Fitness, Gesundheit, Management |

Leistung · Fair Play · Miteinander

Ob als letzter NOK-Präsident, als mehrfacher Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft oder als renommierter Orthopäde und Sportmediziner - Sport ist seine Lebensschule, funktionierende Teams geben ihm Kraft und nur selbst trainieren hält fit. Die medical fitness and healthcare (mfhc) sprach mit einer Persönlichkeit, Professor Dr. Klaus Steinbach.

mfhc: Die Deutsche Sporthilfe hat Sie vor wenigen Wochen für Ihr Lebenswerk geehrt und Ihnen die „Goldene Sportpyramide“ verliehen. Welche Erfahrungen haben Sie besonders beeindruckt?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Zuerst haben mich die Olympischen Spiele in München erheblich beeindruckt und beeinflusst. Ein Ziel anzustreben und dieses zu erreichen, in einer Mannschaft aufgenommen und akzeptiert zu sein, das macht den Sport aus, nach dem Motto: Leistung. Fair Play. Miteinander. Das ist auch das Leitmotiv der Deutschen Sporthilfe.

mfhc: Das mit der Ehrung verbundene Preisgeld haben Sie verdoppelt und es zu gleichen Teilen der Comebackstronger-Förderung der Deutschen Sporthilfe und dem Deckarm-Fonds zur Verfügung gestellt. Schenkt Teilen doppelt Freude?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Ja, schenken macht doppelt Freude. Mir ging es bei meinen Überlegungen darum, dass ich vom Sport und mit dem Sport sehr viel Unterstützung erhalten habe und auch durch eine gute Lebensschule gegangen bin. Über den Sport habe ich die Stärken und die Kraft von gut funktionierenden Teams erleben und erlernen dürfen. Im Rahmen meiner heutigen Möglichkeiten helfe ich Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie ich.

Dazu gehört zum einen mein Freund Joachim Deckarm (Anmerkung der Redaktion: Joachim „Jo“ Deckarm, 64 Jahre alt, Handball-Weltmeister 1978, erlitt 1979 in einem Europacup-Spiel bei einem Sturz ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, in dessen Folge er monatelang im Koma lag und bis heute auf Hilfe angewiesen ist), den ich seit Jahren als medizinischer Koordinator unterstütze. Zum anderen ist da die Gruppe der Sportler, die von der Sporthilfe unterstützt werden, weil sie im Rahmen ihrer Leistungssportausübung eine schwere Verletzung oder einen vorübergehenden Schaden davongetragen haben, die zur Unterbrechung oder gar zum Abbruch ihrer leistungssportlichen Karriere geführt haben. Diese Sportler brauchen unsere Hilfe und werden des Öfteren vergessen. Nicht so bei der Deutschen Sporthilfe. Das Team #comebackstronger steht für diese Unterstützung. Dort geht die zweite Hälfte meiner Spende hin.

mfhc: Roland Matthes, für die DDR Schwimm-Olympiasieger, würdigt Sie nicht nur als einen der besten Schwimmer der Bundesrepublik, er attestiert Ihnen auch „viel Feingefühl“. Was empfanden Sie rückblickend bei Begegnungen mit Sportlern aus der DDR?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Roland Matthes kenne ich seit Anfang der Siebzigerjahre. Wir waren im Rahmen unserer Leistungssportausübung in getrennten politischen Systemen aktiv. Das hat aber nicht dazu geführt, dass wir politische Gegner waren. Wir haben uns immer gut verstanden und sind heute Freunde, die sich immer wieder begegnen. Auch auf unserem heutigen beruflichen Gebiet der Orthopädie sind wir Partner, denn sowohl Roland Matthes als auch ich üben den gleichen Beruf aus. Wir sind beide Orthopäden und kümmern uns im Leistungssport insbesondere um Sportler, die verletzt sind und unsere Hilfe brauchen.

mfhc: Olympische Spiele 1972 in München: Mit der 4x200 Meter Freistil-Staffel gewannen Sie Silber. Olympia 1972 steht aber auch für den Anschlag der palästinensischen Terror-organisation Schwarzer September auf die israelische Mannschaft. Haben auch diese Erfahrungen in Ihnen den Wunsch geweckt, sich als Sportfunktionär für die olympische Idee zu engagieren?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Mein Engagement nach meiner leistungssportlichen Karriere, mich weiterhin um Sportler, insbesondere auf dem Weg zu Olympischen Spielen zu kümmern, ist recht früh nach Ende meiner Karriere entstanden. Die Auszeichnung durch die UNESCO mit dem Fair Play Preis 1981 hat mich entsprechend motiviert.

Als ich dann als Arzt und Sportmediziner tätig war, hat mich die Deutsche Sporthilfe in den Gutachterausschuss berufen. In diesem Gremium wird die Deutsche Sporthilfe ehrenamtlich beraten, damit die Fördermittel, die zur Verfügung stehen, auch bei den „richtigen“ Sportlern für die „richtigen“ Projekte eingesetzt werden können.

