Niko Kappel im Interview: Grenzen setzt man sich nur selbst

Beim Aufstiegskongress 2026 spricht Niko Kappel über Paralympics, Teamwork, KI im Training, Inklusion und den Mut, Grenzen neu zu denken.
Lesezeit: 11 Minuten
Niko Kappel steht im roten Trikot vor rotem Hintergrund mit Hinweis auf den Aufstiegskongress in Mannheim.
Bühne für neue Perspektiven: Beim Aufstiegskongress 2026 teilt Niko Kappel seine Erfolgsprinzipien mit der Fitness- und Gesundheitsbranche
Paralympicsgold, Weltrekord und klare Haltung: Niko Kappel spricht über seinen Sieg in Rio, den Mut, in Möglichkeiten statt in Grenzen zu denken, und warum Team, Vertrauen und neue Wege entscheidend für Erfolg sind – im Sport wie im Berufsleben. Beim Aufstiegskongress 2026 steht er zudem als Keynote Speaker auf der Bühne und gibt Einblicke in seinen Weg und seine Erfolgsprinzipien.

fM: Die Paralympics in Rio 2016: Dein Sieg und deine emotionale Reaktion im Stadion sind vielen bis heute im Kopf geblieben. Was ist dir damals durch den Kopf gegangen?

Niko Kappel: Ehrlicherweise erst mal gar nicht so viel außer dem Sieg. Während des Wettkampfs ging es mir auch gar nicht so sehr darum, dass es die Paralympics sind, sondern einfach darum: Ich habe heute die Chance, diesen Wettkampf zu gewinnen.

Vor solchen Events hält sich ja jeder immer ein bisschen bedeckt. Ich lag lange auf Platz zwei. Irgendwann haben wir dann gemerkt: Heute geht was. Es fehlt nicht viel. Im fünften Versuch habe ich dann genau diesen einen Zentimeter weiter gestoßen als der Zweitplatzierte und dann war einfach Freude da.

Der erste Moment, in dem ich wirklich Zeit hatte, das Ganze zu realisieren, war tatsächlich bei der Siegerehrung, als die Nationalhymne gespielt wurde. Also erst etwa zwei Stunden nach dem Wettkampf. Da kam es dann langsam an: Ich habe gerade die Paralympics gewonnen.

Du stehst für die Botschaft, dass wahre Größe nichts mit Körpermaß, sondern mit Haltung zu tun hat. Gab es auf deinem Weg einen Moment, in dem du selbst gemerkt hast: Jetzt denke ich nicht mehr in Grenzen, sondern in Möglichkeiten?

Das ist eigentlich kein einzelner Moment, sondern eine Entwicklung, vor allem durch den Sport. Der Sport hat mir schon als Kind und Jugendlicher viel gegeben, weil ich da gemerkt habe: Auch wenn ich kleiner bin und bestimmte Dinge vielleicht nicht so gut kann, gibt es andere Sachen, die ich dafür besonders gut kann.

Ich habe lange Fußball gespielt. Dass ich kein Kopfballungeheuer bin, war mir schnell klar. Dann hast du zwei Möglichkeiten: Entweder du versuchst, das auszugleichen, und bist am Ende vielleicht sogar eher eine Schwäche fürs Team oder du sagst: Ich konzentriere mich auf das, was ich gut kann. Bei mir war das der Ball am Fuß, eine gute Schusstechnik. Das habe ich fürs Team eingesetzt.

Jeder Mensch hat seine Stärken. Wenn man sich ein Team anschaut, gibt es immer einen Grund, warum jemand im Tor steht, warum jemand in der Innenverteidigung spielt oder im Sturm. Es geht darum, zu erkennen, wo jemand gut ist und wie man ihn am besten einsetzt. Und das gilt nicht nur im Sport, sondern im ganzen Leben – im Beruf, im privaten Umfeld oder in der Freizeit.

