Gesundheit | Autor: Prof. Dr. Arne Morsch |

Wie gesund sind unsere Kinder und Jugendlichen?

Die Gesundheit im Kindes- und Jugendalter geht uns alle an. Wie können Kinder und Jugendliche in ihrer gesundheitlichen Entwicklung nachhaltig unterstützt werden? Und: Welche Potenziale ergeben sich für die Fitness- und Gesundheitsbranche?

Die Gesundheit im Kindes- und Jugendalter steht zunehmend im Fokus der öffentlichen Diskussion. Wie sieht die gesundheitliche Situation der jungen Menschen tatsächlich aus und was sind die zentralen Einflussgrößen? Der nachfolgende Beitrag beleuchtet die diesbezügliche Datenlage. Es wird aufgezeigt, wie Kinder und Jugendliche in ihrer gesundheitlichen Entwicklung nachhaltig unterstützt werden können und welche Potenziale sich für die Unternehmen der Fitness- und Gesundheitsbranche ergeben.

Kinder in Deutschland kommen in der Regel gesund zur Welt und haben durch die hier vorherrschenden Lebensbedingungen auch eine gute Chance, sich gesund weiterzuentwickeln. Es häufen sich allerdings Befunde, dass Risikofaktoren für die Entwicklung der gesellschaftlich besonders relevanten Zivilisationserkrankungen zunehmen (Robert Koch-Institut [RKI] & Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [BZgA], 2008). Hierbei werden Übergewicht und Adipositas und damit eng zusammenhängend zu wenig Bewegung sowie unausgewogene Essgewohnheiten als wesentliche Einflussfaktoren diskutiert. Bereits früh im Entwicklungsprozess werden daher Konzepte und Strategien benötigt, um die Weichen für ein gesundes Leben zu stellen (Kurth, 2018).

Übergewicht und Adipositas als zentrale Gesundheitsprobleme
Die aktuellen Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts legen nahe, dass sich die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland auf einem hohen Niveau stabilisiert hat (Schienkiewitz, Brettschneider, Damerow & Schaffrath Rosario, 2018, S. 16). Bereits im Kindergartenalter weist jedes zehnte Kind ein zu hohes Körpergewicht auf. Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit zu. Sie steigt bei den 14- bis 17-jährigen Mädchen auf 16,2 Prozent und bei den gleichaltrigen Jungen auf 18,5 Prozent an. Bei Kindern und Jugendlichen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status ist sogar etwa ein Viertel von Übergewicht und Adipositas betroffen (Schienkiewitz et al., 2018, S. 18-19).

Kinder und Jugendliche mit Übergewicht und Adipositas weisen im Vergleich zu Normalgewichtigen deutlich häufiger Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einen Bluthochdruck oder Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels auf (Friedemann et al., 2012). Sie sind zumeist auch in späteren Lebensphasen übergewichtig oder adipös. Die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln, steigt damit deutlich an (Llewellyn, Simmonds, Owen & Woolacott, 2016). Nicht zuletzt auch, weil die Datenlage zur langfristigen Wirksamkeit von Programmen zur Gewichtsreduzierung bei Übergewichtigen als dürftig anzusehen ist, sollten Konzepte und Strategien zur Vorbeugung von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter stärker als bisher in den Fokus gerückt werden (Reinehr, 2013). Die Stabilisation eines normalen Körpergewichts in der Kindheit und Jugend stellt daher ein zentrales Präventionsziel dar.

Bedeutung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens
Damit Energieaufnahme und -verbrauch sich die Waage halten und somit Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter wirksam vorgebeugt werden kann, sind ein ausreichender Umfang an körperlicher Aktivität und eine bedarfsgerechte Ernährung die zentralen Stellschrauben.

Die Datenlage zum tatsächlichen Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeichnet allerdings ein desaströses Bild (Finger, Varnaccia, Borrmann, Lange & Mensink, 2018). Insgesamt erreichen lediglich 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren die ohnehin nicht sehr ambitionierten Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag. Hinzu kommt, dass sich Kinder und Jugendliche mit zunehmendem Alter immer weniger bewegen. Während im Kindergartenalter noch annähernd die Hälfte der Kinder im Sinne der WHO körperlich aktiv ist, ist es im Grundschulalter bereits deutlich weniger als ein Drittel. In allen Altersgruppen bewegen sich Mädchen weniger als Jungen. Bei den Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren sind es gerade noch 7,5 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen, die die WHO-Empfehlungen erfüllen (Finger et al., 2018, S. 26). Insgesamt zeigt die Datenlage einen immensen Handlungsbedarf für Maßnahmen der Bewegungsförderung auf.

