Fitness, Management, Markt | Autor: Jürgen Wolff |

Niklas Magerl (STRABAG): „Das BGM der Zukunft wird zielgruppenspezifischer werden müssen”

BGM ist heute wichtiger denn je. Unser Interviewpartner Niklas Magerl erläutert, warum das BGM der Zukunft sich heute immer genauer an der Zielgruppe orientieren sollte. Er koordiniert beim STRABAG-Konzern die BGM-Maßnahmen.

Interview mit Niklas Magerl, Koordinator BGM, STRABAG BRVZ GmbH & Co. KG

fM: Welchen Stellenwert hat Betriebliches Gesundheitsmanagement für Ihr Unternehmen?

Niklas Magerl: Einen stetig wachsenden Stellenwert! Was 2015 noch in sehr kleinem Rahmen begann, ist inzwischen zu einem fest installierten BGM angewachsen, das zwölf Konzernländer inklusive Fachgremien für die fachliche Ausrichtung und Landesgremien für die strategische Ausrichtung betreut.

2019 haben wir ein umfassendes BGM-Konzerncontrolling eingeführt und 2020 den renommierten Corporate Health Award als Branchengewinner erhalten. 2021 begann auch die intensive Verflechtung mit der Personalentwicklung des Konzerns, u. a. in Form von gemeinsamen Personalprojekten.

Wie haben sich die BGM-Angebote und -Konzepte auf der einen sowie der Bedarf an BGM auf der anderen Seite in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht entwickelt?

Sowohl Angebote als auch Konzepte werden immer anspruchsvoller und individueller. Klassische Gesundheitstage und Fitnessstudiorabatte sind heute nur noch sehr kleine Bestandteile vom gesamten Maßnahmenpaket der Betrieblichen Gesundheitsförderung.

 

Gesundheitsmaßnahmen müssen heutzutage an der jeweiligen Berufs- und Altersgruppe und deren spezifischen gesundheitlichen Belangen ausgerichtet werden. Je passgenauer die konkreten Herausforderungen erkannt werden, desto höher ist die Wahrnehmung und Teilnahmebereitschaft der jeweiligen Belegschaft.

Der potenzielle Bedarf an Gesundheitsmaßnahmen insgesamt ist in den letzten Jahren sehr stark angestiegen. Einerseits verlangen Bewerberinnen und Bewerber heutzutage Angebote – vor allem in größeren Unternehmen, andererseits nehmen die Fälle z. B. chronischer und psychischer Erkrankungen seit Jahren ebenfalls zu.

Welchen Einfluss hatten Ihrer Einschätzung nach die Corona-Krise und der Trend zu Homeoffice, die Digitalisierung und der Generationswechsel – sowohl in den Unternehmen als auch in den Studios – auf die Entwicklung des BGMs?

Corona hat den starken Trend zu sämtlichen digitalen Gesundheitsangeboten beschleunigt. Bei uns wurden vor allem Ernährungsworkshops für das Homeoffice angefragt. Viele mussten coronabedingt ihren Arbeitsalltag im Homeoffice neu organisieren und sich erst einmal daran gewöhnen. Durch digitale Kaffeepausen mit Kolleginnen und Kollegen ließ sich auch etwas sozialer Kontakt herstellen.

Zur Digitalisierung: Inzwischen tracken die Leute sehr häufig ihre Trainings- und Gesundheitsdaten. Das begann mit Schrittzählern und ging über Kalorienrechner hin zu Trainingstagebüchern. All dies lässt sich sehr gut in ein bestehendes Gesundheitsmanagement integrieren.

Unterschiedliche Altersgruppen – unterschiedliche Interessensschwerpunkte! Jede Altersgruppe verlangt nach spezifischen Angeboten und einer spezifischen Ansprache. Vor allem ist auffällig: Die Erwartungshaltung jüngerer Generationen an ein BGM wächst immer mehr. Wer einmal einen Arbeitgeber mit ausgeprägtem BGM hatte, möchte dies unbedingt auch beim neuen Arbeitgeber sehen und verlangt danach.


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Welche Maßnahmen, Tools oder Konzepte haben Sie entwickelt, um BGM erfolgreich in Ihrem Unternehmen zu etablieren?

Vernetzung: Vernetzung mit BGM-Kolleginnen und -Kollegen anderer Konzerne und großer Firmen zum Wissensaustausch. Vernetzung und Austausch mit Universitäten und Hochschulen zur fachlichen Diskussion und Verbesserung der Gesundheitsmaßnahmen.

