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Fitness mal anders: Die Bundeswehr

Körperliche Leistungsfähigkeit ist in vielen Berufszweigen wichtig für die Ausübung der Tätigkeiten – in manchen Berufszweigen ist Fitness darüber hinaus essenziell, weil es auch um Leben und Tod geht. In Teil 1 unserer neuen Artikelreihe beschäftigen wir uns mit Fitness und Athletik bei der Bundeswehr.

Prof. Dr. Daniela Klix. ist Referentin für Sport und Körperliche Leistungsfähigkeit (KLF) in den Streitkräfte, verantwortlich für die „Professionalisierung der Sportausbildung in der Truppe“ und Dozentin an der DHfPG. Im fM Interview erläutert sie, wie die Truppe die Fitness der Soldaten sicherstellt und wie die professionelle Fitness- und Gesundheitsbranche ihren Beitrag leisten kann.

fM: Welchen Stellenwert haben körperliche Fitness und Athletik Ihrer Einschätzung nach für den aktiven Dienst bei der Bundeswehr?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Die neue Konzeption der Bundeswehr (Weißbuch, 2016) hat die Entwicklung und Bereitstellung einer einsatzbereiten, bündnisfähigen und flexiblen Bundeswehr zur Zielsetzung, die in einem volatilen Sicherheitsumfeld unter anderem über Fähigkeiten zur ständigen Landes- und Bündnisverteidigung sowie zum Heimatschutz verfügt. Dieses Fähigkeitsprofil verlangt nicht nur fachlich qualifiziertes, sondern auch physisch sowie psychisch robustes und gesundheitlich uneingeschränkt einsatzfähiges Personal. Eine hohe körperliche Leistungsfähigkeit ist daher unabdingbare Voraussetzung für die Wahrnehmung und Ausübung des Soldatenberufs.

fM: Sie sind Projektleiterin für die „Professionalisierung der Sportausbildung in der Truppe“. Welche Aufgabenbereiche beinhaltet ihre Tätigkeit?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Als Referentin für Sport und KLF in den Streitkräften obliegt mir die Planung, Koordinierung, Steuerung, Überwachung sowie die Entscheidungsbefugnis in allen Grundsatzangelegenheiten im Bereich des Sports und der KLF. Hierzu zählt unter anderem auch die Projektleitung zur Professionalisierung der Sportausbildung in der Truppe. Als federführende Stelle und Fachaufsicht im Bereich des Sports/KLF berate und informiere ich die militärische Führung/Leitung Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) bspw. über den Fortschritt der Erprobungsstudie zur Implementierung der hauptamtlichen Trainer Sport/KLF in die Truppe. Mit der Durchführung der Erprobung habe ich die Sportschule der Bundeswehr beauftragt. Diese zeichnet sowohl für die Ausbildung der Trainer Sport/KLF als auch für die ablauforganisatorische Koordinierung vor Ort verantwortlich.

fM: Das Projekt läuft seit etwas mehr als einem Jahr. In welchen Bereichen liegen aktuell die Schwerpunkte?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Die Erprobung des Konzepts zur Professionalisierung erfolgt in drei Schritten. In einem ersten Schritt geht es um die Qualifizierung der zukünftigen Trainer Sport/KLF. Hierzu wurden ehemalige Spitzensportler im Rahmen eines Pilotlehrgangs an der Sportschule der Bundeswehr für ihre neue Tätigkeit ausgebildet.

Im zweiten Schritt erfolgt die Erprobung der sog. „Hauptamtlichkeit“. Für die Erprobung wurde ein militärischer Standort als sog. „Stützpunkt Sport/KLF“ ausgewählt. Im Schwerpunkt findet gerade die Vorbereitung des Stützpunktangebotes durch den Manager Sport/KLF (ehemals Sportlehrer Truppe) mit den Trainern Sport/KLF Bw statt. Um das Training der KLF spezifisch an den militärischen Auftrag der jeweiligen Einheit ausrichten und in den militärischen Alltag integrieren zu können, ist eine detaillierte Analyse der Ausgangssituation mit Aufbau von Netzwerkstrukturen vor Ort essenziell.

Mit Beginn des Jahres 2019 ist für eine Dauer von zwei Jahren die Durchführungsphase am Erprobungsstützpunkt gestartet. Unter der fachlichen Führung des Managers Sport/KLF Bw übernehmen an dem Erprobungsstützpunkt in erster Linie Trainer Sport/KLF Bw die hauptamtliche Durchführung des Dienstsports. An allen anderen Standorten der Bundeswehr, die nicht als Erprobungsstützpunkt ausgewählt sind, erfolgt die Ausbildung KLF wie bisher durch den Einsatz von nebenamtlichen Sportausbildern.