Durch die stetige Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln immer und überall ist die Gefahr einer zu hohen Kalorienzufuhr sehr hoch. Für die Stabilisation eines normalen Körpergewichts und somit für die langfristige Übergewichtsprävention ist ein bedarfsgerechtes Ernährungsverhalten daher von zentraler Bedeutung. Je kleiner Kinder sind, umso mehr sind sie von der Situation in ihrer Familie oder auch vom gereichten Nahrungsangebot in den Bildungseinrichtungen abhängig (RKI & BZgA, 2008). Hier sollte das Ziel sein, möglichst früh Präferenzen für den Verzehr empfohlener Lebensmittel (z. B. viel Obst, Gemüse und unverarbeitete Lebensmittel) herauszubilden und gesundheitsförderliche Essgewohnheiten (z. B. regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten oder Hunger- und Sättigungsgefühle berücksichtigen) zu verstärken. Werden wünschenswerte Verhaltensweisen früh geprägt, werden sie am ehesten in spätere Lebensphasen übertragen (Nicklaus, 2009). Im Zuge des Älterwerdens verstärken sich die Möglichkeiten der Eigensteuerung und Selbstversorgung in puncto Ernährung (BZgA, 2003). Damit verbunden ist ein häufigerer Verzehr ungünstiger Lebensmittel mit hoher Kaloriendichte (z. B. Fast Food, Süßigkeiten sowie zuckerhaltige Erfrischungsgetränke) (RKI, 2008).

Generell ist die heutige Nahrungssituation weniger durch einen Mangel als vielmehr durch eine insgesamt zu hohe Energieaufnahme geprägt. Insofern besteht ein hoher Bedarf an unterstützenden Strukturen zur Verbesserung des Ernährungsverhaltens und der diesbezüglichen Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen.

Kinder und Jugendliche als Zielgruppe für Fitness- und Gesundheitseinrichtungen
Die Datenlage legt nahe, dass eine nachhaltige Übergewichtsprävention bereits früh im Lebenslauf beginnen muss. Neben der Förderung möglichst hoher Bewegungsumfänge durch Aktivität in Alltag und Freizeit wie auch durch gezielte Sportangebote, ist die Förderung eines gesundheitsgerechten Ernährungsverhaltens als entscheidende Strategie anzusehen. Was bislang jedoch fehlt, sind entsprechende Angebotsstrukturen, die die wissenschaftliche Evidenz aufgreifen und beide Handlungsstrategien kombinieren. Wie kann dies gelingen und welche Institutionen können Kinder und ihre Eltern sowie Jugendliche in der Etablierung eines gesunden Lebensstils unterstützen? Die Sportvereine fokussieren rein auf Bewegungsangebote und können daher nur ein Teil der Lösung sein. Über die Kindertageseinrichtungen und Schulen lassen sich zwar fast alle Kinder und Jugendlichen erreichen, sie besitzen jedoch primär einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Verstetigte Konzepte zur Bewegungsförderung und zur Verbesserung des Ernährungsverhaltens der Kinder und Jugendlichen sowie zur Kompetenzbildung bei den Eltern in diesen Handlungsbereichen sind noch immer eine Seltenheit. Außerdem ist bei der Umsetzung der Konzepte häufig fachliche Unterstützung notwendig.

Wenn es darum geht, entsprechende Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, besitzen die Fitness- und Gesundheitseinrichtungen in Deutschland die hierfür erforderlichen Fachkompetenzen und Angebotsstrukturen. Neben ihrer Kernkompetenz in der Entwicklung von Trainingskonzepten steht zumeist auch qualifiziertes Fachpersonal für den Ernährungsbereich zur Verfügung. Obwohl an die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen und deren Eltern bislang eher selten gedacht wird, ergeben sich gerade hier aufgrund des hohen Handlungsbedarfs zukünftig wachsende Betätigungschancen. Hierzu bieten sich beispielsweise Kooperationsprojekte mit Kindertageseinrichtungen und Schulen an. Auch spezifische Clubkonzepte sind ein Erfolg versprechender Ansatz. Wie entsprechende Konzepte in den Handlungsfeldern Bewegung und Ernährung ausgestaltet werden können, wird in zwei weiteren Beiträgen in dieser Ausgabe vorgestellt.

www.dhfpg-bsa.de

Prof. Dr. Arne Morsch
Prof. Dr. Arne Morsch ist Fachbereichsleiter Gesundheitswissenschaften und Dozent der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Darüber hinaus leitet er den Fachbereich Gesundheitsförderung der BSA-Akademie.

Auszug aus der Literaturliste
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (2003). Das Ernährungsverhalten Jugendlicher im Kontext ihrer Lebensstile. Eine empirische Studie (Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Bd. 20). Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Finger, J. D., Varnaccia, G., Borrmann, A., Lange, C. & Mensink, G. B. M. (2018). Körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring, 3 (1), 24–31.

Friedemann, C., Heneghan, C., Mahtani, K., Thompson, M., Perera, R. & Ward, A. M. (2012). Cardiovascular disease risk in healthy children and its association with bodymass index: systematic review and meta-analysis. British Medical Journal, 345.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 03/2018

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fMi Ausgabe 03/2018

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