Vom Bundestag zum DSSV

Philipp Hartewig erläutert seine Ziele beim DSSV und spricht über politische Anerkennung, Bürokratie, Scheinselbstständigkeit, Qualitätsstandards und die Zusammenarbeit mit dem organisierten Sport.
Lesezeit: 7 Minuten
Porträt von Philipp Hartewig, daneben das Logo des DSSV e. V.
Philipp Hartewig, Geschäftsführer des DSSV e. V. – Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen
Vom Bundestag in die Fitnessbranche: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Rechtsanwalt Philipp Hartewig ist seit dem 1. Juli 2026 Geschäftsführer des DSSV e. V. In seiner neuen Funktion verbindet er juristische Expertise mit politischer Erfahrung aus erster Hand. Sein Ziel ist es, die politische und gesellschaftliche Anerkennung der Fitness- und Gesundheitsbranche weiter zu stärken, verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu fördern und konkrete Lösungen für zentrale Herausforderungen wie Scheinselbstständigkeit, Bürokratie und Qualitätsstandards voranzutreiben. Im Interview erläutert Hartewig, warum die Fitnessbranche als wichtiger Akteur für Gesundheit und Prävention stärker wahrgenommen werden muss, weshalb die Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Verband, Politik, Sozialversicherungsträgern und dem organisierten Sport entscheidend ist und wie Studiobetreibende die Verbandsarbeit unterstützen können.
fM: Philipp, du bist seit dem 1. Juli 2026 Geschäftsführer des DSSV. Mit welchem persönlichen Ziel hast du diese Aufgabe übernommen und wie war dein vorheriger Werdegang bis hin zum ersten Kontakt mit dem DSSV?

Philipp Hartewig: Mein Ziel ist es, gemeinsam mit den verschiedenen Akteuren eine klare strategische Perspektive für den DSSV und die Fitness- und Gesundheitsbranche zu entwickeln. Besonders wichtig ist mir, dem DSSV und somit der Fitness- und Gesundheitsbranche gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik eine stärkere Stimme zu verleihen.

Als ich 2021 in den Bundestag gewählt wurde und das Amt des sportpolitischen Sprechers meiner Fraktion übernahm, habe ich die wesentlichen Verbände und Akteure angeschrieben – selbstverständlich zählte dazu auch der DSSV als Interessenvertreter der Fitnessbranche. Mir war wichtig, mich direkt vorzustellen und frühzeitig einen kontinuierlichen Austausch zu beginnen. So hat sich die Zusammenarbeit mit dem DSSV entwickelt.

Sport, wozu für mich auch die Fitnessbranche zählt, war dabei keine zufällige politische Zuständigkeit. Ich verbinde diese Branche mit einer persönlichen Leidenschaft. Schon während des Studiums beschäftigte ich mich mit Sportrecht und engagierte mich ehrenamtlich in Sportstrukturen. Eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio sowie regelmäßiges Training gehören für mich einfach dazu. Als wir Abgeordneten unsere Präferenzen für Ausschüsse nennen konnten, stand der Sportausschuss daher ganz oben auf meiner Liste.

Wie hast du die politischen Maßnahmen während der Corona-Pandemie wahrgenommen?

Das war für mich und mein Verhältnis zur Branche ein prägendes Thema. Ich betrachtete die Schließung von Sport- und Fitnessangeboten zunehmend kritisch. Gerade in den ersten Monaten der pandemiebedingten Schließungen wurden aus meiner Sicht wiederholt Fehler gemacht und neue Erkenntnisse über Sport, Fitness und Bewegung nicht ausreichend berücksichtigt.

Diese Situation hat mich noch einmal stärker politisiert.

Bereits vor meiner Zeit im Bundestag bin ich juristisch gegen sportbezogene Einschränkungen im Freistaat Sachsen vorgegangen. So habe ich beispielsweise 2021 als Privatperson gegen den Freistaat Sachsen geklagt, wieder eine grundsätzliche Öffnungsmöglichkeit für Fitnessstudios zu schaffen. Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2021 konnte ich die Erkenntnisse aus diesem Verfahren direkt in Berlin einbringen. Wir sorgten dann unmittelbar dafür, dass Sportstätten nicht mehr ohne Weiteres vollständig geschlossen werden konnten. Rückblickend erscheint vieles selbstverständlich, doch damals waren entsprechende Positionen politisch keineswegs unumstritten.

