Europas Fitnessmarkt im Vergleich

EuropeActive-Botschafter Herman Rutgers zeigt, warum sich Europas Fitnessmärkte stark unterscheiden und welche Faktoren die weitere Marktentwicklung bestimmen.
Lesezeit: 5 Minuten
Europakarte mit eingeblendetem Porträt von Herman Rutgers.
Herman Rutgers erläutert die Entwicklungen und Unterschiede der europäischen Fitnessmärkte
Der europäische Fitnessmarkt wächst dynamisch und erreicht neue Höchststände: Erstmals trainieren mehr als 75 Millionen Menschen in Europas Fitness- und Gesundheitsanlagen. Mit einem Gesamtumsatz von 39,1 Milliarden Euro und steigenden Mitgliederzahlen setzt die Branche ihren Expansionskurs fort (EuropeActive, 2026). Doch hinter den Rekordwerten verbergen sich erhebliche Unterschiede zwischen der Marktdurchdringung in den einzelnen Ländern. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, kulturelle Faktoren, Infrastruktur und politische Unterstützung beeinflussen maßgeblich die Entwicklung der Märkte. Der aktuelle European Health & Fitness Market Report zeigt, welche Länder den Markt prägen und wo die größten Chancen für die kommenden Jahre liegen.

Die Reaktionsquote – also der Anteil der Bevölkerung mit einer Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio – variiert in Europa erheblich (Anm. d. Red.: Reaktionsquote und Marktdurchdringung werden synonym verwendet). Vergleiche zwischen Ländern sollten mit Vorsicht betrachtet werden, da die Definitionen variieren.

Einige Länder verwenden Gesamtbevölkerungszahlen, während andere Altersgrenzen anwenden. In den USA beispielsweise basieren Berechnungen oft auf der Bevölkerung im Alter zwischen sechs und 65 Jahren.

In einigen Ländern liegt die Marktdurchdringung mittlerweile bei über 20 Prozent, während sie in anderen Nationen im einstelligen Prozentbereich bzw. unter dem europäischen Durchschnitt von 9,3 Prozent bleibt (Europe Active, 2026). Im Vergleich dazu erreichten die USA im Jahr 2025 eine Reaktionsquote von 26 Prozent (Europe Active, 2026). Folglich hat Europa noch reichlich Raum für Wachstum, insbesondere wenn man dies mit der deutschen Reaktionsquote von 14,8 Prozent vergleicht.

Diese Unterschiede in den Reaktionsquoten in verschiedenen Ländern sind auf eine Kombination aus wirtschaftlichen, kulturellen, strukturellen und verhaltensbezogenen Faktoren zurückzuführen, welche im Folgenden dargestellt sind. Wichtig ist, dass sie nicht feststehen. Da sich die Preismodelle weiterentwickeln, das Angebot zunimmt und Fitness kulturell immer stärker verankert wird, steigen die Durchdringungsraten im Laufe der Zeit tendenziell an. Das Ergebnis ist ein europäischer Markt, der weiterwächst, anstatt sich der Reife anzunähern.

Einkommen und Erschwinglichkeit

Das Einkommensniveau hat starken Einfluss auf die Durchdringung des Fitnessmarktes. In Ländern mit höherem Einkommen wie den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und den nordischen Ländern sind Mitgliedschaften im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen erschwinglicher, was zu höheren Akzeptanzraten führt.

Im Gegensatz dazu machen Fitnessstudiomitgliedschaften in Teilen Süd- und Osteuropas einen größeren Anteil des Einkommens aus, was die Zugänglichkeit einschränkt.

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Die Erschwinglichkeit hängt jedoch nicht nur vom Einkommen ab – auch die Preisstruktur spielt eine wichtige Rolle. Das Aufkommen von Discountfitnessketten hat Teile des europäischen Marktes grundlegend verändert, indem es die Eintrittsbarrieren gesenkt und die Nutzung von Fitnessstudios in breiteren Bevölkerungsschichten normalisiert hat.

Märkte mit einem starken Discountangebot verzeichnen im Allgemeinen ein schnelleres Wachstum als solche, die von Premium- oder Mittelklasseanbietern dominiert werden. In vielen Fällen haben Discountanbieter den Markt erweitert, anstatt bestehenden Unternehmen lediglich Marktanteile abzunehmen. Sobald Komfort und Erschwinglichkeit Hand in Hand gehen, kann sich die Marktdurchdringung rasch beschleunigen.