Angebote: Einerseits für alle Hierarchieebenen, z. B. Workshops zur Steigerung der Resilienz. Andererseits spezifisch für einzelne Hierarchieebenen, z. B. Workshops für das mittlere Management zu gesunder und mitarbeiterorientierter Führung.

Kooperation: Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen zur Schaffung einer gesünderen Unternehmenskultur, z. B. Teilnahme an Sitzungen und Workshops zur Arbeitssicherheit, Moderation von und Workshops für Betriebsratsvollversammlungen, gemeinsame Erarbeitung von Personalentwicklungsprojekten wie Talentmanagement.

Berufsgruppenspezifische Gesundheitsangebote, z. B. Ergonomieberatungen für Baugeräteführer in ihrem Arbeitsalltag. Diese werden beispielsweise dann von Bewegungsfachkräften – die es nach entsprechender Qualifizierung auch in Fitnessstudios gibt – geschult.

Was zeichnet für Sie ein erfolgreiches BGM-Konzept aus? Was sind für Sie Erfolgsfaktoren auf der einen sowie hemmende Faktoren auf der anderen Seite?

Ein durchdachtes BGM-Konzept zeichnet sich durch die Beachtung und das Vorhandensein aller typischen Projektmanagementbestandteile aus, z. B. einen Plan-Do-Check-Act-Zyklus. Außerdem muss die Aufmachung des Konzeptes die Neugier der Beschäftigten wecken. Erfolgreiche BGM-Konzepte zeichnen sich auch dadurch aus, dass alle relevanten Stakeholder bereits im Vorfeld in das Konzept miteinbezogen wurden! Partizipation schafft Vertrauen, was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dann auch an den Teilnahmezahlen ablesen lässt.

BGM-Konzepte ohne Prozess- und Ergebnisevaluation sind höchstwahrscheinlich zum Scheitern verurteilt, da einzelne Konzepte häufig in ein ganzheitliches BGM eingebunden sind. Hierfür ist das Erheben von Kennzahlen dringend notwendig.



Nach welchen Kriterien wählen Sie Fitness- und Gesundheitsstudios als BGM-Partner für Ihr Unternehmen aus?

Wir haben 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland – verteilt auf alle Bundesländer. Daher sind Kooperationen mit größeren Fitnessketten für uns wertvoll. So partizipiert die Belegschaft unterschiedlicher Standorte davon. Auch sollte unbedingt eine qualitativ hochwertige Trainingsbetreuung vorhanden sein, was sich im Discountfitnessmarkt häufig nicht unbedingt realisieren lässt. Natürlich freut es uns auch, wenn wir zentrale Ansprechpartner in den Fitness- und Gesundheitsstudios haben, weil das die Kommunikation für uns vereinfacht. Eine Referenzliste der Studios mit großen Konzernnamen signalisiert uns außerdem, dass diese mit Firmenfitness vertraut sind und sich für eine Kooperation eignen.

Wie sollten sich Studios im Kontakt mit Unternehmen positionieren, um ihre Leistung erfolgreich zu präsentieren? Sehen Sie hier Unterschiede zwischen KMUs und großen Konzernen?

Hier sehe ich keine nennenswerten Unterschiede. Was von unserer Belegschaft an mich herangetragen wird, ist vor allem eines: Ein virtueller Studiorundgang ist sehr wichtig. So können sich die Mitarbeitenden einen realistischen Eindruck verschaffen. Auch das Personal des Fitnessstudios sollte auf der Homepage zu sehen sein, bestenfalls inklusive Qualifikation – das schafft Vertrauen.

Welche Bedeutung hat die Qualifikation Ihrer Mitarbeitenden für eine produktive und gewinnbringende Umsetzung eines BGMs? Welche Qualifikationen müssen Mitarbeitende Ihrer Meinung nach heute mitbringen, um erfolgreich am BGM-Markt mitzuwirken?

Als absolute Mindestqualifikation sehe ich Expertenwissen in einem der drei Handlungsfelder Bewegung, Ernährung oder Psyche/Stress. In mindestens einem hiervon sollte man eine sehr hohe Fachkompetenz vorweisen können. Methodenkompetenz sollte in der Gesprächsführung, Diskussion und Verhandlung – mit Krankenkassen und BGM-Dienstleistern sowie Führungskräften – liegen. Aber auch die Nutzung sämtlicher Microsoft Office-Software und die erfolgreiche Durchführung von Mitarbeiterbefragungen und Meetings sind wichtige methodische Kompetenzen. Im BGM muss man außerdem häufig Menschen überzeugen. Das sind oftmals nicht nur Führungskräfte, sondern auch die Belegschaft selbst, Betriebsratsgremien oder die HR-Abteilung. Daher empfehle ich prinzipiell eine vertiefte Grundkenntnis in Gesundheitspsychologie. Hier lernt man viel über Theorien und Modelle des Gesundheitsverhaltens: Warum verhalten sich Menschen gesund oder warum eben nicht? Dieses Wissen kann dann in die Gestaltung von Gesundheitsmaßnahmen miteinbezogen werden.

