Events, Management | Autor: Prof. Dr. Karsten Schumann |

Recruiting im Fokus – Erkenntnisse aus dem Profifußball

Mentalität schlägt Qualität – so lautet eine simple Weisheit aus dem Spitzensport. Doch auch andere Top-Performer zeichnen sich durch Hingabe und ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft aus. Ohne qualifizierte und vor allem leistungsbereite Mitarbeiter werden gerade Unternehmen in der Fitness- und Gesundheitsbranche nicht langfristig erfolgreich bleiben.

Mit 'Touch' und 'Tec' Top-Performer erkennen

Doch wie kann es Führungskräften gelingen, solche Mitarbeiter gezielt zu identifizieren und für das eigene Team bzw. das Unternehmen zu gewinnen und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung? Hier lohnt sich ein Blick über den Tellerrand der eigenen Branche hinaus.

Für Auswahlprozesse von neuen Mitarbeitern sind die Möglichkeiten der Digitalisierung nützlich, aber man sollte sich immer auch auf die eigene Wahrnehmung und Intuition verlassen. Für ein umfassenderes Gesamtbild müssen ernsthafte Kandidaten im Recruiting zwingend in ihrer praktischen Tätigkeit unter die Lupe genommen werden – das gilt für den Profifußball wie auch für die Fitness- und Gesundheitsbranche.

Alles eine Frage der richtigen Mentalität?

Die Qualität der Einzelspieler bildet die Basis für die Leistungsfähigkeit des gesamten Teams, ist aber noch lange kein Erfolgsgarant – das gilt für eine Teamsportart wie Fußball, aber auch für die Zusammenstellung eines Mitarbeiterteams im Unternehmen.

Fachliches Know-how ist branchenübergreifend die Grundlage für Leistung. Aber es bedarf auch einer gewissen Mentalität und inneren Einstellung, unbedingt siegen bzw. beruflich vorankommen zu wollen.

Langfristig setzen sich immer die Kandidaten mit einer Kombination aus hohem fachlichen Können und starker Mentalität durch. Der Mentalitätsfaktor und die Soft Skills scheinen hier in der Praxis oftmals ausschlaggebende Attribute zu sein, die schlussendlich über Passung und Erfolg entscheiden.

Deshalb sollte man sich bei der Suche nach dem geeigneten Kandidaten nicht nur auf die „harten Fakten“, sondern auch auf das eigene Gespür verlassen und diesen auf Herz und Nieren – ähnlich einem „Medizincheck“ und dem „Probetraining“ in der Praxis – prüfen. Vorab sollte man sich hier folgende grundlegende Fragen stellen:

 

 

Welche technischen und mentalen Skills braucht das Team?

Passt der Kandidat zum Team und kann er es optimal ergänzen?

Ist er ein Teamplayer mit entsprechender Persönlichkeit und hoher Leistungsbereitschaft?

Zeichnet sich der Kandidat nicht nur durch eine hohe Fachkompetenz, sondern auch durch eine hochprofessionelle Einstellung z.B. im direkten Kundenkontakt auf der Trainingsfläche und im Umgang mit den Mitarbeitern aus?

'War for Talents' auf und neben dem Rasen

Die heutigen Scouts im Profifußball achten bei den jungen Talenten insbesondere genau auf die oben genannten Attribute, denn Talente im Fußball gibt es viele. Das ist in einem Wachstumsmarkt wie der Fitness- und Gesundheitsbranche keinesfalls anders.

Der 'War for Talents' ist auch hier in vollem Gange und ähnlich wie die Spitzenvereine der Fußballbundesliga, buhlen auch die Unternehmen und Recruiting-Spezialisten um die qualifiziertesten und besten Nachwuchstalente.

Wodurch zeichnen sich besonders geeignete Spieler/Mitarbeiter aus?

Mit meiner langjährigen Erfahrung sowohl im Spitzenfußball als auch im Bankensektor möchte ich hier ganz besonders einen Aspekt in das Blickfeld aller Entscheidungsträger und Personalverantwortlichen rücken: Top-Performer zeichnen sich neben ihrer Fachkompetenz insbesondere durch ihre Hingabe (einer Leidenschaft in besonders intensiver Ausprägung) aus, die man in drei Kategorien zusammenfassen kann:

1. Intensive Zuwendung, Überzeugung und Berufung

 

2. Herzblut, Engagement und Optimismus

 

3. Freude, Flow-Erlebnisse und Selbstverwirklichung

Wie erfolgt die Sichtung von geeigneten Talenten im Profifußball konkret?

