Corona, Fitness, Gesundheit | Autor: Jürgen Wolff |

Prof. Dr. med. Oliver Tobolski: „Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben.“

Die Corona-Krise wird die Branche nachhaltig verändern und stellt den Zweiten Gesundheitsmarkt vor neue Herausforderungen. medical fitness and healthcare hat Gesundheitsdienstleister gefragt, zu welchen Schwierigkeiten die Schließungen geführt haben, welche Lösungen geplant sind und welche Chancen sich jetzt bieten.

Interview mit dem Sportmediziner Prof. Dr. med. Oliver Tobolski: 'Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben.'

Eine Einleitung in das Titelthema der mfhc Ausgabe 01/2021 'Gesundheitsdienstleister unter Pandemiebedingungen' können Sie im Artikel 'Medical Fitness vs. Corona' lesen. Eine Leseprobe haben wir hier für Sie verlinkt.


medical fitness and healthcare hat drei Gesundheitsdienstleister nach ihren persönlichen Erfahrungen während der Lockdown-Phasen befragt. Darunter auch Prof. Dr. med. Oliver Tobolski, ärztlicher Direktor, Gründer und Inhaber der sportmedizinischen Praxisklinik Sporthomedic in Köln.

mfhc: Inwieweit haben sich die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf den Betrieb Ihrer Praxis ausgewirkt?

Prof. Dr. med. Oliver Tobolski: Der Lockdown hat sich intensiv auf die gesamte Praxis ausgewirkt. Der Mannschafts- und Individualsport ist in den ersten Monaten des Lockdowns und insbesondere im Herbst und Winter 2020/21 komplett eingebrochen. Wir haben deshalb deutlich weniger Sportverletzungen in der Praxis gesehen.

Darüber hinaus mussten wir aufgrund eines Corona-Falls die Praxis für 14 Tage schließen, sodass der Betrieb in der ersten Phase des Lockdowns massiv eingeschränkt war.

Wie haben Sie als Unternehmer auf diese Situation reagiert?

Tatsächlich musste man zunächst seine eigenen Erfahrungen machen. Wir haben durch die Schließung der Praxis genügend Zeit gehabt, ein ausgereiftes Hygienekonzept zu entwickeln und auch nachhaltig zu installieren.


 


Nach Wiedereröffnung der Praxis im April 2020 waren wir dann in der Lage, durch Schichtdienst, Hygienemaßnahmen und eine besondere Ablauforganisation den Praxisbetrieb bis zum heutigen Tag uneingeschränkt aufrechtzuerhalten.

Inwiefern haben sich in der Zeit des Lockdowns der Kontakt zu und die Kommunikation mit Ihren Patienten in der Praxis verändert?

Anfangs waren die Patienten – genauso wie wir – unsicher: Was ist sinnvoll und was überflüssig? Die Patientenzahlen sind zunächst zurückgegangen. Im weiteren Verlauf hatten die Patienten dann aber doch durch unser Hygienekonzept und auch durch die Notwendigkeit einer Behandlung genügend Vertrauen, um sich in unserer Praxis vorzustellen.

In welchem Maß haben digitale Tools in Ihrem Unternehmen durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen?

Wir haben in dieser Zeit erstmals eine Videosprechstunde eingerichtet, über die sich die Patienten melden und beraten lassen konnten. In der Orthopädie ist es allerdings nicht ganz so einfach, weil ein erkranktes Gelenk, ein erkrankter Rücken oder eine beeinträchtigte Weichteilstruktur eigentlich immer händisch untersucht werden muss, sodass die Möglichkeit, digitale Tools zu nutzen, nicht immer die beste Lösung war.

Der lange harte Lockdown hat viele Trainierende körperlich deutlich zurückgeworfen und zahlreiche negative Begleiterscheinungen mit sich gebracht. Welche Beschwerden oder sogar Krankheitsbilder haben die Zeit der Schließungen für Sie besonders geprägt?

Das waren zum einen Verkürzungen von Muskelgruppen, die durch langes Sitzen im Homeoffice überbeansprucht wurden, zum anderen Überlastungssyndrome bei Menschen, die nach längerer Zeit wieder intensiv mit Sport angefangen haben, insbesondere mit Laufen. Wir haben deutlich mehr Rückenschmerzpatienten und auch Patienten mit Knie- oder Fußbeschwerden, die mit dem Joggen angefangen und anfangs dann sehr übertrieben haben.

Gab es Ihrer Erfahrung nach eine auffällige Zunahme von chronisch-degenerativen oder akut-traumatischen Befunden?

Die Zunahme von chronisch-degenerativen Erkrankungen spielt sicherlich die wichtigere Rolle: Verkürzungen der hüftübergreifenden Strukturen, Überlastungen der Unterarmmuskulatur durch permanentes Benutzen einer Tastatur, aber auch Beschwerden im Bereich der Brustwirbelsäule durch lange Zwangshaltungen an unbequemen Tischen im Homeoffice haben eine wichtige Rolle gespielt.


Lesen Sie jetzt weiter: 'Corona-Schutzimpfung und Sport'


Akut-traumatische Befunde haben wir deutlich weniger gesehen, weil Wintersport in diesem Jahr so gut wie nicht stattgefunden hat. Normalerweise behandeln wir in den Monaten November bis Februar extrem viele Knie- und Sprunggelenks- oder Schulterverletzungen.

Schmerzen nehmen sicherlich auch zu, wenn die Psyche leidet. Diese Erfahrung haben wir tatsächlich auch im Lockdown gemacht: Die Menschen leiden mehr unter Beschwerden, weil sie sich im Lockdown grundsätzlich unsicher und unwohl fühlen.


Welche Lösungen wünschen Sie sich, damit solche und vergleichbare Fälle in Zukunft vermieden werden können?

