Fitness, Gesundheit | Autor: Sabine Weyand |

Die lumbale Spinalkanalstenose – Rehabilitatives Fitnesstraining

Das empfindliche Rückenmark verläuft im Spinalkanal der Wirbelsäule. Eine Verengung in diesem Kanal verursacht oftmals Rückenschmerzen in Ruhephasen und beim Gehen. Das rehabilitative Fitnesstraining bildet eine wichtige Säule in der Betreuung von Betroffenen, weshalb Trainer spezielles Fachwissen benötigen, um zielgerichtete Trainingsprogramme erstellen zu können.

Die lumbale Spinalkanalstenose – Rehabilitatives Fitnesstraining (Teil 2)

Bedingt durch die sich verändernde Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland und die Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem wächst in Fitness- und Gesundheitseinrichtungen der Anteil an älteren Kunden mit degenerativen Erkrankungen. Wenn der Verschleiß die Wirbelsäule betrifft, kommt es häufig zu Beeinträchtigungen des Spinalkanals.

Weit verbreitet & leider auch schmerzhaft

Die lumbale Spinalkanalstenose ist eine sehr verbreitete Erkrankung bei Menschen in höherem Lebensalter. Nach radiologischen Kriterien weist etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung über 60 Jahre eine Verengung des Wirbelkanals auf.

Starke Beeinträchtigung durch starke Beschwerden

Eine lumbale Spinalkanalstenose verursacht häufig starke Rückenschmerzen und in die Beine ausstrahlende Beschwerden. Sie ist verantwortlich für eine deutliche Beeinträchtigung der Lebensqualität.

Um eine Verbesserung ihrer Beschwerdesymptomatik zu erzielen, benötigen die Betroffenen ein multimodales Therapiekonzept. Eine Hauptsäule stellt hierbei ein zielgerichtetes rehabilitatives Fitnesstraining dar, das die pathophysiologischen Hintergründe und die individuelle Symptomatik berücksichtigen muss.


 


Was ist eine Spinalkanalstenose?

Die Wirbelsäule dient neben ihrer eigentlichen Aufgabe als Halte- und Stützapparat zusätzlich dazu, das weiche, empfindliche Rückenmark und die segmentalen Spinalnerven zu schützen. Daher verfügt sie über einen sogenannten Spinalkanal (Wirbelkanal). Bei der gesunden Wirbelsäule finden die neurologischen Strukturen innerhalb dieses Kanals ausreichend Platz.

Bei einer Verengung (Stenose) des Wirbelkanals spricht man von einer Spinalkanalstenose. Dabei wird der Raum für die sich darin befindlichen Nerven und Gefäße geringer.

Dies kann dazu führen, dass neurologische Strukturen komprimiert sowie mechanisch geschädigt werden und Durchblutungsstörungen auftreten. Meist ist der Spinalkanal auf Höhe der Lendenwirbelsäule verengt (lumbale Spinalkanalstenose), da hier die größten Kräfte wirken.

Arthrose der Wirbelgelenke

Die mechanische Überlastung der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke) durch den Höhenverlust der Bandscheibe führt im weiteren Verlauf zur Ausbildung einer Gelenkarthrose mit einhergehender Hypertrophie und einer Verdickung der Gelenkkapsel. Dies verkleinert zusätzlich den Durchmesser des Wirbelkanals.


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Ursachen der lumbalen Spinalkanalstenose

Die Ursachen für einen verengten Spinalkanal können entweder angeboren oder erworben sein.

Da am häufigsten eine erworbene Degeneration von Bandscheiben, Knochen, Gelenken und Bändern vorliegt, wird im weiteren Verlauf lediglich auf diese Form eingegangen.

Die Ausbildung einer degenerativen lumbalen Spinalkanalstenose lässt sich auf drei Hauptursachen zurückführen, die in der Regel gemeinsam auftreten und sich gegenseitig bedingen (Beyerlein, 2018).

Bandscheibendegeneration

Durch degenerative Prozesse verlieren die Bandscheiben an Höhe und der Abstand zwischen den Wirbelkörpern nimmt ab. Es kommt zu einer Höhenminderung des Segmentes.