Bis heute teile ich die Ansicht, dass Fitnessstudios als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems zu betrachten sind. Bewegung kann zur Prävention beitragen und Menschen dabei unterstützen, ihre Gesundheit aktiv zu stärken. Das fragwürdige politische Leitbild lautete hingegen: zu Hause bleiben, sich auf die Couch setzen und Risiken vermeiden. Sollte es noch einmal zu einer vergleichbaren Situation kommen, muss die Branche deutlich lauter sein und stärker gehört werden.

Für meine zukünftige Tätigkeit beim DSSV leite ich daraus einen klaren Auftrag ab: Die Fitness- und Gesundheitsbranche muss als gesundheits- und gesellschaftspolitischer Faktor so fest etabliert werden, dass ihre Bedeutung in zukünftigen politischen Krisensituationen von Beginn an berücksichtigt wird.

Philipp Hartewig

Philipp Hartewig

ist Rechtsanwalt und seit dem 1. Juli 2026 Geschäftsführer des DSSV e. V. – Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits- Anlagen. Von 2021 bis 2025 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Dort war er unter anderem Mitglied des Rechts- und des Sportausschusses sowie sportpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Als Geschäftsführer verantwortet er die Verbandsarbeit und setzt dabei Schwerpunkte in der politischen Interessenvertretung und der juristischen Beratung der Mitgliedsunternehmen.

Du hast 2024 als Abgeordneter ein Positionspapier publiziert. Was stand darin und welche Idee steckte dahinter?

Wir haben gesehen, dass die Fitness- und Gesundheitsbranche in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen Mehrwerte schafft, und das wollte ich unmissverständlich zum Ausdruck bringen. „Der Beitrag der Fitnessbranche zur Gesundheitsförderung und Prävention ist unverzichtbar für eine gesunde Gesellschaft.“ Das war die Kernaussage, und wir haben das Positionspapier bewusst zum Beginn der FIBO im April 2024 veröffentlicht, was zu großer Medienresonanz führte.

Die Branche bringt Menschen in Bewegung, kann zur Entlastung des Gesundheitssystems beitragen und ist gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Das wurde besonders beim Thema Post-Covid deutlich. Während in vielen Bereichen noch immer konkrete Antworten fehlen, konnten Teile der Fitness- und Gesundheitsbranche bereits Lösungen anbieten. Meines Erachtens ist es deshalb nicht ausreichend, den gesellschaftlichen Beitrag der Branche lediglich verbal anzuerkennen. Politische Anerkennung muss sich auch in konkreten Rahmenbedingungen widerspiegeln. Das Positionspapier war damals ein wichtiges Signal in diese Richtung.

Das Papier diente auch als Grundlage für nachfolgende Anhörungen, beispielsweise im Sportausschuss. Die Rolle von Fitnessstudios und körperlicher Aktivität im Zusammenhang mit Post-Covid hat gezeigt, welchen Beitrag konkrete bewegungsbezogene und gesundheitsorientierte Maßnahmen leisten können. Gerade die Möglichkeit der individuellen Betreuung ist eine Stärke professioneller Fitness- und Gesundheitsanbieter, die wir meines Erachtens noch mehr hervorheben sollten. Sportvereine leisten einen enormen Beitrag dazu, Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, und sie sind sehr stark im sozialen Miteinander. Bei individuellen gesundheitlichen Fragestellungen kann die Fitness- und Gesundheitsbranche jedoch sehr viel zielgerichteter mit einzelnen Personen arbeiten. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ist Deutschland aus deiner Sicht überreguliert?

Ja. Wir könnten sehr viele Vorschriften abschaffen. Das Problem beginnt jedoch, wenn man konkret über einzelne Regelungen spricht. Grundsätzlich sind alle für Bürokratieabbau, aber wenn dann aber zehn Vorschriften auf dem Tisch liegen, findet sich bei fast jeder jemand, der erklärt, warum gerade diese Regelung doch sinnvoll sein könnte.

