Einen Großteil der chronischen Erkrankungen und Todesursachen in Deutschland, ebenso wie in anderen Industrienationen, machen Zivilisationskrankheiten aus (Statistisches Bundesamt, 2022).
Zu ihnen gehören unter anderem verschiedene Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht und Adipositas, bestimmte Krebserkrankungen wie Darm- und Lungenkrebs sowie bestimmte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst und Essstörungen.
Nebenwirkungen des Wohlstands
Unter Zivilisationskrankheiten versteht man Erkrankungen, die mit der Lebensweise in den Industrienationen zusammenhängen (DocCheck Flexikon, 2024). Sie treten als 'Nebenwirkungen' des Wohlstands auf und lösten in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Infektionskrankheiten als häufigste Todesursachen ab, die in den ärmsten Ländern der Welt noch immer an erster Stelle stehen (Statista, 2024a).
Wenn es gelänge, den Zivilisationskrankheiten vorzubeugen oder sie zu therapieren, würden wir körperlich, geistig und psychisch gesünder und länger leben. Wissenschaftliche Prognosen gehen im Hinblick auf manche dieser Erkrankungen jedoch vom Gegenteil aus.
So wird angenommen, dass bis zum Jahr 2050 im Vergleich zum Jahr 2007 die Zahl der Schlaganfälle um 62 Prozent und die der Herzinfarkte um 75 Prozent steigen wird (Statista, 2024b). Es besteht also Handlungsbedarf.
Mit 'Steinzeitgenen' im Smartphone-Zeitalter
Die Ursache für Zivilisationskrankheiten liegt darin, dass unsere Lebensweise stark von derjenigen abweicht, für die unser Körper genetisch gebaut ist. Die ersten zwei Millionen Jahre unserer Existenz lebten wir Menschen bzw. unsere Vorfahren aus der Gattung 'Homo' als Jäger und Sammler (Scinexx, 2016).
Aus dieser Zeit stammt unser genetischer Bauplan – und er hat sich bis heute kaum verändert. In der Jungsteinzeit, vor etwa 10.000 Jahren, wurde der Mensch sesshaft und begann mit Viehzucht und Ackerbau (Scinexx, 2016).
In der vergleichsweise kurzen Zeit von der Sesshaftwerdung bis heute hat sich die Lebensweise zunehmend stärker und schneller gewandelt, bis schließlich die Industrialisierung zum heutigen Lebensstil mit Auto, Smartphone, Tiefkühlpizza und Netflix führte.
Was unterscheidet die Lebensweise unserer Steinzeitvorfahren, die keine Zivilisationskrankheiten kannten, vom heutigen Lebensstil? Um diese Frage zu beantworten, untersuchen Wissenschaftler nicht nur menschliche Überreste aus der Steinzeit, sondern auch kleine Völker, die bis heute als Jäger und Sammler leben.
Ein Beispiel hierfür sind die Hadza in Nordtansania, deren Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel als besonders gesund gelten (Pontzer, Wood & Raichlen, 2018). Forscher sind sich einig, dass der Lebensstil von Jägern und Sammlern in drei Bereichen Unterschiede zum heutigen Lebensstil der westlichen Welt aufweist (Alt, Al-Ahmad & Woelber, 2022; Ganten, Spahl & Deichmann, 2011; Pontzer, Wood & Raichlen, 2018):
- Bewegung: Jäger und Sammler in der Steinzeit haben sich etwa 20 Kilometer pro Tag bewegt und heutige Jäger und Sammler in Tansania sind mindestens 100 Minuten pro Tag mit moderater bis hoher Intensität körperlich aktiv. Menschen in hochentwickelten Ländern wie Deutschland bewegen sich hingegen im Schnitt etwa 440 Meter pro Tag.
- Ernährung: Die genaue Nahrungsmenge und Nährstoffzusammensetzung werden zwar kontrovers diskutiert, Wissenschaftler sind sich jedoch darüber einig, dass Jäger und Sammler nicht jederzeit unbegrenzten Zugriff auf Nahrung hatten und Fastenphasen zum Alltag gehörten. Die Nahrung war weniger kalorienreich und die Lebensmittel waren nur gering verarbeitet.
- Psyche: Das Leben der Jäger und Sammler war einfach. Sie lebten in kleinen Sippen, verbrachten viel Zeit im Grünen und hatten ausreichend Erholung und Schlaf. Viele Arten von Stress und psychischer Belastung kannten sie nicht.
Artgerechte Haltung?
Wer Zivilisationskrankheiten wirklich vermeiden oder therapieren und ihnen nicht nur medikamentös entgegenwirken möchte, sollte seine Lebensweise so wählen, dass sie der Natur des Menschen gemäß seiner genetischen Programmierung möglichst nahekommt.
Bei Tieren würde man von artgerechter Haltung sprechen – ein Gedanke, den der Mensch auf sich selbst offensichtlich kaum überträgt. Selbstverständlich ist es unter den heutigen Bedingungen nicht leicht, wenn nicht gar unmöglich, alle gesundheitsförderlichen Aspekte des Lebensstils unserer steinzeitlichen Vorfahren vollständig zu übernehmen.
