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Eine gefährliche Entwicklung mit hohem Verbraucherrisiko

Sportwissenschaftler raten vom EMS-Gruppentraining ab

Angesichts der aktuellen Forschungslage sollte der Betreuungsschlüssel beim EMS-Training 1:1 bzw. maximal 1:2 betragen. Dieser Betreuungsschlüssel und entsprechend qualifizierte Trainer sichern nachhaltige Qualität in der Betreuung, sicheres Training sowie eine individuelle, jederzeit regulierbare Intensitätssteigerung.

Das Gruppentraining wird als Fitnessangebot immer beliebter. In mehr oder weniger großen Gruppen geht man dabei unter Anleitung eines Trainers gemeinschaftlich an seine Grenzen bzw. nähert sich dem vorgegebenen Trainingsziel an. Nach diesem Prinzip werden heute zahlreiche sportliche Aktivitäten angeboten. Zu den beliebtesten Kursen zählen Aerobic, Aquafit, Yoga, Pilates oder Cycling, aber auch intensivere Trainingsprogramme wie Bodypump oder H.I.T.T. finden begeisterte Fans. Allen Formen des Gruppentrainings gemein ist, dass je ein einzelner Trainer oder eine Trainerin zugleich die gesamte Gruppe betreut, die zumeist aus weit mehr als drei Trainierenden besteht.

Konzept Gruppentraining
Tatsächlich ist das „Konzept Gruppentraining“ mit einer Reihe von Vorteilen verbunden: Den meisten Trainierenden macht das gemeinschaftliche Work-out besonders großen Spaß, es wirkt sich günstig auf die Motivation aus und bei einigen Sportarten wird das Angebot erst durch das Gruppentraining bezahlbar. Der Grund dafür ist das spezifische Betreuungsmodell (1:X), das mit einem einzelnen qualifizierten Trainer auskommt, was für eine sinnvolle Betreuung bei den genannten Sportarten auch völlig ausreichend ist.

EMS-Training nur im Betreuungsverhältnis 1:1 und 1:2
Prinzipiell jedoch muss vom Gruppentraining genau dann abgeraten werden, wenn die entsprechende Sportart eine größere Betreuungsintensivität erfordert, als beim Gruppentraining möglich ist. Ganz in diesem Sinne warnen führende Sportwissenschaftler seit Längerem davor, EMS- oder Ganzkörper-EMS-Training anzubieten, wenn keine enge Personal-Training-Betreuung im Betreuungsverhältnis 1:1 oder 1:2 gegeben ist. Ein EMS-Gruppentraining, wie es heute vereinzelt angeboten wird, kommt demnach nicht infrage.

Für diese Einschätzung der Sportwissenschaftler und EMS-Experten gibt es gute Gründe. Aufgabe des Trainers beim EMS-Training ist nämlich nicht nur die korrekte Ausführung der Übungen bzw. Bewegungen zu gewährleisten. Beim EMS-Training wird ein wesentlicher Teil der Belastung durch die intensive, elektrische Muskelstimulation erreicht. Die Intensität dieser Belastung muss jedoch stets der individuellen Belastbarkeit der Trainierenden angepasst und ggf. sofort verringert werden können, was somit zu einer entscheidenden, zusätzlichen Verantwortung des Trainers führt. Der Trainer muss den Reiz nicht nur individuell und gezielt setzen, sondern zu jedem Zeitpunkt auch in der Lage sein, bei jedem einzelnen Trainierenden die Spannung zu verringern oder das Gerät abzuschalten. Nur so kann eine beim EMS-Training schnell erzeugbare und gesundheitsgefährdende Überlastung mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Sicherheitsstandards für das EMS-Training
Seit einiger Zeit formulieren daher die Experten der Sporthochschule Köln sowie der Universitäten Kaiserslautern und Erlangen-Nürnberg Sicherheitsstandards für das EMS-Training. Neben technischen Aspekten betreffen diese vor allem den Betreuungsschlüssel von Trainer zu Trainierendem, der ein sicheres und effektives Training erlaubt. Da die stets individuell zu konfigurierende Belastung eine höhere Betreuungsintensität fordert, ist man sich darüber einig, dass ein Betreuungsschlüssel von 1:2 nicht zu überschreiten ist. Damit ist aber, so die gemeinsame Position der Sportwissenschaftler, das „Konzept Gruppentraining“ nicht ohne Weiteres auf das EMS-Training übertragbar.