Als Chef de Mission und auch später als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees war meine oberste Zielsetzung, unseren jungen Athleten die besten Rahmenbedingungen zur Ausübung ihres Leistungssports zu bieten, die im Rahmen unseres Systems möglich waren und sind.

Als ehemaliger Leistungssportler weiß man sehr genau, was sich ein Leistungssportler wünscht. Aber man kann auch erklären, wo die Grenzen sind, die nicht überschritten werden dürfen. Und hier meine ich insbesondere, dass wir unsere Athleten auf ihrem Weg als faire und saubere Athleten durch den Leistungssport begleiten. Den Kampf gegen Doping nehme ich in meiner Kommunikation mit den Athleten sehr ernst.

mfhc: Weltrekord – 49,79 Sekunden über 100 Meter Freistil. Professor Steinbach, Sie waren der erste Mensch, der diese Strecke unter 50 Sekunden schwamm. Was bedeutet es Ihnen, einen gleichsam „historischen“ Weltrekord geschwommen zu sein?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
1976 zeichnete sich ab, dass mehrere Sprinter versuchen würden, die 50-Sekunden-Barriere über 100 Meter Kraul zu brechen. Mir ist es im Frühjahr 1976 in Bremen gelungen, als erster Schwimmer der Welt diese Barriere zu brechen. Natürlich bin ich stolz darauf. Es hat mich auch glücklich gemacht. Es bleibt in den Geschichtsbüchern. Das ist eine tolle Sache. Über die freue ich mich immer wieder, wenn es Thema in dem einen oder anderen Gespräch ist.

mfhc: Olympiasilber und -bronze, Welt- und Europameister, 16 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften, 25 x Deutscher Meister, insgesamt neun Europarekorde und acht Weltrekorde, so Ihre „schwimmende“ Erfolgsgeschichte. Waren die Erfolge das Ergebnis Ihrer Talententwicklung oder Lohn konsequenten Trainings?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Ich komme aus einer schwimmbegeisterten Familie. Mein Großvater war Mitgründer des Clever Schwimmvereins 1910 e. V. Meine beiden Eltern sind geschwommen. Meine Schwester Angela, ich und auch die beiden Söhne von meiner Schwester sind hervorragende Leistungsschwimmer geworden. Aber es sind nicht nur die Gene, die vererbt wurden, es liegt auch an der Erziehung und an der Motivation zu Hause. Meine Schwester und ich haben nie einen Leistungsdruck erlebt, den die Eltern ausgeübt hätten. Aber wir erhielten die notwendige Unterstützung, die für uns beide hervorragende sportliche Ergebnisse erbracht hat. Natürlich gehört auch eine ordentliche Portion Training dazu, um erfolgreich Leistungssportler zu werden. Die Lebensschule, die sich daraus ergab, hat uns zu geradlinigen Menschen geformt.

mfhc: Bei den Olympischen Spielen 2000, 2004 und 2006 waren Sie Chef de Mission der deutschen Mannschaft. Macht es für Sie einen Unterschied, als Sportler oder als Funktionär bei Olympia dabei zu sein?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Wenn man als Leistungssportler aktiv und erfolgreich ist, dann erlebt man den Wettkampf und auch die Siegerehrung höchst emotional für sich persönlich beziehungsweise für seine Mannschaft. Wenn man als Funktionär tätig ist, freut man sich, dass die Unterstützung, die man den aktuellen Athleten hat angedeihen lassen, Früchte getragen hat. Und man sieht sich nicht ständig in vorderster Front, sondern als Unterstützer und als Rückhalt für die aktiven Athleten.

mfhc: Im November 2002 wurden Sie zum Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland gewählt. Sie forderten, der Sport müsse „viel klarer und selbstbewusster auftreten“. Was kann die Gesellschaft vom Sport lernen?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Die Gesellschaft ist lernfähig und sie lernt am ehesten von Vorbildern, die sich gewissenhaft und korrekt verhalten. Was die Gesellschaft vom Sport lernen kann, ist vor allem Zielstrebigkeit, Gewissenhaftigkeit und die Freude, die Sport vermitteln kann. Ich möchte das Motto der Deutschen Sporthilfe noch einmal wiederholen: Leistung. Fair Play. Miteinander.

Das ist eine hervorragende Zusammenfassung und muss nicht nur der Leitsatz für den Sport sein, sondern könnte ebenfalls ein hervorragender Leitsatz für unsere Gesellschaft sein.

mfhc: Sie sind Orthopäde und Sportmediziner. Ihr Leitsatz: Positiv denken genügt nicht – positiv handeln ist nötig. Welche Rolle spielen Sport, Training und Fitness für den Gesundungsprozess Ihrer Patienten?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Meine Botschaft an meine Patienten lautet immer, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann und sollte. Körperliche Aktivität ist die Grundvoraussetzung für gute Körperkontrolle und beeinflusst unsere Gesundheit stets positiv. Dabei sollte man sie regelmäßig betreiben, aber nicht übertreiben. Doch die meisten Menschen „untertreiben“ die körperliche Aktivität und stellen dann fest, dass sie die Kontrolle über ihren Körper teilweise verlieren. Hier gilt es, das Bewusstsein zu schärfen und auch tatsächlich in die regelmäßige körperliche Aktivität überzugehen sowie die Trägheit zu überwinden, um mehr Lebensqualität zu erreichen.