Allerdings sind auch einzelne gesunde Verhaltensweisen effektiv. Eine Studie aus den USA untersuchte beispielsweise, wie sich fünf gesunde Verhaltensweisen auf die Gesundheit und verbleibende Lebenserwartung im mittleren Erwachsenenalter auswirken (Li et al., 2020).
Die fünf gesunden Verhaltensweisen in der Studie waren: niemals rauchen, ein normaler Body-Mass-Index (BMI), moderate bis intensive körperliche Aktivität im Umfang von mindestens 30 Minuten pro Tag bzw. 3,5 Stunden pro Woche, maximal moderater Alkoholkonsum und eine ausgewogene Ernährung.
Bei Männern im Alter von 50 Jahren steigerte die Einhaltung von vier oder fünf dieser gesunden Verhaltensweisen die verbleibende gesunde Lebenserwartung – frei von Herz-Kreislauf-, Krebserkrankungen und Diabetes – um 7,6 Jahre im Vergleich zu Männern, die keine der gesunden Verhaltensweisen zeigten.
Bei Frauen betrug der Unterschied 10,7 Jahre. Man muss also nicht zum Steinzeitmenschen werden, um Zivilisationskrankheiten zu vermeiden und länger und gesünder zu leben.
Fitness- und Gesundheitsanlagen statt Savanne
Um die empfohlene Dosis an Bewegung umzusetzen und einen gesunden Lebensstil zu unterstützen, eignen sich unter anderem Fitness- und Gesundheitsanlagen. Dies gilt sowohl im Bereich der Prävention als auch bei bereits bestehenden lebensstilbedingten Erkrankungen.
Was die Bewegung betrifft, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren mit oder ohne chronische Erkrankungen Ausdauerbelastungen im Umfang von mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche mit moderater bis hoher Intensität oder 75 bis 150 Minuten pro Woche mit hoher Intensität.
Für zusätzliche gesundheitliche Vorteile werden mindestens zwei Einheiten Krafttraining pro Woche für die Hauptmuskelgruppen von mindestens moderater Intensität empfohlen (Weltgesundheitsorganisation [WHO], 2018). Einsteiger sollten allmählich an den vollen Umfang herangeführt werden.
Diese Bewegungsempfehlungen lassen sich in Fitness- und Gesundheitsanlagen zum Beispiel durch gerätegestütztes Ausdauer- und Krafttraining oder Kombinationen von betreutem Training vor Ort und selbstständigen Einheiten zu Hause umsetzen. Spezielle Trainingsformen oder eine bestimmte Übungsauswahl sind nicht notwendig, um die gewünschten Erfolge zu erzielen.
Gängige Trainingskonzepte auf dem Markt eignen sich also, sie sollten jedoch ggf. um Anleitungen zu selbstständigem Training ergänzt werden, damit Kunden auf die empfohlene Dosis an Ausdauer- und Krafttraining kommen.
Auch die Themen Ernährung und Psyche können in Fitness- und Gesundheitsanlagen adressiert werden. Im Bereich Ernährung bieten sich beispielsweise Kurse zur Gewichtsreduktion oder zu ausgewogener Ernährung an. Was die Psyche betrifft, passen Kurse zur Stressreduktion, Achtsamkeitstraining und Entspannungstraining in das Konzept.
Wichtig ist, dass die Kunden ihre Lebensweise nachhaltig umstellen und nicht nur kurze Trainingsphasen in einen anschließend wieder unveränderten Alltag einbauen. Dies kann nur durch supervidiertes Training bzw. kompetente fachliche Anleitung gelingen.
Hierfür sind ausgebildete Bewegungsfachkräfte wie Gesundheitsmanager oder Sport- und Bewegungstherapeuten erforderlich, die nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf psychosozialer und pädagogischer Ebene mit dem Kunden arbeiten.
Fazit
Auch wenn sich unsere Gene seit der Steinzeit kaum verändert haben, hat unser Verstand doch große Sprünge gemacht. Wenn uns bewusst wird, wie wenig 'artgerecht' wir heute leben, haben wir die Chance, den Verstand zu unserem Wohl statt für unseren Komfort einzusetzen.
Durch genügend Bewegung, Ernährung in Maßen und Fürsorge für die Psyche können wir uns im heutigen Wohlstand wieder der Gesundheit und Fitness annähern, die unsere Vorfahren aus der Steinzeit innehatten. Um dies umzusetzen, eigenen sich Fitness- und Gesundheitsanlagen mit ausgebildeten Bewegungsfachkräften, die den Menschen auf seinem Weg zu einer gesünderen Lebensweise unterstützen.
Auszug aus der Literaturliste
Ganten, D., Spahl, T. & Deichmann, T. (2011). Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution (9. Auflage). München: Piper.
Li, Y., Schoufour, J., Wang, D.D., Dhana, K., Pan, A., Liu, X. et al. (2020). Healthy lifestyle and life expectancy free of cancer, cardiovascular disease, and type 2 diabetes: prospective cohort study. The BMJ: British Medical Journal, 368, 1–10.
Pontzer, H., Wood, B. M. & Raichlen, D. A. (2018). Hunter-gatherers as models in public health. Obesity Reviews, 19 (1), 24–35.
Diesen Artikel können Sie folgendermaßen zitieren:
Rosenberger, F. (2024). Fit wie in der Steinzeit. medical fitness and healthcare, 02/2024, 72–74.