Fitness, Gesundheit | Autor: Anna Welker |

Sport zur Demenz-Prävention

Welche präventiven Effekte hat körperliche Aktivität auf das Risiko an Alzheimer-Demenz zu erkranken?

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In Deutschland leben ca. 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz, etwa zwei Drittel davon mit einer Alzheimer-Demenz (Robert-Koch-Institut [RKI], 2006). Da die diagnostizierte Alzheimer-Demenz nicht geheilt werden kann, stellt sich die Frage nach geeigneten Präventionsmaßnahmen. Ob körperliche Aktivität helfen kann, das Erkrankungsrisiko zu senken oder gar zu verhindern, ist Schwerpunkt vieler wissenschaftlicher Studien.

 

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird der absolute und relative Anteil älterer Menschen (> 65 Jahre) in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Mit höherem Lebensalter steigt auch das Risiko einer altersassoziierten kognitiven Schädigung (Dutzi et al., 2014, S. 14).

Aus diesem Grund werden in Zukunft immer mehr Menschen direkt oder indirekt mit demenziellen Erkrankungen konfrontiert sein. Bereits heute sind 60 Prozent aller Einweisungen in Pflegeheime Menschen mit Demenz (Dutzi et al., 2014, S. 14). Der krankheitsbedingte hohe Pflege- und Betreuungsaufwand rückt demenzielle Erkrankungen in den Fokus von Gesellschaft, Politik und Wissenschaft und stellt das Gesundheitssystem vor eine immer größer werdende Herausforderung (Dutzi et al., 2014, S. 14). Aufgrund dieser steigenden Belastung des Gesundheitssystems beschäftigt sich die Forschung zunehmend mit der Frage nach der Art und Intensität von körperlicher Aktivität zur Prävention von demenziellen Erkrankungen.

Was bedeutet Demenz?
Demenzielle Erkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen des höheren Lebensalters. Nach der „International Classification of Diseases“ (ICD-10) ist die Demenz ein neurologisches Krankheitsbild, welches durch eine erworbene Beeinträchtigung des Gedächtnisses in Kombination mit dem Abbau weiterer Hirnleistungen charakterisiert wird. Im Krankheitsverlauf kommt es zu deutlichen Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens und zu einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur (z. B. emotionale Kontrolle, Sozialverhalten oder Motivation). Man unterscheidet Demenzen nach ihrer Ätiologie in:
• primäre Demenzen und
• sekundäre Demenzen.

Primäre Demenzen sind solche, bei denen der Krankheitsprozess direkt im Gehirn beginnt. Sie sind nach heutigem Kenntnisstand irreversibel. Die häufigste primäre Form ist die Alzheimer-Demenz (60 Prozent), gefolgt von der vaskulären Demenz (20 Prozent) (Graf, 2011, S. 259). Sekundäre Demenzen, bei denen die Demenz Folge einer anderen Grunderkrankung (z. B. Multiple Sklerose) ist, machen bis zu 10 Prozent aller Krankheitsfälle aus.

Wie häufig sind Demenzen?
Demenz betrifft 50 Millionen Menschen weltweit, wobei alle drei Sekunden auf der Welt ein neuer Demenzfall auftritt (Alzheimer‘s Disease International [ADI], 2018). In Deutschland schätzt das Robert Koch-Institut [RKI] (2016) die Zahl der Demenzkranken auf 1,4 Millionen (Tendenz steigend).

Die Anzahl der Demenzerkrankungen (Prävalenz) und auch die Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) in Deutschland liegt bei Frauen deutlich höher als bei Männern, da Frauen i. d. R. älter werden. Menschen unter 65 Jahren erkranken nur sehr selten an Demenz (weniger als 2 Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der Betroffenen) (Bickel, 2012). Erst ab dem 75. Lebensjahr steigen die Fallzahlen deutlich an (Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 2016, S. 2) (Abb. 1).

Was sind demenzassoziierte Risikofaktoren?
Neben nicht-modifizierbaren Risikofaktoren wie einem hohen Lebensalter, dem weiblichen Geschlecht sowie einer genetischen Disposition, gibt es modifizierbare Risikofaktoren, die mit dem Auftreten einer Demenzerkrankung assoziiert werden. Es gilt als gesichert, dass folgende Risikofaktoren mit einer Demenzerkrankung in Verbindung stehen (Barnes & Yaffe, 2011; Dutzi et al., 2014, S. 33):
• Übergewicht
• Diabetes mellitus
• Bluthochdruck
• Rauchen
• Kopfverletzungen
• Depression
• Fett-, cholesterin- und kalorienreiche Ernährung
• Geringe geistige und körperliche Aktivität
• Gering ausgeprägtes soziales Netzwerk
• Niedrige Bildung

Welche präventiven Effekte hat körperliche Aktivität auf das Erkrankungsrisiko?
Körperliche Aktivität hat nachweislich positive Einflüsse auf die Strukturen und Funktionen des Gehirns und damit auch auf die Kognition (Dutzi et al., 2014, S. 98). Der Begriff „Kognition“ (vom lateinischen cognitio für „Erkenntnis“) ist ein Sammelbegriff für Prozesse und Strukturen, die sich auf die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen beziehen. Dazu zählen u. a. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Denken und Problemlösen sowie Intelligenz (Hänsel, Baumgärtner, Kornmann & Ennigkeit, 2016, S. 24).

Die Mehrheit der Studien belegt einen positiven Zusammenhang zwischen hoher körperlicher Aktivität im Alter, kognitiver Leistung und einer damit verbundenen geringeren Wahrscheinlichkeit kognitiver Beeinträchtigungen (Dutzi et al., 2014, S. 102). Nur wenige Studien fanden keinen positiven Zusammenhang (Wilson et al., 2002), teilweise aufgrund einer geringen Stichprobengröße oder eines zu kurzen Nachuntersuchungszeitraumes.

