Fitness, Management, Markt | Autor: Jürgen Wolff |

„Gesundheit und Qualität haben einen höheren Stellenwert!“

Welche Konsequenzen sollten Studiobetreiber jetzt aus der Pandemie ziehen? Wie sorgen sie für Sicherheit, Vertrauen und Flexibilität und nutzen digitale Tools optimal? Welche Kundenbindungsmaßnahmen sind effektiv? Das erläutert David Zimmermann im Interview, dem zweiten Teil unserer Titelgeschichte.

fM: Inwieweit wird die Corona-Pandemie die Fitness- und Gesundheitsbranche in den kommenden Jahren beeinflussen?

David Zimmermann: Ich gehe davon aus, dass die Fitnessbranche sicherlich noch nicht in diesem Jahr, aber spätestens ab Frühjahr 2022 enorme Zuwächse verzeichnen wird. Das Bewusstsein in der Bevölkerung, sich fit und gesund halten zu müssen, ist in der Zeit der Pandemie und der Zwangsschließungen von Fitnessanlagen, Sportplätzen und Schwimmbädern deutlich gestiegen. Viele sind durch Homeoffice und zunehmenden Bewegungsmangel mit ihrem körperlichen Zustand unzufrieden.

Auch fehlt vielen der soziale Kontakt und die Motivation in der Gruppe. Ein Online-Training im Wohnzimmer ist ja eine Zeit lang ganz okay, aber auf Dauer fehlt hier die Motivation und der Trainer, der Ansporn und Anleitung in der Übungsausführung und damit ein Stück Sicherheit gibt.

Mit welchen wesentlichen Veränderungen werden sich die Studios nach der Wiedereröffnung dauerhaft auseinandersetzen müssen?

Meiner Meinung nach werden die Kunden zukünftig stärker auf ausreichende Hygienemaßnahmen in den Fitnessanlagen Wert legen. Es wird auch mehr darauf geachtet werden, wie flexibel die Mitgliedsverträge sind, weil die Kunden schnell und unkompliziert aus dem Vertrag herauskommen möchten, wenn es zukünftig wieder zu Zwangsschließungen bzw. Nutzungseinschränkungen kommen sollte.

Obwohl in vielen Anlagen mehr investiert wurde als gefordertund mit hohem Aufwand Hygienemaßnahmen wie Plexiglasabtrennungen, Geräteabstand und Desinfektionsmittelstationen bis hin zu Luftdesinfektionsanlagen umgesetzt wurden, mussten trotzdem alle Fitnessanlagen pauschal schließen – und das ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Infektionszahlen in den Fitnessstudios. Damit hatte wohl niemand rechnen können und das wird sich zukünftig auf die Vertragsgestaltungen auswirken.



Unter welchen Voraussetzungen kann der Markt von den Veränderungen profitieren?

Ich erwarte, dass zukünftig die qualitativ hochwertigen Fitnessangebote am Markt stärker wachsen werden, als es in den letzten zehn Jahren der Fall war. In dieser Zeit ist das Marktsegment der Discountstudios mit immer geringeren Monatsbeiträgen das am stärksten wachsende Marktsegment gewesen. Der Kampf um den billigsten Preis dominierte den Markt bis hin zu Monatsbeiträgen von einem Euro für die ersten sechs Monate. Die Durchschnittsbeiträge in unserer Branche haben sich durch diesen Preiskampf permanent nach unten entwickelt und der Kunde ist dieser Preisspirale dankbar gefolgt.

Die Pandemie hat den gesundheitlichen und insbesondere auch den sozialen Wert des Fitnesstrainings wieder viel stärker in das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung gerückt, als dies vor der Pandemie der Fall war. Daher gehe ich davon aus, dass viele Kunden ihre Kaufentscheidung künftig nicht mehr nur nach dem billigsten Preis treffen werden, sondern auch nach der Qualität und Sicherheit, die sie für ihre Beitragszahlungen erhalten.


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In welchem Maß haben digitale Tools durch die Pandemie in Ihren Studios an Bedeutung gewonnen?

Das Angebot für digitale Kurse, Beratung und Trainingsangebote ist durch die Schließung der Fitnessanlagen enorm gewachsen, da es ja auch keine Alternative gab. Das wird sich natürlich wieder etwas regulieren, wenn die Pandemie durch die Impfung der Bevölkerung überwunden ist und die Fitnessanlagen wieder dauerhaft öffnen dürfen.

Es bleibt aber auch in Zukunft eine große Nachfrage nach digitalen Angeboten bestehen und diese wird angefeuert von der Trainingsvielfalt der wieder geöffneten Fitnessanlagen. Digitale Optionen werden sich in Zukunft optimal mit den Angeboten in den Fitnessanlagen ergänzen, weil diese soziale Kontakte und die persönliche Trainerbetreuung ermög-
lichen. Diese Konstellation wird dem gesamten Fitnessmarkt zu neuen Höchstständen verhelfen.

Vermutlich werden die Kursbereiche noch für längere Zeit besonderen Regeln zum Infektionsschutz unterliegen. Welche Lösungen haben Sie für Ihr Groupfitnessangebot entwickelt?

