Der Einfluss von Mobilitäts- und Stabilitätsdefiziten auf die Technik im Krafttraining wird in der Trainingspraxis häufig unterschätzt. Treten Fehlerbilder wie das Abheben der Ferse in der Kniebeuge, ein Rundrücken beim Kreuzheben oder ein Schultervorschub beim Bankdrücken auf, werden die Ursachen häufig primär in einem unzureichenden Technikverständnis oder einer mangelnden Kraftentwicklung vermutet.
Tatsächlich liegen den Bewegungsfehlern jedoch oft funktionelle Einschränkungen zugrunde. In diesem Zusammenhang zeigt auch die wissenschaftliche Literatur klare Zusammenhänge zwischen funktionellen Einschränkungen und veränderten Bewegungsmustern im Krafttraining. So steht eine eingeschränkte Sprunggelenksbeweglichkeit beispielsweise mit Veränderungen der Kniebeugenkinematik in Verbindung (Dill, Begalle, Frank, Zinder & Padua, 2014; Fuglsang, Telling & Sørensen, 2017).
Yoga ist mehr als nur große Bewegungsamplituden
Im Trainingsalltag wird der Begriff Beweglichkeit häufig dazu verwendet, die maximale Schwingungsreichweite von Gelenken zu beschreiben. Neben großen Bewegungsamplituden spielt insbesondere die aktive Kontrolle einer Bewegung oder einer Gelenkposition eine entscheidende Rolle.
Eine große Bewegungsamplitude allein stellt also noch keinen Garant für eine qualitativ hochwertige Bewegungsausführung dar. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Gelenkposition auch endgradig noch aktiv stabilisiert und kontrolliert werden kann. Denn nur dann kann in jedem Teil der Bewegung kontrolliert Kraft aufgebaut werden und somit eine gute Bewegungsqualität gewährleistet sein.
Während klassisches Dehntraining häufig isoliert auf die passive Verbesserung der Bewegungsamplitude einzelner Gelenke oder Muskelgruppen abzielt, verfolgt Yoga einen ganzheitlicheren Ansatz. Endgradige Positionen müssen kontrolliert gehalten werden. Gleichzeitig wird dies mit bewusster Atemführung kombiniert. Dies kann nur gelingen, wenn die Positionen eingenommen und gleichzeitig aktiv stabilisiert werden können. Gerade diese Kombination kann für das Krafttraining interessant sein.
Positive Effekte von Yoga auf klassische Bewegungsmuster im Krafttraining Aktuelle Studien zeigen, dass Yoga technikrelevante Faktoren von klassischen Übungen im Krafttraining positiv beeinflussen kann. Polsgrove, Eggleston und Lockyer (2016) etwa konnten bei College-Athleten nach zehn Wochen Yoga-Training Verbesserungen der Sprunggelenksflexibilität feststellen.
Aber auch bei einer trainingspraktischen Betrachtung klassischer Krafttrainingsübungen wird der positive Nutzen von Yoga-Elementen deutlich. Ein einfaches Praxisbeispiel zeigt sich in der tiefen Kniebeugeposition: Viele Trainierende können zwar passiv eine tiefe Hocke erreichen, verlieren dort jedoch die Stabilität im Sprunggelenk oder Rumpf oder kippen in eine starke Beckenrückkippung („Butt Wink“).
Übungen wie die Yogahocke (Malasana, Abb. 1), die die Beweglichkeit im Sprunggelenk und in der Hüfte verbessern, können hier ansetzen. Entscheidend ist dabei vor allem das bewusste Halten der Position unter Spannung: Die Trainierenden arbeiten aktiv gegen das Einknicken im Sprunggelenk, stabilisieren den Rumpf und kontrollieren ihre Atmung. Dadurch wird die Fähigkeit trainiert, die tiefe Hockposition kontrolliert und stabil zu halten.
Ein weiteres Beispiel zeigt sich beim Kreuzheben: Viele Trainierende verfügen grundsätzlich über eine ausreichende Beweglichkeit der hinteren Muskelkette, verlieren jedoch beim Absenken des Gewichts die Kontrolle über die Wirbelsäulenposition. Die Folge ist ein Rundrücken unter Last.
