Fitness, Gesundheit | Autor/in: Marlon Kreis |

Vorteile im Gesundheits- und Leistungssport: Theoretischer Hintergrund zu propriozeptivem Training

Dass Kraft- und Ausdauertraining sowohl im Gesundheits- als auch im Leistungssport zu den Grundvoraussetzungen für das Erreichen der individuellen Ziele zählen, ist vielen bekannt. Weshalb auch propriozeptives Training einen großen Einfluss auf das körperliche Wohl sowie die Leistung der Kund:innen hat, zeigt dieser Artikel.

Theoretischer Hintergrund propriozeptives Training

Um den Begriff der Propriozeption herzuleiten, muss man einige Jahrhunderte in die Vergangenheit blicken: Bereits im Jahr 1557 wurde der Begriff „motion sense“ (= Bewegungssinn) gebraucht (Jerosch & Prymka, 1996, S. 172).

Über die Verbindung zwischen Muskulatur und Gehirn schrieb erstmals Charles Bell im Jahr 1826 (Bell, 1826). Einige Autor:innen bezeichnen ihn als Entdecker des Muskelsinns, da er auch die Bewegungswahrnehmung als solche benannte (Jahn & Krewer, 2020, S. 1855; Jerosch & Prymka, 1996, S. 172).

Verwendet wurde der auch heute noch genutzte Begriff der Propriozeption im Jahr 1907 von Sir Charles Scott Sherrington (S. 467), einem Neurophysiologen, der auch den Begriff der Synapse prägte.

Informationsverarbeitung bei Propriozeption

Wie Charles Bell bereits 1826 aufführte, geht es bei der Propriozeption um die Wahrnehmung von Bewegungen. Propriozeption ist die afferente Verarbeitung bewusster und unbewusster Informationen über die Gelenkstellung und die Bewegung im Raum sowie die Änderung der Bewegungsbedingungen, wie z. B. das Einwirken von Kraft (Jahn & Krewer, 2020, S. 1855; Quante & Hille, 1999, S. 306).

Diese Informationen werden von den Propriozeptoren, die sich in Muskeln, Sehnen und Gelenken befinden, zum zentralen Nervensystem (ZNS) weitergeleitet. Es entsteht ein elektrisches Signal, das bei intensiven Reizen stärker in Erscheinung tritt. Wenn dieses Signal einen gewissen Schwellenwert überschreitet, wird darauffolgend ein Aktionspotenzial ausgelöst (Jahn & Krewer, 2020, S. 1855–1856).

Relevanz von Propriozeption

Wie wichtig die Propriozeption ist, wird deutlich, wenn sie nicht beziehungsweise noch nicht funktioniert. Betrachtet man beispielsweise ein Kind, das zum ersten Mal versucht, einen Löffel in Richtung Mund zu bewegen, erkennt man, wie viele wichtige Informationen unbewusst an das ZNS weitergeleitet werden müssen.

Trotz großer Anstrengung wird der Mund oftmals verfehlt und der Brei landet im Gesicht.


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Auch nach Verletzungen oder Operationen ist die Propriozeption der betroffenen Körperteile gestört und Patient:innen müssen diese Fähigkeit erst wieder erlernen. Eine Vielzahl an Studien zur Propriozeption nach vorderer Kreuzbandruptur machen deutlich, wie wichtig dieses Thema insbesondere im rehabilitativen Bereich ist (Furlanetto et al., 2016; Guney-Deniz et al., 2020; Kaya et al., 2019; Ma et al., 2014).

Aber auch in den oberen Extremitäten spielt die Propriozeption nach Erkrankungen oder Operationen eine wichtige Rolle (Castagna et al., 2021; Fabis et al., 2016).

„Löffel-Mund-Problematik“

Die eben aufgeführten Krankheitsbilder sind dem orthopädischen Fachbereich zuzuordnen. Den größten Einfluss auf die Propriozeption haben jedoch neurologische Erkrankungen. Spastiken, Multiple Sklerose, das Parkinson-Syndrom oder ein Schlaganfall sind mögliche Krankheitsbilder, die deutliche Defizite in der Propriozeption hervorrufen.

Insbesondere beim Parkinson-Syndrom wird die oben beschriebene „Löffel-Mund-Problematik“, die bei Kleinkindern vorkommt, erneut präsent (Jahn & Krewer, 2020, S. 1856–1857).

Die Effektivität von propriozeptivem Training wird beispielsweise durch den systematischen Review von Aman, Elangovan, Yeh und Konczak (2014) belegt. Hier wurden verschiedene Interventionen des propriozeptiven Trainings hinsichtlich ihrer Effekte auf die Propriozeption untersucht.

Somatosensorisches Benachteiligungstraining

Zu beachten ist, dass Aman et al. (2014, S. 7–8; vgl. Tab. 1) bei der Überprüfung der Effekte des passiven Beweglichkeitstrainings und des somatosensorischen Benachteiligungstrainings nur sechs bzw. fünf Studien berücksichtigt haben und dass nicht in jeder Studie eine Verbesserung nachgewiesen werden konnte.

Die größte Anzahl an Studien (26) wurde in die Untersuchung der Effekte des aktiven Beweglichkeits- und Gleichgewichtstrainings einbezogen. Hier konnte auch das sehr aussagekräftige Ergebnis von durchschnittlich 37 Prozent Verbesserung erzielt werden.

