Management | Autor: fM Redaktion |

Die Fitnessbranche hat keine Angst vor der Digitalisierung

Die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz (KI) als Teil davon halten ungebremst Einzug in alle Branchen, so auch in die Fitness- und Gesundheitsbranche. Doch wo steht Deutschland überhaupt im internationalen Vergleich und was kommt in Zukunft auf die Unternehmen zu? Kostet diese Entwicklung Arbeitsstellen oder erleichtert sie lediglich die Abläufe? Die fM traf im Rahmen des Aufstiegskongresses Prof. Dr. Markus Löchtefeld, Professor für Wearable Computing an der Universität Aalborg in Dänemark. Im Interview erklärt er, warum sich der Weg der Digitalisierung lohnt und dass der Mensch als Mentor und Motivator auf lange Sicht nicht ersetzbar sein wird.

 

 Prof. Dr. Markus Löchtefeld, Professor für Wearable Computing

fM: Prof. Dr. Löchtefeld, wie würden Sie den aktuellen Entwicklungsstand/Reifegrad der Digitalisierung in Deutschland im weltweiten Vergleich beschreiben? Wer sind die global führenden Nationen, die am meisten investieren?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Da gibt es den Digital Economy and Society Index (DESI), in dem Deutschland nicht so weit von der Spitze entfernt steht. Wenn wir jetzt aber über bürokratische Bereiche wie Bürgerämter sprechen, hinkt Deutschland wiederum meilenweit hinterher.

Da gibt es Länder wie Estland oder Dänemark, wo es zum Beispiel so einfach ist, sich scheiden zu lassen, wie seinen Kontostand abzurufen, das geht alles online. Estland hat auch einen digitalen Bürgerausweis. Trotzdem denke ich, dass Deutschland begriffen hat, worum es geht.

Aber es müssen dafür auch größere Investitionen, gerade in den Netzausbau, getätigt werden. Führend sind neben China und den USA etwas überraschend die angesprochenen Länder wie Estland, Dänemark oder auch Finnland. Sie haben aus der Nokia-Pleite gelernt, durch die wiederum eine Vielzahl neuer Unternehmen entstanden ist.

Sie haben diese Digital Economy über Jahre gepflegt und sind deshalb auch vor Deutschland.

fM: Wo sehen Sie die größten Chancen der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“ im Rahmen der Digitalisierung?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Dieses Thema war auch Teil meines Vortrages beim diesjährigen Aufstiegskongress. Da geht es vor allem um einfache Aufgaben, alles was regelbasiert ist und wo es viele Daten gibt, aus denen wir lernen, können wir in Zukunft durch KI erledigen lassen.

Es gibt also die Chance, alle Aufgaben, die sozusagen etwas „nervig“ sind, vom Computer machen zu lassen und so mehr Zeit für kreative Arbeiten zu haben, an denen wir auch mehr Freude empfinden.

fM: Könnte man die Entwicklung der Digitalisierung mit der Industrialisierung vergleichen?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Das kann man im Hinblick auf die Bedeutung für die Menschheit miteinander vergleichen. Die Digitalisierung ist in erster Linie viel abstrakter und sie geht schneller voran als die Industrialisierung. Was wir da in den vergangenen zehn Jahren erlebt haben, ist ja durchaus einmalig in der Geschichte der Menschheit.

Die Industrialisierung hat natürlich einige Jobs gekostet, das wird vielleicht auch bei der Digitalisierung der Fall sein. Aber so wie durch der Industrialisierung werden auch hier neue Jobs entstehen.

fM: Viele Unternehmen spüren, dass sich die Welt um sie herum ändert. Neue Produkte, neue Services und vor allem neue Wettbewerber verändern die Spielregeln. Haben deutsche Unternehmen die Zeichen der digitalisierten Zeit erkannt?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Also gerade die produzierenden Unternehmen sind da schon sehr weit. Sie haben die Idee der Industrie 4.0 schon sehr früh aufgegriffen. Mein Lieblingsbeispiel ist Volkswagen, die innerhalb eines Jahres ein Elektroauto quasi aus dem Boden gestampft haben, wofür Tesla zehn Jahre gebraucht hat.

Wenn die Industriemärkte wollen, dann können sie es also auch. Aber insgesamt geht es in Deutschland langsamer voran als in anderen Ländern. Da muss dann auch der Druck auf die Bundesregierung erhöht werden, sonst wird es auf lange Sicht natürlich eine große Herausforderung.

fM: Gibt es Branchen oder Unternehmen, die beim Thema Digitalisierung besondere Vorreiter sind? Wo steht Ihrer Meinung nach die Sport-, Fitness- und Gesundheitsbranche?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Ich würde die Sport-, Fitness- und Gesundheitsbranche als positives Beispiel ansehen, der die Industrie sehr offen gegenübersteht, Stichwort Smartwatches etc. Auch die Krankenkassen sind dem Thema gegenüber aufgeschlossen. Die Angst vor der Digitalisierung scheint in der Fitnessbranche nicht so groß zu sein.