Die Studie von Buchman et al. (2012) überprüfte die Effekte der körperlichen Aktivität im direkten Zusammenhang mit dem Auftreten einer Alzheimer-Demenz. Die gesamte körperliche Tagesaktivität von 716 gesunden Personen, davon 76 Prozent Frauen im Alter von 87 Jahren (Mittelwert), wurde

über 10 Tage mit einem Akzelerometer erfasst. Fast 10 Prozent der Personen entwickelten in den kommenden Jahren eine Demenz. Dabei hatten Personen mit einer niedrigen körperlichen Tagesaktivität ein um 2,3-mal so hohes Risiko eine Demenz zu entwickeln wie Personen mit einer hohen körperlichen Tagesaktivität (Buchman et al., 2012). Die Autoren schlussfolgern daraus, dass das Ausmaß der körperlichen Aktivität einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko einer Alzheimer-Demenz hat.

Ebenso untersuchte Larson (2006) das Erkrankungsrisiko von 1.740 gesunden Personen (> 65 Jahre) über einen Zeitraum von 6,2 Jahren (Mittelwert). Die Ergebnisse belegen, dass Personen, die mehr als 3-mal pro Woche körperlich aktiv waren, weniger häufig an Demenz erkrankten (13 von 1000 Personen im Jahr), als Personen, die weniger als 3-mal pro Woche aktiv waren (19,7 von 1.000 Personen im Jahr) (Abb. 2). Der Aktivitätsgrad wurde hier mit einem Fragebogen zur Selbsteinschätzung erhoben. Des Weiteren vermuten die Autoren, dass körperliche Aktivität eine Demenz nicht verhindern kann, sondern vielmehr zu einer Verzögerung des Krankheitsbeginns führt (Larson, 2006).

Wie häufig und intensiv muss körperliche Aktivität sein, um präventiv zu wirken?
Die Frage, wie häufig und intensiv körperliche Aktivität ausgeführt werden muss, um präventiv zu wirken, kann auf Grundlage der aktuellen Studienlage nur unzureichend beantwortet werden. Die Angaben schwanken von 2- bis 3-mal und > 3-mal pro Woche (Larson, 2006; Rovio et al., 2005). Zudem geben die Autoren nicht immer eine spezielle Intensitätsvorgabe der Belastung vor. Im Fokus steht vielmehr eine regelmäßig durchgeführte, körperliche Aktivität.

Die Forschungsgruppe um Scarmeas et al. (2011) untersuchte speziell die Dosis-Wirkungs-Beziehung von körperlicher Aktivität auf das Erkrankungsrisiko. Sie fanden heraus, dass die positiven Effekte größer waren, je intensiver und häufiger die körperliche Aktivität ausgeführt wurde. Nichtsdestotrotz behaupten Rovio et al. (2005), dass auch weniger intensiv ausgeführte Aktivitäten einen präventiven Effekt haben. Über die Art der körperlichen Aktivität lässt sich keine verlässliche Aussage treffen, da innerhalb der Studien das Aktivitätsniveau unabhängig der Sportarten untersucht wurde.

Fazit
Die Möglichkeiten der Prävention leiten sich grundsätzlich aus den modifizierbaren Risikofaktoren ab. Dabei ist die regelmäßige körperliche Aktivität entscheidend, um das Erkrankungsrisiko zu senken und den Krankheitsbeginn zu verzögern. Durch Bewegung wird die Durchblutung in den Hirnregionen gefördert, wodurch zahlreiche strukturelle und funktionelle Veränderungen – Neurogenese und synaptische Plastizität – ausgelöst werden. Die Bewegung wirkt sich zudem nicht nur positiv auf die kognitive Leistung aus, sondern auch auf die demenzassoziierten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Adipositas (Dutzi et al., 2014, S. 113). Somit sollen in Zukunft Menschen mit einem hohen Risikoprofil, die aber noch keinerlei kognitive Einschränkungen zeigen, gezielter präventiv behandelt werden.

www.dhfpg-bsa.de

 

Anna Welker
Die Sportwissenschaftlerin ist als pädagogische Mitarbeiterin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement sowie der BSA-Akademie im Fachbereich Trainings- und Bewegungswissenschaft tätig. Sie arbeitete bereits als Sporttherapeutin in einer Gesundheitseinrichtung und sammelte dort praktische Erfahrungen im Umgang mit neurologischen und orthopädischen Patienten.

 

 

Literaturverzeichnis
Alzheimer‘s Disease International. (2018). About Dementia. Verfügbar unter www.alz.co.uk/about-dementia

Barnes, D. E. & Yaffe, K. (2011). The projected effect of risk factor reduction on Alzheimer‘s disease prevalence. The Lancet Neurology, 10 (9), 819–828. doi.org/10.1016/S1474-4422(11)70072-2

Bickel, H. (2012). Epidemiologie und Gesundheitsökonomie. In C.-W. Wallesch & H. Förstl (Hrsg.), Demenzen (2. Aufl.). s.l.: Georg Thieme Verlag KG. doi.org/10.1055/b-0034-22420

Buchman, A. S., Boyle, P. A., Yu, L., Shah, R. C., Wilson, R. S. & Bennett, D. A. (2012). Total daily physical activity and the risk of AD and cognitive decline in older adults. Neurology, 78 (17), 1323–1329. doi.org/10.1212/WNL.0b013e3182535d35

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Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 02/2018

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