Im dritten Schritt erfolgt eine wissenschaftliche Begleitung der Erprobung des Konzepts durch die Gruppe Weiterentwicklung der Sportschule der Bundeswehr. Im Rahmen einer projektbegleitenden Evaluation werden erstens die angestrebte Entlastung der Truppe und zweitens die Professionalisierung des Ausbildungsbildungsgebiets KLF untersucht. Hierfür wird prozessbegleitend als auch ergebnisbewertend evaluiert.

fM: Noch im Jahr 2017 gab es einen großen medialen Aufschrei über die mangelnde körperliche Belastbarkeit bei Offiziersanwärtern. Mangelnde Fitness ist aber nicht nur ein Problem bei der Bundeswehr. Kann die Bundeswehr überhaupt auffangen, was unsere Gesellschaft vorher über Jahre hinweg versäumt hat?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Die Menschen in der Bundeswehr sind Teil und zugleich Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Übergang zur Freiwilligenarmee hat die Bundeswehr verändert. Mit ihrer Neuausrichtung soll die Bundeswehr gemäß den Verteidigungspolitischen Richtlinien zukunftsfähig ausgerichtet werden. Die Befähigung zum Kampf als höchster Anspruch an Personal, Material und Ausbildung ist hierbei der Maßstab an die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte.

Die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr begründet wiederum ihren Bedarf an fachlich qualifiziertem und gesundheitlich einsatzfähigem Personal. Demgegenüber steht die gesamtgesellschaftliche Herausforderung des demografischen Wandels und dem damit verbundenen Fachkräftemangel. Zur dauerhaften Gewährleistung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr müssen daher unter anderem die personellen Strukturen demografiefest und anpassungsfähig gestaltet werden. Hierzu wurden und werden verschiedene Maßnahmen bedarfsgerecht und nachhaltig erprobt, evaluiert und implementiert, wie bspw. die im Jahr 2014 begonnene Implementierung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) in den Geschäftsbereich des BMVg oder eben die aktuelle Erprobung der Professionalisierung der Sportausbildung in der Bundeswehr.

fM: Die Bundeswehr ist als größter Arbeitgeber Deutschlands vom Funker über den Pionier und Fallschirmspringer bis hin zum Gebirgsjäger und Kampfschwimmer mit einem sehr breiten Spektrum verschiedener Tätigkeiten ausgestattet. Ist es für Sie überhaupt möglich, die verschiedenen Einheiten und deren individuell unterschiedlichen Anforderungen an Fitness und Athletik auf einen Standard zu bringen? Wie planen Sie, dieser Herausforderung in der Praxis zu begegnen?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Die Bundeswehr verfolgt den Anspruch, ein in allen Bereichen professioneller Arbeitgeber zu sein. Im Bereich des Sports und der KLF beschreitet die Bundeswehr mit der Erprobung des Konzepts zur Professionalisierung der Sportausbildung eine konzeptionelle Neuausrichtung der Organisation des Ausbildungsgebiets Sport/KLF.

Mit der Einführung des neuen Dienstpostens „Trainer Sport/KLF“ soll die Ausbildung KLF zukünftig von hauptamtlichem Sportfachpersonal durchgeführt werden. Hierdurch wird eine professionelle und systematische Ausbildung ermöglicht, welche gekennzeichnet ist durch ein strukturiertes zielgerichtetes und bedarfsorientiertes Training. Die langfristige Trainingsperiodisierung mit konstanter Trainingsdurchführung orientiert sich dabei am „militärischen“ Jahresausbildungsplan und ergänzt diesen Plan bzgl. des Erhalts und der Steigerung der KLF sinnvoll.

Die angestrebte Hauptamtlichkeit der Sportausbilder bietet zudem ehemaligen Spitzensportlern nach Beendigung ihrer aktiven Karriere als zukünftige Trainer Sport/KLF weiterhin ein berufliches Handlungsfeld in der Bundeswehr. Diese langfristige Bindung von ehemaligen Spitzensportlern erlaubt es, ihre Erfahrung und ihr erlerntes Fachwissen effizient, d. h. systematisch, leistungsdifferenziert und zielgerichtet der Truppe zugänglich zu machen.

fM: Die professionelle Fitness- und Gesundheitsbranche ist in den Bereichen Training, Prävention, Rehabilitation und auch BGM konzeptionell sehr gut aufgestellt und verfügt deutschlandweit über eine gewachsene Infrastruktur mit immer mehr zertifizierten Anbietern (DIN 33961). Inwieweit können lokale Fitness- und Gesundheitsdienstleister die Bundeswehr mit ihrem professionellen Angebot unterstützen?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Im Rahmen der bundeswehrinternen Ausbildung und für den Betrieb der Bundeswehr werden Kooperationen mit der Wirtschaft sowie mit anderen staatlichen Institutionen und privaten Einrichtungen eingegangen. Dadurch wird auch ein kontinuierlicher Austausch und eine fortwährende Aus- und Weiterbildung gefördert. Bspw. im Rahmen des BGM Bw unterstützen bereits schon jetzt verschiedene lokale Fitness- und Gesundheitsdienstleister partiell die Bundeswehr. Auf der lokalen Ebene in der direkten Zusammenarbeit zwischen Fitness- und Gesundheitsdienstleister und Dienststellen der Bundeswehr – ähnlich der Größe eines KMU – sehe ich ein gutes Potenzial für Kooperationen. Eine grundsätzliche Erweiterung der Kooperationen im Bereich des Dienstsports sehe ich hingegen zur Zeit nicht.