Professor Dr. Wolfgang Kemmler, Forschungsleiter für medizinische Physik an der Universität Erlangen-Nürnberg, erklärt zur Diskussion der EMS-Sicherheit: „Die Frage des Betreuungsschlüssels beim Elektromyostimulationstraining wird von verschiedenen Anbietern unterschiedlich argumentiert und beantwortet. Ansätze, die über die von uns vorgeschlagenen zwei Übenden je Trainer hinausgehen, argumentieren mit 'standardisierten Übungsprotokollen', durch die der Übungsleiter entlastet werden soll und somit deutlich mehr Personen gleichzeitig betreuen kann. Wir als wissenschaftlich forschende Einrichtung sehen diese Vorgehensweise aus mehrerer Hinsicht als sehr kritisch an. So bezieht sich dieser 'standardisierte Ansatz' immer lediglich auf die durchgeführte Körperübung. Eine videounterstützte Bewegungsvorgabe ist zur Sicherstellung der korrekten Ausführung aber nur bedingt hilfreich. Vielmehr bedarf es dabei einer akkuraten Bewegungskontrolle und Korrektur durch einen erfahrenen und lizensierten Übungsleiter, um Effektivität und Sicherheit gleichermaßen zu gewährleisten.

Beim EMS-Training ist nicht allein die richtige Ausführung der Übungen von Bedeutung, sondern vor allem, dass eine angemessene Trainingsbelastung eingestellt ist, die den Trainierenden zwar fordert, aber niemals überfordert oder gar schädigt. Die Korrektur der Reizintensität muss bei jedem Trainierenden und zu jedem Zeitpunkt durch den Trainer durchführbar sein. Vor allem deshalb ist für Prof. Dr. Kemmler eine intensive Betreuung des EMS-Trainings erforderlich, die das Angebot „EMS als Gruppentraining“ ausschließt: „Nochmals deutlich relevanter als die Körperübung per se ist die Frage der Intensitätsregelung. Gerade hier ist durch die nötige enge Interaktion zwischen Trainer und Trainierendem ein sehr individueller Betreuungsschlüssel zur Sicherstellung einer möglichst optimalen Reizhöhe zwingend erforderlich. Insofern – wenig überraschend – zeigen unsere mit unterschiedlichen Settings durchgeführten Untersuchungen, dass die günstigsten Ergebnisse mit einer 1:1- oder 1:2-Konstellation generiert werden können. Aber hauptsächlich sind es Sicherheitsaspekte, die die nötige enge Betreuung begründen!

Dabei ist die Empfehlung von Prof. Dr. Kemmler spezifisch so zu verstehen, dass das EMS-Training ungefährlich ist, wenn der Dienstleistung „EMS-Training“ der empfohlene Qualitätsstandard zugrunde liegt. Dieser Qualitätsstandard dient dann auch den Anbietern, sofern er Unfällen vorbeugt und so das Ansehen der innovativen Trainingsform nachhaltig schützt. Das praktisch gelebte, richtige Verständnis des EMS-Trainings als 1:1- oder 1:2-Training sichert somit nachhaltig den Ruf des EMS-Markts und damit auch das Image der Studio- und Fitnessbranche insgesamt.

Erst 2015 nahm das Renommee des Ganzkörper-EMS-Trainings durch unsachgemäße Anwendung erheblichen Schaden, was in einigen Ländern bis hin zum zeitweiligen Verbot reichte. Durch erhebliche Anstrengungen ist EMS nun wieder als sichere und effektive Trainingstechnologie rehabilitiert. Es wäre fatal, wenn dieser Ruf durch Fehlentwicklungen nochmals und dann womöglich nachhaltig geschädigt würde”, resümiert Prof. Dr. Kemmler.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler
Prof. Dr. Wolfgang Kemmler ist Forschungsdirektor am Institut für Medizinische Physik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der Trainings- und Sportwissenschaftler gilt als ausgewiesener Experte in der trainingswissenschaftlichen Interventionsforschung sowie im Bereich alternative Trainingstechnologien mit Schwerpunkt Ganzkörper-Elektromyostimulation.

 

Bitte Klicken Sie hier für das Merkblatt "Safety First" mit den Empfehlungen der Universität Erlangen-Nürnberg, der Deutschen Sporthochschule Köln und der TU Kaiserslautern.