Diese Haltung hat mich dann auch im Leistungssport weitergebracht. Ein Beispiel sind Kniebeugen. Da wurde mir oft gesagt: „Mach das lieber nicht mit so hohen Gewichten, das ist nicht gut für deinen Körper.“ Aber das waren häufig Einschätzungen von Menschen, die nie mit kleinwüchsigen Leistungssportlern gearbeitet haben.

Klar, wenn man jemanden unvorbereitet an hohe Belastungen heranführt, ist das problematisch. Wir haben dann irgendwann gesagt: Lass uns ausprobieren, was wirklich möglich ist. Das kam auch aus einer Phase, in der ich Probleme mit dem Knie hatte.

Über den Interviewpartner

Porträt von Niko Kappel im roten Sportshirt

Niko Kappel

Niko Kappel gehört zu den prägenden Gesichtern des deutschen Parasports. Im Kugelstoßen der Klasse F41 feierte er 2016 in Rio mit paralympischem Gold seinen größten Erfolg, später stellte er zudem einen Weltrekord auf. Mit seiner Energie, seinem Humor und seiner Bodenständigkeit begeistert er nicht nur im Stadion. Als Speaker und Persönlichkeit steht er für Motivation, Inklusion und den Mut, eigene Grenzen neu zu definieren.

Foto: ©24passion

Die Idee war: gezielt Muskulatur aufbauen und gucken, ob es schlechter wird oder vielleicht sogar besser. Am Ende wurde es besser. Inzwischen liege ich bei einer Maximallast von 270 Kilo in der Kniebeuge bei einem Körpergewicht von 71 Kilo. Der deutsche Rekord liegt aktuell bei 258 Kilo.

Daran sieht man, was möglich ist. Und genau das hat mich über die Jahre begleitet: eher in Möglichkeiten zu denken als in Grenzen. Deswegen passt auch dieser Titel für mich so gut: dass wahre Größe nicht in Zentimetern gemessen wird, zumindest was das Sportliche angeht.

Was war in deiner Karriere bisher der Moment, in dem du am meisten gezweifelt hast und warum hast du trotzdem weitergemacht?

Der tiefste Einschnitt in meiner Karriere kam, bevor sie richtig begann. 2014 habe ich den Nachwuchsbundestrainern gesagt, dass ich nach dem nächsten Wettkampf aufhöre. Für mich war das damals klar, weil ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr weiterzuentwickeln.

Ich war damals 19 Jahre alt, hatte gerade meine Ausbildung beendet, war mit meiner ersten festen Freundin zusammengezogen – da waren einfach andere Themen wichtig. Dann haben sie mich noch einmal überredet, zur Junioren-WM zu gehen. Ich bin erneut Junioren-Weltmeister geworden und trotzdem war für mich klar, dass ich aufhören möchte.

Jeder Mensch hat seine Stärken. Es geht darum, zu erkennen, wo jemand gut ist.

Im Hintergrund haben sich die Nachwuchstrainer aber umgehört, ob sie einen passenden Trainer für mich finden. Direkt nachdem ich Junioren-Weltmeister geworden war, haben sie mich gefragt: „Wie wäre deine Entscheidung, wenn du bei Peter Salzer trainieren dürftest?“

Peter Salzer ist im Kugelstoßen eine absolute Größe. Und ich damals: „Wenn ich bei Peter Salzer trainieren darf, dann probiere ich es noch einmal.“ Sie hatten mit ihm schon gesprochen und so bin ich Ende 2014 zu ihm gegangen. Ich wollte es einfach noch einmal versuchen. Ende 2014 hatte ich eine Bestleistung von 10,54 Metern, Ende 2015 habe ich schon 12,85 Meter gestoßen und Silber bei den Weltmeisterschaften der Erwachsenen gewonnen.