fM: Fitness und Athletik haben immer auch eine mentale Komponente. Insbesondere für Soldaten können die mentalen Belastungen bei Einsätzen extrem sein. In welchem Maß müssen Sie auch solche mentalen Aspekte bei der Professionalisierung der Sportausbildung berücksichtigen?
Prof. Dr. Daniela Klix:
In der Bundeswehr wird die psychische neben der physischen Fitness als ein gleichberechtigter Bestandteil der Gesundheit betrachtet. Gerade der Dienst im Einsatz mit einer erhöhten Intensität an situativen Bedingungen, wie bspw. einem Gefecht, fordern von Soldaten vergleichbare Leistungen wie von einem Leistungssportler ab. Daher muss der Soldat in Vorbereitung auf einen Einsatz neben der körperlichen auch gleichermaßen seine mentale Leistungsfähigkeit trainieren. Die Bundeswehr verfügt hierzu über ein Rahmenkonzept zum „Erhalt und zur Steigerung der psychischen Fitness von Soldaten/-innen“. Dieses Rahmenkonzept beinhaltet ein Prozessmodell, welches die psychische Fitness als ein auf Prävention ausgerichtetes, zielgruppenorientiertes, modulares Programm zum Erhalt und zur Steigerung der psychischen Fitness sowie zum Erwerb von Resilienz fördernden Verhaltensweisen beschreibt.

fM: Welche persönlichen Wünsche haben Sie als sehr erfolgreiche ehemalige Soldatin für die Professionalisierung der Sportausbildung in der Truppe – für die nahe sowie auch für die weitere Zukunft?
Prof. Dr. Daniela Klix:
Für die nahe Zukunft wünsche ich mir, dass unsere Projekt zur Erprobung der Professionalisierung der Sportausbildung in der Truppe auf eine hohe Akzeptanz stößt und es uns gelingt, den „Mehrwert“ für den Erhalt und die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit durch hauptamtliches Personal aufzuzeigen. Darauf aufbauend wünsche ich mir für die langfristige Zukunft, dass uns der „Rollout“ einer hauptamtlichen Struktur „Sport/KLF“ in der Bundeswehr gelingt und der bekundete hohe Stellenwert des Sports und der KLF auch im täglichen Dienst kein „Lippenbekenntnis“ bleibt, sondern auch umgesetzt wird.

Zur Person:
Prof. Dr. phil. Daniela Klix (39) ist Oberstleutnant der Reserve, Diplom-Sportwissenschaftlerin und Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG). Sie war von 2001 bis 2013 Soldatin auf Zeit und bundesweit als Personalführerin und Ausbilderin im gehobenen Dienst der Bundeswehr eingesetzt. Sie war während dieser Zeit unter anderem als Teileinheitsführerin eines Infanteriezuges im 22. Einsatzkontingent Afghanistan (Kunduz) und wurde sowohl mit der Gefechts- und Einsatzmedaille durch das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) als auch mit der NATO-Einsatzmedaille ausgezeichnet.

Nach ihrer aktiven Laufbahn war Prof. Dr. Klix von 2013 bis 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft an der Universität der Bundeswehr am Institut für Sportwissenschaft tätig. In dieser Zeit war sie zudem als wiss. Projektmitarbeiterin im Verbundforschungsprojekt „Psychophysische Anforderungen Military Fitness“ sowie beim Pilotprojekt zur „Implementierung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements im Geschäftsbereich des BMVg“ beteiligt. Seit 2015 verstärkt sie außerdem als freiberufliche Dozentin den Fachbereich Fitness- und Individualtraining an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement.

Seit Oktober 2018 ist Prof. Dr. Klix neue Referentin für Sport und Körperliche Leistungsfähigkeit in den Streitkräften und hauptamtlich mit der Er-/Bearbeitung/Fortschreibung von Grundsätzen des SportSBw/KLF SK beauftragt. Parallel zur akademischen und subakademischen Tätigkeit ist sie weiterhin als Reservistendienstleistende im höheren Dienst der Bundeswehr (Oberstleutnant der Reserve) beordert.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 01/2019

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fMi Ausgabe 01/2019

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