 


Betreuungsrelation im Ganzkörper-EMS-Training

Ganzkörper-EMS-Training führt über den sehr hohen Umfang an zeitgleich beanspruchter Muskelmasse zu einer sehr hohen metabolischen Belastung des Organismus. Die Gefahr unerwünschter Komplikationen (z.B. cardiovaskulärer Ereignisse) ist daher beim Ganzkörper-EMS-Training im Vergleich zu einem konventionellen Fitnesstraining als höher einzustufen. Insbesondere bei Personen ohne sportliche Vorerfahrung sowie bei Personen mit zusätzlichen gesundheitlichen Einschränkungen ist daher auf eine hinreichend sichere und behutsame Ganzkörper-EMS-Anwendung zu achten. Das Gefährdungspotenzial entsteht durch die großflächige Anwendung des Ganzkörper-EMS-Trainings in Verbindung mit der Möglichkeit, eine für jede Körperregion supramaximale Reizintensität generieren zu können. Es besteht somit die Notwendigkeit, Ganzkörper-EMS-Training verantwortungsvoll zu nutzen und die Ganzkörper-EMS-Anwendung nach wissenschaftlichen Kriterien auszuführen.

In der Vergangenheit herrschte in wichtigen Fragen Unsicherheit hinsichtlich einer sicheren und dennoch effektiven Ganzkörper-EMS-Anwendung. Auf Anregung der im EMS-Bereich forschenden Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln, der Technischen Universität Kaiserslautern sowie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg wurden daher im Rahmen einer Konsensus-Konferenz im Dezember 2015 mit Vertretern aus EMS-Forschung, EMS-Ausbildung und EMS-Geräteherstellern Handlungsempfehlungen erarbeitet und publiziert (vgl. Kemmler et al., 2016), die bei der Ganzkörper-EMS-Anwendung künftig Berücksichtigung finden sollen. Diese Handlungsempfehlungen richten sich an EMS-Anwender, Betreiber von EMS-Studios sowie an Trainer, die mit Ganzkörper-EMS arbeiten.

Im Kontext dieser Handlungsempfehlungen sprechen Kemmler et al. (2016) unter anderem auch organisatorische Sicherheitsaspekte an, die vor, während und nach der Ganzkörper-EMS-Anwendung zu beachten sind. Folgende Richtlinien werden für den EMS-Trainingsvollzug ausgesprochen:

  • Der Trainer bzw. das geschulte und lizensierte Personal hat sich während der Trainingseinheit ausschließlich um die Belange der EMS-Anwender zu kümmern. Vor, während und nach dem Training überprüft der Trainer verbal und per Augenschein den Zustand des Trainierenden, um gesundheitliche Risiken auszuschließen und ein effektives Training zu gewährleisten. Bei möglichen Kontraindikatoren ist das Training sofort abzubrechen.
  • Während des Trainings sind die Bedienelemente des Gerätes für den Trainer und auch für den Trainierenden jederzeit direkt erreichbar. Die Bedienung bzw. Regelung muss einfach, schnell und präzise erfolgen können.

Beim Ganzkörper-EMS-Training ist es überaus wichtig, die Belastungsverträglichkeit der EMS-Anwendung zu kontrollieren. Dies erfolgt in erster Linie über die visuelle Kontrolle der Kunden während der EMS-Anwendung oder durch eine Rückmeldung der Kunden. Visuell sichtbare Anzeichen einer zu hohen Impulsstärke bzw. einer Belastungsunverträglichkeit (z.B. schmerzverzerrtes Gesicht, plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe, Atemnot) sollten zu einer sofortigen Herunterregulierung der Impulsstärke oder bei stark ausgeprägten Erschöpfungs- bzw. Überlastungssymptomen sogar zum sofortigen Abbruch der Ganzkörper-EMS-Anwendung durch den Trainer führen. Das Gleiche gilt auch, wenn ein Kunde während der Ganzkörper-EMS-Anwendung über subjektives Unwohlsein klagt.

Damit ein sofortiges Einschreiten des Trainers im Falle von Überlastungssymptomen erfolgen kann, ist eine angemessene Betreuungsrelation beim Ganzkörper-EMS-Training unerlässlich. Um die von Kemmler et al. (2016) formulierten Sicherheitskriterien adäquat umsetzen zu können, sollte nach Ansicht der Experten-Gruppe der Konsensus-Konferenz eine Betreuungsrelation von 1:2 (1 Trainer in Relation zu 2 Kunden) nicht überschritten werden.

In diesem Zusammenhang sieht die Experten-Gruppe der Konsensus-Konferenz die Vorgehensweise von einigen EMS-Anbietern kritisch, den Betreuungsschlüssel auf ein Maß zu erhöhen, welches auch bei Berücksichtigung der technischen Entwicklung und Trainerqualifikation ein individualisiertes und somit sicheres und effektives Training nicht mehr zulässt.

 

Literatur:

Kemmler, W., Fröhlich, M., von Stengel, S. & Kleinöder, H. (2016). Whole-Body Electromyostimulation – The need for common sense! Rationale and guideline for a safe and effective training. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 67 (9), 218-221.


 

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 05/2018

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fMi Ausgabe 05/2018

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