Dadurch kann es einerseits zu einer Vorwölbung der betroffenen Bandscheibe in den Spinalkanal kommen. Andererseits können sogenannte Spondylophyten (knöcherne Anbauten an den Wirbelkörpern) als Folge der resultierenden Instabilität und Druckerhöhung, den Kanal weiter einengen.

Zwischen zwei benachbarten Wirbelkörpern, verlassen zudem Rückenmarksnerven den Wirbelkanal durch kleine 'Fenster' (Neuroforamina) und ziehen bspw. in die Beine.Durch den Höhenverlust des Segmentes kann es auch hier zu einer Enge kommen, die zu einer Einklemmung der jeweils austretenden Nervenwurzel (z. B. des Ischiasnervs) führen kann.

Ligamentäre Ursache

Ebenfalls bedingt durch die Höhenminderung des Segmentes sind die zwischen den Wirbeln gespannten Bänder nicht mehr straff und können reaktiv verdicken. Vor allem das Lig. flavum, das den Wirbelkanal von innen auskleidet, erschlafft und führt abermals zu einer Einengung. Dieser Effekt verstärkt sich vor allem im Stehen, wenn die Betroffenen eine zunehmende Lordose im Lendenwirbelsäulenbereich aufweisen.

Als Folgeerscheinung der o. g. Faktoren kann das gesamte Wirbelsäulengefüge instabil werden. Die Wirbelkörper können sich gegeneinander verschieben (sog. Wirbelgleiten). Das kann den Wirbelkanal zusätzlich verengen und besonders alle oben genannten Ursachen wiederum verstärken.

Welche Beschwerden haben Betroffene?

Da sich die Stenose in der Regel über viele Jahre entwickelt, leiden die Betroffenen meist bereits seit einiger Zeit unter unspezifischen Rückenschmerzen, die sich schleichend verschlimmern und unter Belastung (v. a. beim Stehen und Gehen) diffus in die Beine (dorsale Ober- und Unterschenkel) ausstrahlen.

In Abhängigkeit zur Belastung kann im weiteren Verlauf ein Schwäche- oder Schweregefühl in den Beinen auftreten, das die Betroffenen zum Stehenbleiben zwingt.

Symptome

Somit fällt in der Anamnese eine deutlich eingeschränkte Gehstrecke auf. Setzen sich die Patienten hin oder gehen vornübergebeugt (z. B. am Einkaufswagen), kommt es zur Linderung der Beschwerden, da sich durch die Entlordosierung (= Straffung des Lig. flavum) die Platzverhältnisse im Spinalkanal entspannen (Beyerlein, 2018, S. 9). Schreitet die Stenose weiter fort, sind Gefühlsstörungen sowie Missempfindungen (z. B. Brennen, Ameisenlaufen etc.) und sogar Lähmungserscheinungen möglich.

Merke: Typisch für die Erkrankung ist eine aufgrund der Schmerzen (sog. Claudicatio spinalis) eingeschränkte Gehstrecke – diese wird immer kürzer. Die Beschwerden verbessern sich deutlich im Sitzen oder in anderen Positionen, in denen der Rumpf nach vorn gebeugt wird (z. B. Fahrrad fahren, vorbeugen, bergauf gehen).

Rehabilitatives Fitnesstraining

Die häufigsten Ursachen für eine Spinalkanalstenose sind die bereits genannten degenerativen Wirbelsäulenveränderungen. Diese lassen sich ihrerseits auf Schwächen der aktiven Wirbelsäulenstabilisierung zurückführen.

Das rehabilitative Fitnesstraining orientiert sich somit am Leitsymptom der degenerativen Instabilität und kann hier über eine gut ausgebildete Rumpfmuskulatur meist eine nachhaltige Beschwerdebesserung erreichen. Anzumerken ist, dass aufgrund von fehlenden randomisierten Studien keine evidenzbasierten Therapieleitlinien der lumbalen Spinalkanalstenose existieren. Die Ergebnisse über den Erfolg der konservativen Therapie sind lediglich empirischer Natur.

