Fitness | Autor: Prof. Dr. Christoph Eifler |

Hat eine Steuerung über RPE-Skalen Vorteile?

Weitgehend bekannt ist die Intensitätssteuerung der Trainingsbelastung über das subjektive Belastungsempfinden. Weitgehend unklar ist jedoch, ob das Belastungsempfinden des Fitnesskunden durch RPE-Skalen effektiver gesteuert werden kann.

Bei der Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining über das subjektive Belastungsempfinden wird, ausgehend vom Trainingsziel, zunächst ein Wiederholungszahlbereich festgelegt. Für diesen Wiederholungszahlbereich wird anschließend eine Trainingslast ausgetestet, die bei dem Fitnesskunden einen vorab definierten, subjektiv empfundenen Anstrengungsgrad auslösen soll.

Problematik der Intensitätssteuerung über das subjektive Belastungsempfinden
Dieser Ansatz der Intensitätssteuerung (auch als „induktiver“ Ansatz bekannt) hat den Vorteil, dass ein muskelausbelastender Krafttest mit dementsprechend hoher mechanischer Belastung für das Bewegungssystem und zudem hohen Anforderungen an die Motivation und Volition des Fitnesskunden entfällt. Ungeachtet der Praktikabilität dieser Vorgehensweise, existieren jedoch auch kritische Stimmen zu diesem Ansatz (z. B. Fröhlich & Schmidtbleicher, 2003), da die entscheidende Größe zur adäquaten Intensitätssteuerung, das subjektive Belastungsempfinden des Fitnesskunden, als sehr ungenaue Steuerungsgröße gilt und von vielen Störvariablen beeinflusst wird. Insbesondere bei krafttrainingsunerfahrenen Personen stellt die mangelnde Validität (Messgenauigkeit) der subjektiven Belastungswahrnehmung einen Nachteil dar, der in einem eher suboptimalen Krafttraining mit individuell zu geringen Trainingslasten resultieren kann (Focht, 2007; Glass, 2008; Ratamess et al., 2008).

Tab. 1: Borg-Skala zur Kontrolle der Belastungssteuerung (modifiziert nach Borg, 2004)

Einsatz von RPE-Skalen
Um die oben beschriebene Problematik der Ungenauigkeit der subjektiven Belastungswahrnehmung zu umgehen, wurden Skalen konstruiert, die eine bessere Operationalisierung des subjektiven Belastungsempfindens der Fitnesskunden ermöglichen sollen. In der internationalen Literatur werden diese Skalen als RPE-Skalen (RPE = engl. „Rating of Perceived Exertion“) bezeichnet. Eine der bekanntesten RPE-Skalen ist die Borg-Skala, die ursprünglich für die subjektive Belastungswahrnehmung im Ausdauertraining konzipiert und später auf das Krafttraining übertragen wurde (vgl. Tab. 1).

Unklar ist jedoch die Fragestellung, ob solche RPE-Skalen zur besseren Einschätzung des subjektiven Belastungsempfindens tatsächlich einen Vorteil gegenüber einer eher intuitiven Steuerung der Trainingsintensitäten im fitnessorientierten Krafttraining haben. Dieser Fragestellung ging eine Multicenter-Studie der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) nach.

Methodik der Untersuchung
In einer Studie zur Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining (Eifler, 2017) wurde u. a. untersucht, inwieweit sich die Effekte auf die Kraftleistungsfähigkeit zwischen einer mittels Borg-Skala gesteuerten Wahl der Trainingslasten von einer unkontrollierten bzw. intuitiven Wahl der Trainingslasten unterscheiden. Als Versuchspersonen wurden gesunde, erwachsene Männer und Frauen in 48 unterschiedlichen Fitness-Studios rekrutiert, die ein fitness- oder gesundheitssportlich orientiertes Krafttraining als primär- oder sekundärpräventive Interventionsmaßnahme durchführen. Nicht-repräsentative Minderheiten (z. B. Hochleistungssportler, Kinder und Jugendliche) wurden als Versuchspersonen nicht in Betracht gezogen. Ausschlusskriterien für eine Teilnahme an der Studie waren manifeste Erkrankungen des Herz-Kreislauf-, Atmungs- oder muskuloskeletalen Systems (Tertiärprävention, Rehabilitation).

B = Beginner, G = Geübte, F = Fortgeschrittene, L = Leistungstrainierende
Tab. 2: Identische Belastungsparameter der beiden Stichproben (modifiziert nach Eifler, 2017, S. 117)

Um die Störgröße „Trainingsalter“ einzugrenzen, wurden die Probandenstichproben geschichtet in Beginner (mind. 2 Monate Krafttrainingserfahrung), Geübte (mind. 6 Monate Krafttrainingserfahrung), Fortgeschrittene (mind. 12 Monate Krafttrainingserfahrung) und Leistungstrainierende (mind. 36 Monate Krafttrainingserfahrung).

