aus Schweden raus, um mehr zu lernen und mehr Erfahrungen zu sammeln“, erklärt er. „Venice Beach war damals DER Ort für Bodybuilder, da musste ich hin!“ Gesagt, getan. So zog Ulf Bengtsson 1976 mit allem, was in eine Tasche passte, in das Mekka des Bodybuildings.

„Die Anfangszeit dort war nicht leicht“, reflektiert er. „Ich habe Frank Zane kennengelernt (Anm. d. Red.: US-Bodybuilding-Ikone und Mr. Olympia 1977–79). Wir trainierten zusammen im World Gym an der Main Street in Santa Monica und er lieh mir ein Fahrrad, mit dem ich die Gegend erkunden konnte.

Zeit ohne Besitz

Über Freunde von ihm bekam ich ein kleines Appartment, das allerdings nicht möbliert war, sodass ich eine ganze Weile auf dem Boden schlief. Aber auch diese Zeit ohne Besitz hat mich geprägt und mir geholfen, herauszufinden, was ich wirklich will und tun muss, um es zu erreichen.“

In Venice lernte er auch Arnold Schwarzenegger kennen, der 1976 als sechsfacher Mr. Olympia bereits eine Bodybuilding-Legende war. „Er war natürlich die Attraktion und damals schon ein Magnet für die Medien. Er war inspirierend für mich – sowohl als Athlet als auch als Mensch!“

Königin des Bodybuildings

Athleten wie Serge Nubret, Samir Bannout sowie die Königin des Bodybuildings, Rachel McLich, mit der er bis heute befreundet ist, waren in Kalifornien Trainingspartner des jungen Schweden.

Auf dem Flug zu den World Amateur Bodybuilding Championships 1976 in Montreal (IFBB Mr. Universe) lernte Ulf Bengtsson den deutschen Fitnesspionier und Funktionär Albert Busek kennen. „Wir haben uns zufällig im Gang getroffen und sind ins Gespräch gekommen. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt, die bis heute andauert.“

Erfolgreich in Kalifornien

Nach nur zwei Jahren in Venice wurde Ulf Bengtsson selbst weltklasse und international als Nr. 6 gerankt. Bei der Mr. Universe Competition 1977 und den World Games 1981 erreichte er jeweils den 3. Platz.

Wirtschaftlich hatte sich die Zeit in Kalifornien für Ulf Bengtsson positiv entwickelt. Zusätzlich zu seinen Einkünften als professioneller Athlet wurde er für Fotoshootings gebucht und sein erstes Buch, 'The Total Dedication', über seine Zeit in Kalifornien und seinen Weg an die Weltspitze erschien.

Trotz dieser Erfolge festigte sich der Gedanke, dass in seinem Leben noch mehr kommen müsste. „Ich gehe immer mit offenen Augen durch das Leben und versuche, nicht nur zu betrachten, sondern zu verstehen. Wenn du mehr willst – so wie ich damals – dann musst du zuhören, bescheiden sein und lernen. Das habe ich getan.“

World Class Fitness entsteht…

Er liebte seinen Sport, das Training und war erfolgreich, sah aber nicht, dass er durch den Sport allein noch mehr erreichen könnte. Es reifte der Gedanke, Bodybuilding und Krafttraining für mehr Menschen zugänglich zu machen und attraktiver zu gestalten.

„Damals lebten die Besitzer der Gyms in ihrem eigenen Mikrokosmos und haben die Welt um sich herum weitgehend ignoriert“, erklärt Ulf Bengtsson.

„Warum haben damals so wenig Frauen in den Gyms trainiert? Krafttraining und gezielte Ernährung sind gut für Bodybuilder. Warum schafft man kein Angebot für Frauen? Und warum war das Training so stark auf Kraft ausgelegt? Ausdauer ist auch eine athletische Komponente. Es gab zu der Zeit keine Studios mit einem ganzheitlichen Angebot, also habe ich es gemacht!

Alles begann mit einem Blatt Papier, auf das er 'World Class Fitness' schrieb. „Kaum jemand hat damals an den Erfolg meines Konzeptes geglaubt. Aber es hatte auch zuvor niemand gedacht, dass ein Bodybuilder einen Hochschulabschluss erlangen könnte. Für mich war das Motivation und Inspiration zugleich – und ich habe bewiesen, dass mein Studiokonzept erfolgreich ist.“

…und wird ein Erfolgskonzept

Das erste World Class Fitness Studio eröffnete er im Herzen von Stockholm und es war von Beginn ansehr erfolgreich.

Das Konzept war neu, die Presse berichtete und Mitte der Achtziger gaben sich im Stockholmer Studio berühmte Sportler und Promis 'die Klinke in die Hand'.

Größte Fitnesskette Skandinaviens

Fitnesstraining erlangte das gesellschaftliche Ansehen, das es für Ulf Bengtsson schon lange verdient hatte. Er entwickelte World Class Fitness zur größten Fitnesskette in Skandinavien, zu einem Multimillionen-Dollar-Unternehmen. „Es gab seinerzeit noch keine 'Fitnessbranche'. Ich habe sozusagen ein bis dahin leeres Feld bestellt”, sagt Ulf Bengtsson.

Nach der erfolgreichen Etablierung in Skandinavien wagte er mit World Class Fitness die internationale Expansion – nicht wie zu erwarten in Deutschland oder Großbritannien, sondern hinter dem Eisernen Vorhang in der damaligen Sowjetunion.