Neben den vorgenannten grundlegenden Eigenschaften kommt dem Sichtungstraining im Profifußball eine besondere Rolle zu. Dabei müssen die Spieler die komplexe Verbindung aus 'Können' und 'Wollen' in der Praxis punktgenau abrufen können.

Hier kommt der Faktor 'Tec' bzw. die Digitalisierung ins Spiel, denn insbesondere im Fußball lässt sich heute praktisch alles messen.

Welche Rolle spielt der 'Tec'-Faktor bei der Selektion geeigneter Talente?

Die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs und die damit einhergehende Vermarktung der Spielübertragungsrechte haben dazu geführt, dass den Scouts heute Livebilder zu fast allen wichtigen Spielen retrospektiv zur Verfügung stehen. Dazu kommen die vielseitigen Möglichkeiten und Informationen aus den digitalen Datenbanken.

Hier können die Talentsucher auf moderne, wissenschaftlich fundierte Analysetools und Leistungsdaten zu jedem einzelnen potenziellen Spieler zurückgreifen, die vor einer Verpflichtung intensiv gesichtet und ausgewertet werden. Zweikampf- und Passquoten, Tore, diverse physische Leistungsparameter und die Verletzungshistorie gehen zum Beispiel, ähnlich einem Arbeitszeugnis bzw. Leistungsnachweis, in die Vorauswahl der besten Kandidaten ein.

Inzwischen gibt es auch Modelle zur Bewertung der persönlichen Mentalität, Willensstärke und Emotionalität, die in der Praxis angewandt werden und im Scouting Berücksichtigung finden.

Aber reicht das? Können auf dieser Grundlage die richtigen Entscheidungen getroffen werden?

Das Motto 'Miss es oder vergiss es' ist aber längst nicht mehr nur eine Prämisse im Profisport, sondern hat auch im beruflichen Recruiting Einzug gehalten. Sicher stehen den Recruiting-Spezialisten in der beruflichen Praxis deutlich weniger Analysetools und Daten zu den potenziellen Bewerbern zur Verfügung als im Profisport, aber genau deshalb ist es umso wichtiger, die Bewerber im Rahmen eines Assessments oder eines eigenen kleinen Projekts auf Passung, Eignung, Qualifikation und Teamfähigkeit zu prüfen.

Performance on the Job – „Drum prüfe, wer sich …“

Neben den konstitutionellen und konditionellen Voraussetzungen, bei denen motorische Fähigkeiten wie z. B. Schnelligkeit sowie die Athletik immer bedeutsamer werden, spielen auch die fußballtechnischen und -taktischen Fertigkeiten sowie die Kooperationsfähigkeit für einen erfolgreichen Teamplayer im Fußball eine wichtige Rolle.

Diese komplexen Eigenschaften werden in Leistungstests, Real-Life-Situationen und Face-to-Face-Gesprächen, ähnlich einem beruflichen Assessment-Center, gezielt geprüft und mit dem ersten Eindruck aus der Datenanalyse abgeglichen. Neben den beschriebenen Voraussetzungen werden zusätzlich mentale, kognitive und kooperative Kompetenzen live vor Ort beobachtet und analysiert.

Betrachtet man dieses Vorgehen nun einmal branchenübergreifend, fällt auf, dass hier viele Parallelen im Kampf um junge Talente bestehen. Schlussendlich will doch jeder „nur“ die besten Kandidaten für das eigene Team gewinnen. Deshalb sollte man als Personalverantwortlicher, egal ob im Profifußball oder in der Fitness- und Gesundheitsbranche, bei der Talentauswahl neben dem 'Tec'-Faktor auch immer auf die eigene Intuition und seine Augen vertrauen.