In welche Richtung werden sich die Anforderungen an und die Voraussetzungen für ein erfolgreiches BGM Ihrer Einschätzung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Anforderungen werden steigen, die Voraussetzungen allerdings auch. Das BGM der Zukunft wird meiner Meinung nach sehr viel zielgruppenspezifischer werden müssen. Ein Baugeräteführer braucht für seine berufliche Tätigkeit beispielsweise völlig anderen ergonomischen Gesundheitsinput als ein Vielfahrer oder jemand aus der Bilanzbuchhaltung.

Aber auch die Tätigkeit im BGM an sich wird vielfältiger werden – „horizontal und vertikal“. Gesundheitswissen auf der einen, methodisches Know-how auf der anderen Seite: Dies beinhaltet vor allem modernes und agiles Projektmanagement, den Umgang mit betriebswirtschaftlichen BGM-Kennzahlen, Aspekte des Qualitätsmanagements in Vernetzung mit Arbeitssicherheit sowie Entwicklungen und Einflüsse einer modernen Personalentwicklung.

Welche Tipps haben Sie für Studiobetreiber, die in naher Zukunft in den Bereich BGM investieren wollen?

Sie sollten sich mit dem vorhandenen BGM der möglichen Unternehmenskunden auseinandersetzen. Wo sind hier Stärken, wo sind hier Schwächen? Was ist ausgeprägter, Verhaltens-
prävention oder Verhältnisprävention? Wer die spezifische BGM-Unternehmenswelt besser versteht, kann auch zielgruppenspezifische Gesundheitsangebote erstellen.

Um die grundlegende Systematik hinter einem BGM zu verstehen, empfiehlt sich grundsätzlich immer die fachliche Weiterbildung des Studiopersonals, z. B. als 'Fachkraft für Betriebliches Gesundheitsmanagement (IHK)', 'Berater/in für Firmenfitness' oder 'Betriebliche/r Gesundheitsmanager/in' an der BSA-Akademie.

Methodenkompetenz des Studiopersonals fördern: Nur, weil jemand gute Trainingseinweisungen geben kann, hält diese Person noch nicht zwangsläufig lebendige Vorträge und Workshops. Methodenkompetenz lässt sich auch im Fitnessstudio erlernen, ausprobieren und anschließend den Firmenkunden anbieten.

Mutig sein und die eigenen Kunden im Fitnessstudio darauf ansprechen. Viele arbeiten in größeren Firmen oder sogar Konzernen. Da ist dann die Weiterleitung an das Betriebliche Gesundheitsmanagement schnell erledigt.

Wer hat denn bereits Kontakte zum BGM der Firmen? BGM-Dienstleistungsunternehmen! Auch hier kann eine Verzahnung sinnvoll sein. Beispielsweise wenn für ein größeres Projekt zum Thema Rückengesundheit noch qualifiziertes Fachpersonal gebraucht wird und dies die Kapazitäten des BGM-Dienstleisters übersteigt!


Über den Interviewpartner

2012 begann Niklas Magerl seine Tätigkeit in der Fitnessbranche als Mitarbeiter eines gesundheitsorientierten Fitnessstudios. Dort war er ab 2015 auch stellvertretender Betriebsleiter. An der DHfPG absolvierte er den Bachelor-Studiengang Gesundheitsmanagement sowie den Master-Studiengang Prävention und Gesundheitsmanagement. 2016 folgte der Schritt in die Selbstständigkeit im Bereich Fitness, verbunden mit ersten Workshops und Trainings für Firmenkunden bei einem BGM-Dienstleister. Anschließend war er knapp drei Jahre für ein BGM-Dienstleistungsunternehmen tätig. Seit 2,5 Jahren ist Niklas Magerl Koordinator BGM beim STRABAG-Konzern und seit zwei Jahren nebenberuflich auch Hochschuldozent für Gesundheitspsychologie, BGM und Projektmanagement.


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