Daran sieht man, wie wichtig das richtige Umfeld und das richtige Team sind. Ich war vorher kein anderer Athlet. Aber Peter Salzer hat mir den Weg gezeigt und ich habe ihm vertraut. Das war entscheidend. Ich bin bis heute bei ihm, unser Verhältnis hat sich natürlich mit den Jahren verändert. Heute reden wir viel mehr gemeinsam über das, was wir tun. Das ist eine große Stärke von ihm.

Deshalb war das damals eine sehr gute Entscheidung und ich bin den damaligen Nachwuchstrainern bis heute sehr dankbar. Sie haben Potenzial in mir gesehen und mich zum Weitermachen bewegt.

Du sprichst davon, dass Grenzen im Kopf entstehen. Gibt es bei dir noch heute Grenzen, an denen du arbeitest?

Ja, das begleitet einen immer wieder. Man fühlt sich da manchmal wie ein Kind, das immer wieder auf die heiße Herdplatte fasst. Im Sport selbst haben wir das, glaube ich, inzwischen ganz gut begriffen. Aber das betrifft einen eben nicht nur im Sport, sondern auch in allem drumherum.

Ich bin als Sportler im Grunde auch ein kleines Unternehmen. Ich will mich weiterentwickeln, irgendwann werde ich mit der Karriere aufhören und auch über die Karriere hinaus will ich in dem Bereich bleiben, mit meinen Partnern weiterarbeiten und mich in den Themen weiterentwickeln, die ich außerhalb des Sportplatzes mache.

Und da merkt man diese Grenzen auch immer wieder, wenn es darum geht, sich ein zweites Standbein aufzubauen: Wie mache ich das, was bin ich bereit zu geben? Ich predige Unternehmen oft: „Investiert in Marketing, lasst uns gemeinsam etwas aufbauen, überlegt euch, wo ihr hinwollt.“ Und irgendwann sitze ich selbst da und denke: Warum mache ich das eigentlich nicht genauso? Ich bin ja auch ein Unternehmen, will Reichweite aufbauen und mich weiterentwickeln.

Wenn ich es jetzt nicht mache, dann ärgere ich mich in drei Jahren immer noch und frage mich, was gewesen wäre.

Daher stelle ich neben meinem Management, das mich schon toll unterstützt, noch jemanden direkt bei mir ein, der mir den Rücken freihält. Außerdem arbeiten wir gerade mit einer zweiten Agentur zusammen und überlegen, selbst Dinge zu produzieren – etwa eine Doku, Richtung Los Angeles oder in Bezug auf die Kniebeugen „Road to 300“. Da merke ich: Jetzt bin ich wieder so weit, den nächsten Schritt zu gehen.

Denn Zeit zu investieren ist das eine. Bei Geld überlegt man noch einmal mehr. Ein Unternehmer ist das vielleicht eher gewohnt, ich muss da erst ein Stück weit reinwachsen. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann ärgere ich mich in drei Jahren immer noch und frage mich, was gewesen wäre.

Im Sport gehe ich genauso vor: Wenn ich etwas sehe, das ich ausprobieren will, dann probiere ich es aus. Dann weiß ich hinterher, ob es funktioniert oder nicht. Wenn man das in die Unternehmenswelt überträgt und Geld damit verbunden ist, fühlt es sich natürlich eher so an, als würde man auch etwas verlieren. Da ist die Hemmschwelle größer.

Einen Schritt außerhalb des Sports hast du bereits gemacht: Du stehst heute nicht nur im Kugelstoßring, sondern auch auf der Bühne. Was können Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Studierende von deiner Geschichte und deinen Learnings auf sich übertragen?

Ich glaube, dass man viel aus dem Sport ins private und wirtschaftliche Umfeld übertragen kann. Für mich sind das im Wesentlichen drei große Aspekte. Der Erste ist: Jeder hat Stärken und Schwächen. Entscheidend ist, die Stärken auszubauen – innerhalb eines Teams, im Unternehmen oder privat.

Als Geschäftsführer geht es darum, die Stärken von Mitarbeitenden herauszufinden und sie richtig einzusetzen. Und genauso auch bei sich selbst: die richtigen Schlüsse zu ziehen und zu wissen, wo die eigenen Stärken liegen.