„Ich war der Meinung, meine Clubs würden überall gut laufen – warum nicht im größten Land der Welt, wo es damals kaum Fitnessstudios gab?”, erläutert Ulf Bengtsson. Wieder waren viele Wegbegleiter verwundert, aber wieder gab der Erfolg ihm recht. World Class Fitness entwickelte sich zu einer der beliebtesten Lifestylemarken in Russland.

Flucht aus Russland

„Wenn man lebt, muss man Entscheidungen treffen. Das gilt insbesondere für Unternehmer. Manchmal liegt man mit seinen Entscheidungen daneben und muss die Konsequenzen tragen“, so Ulf Bengtsson.

„1995 liefen die Dinge in Russland anders. World Class Fitness war erfolgreich und ich verdiente eine Menge Geld. Das machte einige Leute um mich herum gierig. Um ein halbwegs normales Leben führen zu können, musste ich zehn Prozent Schutzgebühr bezahlen”, schildert er die Situation zu jener Zeit.

„Eines Tages wurde die Gier meiner ehemaligen Partner zu groß. Gemeinsam mit einer kriminellen Organisation machten sie mir ein Angebot, das Geschäft zu übernehmen, das ich mit eigenen Händen und Ideen aufgebaut hatte.“

Nicht die Seele verkaufen

„Annehmen konnte ich das 'Angebot' nicht. Das hätte bedeutet, dass ich meine Seele verkaufe, meine Werte und alles, an das ich glaube“, blickt Ulf Bengtsson zurück.

„Unbeschadet ablehnen konnte ich auch nicht. Ich wäre wahrscheinlich umgebracht worden. Das war damals in Moskau keine große Sache. Also lehnte ich ab, übernachtete in einem Hotel und verließ Russland am nächsten Morgen.“

In den Konkurs gezwungen

Die erzwungene Übergabe hatte fatale Folgen für World Class Fitness, weil rund 60 Prozent der Einnahmen zu der Zeit in den äußerst profitablen russischen Anlagen generiert wurden.

Ulf Bengtsson hatte keine Wahl und musste für sein Unternehmen Konkurs anmelden: „Ich musste ein erfolgreiches und expandierendes Unternehmen mit Millionenumsätzen in ein Insolvenzverfahren führen, weil die profitabelsten Anlagen durch Betrug, kriminelle Partner und räuberische Erpressung verloren gegangen waren. Aber es war der einzige Weg.”

Sein Rat an jeden Unternehmer: „Wenn ihr expandieren wollt, denkt bitte zweimal darüber nach. Bei einer Verdoppelung der Anzahl eurer Anlagen verdoppelt ihr auch das Risiko, dem ihr euch persönlich aussetzt und das ihr für eure Unternehmen eingeht. Wägt sorgfältigt ab, bevor ihr eine Entscheidung trefft. Und egal wie es ausgeht: Steht zu eurem Entschluss und beklagt euch nicht – es war eure Entscheidung.“

„Ich habe es nochmal gemacht“

Die Vorgänge in Russland waren belastend, aber aufgeben war keine Option. „Ich bin nach Brüssel gegangen, in das 'Zentrum Europas' und habe ein neues World Class Fitness Unternehmen aufgebaut. Inzwischen betreibe ich neue Anlagen in Belgien, Polen, Rumänien, Tschechien und Kroatien.”

„Ich liebe Kraftsport und Fitnesstraining“

Seine Motivation, noch einmal ganz von vorn anzufangen, war die gleiche wie zu seinen Anfängen als Gründer von World Class Fitness: „Ich möchte dazu beitragen, dass die Menschen etwas für ihre Gesundheit tun. Ich liebe Kraftsport und Fitnesstraining. Jeder Studiobetreiber sollte verinnerlichen, dass er jeden Tag dazu beiträgt, dass Menschen gesünder leben und die öffentlichen Gesundheitssysteme und die Wirtschaft enorm entlastet werden.“

Die Anlagen in Russland wurden auf einem ordentlichen Niveau weiterbetrieben, es fehlte aber am nötigen Spirit. World Class Fitness Russland gehört heute Goldman Sachs und Alfa Capital.

Engagement für Fitness und Gesundheit bleibt

Heute lebt Ulf Bengtsson in Prag, wo er mit dem W. Fitness & Spa eine Premiumanlage betreibt, die an ein Luxushotel angegliedert ist.

Seit einigen Jahren engagiert er sich zunehmend für gemeinnützige Programme und in der Entwicklungshilfe. Sein aktuelles Projekt sind 'Total Care Center' in Afrika, deren Pilotstandort Kenias Hauptstadt Nairobi wird.

Projekt Fitnesssport in Afrika 

„Ich möchte den Menschen in Afrika einen leichteren Zugang zum Fitnesssport und zu Gesundheit generell möglich machen. Der Plan sieht große Anlagen vor, in denen bis zu 25.000 Menschen für sehr niedrige Beiträge trainieren können. Studiobetreiber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind herzlich eingeladen, sich zu engagieren“, sagt Ulf Bengtsson. Bisher hatte er mit jedem Konzept Erfolg.


No one cries for you

Ulf Bengtsson hat seine beeindruckende Geschichte in seiner Biografie 'No one cries for you' aufgeschrieben. (Lesen Sie auch: fM Buchtipp 'Beeindruckende Story')
Darin schildert er, woher er die Disziplin und die Kraft nahm, seinen Weg zu gehen, alle Grenzen und kriminellen Attacken zu überwinden und noch stärker zurückzukommen.

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Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi 05/2020

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