Bezug zum Gesundheitssport

Neben den aufgeführten Krankheitsbildern und Verletzungen hat auch das Lebensalter einen Einfluss auf die Eigenwahrnehmung. Sowohl die propriozeptiven Leistungen als auch die sensorischen Funktionen nehmen in höheren Lebensdekaden ab.

Dies kann gerade bei älteren Personen zu Sturzgefahr und Gangunsicherheit führen (Jahn & Krewer, 2020, S. 1857). Es liegt somit an den qualifizierten Trainer:innen, Gesundheitssportler:innen richtig zu betreuen und zu trainieren.

Bezug zum Leistungssport

Natürlich sind insbesondere Leistungssportler:innen nicht gegen die ein oder andere orthopädische Verletzung gefeit. Und so ist es besonders hier wichtig, dem propriozeptiven Training großen Raum in der Rehabilitation zu geben.

Neben der pathophysiologischen Betreuung von Sporttreibenden machen aber auch Studien wie die von Lephart et al. (1996) deutlich, dass die Propriozeption bei Leistungstrainierenden ausgeprägter sein kann als bei „normal“ sportlichen Personen.

Untersucht wurden hierbei die Kniekinematik und das Erkennen einer passiven Kniebewegung bei Turnerinnen. Sowohl die Kniekinematik als auch die Reaktion auf passive Bewegungen des Knies waren bei den Turnerinnen signifikant positiv.

Insbesondere in der Reaktionszeit waren die Turnerinnen um 73 Prozent schneller als die Kontrollgruppe. Ursächlich hierfür können vermehrt ausgebildete neurosensorische Bahnen sein (Lephart et al., 1996, S. 123). Eine weitere Studie mit Turnerinnen und „normal“ sportlichen Personen belegt ebenfalls die besseren Ergebnisse der Leistungstrainierenden.

Die Autor:innen schließen daraus, dass die Sportler:innen auch über bessere neurosensorische Bahnen verfügen, die wahrscheinlich durch ein langjähriges Athletiktraining hervorgerufen werden (Aydin et al., 2002, S. 128).


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Anzumerken ist jedoch, dass es sportartspezifische Unterschiede bei der Propriozeption gibt, die teilweise sogar zwischen ähnlichen Disziplinen, wie z. B. Ballett und anderen Tanzsportarten, zu erkennen sind (Lephart et al., 1996, S. 123). Zusammenfassend scheint also Athletiktraining die sportliche Leistung und die Propriozeption positiv zu beeinflussen.

Training der Propriozeption

Auch das propriozeptive Training sollte sich an den Bedürfnissen und den Zielen der zu betreuenden Personen orientieren. Es kann im Rahmen eines Athletiktrainings Sportler:innen leistungsfähiger und gegebenenfalls verletzungsresistenter machen (Aydin et al., 2002; Lephart et al., 1996).

Im Gesundheitssport kann es ergänzend, im Rahmen der Sturzprophylaxe, eingesetzt werden (Jahn & Krewer, 2020, S. 1857). Nach Jahn und Krewer (2020, S. 1859) haben

  • aktives Bewegungs- und Gleichgewichtstraining
  • passives Bewegungstraining
  • somatosensorisches Stimulations- und Benachteiligungstraining und
  • Training, das an mehrere Körpersysteme gerichtet ist,

einen positiven Einfluss auf die Propriozeption. Aman et al. (2014, S. 1) fanden heraus, dass Trainingsformen, die sowohl aktiv als auch passiv und sowohl mit als auch ohne visuelles Feedback durchgeführt werden, den größten Trainingseffekt auf somatosensorische und somatosensorisch-motorische Funktionen hervorrufen.


Fazit

Bei der Propriozeption handelt es sich um die Wahrnehmung und Information der Körperstellung im Raum (Jahn & Krewer, 2020, S. 1856; Quante & Hille, 1999, S. 306). Sie ist sowohl für Leistungs- als auch für Gesundheitssportler:innen von Bedeutung (Aydin et al., 2002; Jahn & Krewer, 2020; Lephart et al., 1996).

Alle Maßnahmen, die die Körperwahrnehmung bewusst und unbewusst fordern, trainieren die Propriozeption. Bei einem professionellen Personal- und Athletiktraining ist daher – neben Kraft- und Ausdauertraining – die Berücksichtigung der propriozeptiven Stimuli elementar.


Über den Autor

Marlon Kreis, M. A. Prävention und Gesundheitsmanagement, ist als Dozent für die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) und als Referent für die BSA-Akademie tätig.

Der ehemalige Leiter eines Zentrums für Bewegungsanalyse hat langjährige Erfahrung in der sportorthopädischen Behandlung u. a. von Profisportler:innen.


Auszug aus der Literaturliste

Aman, J. E., Elangovan, N., Yeh, I. L. & Konczak, J. (2014). The effectiveness of proprioceptive training for improving motor function: a systematic review. Front Hum Neurosci, 8, 1–18.
Jahn, K. & Krewer, C. (2020). Propriozeption – Der „sechste Sinn“ und seine Störungen. Deutsche Medizinische Wochenschrift, 145, 1855–1860.
Ma, Y., Deie, M., Iwaki, D., Asaeda, M., Fujita, N., Adachi, N. et al. (2014). Balance ability and proprioception after single-bundle, single-bundle augmentation, and doublebundle ACL reconstruction. ScientificWorldJournal, 2014, 1–8.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.


Hier finden Sie einen Praxischeck und ein Interview mit Barbara Lohse zum Thema Koordinationstraining (einfach auf das entsprechende Bild klicken):

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