Der Zweite ist, sich zu trauen, neue Wege zu gehen. 2014 war das für mich ein großer Schritt. Damals haben wir auch meine Technik vom klassischen Angleiten auf den Drehstoß umgestellt. Zu der Zeit gab es den Drehstoß schon und auch erfolgreiche Athleten damit, aber die Olympiasieger und Paralympicssieger waren noch Angleiter. Peter hat trotzdem gesagt: Wir stellen das um, das ist die Zukunft.

Zwei Jahre später waren der Olympiasieger und der Sieger im paralympischen Kugelstoßen bei den Kleinwüchsigen Drehstoßer. Also: Er hatte recht und wir haben rechtzeitig reagiert. Das kann man heute auch auf andere Entwicklungen übertragen, z. B. auf Künstliche Intelligenz. Man sollte vor allem die Chancen sehen. Das Thema kommt sowieso. Entweder wir sind dabei oder eben nicht.

Der dritte Punkt ist das Team. Mit wem arbeite ich zusammen? Wie stelle ich mein Team zusammen? Wie kann man sich gegenseitig bereichern? Das ist unglaublich wichtig, im Sport wie in der Berufswelt.

Deshalb sind das für mich die drei wesentlichen Punkte, die ich mitgeben möchte: die eigenen Stärken nutzen, sich trauen, neue Wege zu gehen, und das richtige Team an der Seite zu haben.

Jetzt hast du das Stichwort Künstliche Intelligenz bereits genannt. Wie nutzt du KI im Training und an welcher Stelle sagst du: Hier braucht es ganz klar weiterhin den Menschen, den Trainer und die Erfahrung?

KI ist immer nur so gut wie das, was man hineingibt. Dafür braucht es gesunden Menschenverstand und die richtigen Prozesse. Die beste KI ist also nur so gut wie die Vorgaben und die Daten, mit denen man arbeitet. Sie spart aber natürlich viel Zeit und Aufwand.

Wir wollen KI an zwei Punkten einsetzen bzw. sind schon dabei. Das eine ist die technische Analyse. Die KI soll möglichst viele Stöße von mir und anderen Athleten der Trainingsgruppe aufnehmen und dann Rückschlüsse daraus ziehen, warum welche Stöße besonders gut sind.

Sie soll also ein Tool sein, um technische Parameter auszuwerten und eine große Datenbank aufzubauen. Denn es ist sehr aufwendig, Stöße händisch aufzunehmen: Wie hoch ist die Abschussgeschwindigkeit? Wie ist der Winkel? Wie lange bin ich auf dem rechten Bein, wie lange auf dem linken? Und welche Weite kommt dabei heraus?

Das wäre manuell einfach ein viel zu großer Aufwand. Die KI übernimmt das. Wir hoffen, daraus Rückschlüsse ziehen zu können, welche Parameter besonders gut funktionieren und für hohe Weiten wichtig sind.

Mein Ziel ist, dass Menschen keine Vorurteile haben und nicht um andere einen Bogen machen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen.

Der zweite Bereich ist unsere Trainingssteuerung und Trainingsplanung. Seit 2021 habe ich lückenlose Daten zu meiner Physis. Ich habe jeden Tag zur gleichen Uhrzeit mein Körpergewicht erfasst, jeden Tag einen Sprungtest und einen Standstoßtest.

Wir haben jetzt also fast fünf Jahre Daten. Angefangen haben wir damit, weil ich wissen wollte, wie meine Physis ist, und weil wir Verletzungen vorbeugen wollten. Wenn die Testergebnisse nach unten gehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir in Richtung Übertraining kommen.

Dann ist die Gefahr groß, dass ich mich verletze oder mich ins Leistungstief trainiere. Durch die Daten haben wir uns extrem weiterentwickelt. Ich hatte 2021 eine Bestleistung von 14,30 Metern und in der Saison 2022 habe ich mein Niveau auf 14,99 Meter angehoben. Das ist ein Riesenschritt.