Daher plädiere ich für mehr politischen Mut, bestehende Vorschriften zu streichen. Viele Regulierungen sind Ausdruck einer nicht nachvollziehbaren Kultur des Misstrauens gegenüber engagierten Unternehmen.

„Schwarze Schafe“ erreicht man häufig auch nicht dadurch, dass man noch eine zusätzliche Vorschrift oder Dokumentationspflicht schafft. Wir haben ein enormes Bürokratieproblem – dazu gehören auch ein falsches Mindset sowie fehlendes Vertrauen in die Unternehmer und die Bevölkerung.

Für Fitnessstudiobetreiber ist diese Haltung besonders relevant: Nach meinen ersten Erfahrungen in der DSSV-Rechtsberatung gehören Arbeitsrecht, Vertragsrecht, Datenschutzrecht, Sozialversicherungsrecht und zahlreiche Dokumentationspflichten zu den wiederkehrenden betrieblichen Fragestellungen. Das könnte der Gesetzgeber deutlich einfacher gestalten, ohne Einbußen an Rechtssicherheit für die Unternehmen zu riskieren.

Wie bewertest du die Diskussion über den sozialversicherungsrechtlichen Status von Freiberuflern – Stichwort Scheinselbstständigkeit?

Ausgangspunkt der Diskussion um Scheinselbstständigkeit ist unter anderem das sogenannte Herrenberg-Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) von 2022. Das Gericht stufte eine auf Honorarbasis tätige Musikschullehrerin aufgrund ihrer tatsächlichen Einbindung in die Organisation als abhängig beschäftigt ein. In der Folge veränderte sich die Prüfungspraxis bei selbstständigen Lehr- und Trainertätigkeiten.

Für Fitnessstudiobetreiber und selbstständige Trainer kann das erhebliche Konsequenzen haben. Auch wenn Kursleiter oder Personal Trainer für mehrere Auftraggeber tätig sind, ihre Arbeit eigenständig gestalten und ein wirtschaftliches Risiko tragen, kann ein Statusfeststellungsverfahren eine abhängige Beschäftigung feststellen. Den Betreibern drohen dann Nachzahlungen von Sozialversicherungsbeiträgen.

Das Kernproblem ist die fehlende Rechtssicherheit. Die derzeitige Übergangsregelung verschiebt die Problematik lediglich bis Ende 2027, löst aber nicht die grundlegende Rechtsproblematik. Der DSSV fordert deshalb Bestandsschutz für bestehende Konstellationen sowie klare Positivkriterien, anhand derer Selbstständigkeit verlässlich festgestellt werden kann.

Die Leute wollen selbstständig sein. Wer auf eigene Rechnung arbeitet, sein wirtschaftliches Risiko trägt und seine Tätigkeit selbst bestimmt, muss auch die Möglichkeit haben, als Selbstständiger anerkannt zu werden. Viele Trainer wollen ausdrücklich selbstständig tätig sein, und hierfür muss es einen rechtssicheren Rahmen geben. Für die Fitnessbranche bleibt das Thema damit eine zentrale sozialversicherungsrechtliche Herausforderung, die der DSSV sowohl in der Rechtsberatung als auch politisch adressiert.

Wie bewertest du europäische Normen, wenn einzelne Anforderungen mit deutschem Recht kollidieren?

Normen können dabei helfen, die Qualität in Fitnessstudios zu sichern und weiterzuentwickeln. Problematisch wird es jedoch, wenn einzelne Vorgaben einer solchen Norm nicht mit dem in Deutschland geltenden Recht vereinbar sind. Genau diese Herausforderung sieht der DSSV in der aktuellen Fassung der europäischen Norm für Fitnessstudios, der EN 17229.

