Fitness, Gesundheit | Autor: Marcel Reuter |

Funktionelle Belastbarkeit durch mehr Stabilität

Im Leistungs- und Hochleistungssport ist das Beinachsentraining eine fundamentale Basis zur Verbesserung der Belastbarkeit und zur Ausschöpfung der Ressourcen der Athleten sowie zur Wiedererlangung der Leistungsfähigkeit nach einer Verletzung der unteren Extremitäten. Doch auch für den Breiten- und Hobbysportler bietet diese Trainingsform ein noch stark unterschätztes Potenzial.

Beinachsentraining zur Leistungsoptimierung

Egal ob zur Stand- und Schrittstabilisation, zur Fortbewegung oder zum Springen, die unteren Extremitäten sind bei nahezu allen sportlichen Bewegungshandlungen involviert.

Betrachtet man das Anforderungsprofil verschiedener Sportarten wie Fußball, Handball, Laufen oder Gewichtheben wird klar, dass unter anderem das Kraftpotenzial der Beinmuskulatur ein wichtiger Prädiktor für die Ausprägung der sportartspezifischen Leistungsfähigkeit ist.

Die volle Leistungsfähigkeit der unteren Extremitäten kann jedoch nur bei optimaler Beinachsenstatik abgerufen werden. Störungen dieser Statik, verursacht durch Beinachsenfehlstellungen, wirken zum einen leistungslimitierend und zum anderen können sie ein erhöhtes Risiko für Verletzungen und degenerative Schäden darstellen.

Störungen der Beinachsenstatik und Verletzungsrisiko

Insbesondere bei sportlichen Bewegungshandlungen, die eine Stabilisierung der Beinachse nach einem Sprung oder nach einem weiten Ausfallschrittsprung fordern, können Störungen der Beinachsenstatik zu Verletzungen oder degenerativen Schäden führen.

Dementsprechend stellt bereits ein konventionelles intensitätsorientiertes Krafttraining ein Verletzungs- und Degenerationsrisiko für die unteren Extremitäten dar. Studien zeigen, dass Sportler mit starker O- oder X-Bein-Stellung einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind (Schmitt, 2006).

Entstehung einer Beinachsenfehlstellung

Beinachsenfehlstellungen können durch verschiedene Faktoren hervorgerufen werden. Die Ursachen für eine unphysiologische Beinstatik können Beinlängendifferenzen, Hüftdysplasien, Fußfehlstellungen, Sprunggelenksinstabilitäten oder die Kombination mehrerer Faktoren sein (Laessoe, Svendsen, Christensen, Rasmussen & Gaml, 2019; Li et al., 2018).

Beinachseninstabilität am Beispiel der X-Bein-Stellung

Beinachsenfehlstellungen provozieren nicht nur eine arthrotische Degeneration sowie Läsionen von Bindegewebsstrukturen, sondern wirken sich ebenfalls auf benachbarte Gelenke sowie deren umgebende Muskulatur aus.

Eine prominente Beinachsenfehlstellung ist die sogenannte X-Bein-Stellung (Genu valgum): Bei dieser Fehlstellung weichen die Kniegelenke nach innen von der physiologischen Beinachse ab. Das Femur (Oberschenkelknochen) rotiert im Hüftgelenk nach innen verstärkt.

Kompensatorisch rotiert die Tibia (Schienbein) im Kniegelenk nach außen. Diese Abweichungen von der physiologischen Beinachse verändern die auftretenden Kräfte zwischen Patella (Kniescheibe) und dem femoralen Gleitlager sowie zwischen Femur und Tibia.

Auf das Kniegelenk bezogen resultiert aus einer X-Bein-Stellung eine erhöhte laterale Druckbelastung auf die knöchernen Partner und den hyalinen Knorpel. Daraus können Läsionen der lateralen Meniskusbasis sowie eine Gonarthrose der lateralen Kniegelenkkompartimente (Verschleiß der knorpeligen Gelenkflächen) entstehen.

Umgekehrt wirkt im medialen Kniegelenkkompartiment eine erhöhte Zugbelastung auf die gelenkstabilisierenden Strukturen (insbesondere auf den Kapsel-Band-Apparat). Die X-Bein-Stellung wird in der Regel bilateral diagnostiziert, kann aber in wenigen Fällen auch unilateral auftreten. Außerdem ist sie bereits durch einen optischen Befund feststellbar.