Das Wichtigste daran ist aber: Man muss sehr ehrlich zu sich sein. Wenn die Testergebnisse schlecht sind, muss man sie trotzdem eintragen. Das ist hart. Man braucht einen klaren Kopf, um sich dann auch einzugestehen: Okay, meine Werte sind schlecht, ich muss schauen, woran es liegt.

Da gibt es meistens zwei Möglichkeiten: Entweder wir haben zu viel gemacht oder wir haben falsch trainiert. Und meistens liegt es eher daran, dass wir zu viel gemacht haben. Auch da wollen wir KI einsetzen, damit wir noch mehr Schlüsse ziehen können.

Uns ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich in einem Fünf-Wochen-Trainingsplan immer am gleichen Tag besonders gut war. Dann haben wir uns gefragt, woran das liegt. Hier unterstützt die KI, denn solche Zusammenhänge herauszufinden ist sehr schwer und läuft sonst über Probieren.

Wie sieht denn für dich ein typischer Trainingstag aus und welche Rolle spielen dabei Aspekte wie Mobilität, Technikarbeit oder mentale Vorbereitung?

Ja, alles nimmt viel Raum ein. Wenn man meinen Trainingsalltag runterbricht, dann beginne ich mit einer halben Stunde Aufwärmen. Danach beschäftige ich mich ca. eine Dreiviertelstunde mit der Technik, also direkt mit dem Stoß. Das kommt am Anfang, weil ich dann am frischsten bin. Danach geht es in den Kraftraum. Grob gesagt mache ich dreimal in der Woche schweres Krafttraining. Dazu kommen zwei- bis dreimal pro Woche Rumpftraining. Ergänzend kommt Athletik hinzu: Sprints und Sprünge.

Dann gibt es aber noch einen weiteren Parameter, und das ist alles, was im Kopf passiert. Auch da beschäftigen wir uns viel mit der Technik. Eine Trainingseinheit kann also auch mal so aussehen, dass ich mich in eine Ecke setze und meine Stoßtechnik visualisiere. Ich gehe die Bewegung Schritt für Schritt durch, einmal aus meiner eigenen Perspektive heraus und einmal so, als würde ich von außen auf mich schauen und sehen, wie das aussieht. Das ist ein Punkt, der oft unterschätzt wird. Wenn man das ordentlich macht, hilft das weiter.

Und dann geht es natürlich auch noch um Themen der mentalen Vorbereitung, vor allem wenn es Richtung Großereignisse geht. Ehrlicherweise habe ich lange gesagt, dass ich das nicht so brauche. Ich hatte ein tolles Umfeld, es hat funktioniert und deshalb habe ich das eher weggelassen.

Inzwischen haben wir angefangen, uns damit zu beschäftigen und das auch in den Trainingsalltag einzubauen. Und überraschenderweise macht es ziemlich viel Spaß. Wir wollen dafür jetzt auch noch jemanden zusätzlich ins Team holen. Das ist gerade ein spannendes Feld, in dem ich glaube, dass wir vielleicht noch ein paar Zentimeter herausholen können.

Du hast über Jahre hinweg konstant auf Weltklasseniveau performt, mit Titeln, Medaillen und sogar einem Weltrekord. Was war für dich schwieriger: an die Spitze zu kommen oder dort zu bleiben?

Dort zu bleiben, eindeutig. Man sieht das auch an meinen Paralympischen Spielen. Ich habe 2016 die Paralympics gewonnen, bin 2017 Weltmeister geworden und dann hat es bis 2024 gedauert, bis ich wieder einen Titel gewonnen habe.