Mehrwertsteuerpolitik und Barrierefreiheit

Die Mehrwertsteuerpolitik kann ebenfalls Einfluss auf die Barrierefreiheit und die langfristige Marktentwicklung nehmen, auch wenn ihre Auswirkungen komplex sind. Niedrigere Mehrwertsteuersätze können dazu beitragen, Preisbarrieren abzubauen und eine breitere Teilnahme zu fördern, insbesondere in den kostengünstigen Segmenten. Außerdem können sie dazu beitragen, Fitness als Teil der Gesundheitsversorgung und Prävention zu positionieren, anstatt als Luxusgut.

In Europa variieren die Mehrwertsteuersätze nach wie vor erheblich und reichen von null Prozent in Norwegen und neun Prozent in den Niederlanden bis hin zu 27 Prozent in Ungarn. Deutschland liegt mit 19 Prozent im oberen Bereich in Europa.

Fitnesskultur und soziale Normen

Die kulturellen Einstellungen gegenüber Fitness unterscheiden sich in Europa. In Nord- und Westeuropa ist Fitness weitgehend normalisiert und im Alltag verankert. Sie wird nicht nur mit körperlicher Gesundheit, sondern auch mit psychischem Wohlbefinden, Produktivität, Langlebigkeit und Lebensstilidentität in Verbindung gebracht.

Grafik mit regionalen Anteilen der Fitnessmarktdurchdringung in Europa

In Teilen Süd- und Osteuropas war Fitness historisch gesehen eher eine Nische, mit hohen Preisen verbunden und oft mit Bodybuilding oder Ästhetik assoziiert. Infolgedessen ist die Nutzung von Fitnessstudios weniger verbreitet.

Es finden kulturelle Veränderungen statt, insbesondere in jüngeren Bevölkerungsgruppen, doch diese hinken tendenziell der wirtschaftlichen und angebotsseitigen Entwicklung hinterher. Wichtig ist, dass eine geringere Studionutzung nicht zwangsläufig ein insgesamt geringeres Maß an körperlicher Aktivität bedeutet.

Alternative Bewegungsgewohnheiten

Viele südeuropäische Länder haben eine lange Tradition an Aktivitäten im Freien, darunter Wandern, Schwimmen, Radfahren und Sportarten wie Fußball. Das wärmere Klima ermöglicht das ganze Jahr über Bewegung im Freien, wodurch die Abhängigkeit von Fitnesseinrichtungen in geschlossenen Räumen abnimmt.

Im Gegensatz dazu sind nordeuropäische Länder aufgrund der Wetterbedingungen oft stärker auf Fitnesseinrichtungen in geschlossenen Räumen angewiesen. Dies verstärkt die Rolle von Fitnessstudios als wichtigste Möglichkeit, aktiv zu bleiben. Dieser Unterschied ist von Bedeutung, da die Reaktionsquote nur die Mitgliederzahlen in Fitnessstudios berücksichtigt und nicht die Gesamtheit der Sporttreibenden, die auch anderen körperlichen Aktivitäten nachgehen.

Urbanisierung und Infrastruktur

Auch die städtische Dichte und die Infrastruktur spielen eine wichtige Rolle bei der Nutzung von Fitnessstudios.

In stark urbanisierten Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte und einer gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsinfrastruktur lassen sich Fitnessstudios leichter in den Alltag integrieren.

Wenn Verbraucher die Einrichtungen innerhalb kurzer Zeit – beispielsweise in zehn bis 15 Minuten – erreichen können, wird die Mitgliedschaft zur Gewohnheit und die Nutzungsrate steigt tendenziell an. Dies ist ein Grund, warum das Angebot selbst zu einem Wachstumsmotor werden kann. Wenn Betreiber ihre Netzwerke ausbauen und den Komfort erhöhen, steigt die Teilnahme oft parallel zur Verfügbarkeit.

Selbst bei bestehender Nachfrage sehen sich Länder mit einer eher ländlichen Bevölkerung oder einer geringeren Studiodichte strukturellen Hindernissen gegenüber, die das Wachstum der Marktdurchdringung einschränken können.

Marktreife und Angebot

Die Marktreife beeinflusst ebenfalls die Reaktionsquote.

Reifere Märkte weisen in der Regel eine hohe Anzahl an Fitnessstudios pro Kopf sowie professionelle Betreiber, die starke nationale und internationale Ketten vertreten, auf. Sie zeichnen sich zudem durch standardisierte, skalierbare Angebote und eine stärkere Markenbekanntheit aus. Diese Merkmale tragen dazu bei, dass Fitness zu einem Mainstream- Konsumverhalten wird und nicht länger eine Nischenaktivität bleibt.

Weniger reife Märkte sind oft fragmentiert, mit vielen unabhängigen Fitnessstudios, begrenzter Marketingkraft und geringerer Skalierbarkeit, was das Wachstum der Marktdurchdringung verlangsamt und die Sichtbarkeit verringert.