Wir haben in allen Kursräumen Quadrate auf den Boden geklebt, die dem Kunden seinen eigenen sicheren Bewegungsbereich garantieren. Überfüllte Kursräume gehören der Vergangenheit an. Dieses Gefühl der Sicherheit hat auch nach dem ersten Lockdown, dessen Lockerung ja mit begrenzten Zutrittszahlen einherging, in unseren Anlagen dazu geführt, dass die Kurse wider Erwarten sehr gut besucht waren. Außerdem haben wir in allen Kursräumen Luftfilteranlagen installiert, die Aerosole aus der Luft rausfiltern und mittels Plasmatechnologie Viren und Bakterien abtöten. Das hilft uns auch in Zukunft, bei Grippewellen unsere Gäste vor Infektionen zu schützen. Zusätzlich wurden in allen Trainingsräumen verstärkt Desinfektionsmittelspender mit Hygienepapierspendern aufgestellt, sodass der Kunde überall seinem Bedürfnis nach Hygiene und Schutz gerecht werden konnte.

Erwarten Sie in diesem Zusammenhang einen größeren Stellenwert für Outdoorangebote?

Outdoorfitnessangebote werden weiterhin einen wachsenden Anteil an der gesamten Branche haben und das Indoorangebot sinnvoll ergänzen. Ein überproportionales Wachstum erwarte ich hier nicht.

Welchen Einfluss haben die Auswirkungen der Pandemie auf Ihr Trainingsangebot und Ihre Positionierung?

Gesundheit und Qualität haben plötzlich einen höheren Stellenwert. Es wird mehr Kunden geben, die bereit sind, für eine saubere und hygienische Fitnessanlage etwas mehr zu bezahlen, da sich das Hygieneverhalten der Bürger über viele Monate hinweg durch die Pandemie eingeschliffen hat.

Das von vielen Kunden neu entdeckte Grundbedürfnis nach Qualität, Hygiene und Betreuung wird zu einer stärkeren Nachfrage in Qualitätsstudios führen, die aufgrund des höheren Personaleinsatzes diesem Bedürfnis stärker gerecht werden können, als dies bei Discountstudios der Fall ist. Daher werden wir in unseren Fitnessanlagen auch nach der Pandemie weiterhin auf hohe Qualität der Trainingsbetreuung, der Hygienestandards sowie der Sauberkeit der Anlagen setzen.

Haben Sie für den Restart neue Konzepte entwickelt oder Ihr Angebot erweitert, um neue Zielgruppen anzusprechen? Welche Maßnahmen haben dabei für Sie Priorität?

Natürlich haben auch wir unsere digitalen Angebote weiter ausgebaut und verknüpfen unser Fitnessangebot in den Anlagen mit Online-Kursen und -Beratungen. Zielgruppenspezifische Lösungen können so viel besser im Markt positioniert werden, als das bisher über Marketingaktionen im Printbereich, Aushänge in den Anlagen und E-Mail-Newsletter möglich war. Diesen Service nach der Pandemie weiter auszubauen, hat für uns eine hohe Priorität.

Mit welchen Vertragslaufzeiten haben Sie Ihre Mitgliedsverträge bisher gestaltet? Hat sich dieses System während der Lockdowns bewährt oder werden aufgrund veränderter Erwartungen der Fitnesskunden Anpassungen nötig?

Natürlich werden auch wir unsere Mitgliedsverträge an das neue „Gesetz für faire Verbraucherverträge“ anpassen. Hier hat unser Verband, der DSSV, aber einen sehr guten Job gemacht, indem er darauf gedrungen hat, dass Laufzeiten bis zu 24 Monate bestehen bleiben können. Nach dem ursprünglichen Gesetzesentwurf sollte ja die Laufzeit auf zwölf Monate begrenzt werden. Die Kunden möchten am liebsten gar keine Vertragsbindung, das verstehe ich sogar. Allerdings können wir dann für unsere Fitnessanlagen keine finanzielle Planungssicherheit erreichen. Unsere Branche braucht langfristige Mitgliedschaften, um zukunftsfähig zu sein. Wir tätigen ja selbst regelmäßig hohe Investitionen in neue Fitnessgeräte, Renovierungsarbeiten etc. und müssen dafür langfristige Leasingverträge, Bankdarlehen und Mietverträge abschließen.

Der Preiskampf um immer billigere Mitgliedschaften mit immer kürzeren Laufzeiten muss von uns endlich beendet werden! Dies liegt im Interesse aller Fitnessanlagen in Deutschland und auf längere Sicht auch im Interesse der Kunden, die ein gewisses Maß an Qualität und Sicherheit von uns erwarten.

Unser Gesprächspartner

David Zimmermann, Jahrgang 1964, ist Inhaber der DAVID Fitness & Health e. K. Nach dem Abitur war er bis 1995 Berufsoffizier der Bundeswehr und schloss sein Studium an der Universität der Bundeswehr in München als Diplom-Berufs- und Wirtschaftspädagoge ab. Nach Beendigung des aktiven Dienstes absolvierte er eine Ausbildung zum „Lehrer für Fitness, Gesundheit und Sportrehabilitation“ an der BSA-Akademie sowie eine Ausbildung zum Betriebsleiter für Fitnessanlagen mit Prüfung durch die IHK Saarland und Abschluss als „Fitnessfachwirt IHK“.

Seit 1997 betreibt er in Wiesbaden ein Fitnessstudio, das er 2005 zu einer Multifunktionsanlage auf 3.000 Quadratmeter erweiterte. 2019 eröffnete David Zimmermann seinen zweiten Standort in Wiesbaden mit dem Schwerpunkt „Funktionales Training“, die Fitness HALLE 46. Eine weitere Anlage befindet sich in Planung.

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Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi 02/2021

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