Dazwischen habe ich zwar regelmäßig Medaillen gewonnen und auch einmal Weltrekord gestoßen, aber eben keinen Titel. 2024 habe ich dann wieder einen Titel gewonnen, dazu noch Silber bei den Paralympics. Das war für mich trotzdem eine Niederlage, weil wir dort gewinnen wollten. 2025 bin ich wieder Weltmeister geworden und habe den Titel damit verteidigt. Deshalb ist es deutlich schwieriger, an der Spitze zu bleiben, als es 2016 war, an die Spitze zu kommen.

Natürlich hat sich auch alles weiterentwickelt. Ich habe 2016 mit 13,57 Metern gewonnen, inzwischen liegt der Weltrekord bei 15,07 Metern. Das Niveau ist gestiegen und das macht es natürlich noch schwerer.

Die größte Herausforderung ist dabei auch der Kopf. 2016 bin ich mit einer ganz anderen Erwartungshaltung in den Wettkampf gegangen. Ich war damals fast mit dem Mindset unterwegs: Kopf durch die Wand.

Nach dem ersten Stoß wusste ich, dass ich eine Medaille sicher habe. Natürlich hofft man immer heimlich auf Gold – jeder Sportler will Gold gewinnen. Aber in dem Moment hatten wir gesagt: Okay, wir haben eine Medaille sicher, jetzt haben wir nichts mehr zu verlieren. Jetzt geht es nur noch darum, alles rauszuhauen. Das ist vom Mindset her deutlich einfacher.

Wenn ich heute auf Platz zwei oder drei liege und sage: Mein Ziel ist Gold, weil ich das schon einmal gewonnen habe und das wieder tun will, dann spielt das eine ganz andere Rolle. Genau deshalb ist es so schwer, wieder in dieses Mindset von 2016 hineinzukommen.

Aus diesem Grund haben wir jetzt gesagt: Das ist ein Feld, mit dem sich Niko Kappel unbedingt beschäftigen sollte, damit in Los Angeles 2028 nicht dasselbe passiert wie in Paris 2024, sondern wir dort hoffentlich wieder Gold gewinnen. Das ist das große Ziel.

Du engagierst dich auch über den Wettkampf hinaus. Welche Themen oder Projekte liegen dir dabei besonders am Herzen?

Was soziales Engagement angeht, ist für mich natürlich Inklusion ein großes Thema. Am einfachsten greifbar wird das oft beim Thema Behinderung, ob jemand im Rollstuhl sitzt, klein ist oder ihm ein Arm fehlt. Da geht es ganz konkret darum, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, Aufgaben zu finden und Wertschätzung zu erfahren.

Natürlich passiert schon viel im privaten Umfeld, aber auch in der Berufswelt. Und genau da kann es super funktionieren, wenn jemand eine Aufgabe hat, eine Leidenschaft findet und dafür sogar noch bezahlt wird.

Ich hoffe, dass jeder seinen Platz in seinem Umfeld findet, dass jeder ein Hobby oder einen Sport findet – egal ob mit oder ohne Behinderung, egal woher jemand kommt oder in welcher Situation er ist. Und ich versuche, Barrieren abzubauen.

Mein Ziel ist, dass Menschen keine Vorurteile haben und nicht um andere einen Bogen machen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Ich möchte Berührung schaffen. Das schwingt auch in meinem Vortrag immer ein Stück weit mit.

Der zweite große Schwerpunkt ist natürlich der Sport. Ich habe eine gemeinnützige GmbH gegründet. Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal eine Abendgala aus meinem Netzwerk heraus organisiert. Dabei haben wir 21.000 Euro gesammelt und an soziale und inklusive Projekte gespendet.

Mir ist wichtig, nicht nur selbst für diese Themen zu werben, sondern auch dort finanziell zu unterstützen, wo schon gute Arbeit geleistet wird. Auch meine Sponsoren und Partner freuen sich darüber, weil es gleichzeitig eine tolle Netzwerkveranstaltung ist. So kann man mit einem Abend Menschen zusammenbringen, Aufmerksamkeit schaffen, Projekte unterstützen und Themen sichtbar machen. Das ist etwas, das mir sehr wichtig ist.

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