Hier gilt aus meiner Sicht der Leitspruch unserer Praxis: 'Bewegung ist Leben und Leben ist Bewegung.' Wir sollten im Hinterkopf behalten, dass eine dosierte Bewegung sinnvoll ist und insbesondere auch in diesen psychisch herausfordernden Zeiten eines Lockdowns eine dosierte Bewegung – möglichst an der frischen Luft – das ein oder andere Problem in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Ich wünsche mir, dass sich die Menschen regelmäßig Zeit für Bewegung nehmen und mehr auf ihren Körper achten.

Mit welchen wesentlichen, pandemiebedingten Veränderungen werden sich Medical-Fitness-Anbieter sowie auch Physiotherapeuten aus Ihrer Sicht in
Zukunft dauerhaft auseinandersetzen müssen?

Ich glaube, dass der Anspruch des Patienten an seine Mobilität wachsen wird. Hygiene wird eine wichtige Rolle spielen, wahrscheinlich auch die Möglichkeit, digital mit Therapeuten in Verbindung treten zu können.

Von daher ist die Kombination aus Qualität, Sauberkeit und auch menschlicher Zuwendung für Medical-Fitness-Anbieter sicherlich der Schlüssel zum Erfolg.


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Können sich Ihrer Einschätzung nach aus diesen zunächst erzwungenen Veränderungen für Medical-Fitness-Anbieter auf der einen sowie Physiotherapeuten auf der anderen Seite auch neue Chancen entwickeln? Wenn ja, welche?

Ja. Ich glaube, dass diejenigen im Vorteil sind, die bereits vor der Krise ein tragfähiges Konzept hatten, was Hygiene und Qualitätsmanagement betrifft. Wir sollten uns immer vor Augen führen, dass wir mit Menschen arbeiten und die Qualität der Behandlung und der Therapie im absoluten Vordergrund stehen sollte.

Wenn also Pathways und Qualitätsleitlinien schon vor der Pandemie bestanden haben, wird es viel einfacher sein, diese auch nach der Pandemie mit Leben zu füllen.

Rechnen Sie in den kommenden Monaten aufgrund des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins und der Sensibilisierung innerhalb der Bevölkerung mit einer zunehmenden Nachfrage nach gesundheitsorientiertem Fitnesstraining?

Ja. Ich rechne damit. Durch die lange Schließung von Fitnessstudios oder Sportvereinen sind körperliche Fitness und  Wohlbefinden sicherlich noch mehr in den Fokus der Menschen gerückt.


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Diejenigen, die vor dem Lockdown keinen Sport gemacht haben, haben es schwer, sich zu motivieren und den richtigen Sport für sich zu entdecken. Deswegen glaube ich, dass die Menschen nach der Krise durch das gestiegene Bewusstsein noch mehr Wert auf Medical Fitness legen werden.

Welchen Einfluss haben die Auswirkungen der Pandemie langfristig auf Ihre Therapieleistungen und auch auf die Positionierung Ihres Unternehmens?

Wir haben durch die Pandemie keine 'Federn' lassen müssen. Wir haben, wie oben angeführt, auch weiterhin auf Qualität und Kundenorientierung Wert gelegt. Wir waren auch in dieser schwierigen Zeit für unsere Patienten da und haben uns die Mühe gemacht, Menschen in Bewegung zu bringen oder in Bewegung zu halten.


 


Daher glaube ich, dass wir weiterhin als qualitätsbewusster Anbieter im Gesundheitssport wahrgenommen werden – insbesondere auch, weil wir an unseren Themen weiterarbeiten werden.

Haben Sie für den Betrieb Ihrer Praxis unter Pandemiebedingungen neue Konzepte entwickelt oder Ihr Angebot erweitert, um neue Zielgruppen anzusprechen? Welche Maßnahmen haben dabei für Sie Priorität?

Tatsächlich haben wir im Rahmen unserer Bewegungsanalyse neue Trainingsangebote dahingehend entwickelt, dass Patienten mit Einschränkungen des Bewegungssystems eine Eins-zu-eins-Betreuung auch digital erhalten können.

Durch die Implementierung dieser neuartigen Therapiemaßnahme – ein Biofeedback-Training, neuromuskuläre Aktivierung etc. – konnten wir zunächst notgedrungen neue Konzepte entwickeln, die gut angekommen sind und die wir auch weiterhin anbieten werden.

Den Einstieg und die beiden weiteren Interviews können Sie hier lesen.

  1. Einstieg: 'Medical Fitness vs. Corona'
  2. Interview mit Rüdiger Loy: 'Persönliche Betreuung'
  3. Interview mit Thilo Stumpf, Marc Wisner & Wolf Harwath: 'Zentrale Rolle'

 

Über den Interviepartner

Als Facharzt für Chirurgie, Sportmedizin und Chirotherapie ist Prof. Dr. med. Oliver Tobolski ärztlicher Direktor, Gründer und Inhaber von Sporthomedic. Die in Köln ansässige sportmedizinische Praxisklinik mit neun Fachärzten ist offizielles Medizinzentrum des Olympiastützpunktes Rheinland.

Darüber hinaus ist Prof. Tobolski Gründer und Geschäftsführer von Sporthomedic – Zentrum für Bewegungsanalyse in Köln. Er ist Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG), Verbandsarzt des Tennisvereins Mittelrhein (TVM) sowie Turnierarzt der ATP (Association of Tennis Professionals) World Tour.

Der Fokus von Prof. Dr. med. Oliver Tobolski liegt auf der Sportmedizin und Sporttraumatologie mit besonderer Expertise in arthroskopischer Chirurgie sowie der sportorthopädischen Behandlung von Knorpelschäden.

Sein Credo lautet: Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben.


Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc 01/2021

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mfhc 01/2021

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