Übungen für Betroffene

Im Vordergrund des rehabilitativen Fitnesstrainings stehen:

  1. Übungen zur Verbesserung der Wirbelsäulenstabilität
  2. Verbesserung der Haltung mit dem Schwerpunkt Beckenaufrichtung, Entlordosierung
  3. Detonisierende, muskelentspannende Übungen
  4. Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit/Mobilisation
  5. Übungen zur Verbesserung der Gehleistung
  6. Propriozeptive Übungen
  7. Training zur Gewichtsreduktion (falls notwendig)

Die Basis des rehabilitativen Fitnesstrainings bildet das Krafttraining der stabilisierenden tiefen Rücken- und Bauchmuskulatur (Kalff, Ewald, Waschke, Gobisch & Hopf, 2013, S. 619).


 


Für die aktive Bewegungskontrolle ist die sogenannte segmentale Stabilisation von entscheidender Bedeutung (M. transversus abdominis, Mm. multifidi, Beckenboden). Auch die Rotationsstabilität (Mm. rotatores breves et longi) sollte (zunächst isometrisch) trainiert werden.

Kleine, schnelle, vibrierende Bewegungen sollten dabei ebenso zum Einsatz kommen wie labile und instabile Untergründe. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Training der Hüftgelenkextensoren (M. glutaeus maximus, ischiocrurale Muskulatur).

Kraft und Beweglichkeit

Die angestrebte Entlordosierung sollte über entsprechende Krafttrainingsübungen und über ein gezieltes Beweglichkeitstraining erreicht werden (DGOOC, 2017, S. 23). Ein individuell zugeschnittenes Trainingsprogramm zeigt dabei größere Effekte als ein Gruppentrainingsformat (Schneider et al., 2019).

Als Ausdauertraining eignet sich jede sportliche Betätigung, die mit einer leichten Rumpfvorneigung einhergeht und somit den Wirbelkanal erweitert. Infrage kommen beispielsweise Fahrradfahren, mit dem Laufband 'bergauf' walken, bergauf gehen (mit Gondel bergab fahren), Nordic Walking, Skilanglauf klassisch, Rückenschwimmen, Rudern etc.

Gewichtreduktion lindert Beschwerden

Da häufig eine Gewichtsreduktion zur bewussten Entlastung der betroffenen Segmente erforderlich ist, sollte neben einem zielgerichteten Trainingsregime gemeinsam mit den Betroffenen eine entsprechende Ernährungsstrategie entwickelt werden.

Erleichterung bei akuten Beschwerden bringen Übungen mit starker Rumpfbeugung für jeweils ein bis zwei Minuten. Geeignet sind z. B. Übungen wie Katzenbuckel, Stufenlagerung, im Yoga die 'Stellung des Kindes', im Sitzen Oberkörper nach vorne beugen, Bauchlage auf Gymnastikball etc.

Grundsätzlich gilt es, eine Hyperlordose zu vermeiden, da diese den Wirbelkanal zusätzlich verengt.

Fazit

Degenerative Wirbelsäulenveränderungen lassen sich auf Schwächen der aktiven Wirbelsäulenstabilisierung zurückführen. Sowohl in der Prävention als auch in der Rehabilitation spielt somit ein individuell abgestimmter Trainingsplan eine herausragende Rolle. Trainer und Kunde können so gemeinsam dem Krankheitsbild vorbeugen bzw. eine nachhaltige Beschwerdeminderung erreichen.


 

Über die Autorin

Die Diplom-Sportwissenschaftlerin Sabine Weyand leitete zehn Jahre das Institut für angewandte Sport- und Präventivmedizin und die Ambulanz der Klinik Medical Park St. Hubertus am Tegernsee. Sie ist Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) und der BSA-Akademie und begleitet als systemischer Coach für Persönlichkeits-, Team- und Organisationsentwicklung Führungskräfte bei Veränderungsprozessen.


Auszug aus der Literaturliste

Beyerlein, J. (2018). Die Spinalkanalstenose – ein Überblick. Manuelle Therapie, 22, 7–12.
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. (DGOOC) (2017). S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz. Berlin: AWMF Online.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.

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