Übungen wie der Stabsitz (Dandasana, Abb. 2), die halbe Vorwärtsbeuge (Ardha Uttanasana, Abb. 3) oder statische Plank-Variationen fördern sowohl die aktive Hüftflexion als auch die lumbopelvine Stabilität und können damit die Voraussetzungen für eine kontrollierte Bewegungsausführung verbessern.
Ein typisches Beispiel für das Krafttraining der oberen Extremität ist das Bankdrücken: Kann keine stabile Position mit kontrollierter Schulterblattstellung und ausreichender Brustwirbelsäulenextension eingenommen werden, kommt es häufig zu einem vorzeitigen Vorschieben oder Anheben der Schultern. Dadurch kann sich die Bewegungsamplitude reduzieren, die Kraftübertragung verschlechtern oder die Belastung auf die vordere Schulter erhöhen.
Yogaübungen wie die Kobra (Bhujangasana) oder der heraufschauende Hund (Urdhva Mukha Svanasana, Abb. 4) können hier die Beweglichkeit der vorderen Schultermuskulatur verbessern und gleichzeitig die Gelenkstabilisierung unter Last unterstützen.
Yoga als Ergänzung im Krafttraining
Trainerinnen und Trainer mit Kompetenzen im Bereich der Biomechanik sind in der Lage, anhand von Technikfehlern auf mögliche Stabilitäts- und Mobilitätsdefizite zu schließen, die dem Fehlerbild zugrunde liegen.
Elemente aus dem Yoga können anschließend im Rahmen der Trainingsplanung sinnvoll in Warm-up, Techniktraining oder Regenerationsphasen integriert werden, um die Bewegungsqualität und Körperkontrolle zu verbessern. Die Voraussetzung hierfür ist, neben Know-how im Krafttraining, auch über entsprechende Qualifikationen im Bereich Yoga zu verfügen, um eine fachgerechte Anleitung der Yoga-Elemente zu gewährleisten.
Wichtig ist schlussendlich immer auch die richtige Einordnung: Yoga-Elemente verbessern nicht automatisch die Technik komplexer Krafttrainingsübungen und ersetzen natürlich auch kein spezifisches Krafttraining. Sie können vielmehr eine sinnvolle Ergänzung innerhalb einer langfristigen und systematischen Trainingsplanung darstellen, insbesondere zur Verbesserung technikrelevanter Voraussetzungen wie Beweglichkeit und aktive Stabilisierung.
Fazit
Viele Technikfehler im Krafttraining entstehen nicht ausschließlich durch mangelnde Kraft oder fehlendes Technikverständnis, sondern auch durch funktionelle Defizite im Bereich Mobilität und Stabilität.
Durch die Kombination aus aktiver Stabilisierung und Atemkontrolle in endgradigen Gelenkpositionen bietet Yoga die Möglichkeit, die Bewegungsqualität beim Krafttraining gezielt zu verbessern. So kann Yoga dazu beitragen, die Voraussetzungen für eine systematische und langfristige Trainingsdurchführung im Krafttraining zu schaffen oder etwa nach Verletzungen wiederherzustellen.
Auszug aus der Literaturliste
Dill, K. E., Begalle, R. L., Frank, B. S., Zinder, S. M. & Padua, D. A. (2014). Altered knee and ankle kinematics during squatting in those with limited weight-bearing–lunge ankle-dorsiflexion range of motion. Journal of athletic training, 49 (6), 723–732.
Fuglsang, E. I., Telling, A. S. & Sørensen, H. (2017). Effect of ankle mobility and segment ratios on trunk lean in the barbell back squat. The Journal of Strength & Conditioning Research, 31 (11), 3024–3033.
Polsgrove, M. J., Eggleston, B. M. & Lockyer, R. J. (2016). Impact of 10-weeks of yoga practice on flexibility and balance of college athletes. International Journal of Yoga, 9 (1), 27–34.
Für eine vollständige Literaturliste kontaktiere uns bitte hier per Mail.
Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:
Miller, A. (2026). Bewegungsqualität gezielt verbesssern. fitness MANAGEMENT international, 4 (186), 100–102.

Werde Teil der fM-Community