Fazit und Tipps für die Praxis

Meiner Meinung nach wird das Gesamtbild eines potenziellen Spielers wie auch eines Mitarbeiters erst durch den persönlichen Kontakt, die Beobachtung vor Ort in seinem direkten Tätigkeitsfeld und im Umgang mit Kollegen vollständig. Im Profifußball wird die Entwicklung eines Nachwuchstalents über einen längeren Zeitraum intensiv verfolgt, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Bei talentierten Mitarbeitern im eigenen Unternehmen (unabhängig von der Branche) mag das grundlegend auch in der freien Wirtschaft möglich sein, aber in der beruflichen Praxis agieren Personalverantwortliche hier doch deutlich selektiver. Der Aufwand, den die Spitzenclubs und Talentschmieden im Profisport betreiben, kann von Unternehmen der Fitness- und Gesundheitsbranche bei der Besetzung vakanter Stellen nur bedingt geleistet werden. Umso wichtiger ist es, die entsprechenden Bewerber neben den fachlichen Qualifikationen auch auf ihre „Hingabe“ und die mentalen Fähigkeiten zu testen.

Mein Vorschlag:
Lassen Sie Ihre Kandidaten am besten drei Tage im Unternehmen aktiv mitarbeiten und übertragen Sie ihnen konkrete Aufgaben, die alleine und im Team zu lösen sind. Diese dürfen durchaus komplexer Natur und zeitlich eng getaktet sein. In der gemeinsamen Arbeit wird es somit fast unmöglich, über eine längere Zeit nicht authentisch zu sein oder eine Rolle zu spielen. Im direkten Kundenkontakt, in den Gesprächen mit Mitarbeitern und in Präsentationen kann man sehr viel beobachten und entsprechende Rückschlüsse ableiten.

In dieser Zeit gilt es folgende Fragen zu klären, zum Beispiel:

  • 'Brennt' der Bewerber für seine Sache?
  • Agiert er beim Probearbeiten proaktiv?
  • Legt er die richtige Hands-on-Mentalität an den Tag?
  • Wie agiert er unter Zeitdruck und in komplexen Aufgabenfeldern?
  • Kann er priorisieren und wie integriert er sich während dieser Zeit ins Team?

All das und viele weitere Faktoren können innerhalb eines Probearbeitens (idealerweise über mehrere Tage) beobachtet und analysiert werden. Sicher ist auch das, ähnlich wie das Probetraining im Fußball, nur eine Momentaufnahme, aber nur so kann die Einstellungsentscheidung auch von einem direkten Eindruck in der Berufspraxis getragen werden und erfolgt nicht nur aufgrund von Unterlagen und Bewerbungsgesprächen.

Für die Marke 'brennen'

Wie im Profifußball gilt: 'Geld allein schießt keine Tore' und das beste Gehalt nützt nichts, wenn Ihre Mitarbeiter nicht für Ihre Sache, Ihr Unternehmen und die Marke 'brennen'. Für die Sport-, Fitness- und Gesundheitsbranche 'brennen' viele junge talentierte Mitarbeiter – schließlich können viele hier ihr Hobby zum Beruf machen und sich selbst verwirklichen. Deshalb sollten Sie bei der Auswahl Ihrer Mitarbeiter wie ein Scout im Detail auf all diese Aspekte achten, den Bewerbern intensiv 'auf den Zahn fühlen' und deren 'Hingabe und Feuer' überprüfen.

Zur Person

Sportwissenschaftler Prof. Dr. Karsten Schumann war von 2006 bis 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sportdirektors des Deutschen Fußball- Bundes und in die Entwicklung des deutschen Nachwuchsfußballs integriert. Von 2012 bis 2016 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Vorstand Sport bei der FC Bayern München AG zur Unterstützung in den Bereichen Lizenzspielerabteilung, Scouting und Junior Team. Seit 2017 ist er Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement.

Literaturliste

Fliegen, I. (2018). Crashkurs Recruiting: Personalbeschaffung und -auswahl. Freiburg: Haufe.

Löw, M.-O. (2014). Behavioral Scouting: Überprüfung der Testgütekriterien eines (Talent-)Beobachtungsinstruments zur Erfassung des Verhaltens sowie volitionaler Komponenten im Fussball und Eishockey. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

Reng, R. (2015). Mroskos Talente. Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts. München: Piper.

Ullah, R. & Witt, M. (2018). Praxishandbuch Recruiting. Grundlagenwissen – Prozess-Know-how – Social Recruiting, (2., aktualisierte und überarbeitete Auflage). Stuttgart: Schäffer-Poeschel.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 05/2019

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fMi Ausgabe 05/2019

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