Einfach mal die Umsetzung ausprobieren, wie es beispielsweise auch beim Thema EMS-Training sehr schnell der Fall war. Die Branche scheint grundsätzlich etwas offener für Neues zu sein.

fM: Wie kann die Digitalisierung bestehende Prozesse vereinfachen und Mitarbeiter unterstützen und wie wichtig werden qualifizierte Mitarbeiter, welche die Implementierung von technischen Produkten/Dienstleistungen für Unternehmen durchführen und adaptieren können?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Es wird verschiedene Berufe nicht mehr geben, das muss uns bewusst sein. Das wird von der einfachen Hilfsarbeit, zum Beispiel Qualitätskontrolle, bis hin zu höheren Berufen gehen. Auch der Journalismus kann sich beispielsweise verändern. Das Textverständnis beispielsweise ist schon relativ weit.

Die Künstliche Intelligenz kann hier bei der Recherche unterstützen, sucht die richtigen Quellen und gibt Vorschläge für die Artikel. Kommen wir wieder zu Tesla zurück, die ihre Autos nur von Robotern herstellen lassen wollten. Am Ende ist es daran gescheitert, dass der eine Roboter dem anderen ein Teil nicht übergeben konnte. Die Feinmotorik ist bei Menschen einfach noch viel besser ausgeprägt und es wird auch noch eine ganze Zeit so bleiben. So stellte Tesla zwischen die Roboter wieder Menschen, die eigentlich schon wegrationalisiert waren.

fM: Im Bereich Sport/Gesundheit/Prävention werden bereits viele Produkte und Hilfsmittel eingesetzt, wie beispielsweise Fitnesstracker oder virtuelles Training. Wie wird sich diese Entwicklung Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren fortsetzen, was ist möglich?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Ich habe in meinem Vortrag bereits die HomeCourt-App angesprochen, die videobasiert kontrolliert, ob die Bewegungsabläufe im Sport korrekt ausgeführt werden. Dieser Bereich, also Computer Vision und Machine learning, wird uns in Zukunft weiterbringen.

Das größte Problem bei den Fitnesstrackern wiederum ist es, die Motivation der Menschen hochzuhalten, sodass die Geräte nicht nach zwei Wochen wieder im Schrank landen.

fM: Ein Grundsatz etwa bei Facebook heißt: lieber schnell als perfekt. Ist das generell auch für die Unternehmen der Fitness- und Gesundheitsbranche empfehlenswert oder wie geht der Geschäftsführer am besten vor?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Auf gar keinen Fall! Wenn Künstliche Intelligenz falsche Trainingsanleitungen gibt, dann kann das gesundheitsschädigend für die Trainierenden sein. Da muss man erst einmal Prototypen oder Studien abwarten, bevor man andenkt, dieses Thema auszurollen. Hier gilt es eher, konservativer und langsamer ranzugehen.

fM: Wen betrifft die Digitalisierung? Sind es hauptsächlich die großen Unternehmen oder müssen sich auch die kleinen, beispielsweise Einzelbetriebe in der Fitnessbranche, der Herausforderung stellen?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Alle werden in Zukunft in irgendeiner Weise digitale Services miteinbinden. Das müssen aber keine großen Investitionen sein. Das kleine Fitnessstudio sollte in der Lage sein, eine günstige Software zu kaufen.

Aber auch große Unternehmen sollten sich aktiv vorbereiten, gerade in der Entwicklung von Geräten, und dieses Thema in der Branche vorantreiben. Das muss nicht immer über finanzielle Einsätze gehen, auch das Mindset, was man in die Branche miteinbringt, ist hier gefragt.

fM: Wie wird digitale Betreuung in Zukunft aussehen und warum bleibt der Mensch dennoch wichtig?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Bis die Technologie so weit ist, Empathie zu entwickeln und Motivation zu fördern, dauert es einfach noch mindestens 20 Jahre, wenn da überhaupt etwas kommt. Da sind Menschen natürlich unersetzlich, also die 'Touch-Komponente', besonders in der Dienstleistungsbranche.

Der Mensch bleibt der Mentor und Motivator, auch wenn sich die Trainingspläne verändern oder von Algorithmen bestimmt werden.

fM: Was empfehlen Sie für den Umgang mit der Digitalisierung (Unternehmen, Politik, Gesellschaft) und was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
Prof. Dr. Löchtefeld:
Auf alle Fälle müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter darauf vorbereiten, dass Veränderung auf sie zukommt. Vielleicht braucht auch jedes Unternehmen darauf spezialisierte Mitarbeiter, die die Schnittstelle zwischen Informatik sowie Trainings-, Sport- und Gesundheitswissenschaft bilden.

Die DHfPG hat ja vorausschauend einen entsprechenden Studiengang entwickelt. Es gibt genügend Menschen, die flexibel genug sind, um beide Aufgaben zu erledigen. Der Gesellschaft kann ich nur raten, nicht so viel auf das Smartphone zu schauen (lacht).

fM: Vielen Dank für das angenehme Gespräch, Prof. Dr. Markus Löchtefeld!

Zur Person

Prof. Dr. Markus Löchtefeld hat einen Lehrstuhl für das Fachgebiet Wearable Computing an der Universität Aalborg in Dänemark inne. In seiner Forschung untersucht er den Einfluss von Computern auf das menschliche Verhalten und entwickelt Interaktionskonzepte, seit 2015 mit speziellem Fokus auf Wearables.

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