Trainingsmethoden zur Verbesserung der Beinachsenstabilität

Zur Stabilisierung der Beinachse eignet sich beispielsweise ein gezieltes Athletiktraining für die unteren Extremitäten (Mornieux et al., 2019). Im Fokus sollten unilateral ausgeführte Übungen stehen, insbesondere Ausfallschrittbewegungen und Übungen am Seilzug (siehe Beispiel 2).

Bei den Übungen zur Beinachsenkorrektur wirkt eine mechanische Störgröße in Form einer Zugbelastung in Höhe des Kniegelenks nach innen. Die Zugbelastung nach innen veranlasst den Sportler zur aktiven muskulären Gegenreaktion nach außen, um die Beinachse stabilisieren zu können.

Hierdurch werden zum einen diejenigen Muskeln beansprucht, die bei einer X-Bein-Stellung in der Regel abgeschwächt sind (Hüftabduktoren und -außenrotatoren) und zum anderen kann durch diese Trainingsmaßnahme ein motorischer Stereotyp durchbrochen werden.

Durch ein spezifisches Training zur Stabilisierung der Beinachse besteht die Möglichkeit, das Verletzungsrisiko zu reduzieren (Stoffels, Achtnich & Petersen, 2017). Aus diesem Grund kommt im Athletiktraining den unteren Extremitäten eine überaus hohe Bedeutung zu.

Im Folgenden werden zwei indikationsspezifische Trainingspläne zur Beinachsenstabilisierung dargestellt.

Anwendungsbeispiele

Beispiel 1

These 1:
Die X-Bein-Stellung wird durch Deformität des Fußgewölbes erzeugt. Wird die Fehlstellung/Instabilität durch eine Deformität des Fußgewölbes erzeugt, sollten zunächst Übungen durchgeführt werden, die zur Modellierung der physiologischen Fußhaltung dienen.
1) Modellierung des Fußgewölbes: 'kurzer Fuß' nach Janda (Häfelinger & Schuba, 2002, S. 65)
2) Standstabilisation mit Gewichtsverlagerung auf die Fußaußenkante
3) Standstabilisation mit Gewichtsverlagerung auf die Fußaußenkante auf instabiler Stützfläche

Beispiel 2

These 2: Die Beinachseninstabilität resultiert aus zu schwachen Hüftgelenksextensoren, -außenrotatoren und -abduktoren
1) Zug aus Adduktion und Innenrotation in die Abduktion und Außenrotation
2) Zug aus der Flexion, Adduktion und Innenrotation in die Extension, Abduktion und Außenrotation
3) Isolierte Außenrotation in Bauchlage

Fazit

Die Beinachsenstabilität hat sowohl großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit als auch auf die Verletzungsanfälligkeit des Sportlers.

Zur Optimierung der Leistungsfähigkeit und zur Reduktion des Verletzungsrisikos der unteren Extremitäten ist ein Beinachsentraining, beispielsweise im Rahmen eines Athletiktrainings, eine Ergänzung mit außerordentlich hohem Potenzial.

Über den Autor

Der Sportwissenschaftler Marcel Reuter ist als pädagogischer Mitarbeiter und Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) sowie an der BSA-Akademie im Fachbereich Trainings- und Bewegungswissenschaft tätig. Er ist ehemaliger Badminton-Nationalspieler und verfügt über vielfältige Erfahrungen im Coaching und in der Beratung von Spitzensportlern und Mannschaften.

Auszug aus der Literaturliste

Häfelinger, U. & Schuba, V. (2002). Koordinationstherapie. Propriozeptives Training (Wo Sport Spaß macht). Aachen u. a.: Meyer & Meyer.
Laessoe, U., Svendsen, A. W., Christensen, M. N., Rasmussen, J. R. & Gaml, A. S. (2019). Evaluation of functional ankle instability assessed by an instrumented wobble board. Physical Therapy in Sport: Official Journal of the Association of Chartered Physiotherapists in Sports Medicine, 35, 133 – 138.
Li, Y., Ko, J., Walker, M. A., Brown, C. N., Schmidt, J. D., Kim, S.-H. et al. (2018). Does chronic ankle instability influence lower extremity muscle activation of females during landing? Journal of Electromyography and Kinesiology: Official Journal of the International Society of Electrophysiological Kinesiology, 38, 81 – 87.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte: marketing@dhfpg-bsa.de.

Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 02/2019

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mfhc Ausgabe 02/2019

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