Unser Therapiekonzept in den Hochwald-Kliniken in Weiskirchen basiert darauf, dass wir die „Trainer“ sind und unsere Patienten die „Athleten“. Bei Anreise sind die Athleten (Patienten) in einer relativ schlechten Trainingsverfassung, die durch regelmäßiges Training verbessert werden kann und auch verbessert wird.

mfhc: Bisweilen begrüßen Sie Ihre Patienten im „Trainingslager“ und motivieren sie, aktiv an der Gesundung mitzuarbeiten. Bei der Verabschiedung geben Sie ihnen die Empfehlung, sich vor Ort Bewegungs- und Trainingsmöglichkeiten zu suchen. Welche Überzeugungen und Erfahrungen leiten Sie bei diesen Empfehlungen?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Nur selbst trainieren hält fit. Dieser Merksatz muss ins Bewusstsein der Menschen, damit sie mehr in die körperliche Aktivität kommen. Wir brauchen eine kräftige Muskulatur, um unseren Körper zu stabilisieren und auf Dauer den aufrechten Gang kontrollieren zu können.

mfhc: Sie setzen auf „modernes Dienstleistungsmanagement“. Was bedeutet das für Sie?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Alles was wir in Weiskirchen anbieten, ist Dienstleistung. In der medizinischen Rehabilitation geht es allerdings um das Mitnehmen unserer Patienten auf dem Weg zur besseren Gesundheit. Das heißt, alle Mitarbeitenden sind aufgefordert, ein schlüssiges und nachvollziehbares Therapiekonzept zu entwickeln und umzusetzen. Dazu ist es natürlich nötig, dass wir bei der Konzeptentwicklung die Fachabteilungen integrieren. Die dazu notwendigen Sitzungen und Absprachen erfolgen regelmäßig wie auch die Kommunikation über die anstehenden Probleme und Herausforderungen unserer Patienten.

Natürlich müssen am Ende die leitenden Mitarbeiter das Konzept nach außen vertreten. Aber durch die Einbeziehung der Mitarbeitenden gelingen mehr Identifikation mit dem Konzept und eine bessere Umsetzung.

mfhc: Seit 2011 haben Sie eine Professur an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Welche Erfahrungen wollen Sie neben der Wissensvermittlung Studierenden mit auf den Weg geben?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Dass sie sich den Herausforderungen stellen, die ihre Kunden, Klienten und Patienten mitbringen. Die Vermittlung von Fachwissen sollte immer gepaart sein mit einer hohen Motivation für den Beruf und einer Leidenschaft für die Zielerreichung. Deshalb ist auch das Erlernen und Erarbeiten von Klientenführung eine gute Schule für das spätere Führen im Team.

mfhc: Namhafte Branchenkenner erwarten in den nächsten fünf Jahren eine Ausweitung der Mitgliederzahl in den kommerziellen Fitnessanlagen von heute 10,6 auf bis zu 15 Millionen. Welches Potenzial halten Sie in den nächsten 10 Jahren für denkbar und warum?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Wir erleben in den letzten Jahren immer mehr Menschen mit körperlichen Problemen, die oft durch fehlende körperliche Aktivität selbst verschuldet sind. Das digitale Zeitalter verändert immer mehr die Notwendigkeit von körperlicher Aktivität. Auch in dem neuen Schulkonzept G8 mit Nachmittagsschule bis 16 Uhr sehe ich große Gefahren, dass bereits im Kindes- und Jugendalter zu wenig Zeit bleibt, um sich körperlich zu bewegen. Hier besteht eine große Gefahr, dass das Erlernen von Bewegung als wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens zu kurz kommt. Wir alle wissen doch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Alt, aber wahr. Motorische Versäumnisse in den ersten zehn Lebensjahren sind in den folgenden Jahren nur sehr schwer wieder aufzuholen.

mfhc: Eine letzte Frage: Wie halten Sie sich heute fit und gesund? In diesem Zusammenhang: Schwimmen Sie heute noch?
Prof. Dr. Klaus Steinbach:
Ich halte mich regelmäßig sportlich fit. Kraft- und Ausdauertraining mache ich gerne im Fitnessstudio. Seit vielen Jahren fahre ich hauptsächlich Rennrad und Mountainbike, und das normalerweise jeden zweiten Tag, ob Sommer oder Winter. Wenn die Wetterbedingungen zu schlecht zum Radfahren sind, gehe ich laufen. Schwimmen ist die absolute Ausnahme. Da habe ich im Leben schon genug Erfahrung gesammelt. Aber vielleicht werde ich in Zukunft mehr schwimmen, damit die Muskulatur des Oberkörpers wieder mehr trainiert wird.

Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 02/2018

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