Insgesamt 109 Probanden (51 Frauen, 58 Männer) absolvierten ein standardisiertes fitnessorientiertes Krafttraining mit einer Intensitätssteuerung über das subjektive Belastungsempfinden, welches über die Borg-Skala kontrolliert wurde. Je nach Leistungsstufe bzw. Krafttrainingserfahrung wurden die anzusteuernden RPE-Grade von „etwas schwer“ bzw. RPE 13-14 (Beginner) bis hin zu „extrem schwer“ bzw. RPE 19-20 (Leistungstrainierende) festgelegt.

Insgesamt 102 Probanden (48 Frauen, 54 Männer) absolvierten ein standardisiertes Krafttraining mit einer unkontrollierten bzw. intuitiven Wahl der Trainingslasten. Unabhängig von der Krafttrainingserfahrung wurden die Probanden dieser Stichprobe lediglich instruiert, Trainingslasten zu wählen, die ihnen als angemessen erscheinen.

Alle weiteren Belastungsparameter waren in beiden Stichproben identisch (vgl. Tab. 2). In beiden Stichproben wurde ein komplettes Trainingsprogramm mit den folgenden Übungen realisiert: Beinpresse horizontal, Brustpresse horizontal, Butterfly, Latzug vertikal zum Nacken, Rückenzug horizontal, Kurzhantel-Seitheben, Armstrecken am Seilzug, Kurzhantel-Armbeugen. Als Outcome-Parameter wurden in Pre- und Post-Test 1-RM, 10-RM und 20-RM (maximales Gewicht für 1, 10 und 20 Wiederholungen) ausgetestet. Insgesamt dauerte die Krafttrainingsintervention sechs Wochen.

Ergebnisse
In beiden Versuchsgruppen konnten bei allen Krafttrainingsübungen, bei allen Leistungsstufen sowie bei allen Testvariablen (1-RM, 10-RM, 20-RM) signifikante Steigerungen der Kraftleistungsfähigkeit festgestellt werden. Der Vergleich zwischen den beiden Versuchsgruppen zeigte in der überwiegenden Anzahl der Fälle keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Verbesserungen der Kraftleistungsfähigkeit.

Als zentrales Ergebnis der Untersuchung kann festgehalten werden, dass es für den fitness- und gesundheitsorientierten Kraftsportler offensichtlich keine Rolle zu spielen scheint, ob die subjektive Steuerung der Intensität intuitiv erfolgt oder mittels Borg-Skala operationalisiert wird.

Fazit
Aus den Ergebnissen der Untersuchung kann geschlussfolgert werden, dass aus dem Einsatz der RPE-Skala nach Borg keine exaktere und somit effektivere Steuerung der subjektiven Belastungswahrnehmung resultiert. Insofern liefert der Einsatz der Borg-Skala keinen zusätzlichen Benefit für den fitnessorientierten Kraftsportler.

Eine Erklärung hierfür könnte die starke Ausdifferenzierung der subjektiven Anstrengung (von 6 bis 20) und der damit einhergehende hohe Abstraktionsgrad für die Probanden sein. Offensichtlich ist eine halbwegs verwendbare subjektive Einschätzung eines submaximalen Anstrengungsgrades durch Fitnesskunden erst dann möglich, wenn das Maximum an Anstrengung („maximal schwer“) schon einmal erlebt bzw. erfahren wurde. Setzt man dies nun als Maßstab für die Intensitätssteuerung nach dem subjektiven Belastungsempfinden, dann kann man auch gleich den Schritt gehen und einen Krafttest mit standardisierten objektiven Ausbelastungskriterien durchführen, anhand dessen Testergebnisse anschließend die Trainingslasten berechnet werden. Generell scheint diese Vorgehensweise (auch als „deduktiver“ Ansatz der Intensitätssteuerung bekannt) Vorteile gegenüber einer Intensitätssteuerung über das subjektive Belastungsempfinden zu haben (vgl. Eifler, 2017, S. 248; Kemmler et al., 2005, S. 169).

Prof. Dr. Christoph Eifler leitet den Fachbereich Trainings- und Bewegungswissenschaft der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement DHfPG sowie den Fachbereich Fitnesstraining der BSA-Akademie. Bei der DHfPG erfüllt er zudem das Amt des Prorektors für Forschung.

Interesse, Professor Dr. Eifler live zu erleben? Auf dem Aufstiegskongress 2018 referiert Professor Dr. Eifler gemeinsam mit Patrick Berndt auf dem Forum Training zu dem Thema: "High-Intensity Interval-Training" (HIIT) und "Concurrent Training" in der Praxis des Fitnesstrainings.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 04/2018

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