Nach Auffassung des Verbandes stehen einzelne Anforderungen im Widerspruch zu deutschen Rechtsvorschriften. Ein vom DSSV beauftragtes Rechtsgutachten hat diese Bedenken bestätigt. Es ist im internen Bereich des DSSV nachzulesen. Dadurch entsteht für Studiobetreiber eine schwierige Situation: Einerseits möchten sie sich an anerkannten Qualitätsstandards orientieren, andererseits müssen sie sicherstellen, dass sie deutsches Recht einhalten.

Im Rahmen unserer Qualitätsoffensive arbeiten wir als DSSV deshalb an einem eigenen Standard. Das Ziel besteht darin, einen praxistauglichen Standard zu schaffen, der hohe Qualitätsanforderungen mit den rechtlichen Vorgaben in Deutschland verbindet. Denn gute Qualität sollte sich nicht allein an einer Zertifizierung zeigen, sondern vor allem daran, dass die Standards im Studioalltag sinnvoll, praktikabel und rechtssicher umgesetzt werden können.

Lange wurden die Fitnesswirtschaft und der organisierte Sport als zwei getrennte Welten wahrgenommen. Wie siehst du die aktuelle und zukünftige Zusammenarbeit?

In der Vergangenheit gab es teilweise ein Konkurrenzdenken. Heute sehe ich das Miteinander viel stärker. Die Fitnessbranche und der organisierte Sport sind Partner, keine Konkurrenten. Viele Menschen sind sowohl in einem Sportverein als auch in einem Fitnessstudio Mitglied. Beide Angebote erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse. Bei zentralen gesellschaftlichen Fragen wie der Förderung von Bewegung und Gesundheit, der Prävention oder den Herausforderungen durch das Thema Scheinselbstständigkeit sind die Interessen ohnehin sehr deckungsgleich. Wenn es darum geht, Menschen zu mehr Bewegung und Gesundheit zu motivieren, sind wir Partner. Sowohl die Fitnesswirtschaft als auch der organisierte Sport zählen zu den größten Anbietern von Bewegungsmöglichkeiten in Deutschland. Deshalb sollten sie auch politisch stärker zusammengedacht werden. Wenn es uns gelingt, mehr Menschen für einen aktiven Lebensstil zu begeistern, haben wir auch mehr Mitglieder in den Fitnessstudios und Vereinen.

Was versteht die Fitnessbranche möglicherweise falsch über Politik?

Vielleicht die Wahrnehmung von Politikern. Auch Politiker sind Menschen. Viele von ihnen trainieren selbst in Fitnessstudios. Man kann Abgeordnete einladen und ihnen vor Ort zeigen, welche Themen einen beschäftigen. In der Politik ist das Verständnis für die Branche teilweise größer als von außen wahrgenommen. Möglicherweise kommunizieren die Politiker dies nicht oft genug; möglicherweise wollen die Menschen aber auch ihr stereotypisches Bild von Politikern nicht loslassen.

Die Frage kann also genauso umgekehrt werden. Der beste Weg ist immer der Dialog: Man sollte auf Menschen und auf Politiker zugehen. Politische Interessenvertretung muss nicht zwangsläufig auf Bundesebene durch den DSSV erfolgen. Auch einzelne Studiobetreiber können den Kontakt zu ihren regionalen Abgeordneten suchen und sie in ihre Anlagen einladen. Politiker aller Fraktionen sind in der Regel gern dazu bereit. Hilfreich dabei ist, nicht nur Probleme zu benennen, sondern auch konkrete Vorschläge mitzubringen.

Genau darin sehe ich meine und unser aller Aufgabe beim DSSV: Erfahrungen aus den Betrieben aufnehmen, daraus praktikable politische Lösungsansätze entwickeln und diese gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit vertreten. Unser langfristiges Ziel ist, dass die Fitness- und Gesundheitsbranche nicht lediglich als Freizeitangebot betrachtet wird, sondern als unverzichtbarer Bestandteil eines gesunden und leistungsfähigen Deutschlands.

Fitness im Ohr mit Philipp Hartewig

Hier geht´s zur Podcastfolge:

Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:

Marx, J. (2026). Vom Bundestag zum DSSV. fitness MANAGEMENT international, 5 (187), 46–50.

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