Der Erfolg von Betreibern wie Basic-Fit, PureGym und der RSG Group zeigt, wie skalierbare Modelle die Marktnormalisierung beschleunigen und die Teilnahmequote steigern können.

Staatliche Politik und Gesundheitsbewusstsein

Staatliche Politik und das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung spielen ebenfalls eine immer wichtigere Rolle.

Länder, die präventive Gesundheitsvorsorge betonen und einen aktiven Lebensstil fördern, verzeichnen tendenziell eine höhere Fitnessbeteiligung. Betriebliche Gesundheitsprogramme, Anreize von Versicherern und öffentliche Gesundheitskampagnen können die Akzeptanz weiter unterstützen.

Regierungen, die mit steigenden Gesundheitskosten und einer alternden Bevölkerung konfrontiert sind, betrachten Fitness zunehmend als Teil einer umfassenderen Gesundheitsinfrastruktur und nicht mehr nur als reine Freizeitaktivität.

Neue Trends wie ein auf Langlebigkeit ausgerichteter Lebensstil und die vermehrte Nutzung von GLP-1-Medikamenten zur Gewichtsreduktion könnten diesen Wandel weiter verstärken. Anstatt die Nachfrage nach Fitnessstudios zu verringern, könnten diese Entwicklungen das Interesse an Krafttraining, gesundem Altern und strukturierter körperlicher Aktivität steigern.

Betreiber, die sich innerhalb dieses umfassenden Gesundheitsökosystems positionieren können, könnten von erheblichen langfristigen Wachstumschancen profitieren.

Demografie

Auch die demografische Struktur beeinflusst die Marktdurchdringung.

Jüngere Bevölkerungsgruppen nehmen im Allgemeinen eher an Fitnessaktivitäten teil. Die alternde Bevölkerung eröffnet jedoch auch Chancen für Betreiber, wenn sie ihre Einrichtungen, Programme und Regenerationsangebote an die Bedürfnisse älterer Menschen anpassen. Dies trägt zum Wachstum von Konzepten bei, die sich branchenweit auf Wellness, Regeneration und Langlebigkeit konzentrieren.

Erfolgreiche Betreiber erweitern ihre Attraktivität zunehmend über die traditionellen Fitnessstudionutzer hinaus und schaffen Umgebungen, die auf Gesundheitsspanne, Gemeinschaft und langfristiges Wohlbefinden ausgerichtet sind.

Preismodelle und Flexibilität

Flexible Preismodelle senken weiterhin die Eintrittshürden und fördern die Akzeptanz. Monatliche Mitgliedschaften mit einfachen Anmeldeprozessen und unkomplizierter Kündigung regen zum Ausprobieren an und verringern Reibungsverluste. Im Gegensatz dazu können langfristige Verträge, hohe Aufnahmegebühren und komplexe Preisstrukturen in einigen Märkten nach wie vor von einer Teilnahme abhalten.

Auch das Angebot an körperlicher Betätigung über Firmenfitness oder Aggregatoren bietet Mitarbeitern von Unternehmen zusätzliche Möglichkeiten.

Digitale Integration, App-basierter Zugang und flexible Mitgliedschaften werden zunehmend zur Standarderwartung der Verbraucher, insbesondere in jüngeren Bevölkerungsgruppen.

Fazit

Die Unterschiede in den Reaktionsquoten in Europa sind nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen, sondern auf eine Kombination aus Erschwinglichkeit, Kultur, Zugänglichkeit, Infrastruktur, Angebot und alternativen Bewegungsgewohnheiten.

Die Länder mit der höchsten Durchdringung sind nicht unbedingt die wohlhabendsten oder sportlichsten, sondern jene, in denen Fitness erschwinglich, zugänglich und kulturell normalisiert ist.).

Wichtig ist, dass sich diese Bedingungen weiterentwickeln. Da die Märkte durch ein größeres Angebot, niedrigere Preisbarrieren, eine stärkere Skalierung der Betreiber und eine tiefere Integration in das Gesundheits- und Wellnesswesen reifen, dürften die Durchdringungsraten weiter steigen.

Im Vergleich zu den USA – wo die Fitnessdurchdringung im letzten Jahr 26 Prozent erreichte – hat Europa noch erheblichen Spielraum für Expansion (Europe Active, 2026).

Auszug aus der Literaturliste

DSSV e. V. – Arbeitgeberverband Deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (Hrsg.). (2026). Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft 2026. Hamburg: Hrsg.

EuropeActive (Hrsg.). (2026). European Health & Fitness Market Report 2026. Brüssel: Hrsg.

Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:

Rutgers, H. (2026). Langer Titel des Artikels. fitness MANAGEMENT international, 4 (186), 46–49.

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