Digital, Fitness | Autor: Anna Weinmann |

Digitalisierung im Bereich Gruppentraining

Digitalisierung allerorten, auch in der Fitness- und Gesundheitsbranche. Neben dem klassischen Gruppentraining mit realen Trainern haben sich Cyber-Kurse etabliert. Über Vor- und Nachteile.

Die Digitalisierung nimmt in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung zu. Auch in der Fitness- und Gesundheitsbranche beeinflusst die fortschreitende Technisierung zunehmend das Marktangebot. Neben dem klassischen Gruppentraining mit realen Trainern haben sich auch Cyber-Kurse etabliert. Aber welche Vor- und Nachteile haben Cyber-Kurse in der Praxis?

Live-Kurse – der Ursprung des Gruppentrainings
Das klassische fitnessorientierte Gruppentraining entwickelte sich bereits 1976 mit der Veröffentlichung des Buches „Aerobics“ von Dr. Kenneth H. Cooper. Amerikanische und später auch europäische Trainer wendeten seine Erkenntnisse zum aeroben Ausdauertraining auf ihre Gymnastikprogramme an und gaben dem neuen Trend seinen Namen. Der Begriff „Aerobic“ war erfunden und revolutionierte die Fitnessbranche. Mitte der 80er Jahre schwappte die Fitnesswelle aus den USA auch nach Deutschland über. Die US-amerikanische Schauspielerin Jane Fonda veröffentlichte ihr erstes Aerobic-Video im April 1982 und löste damit den weltweiten Durchbruch aus. Das klassische Gruppentraining hat sich bis heute durchgesetzt. Jeweils über 80 Prozent der Einzel- und Kettenanlagen setzen auf Gruppentraining als Teil ihres Angebots (DSSV, Eckdaten der deutschen Fitness-Wirtschaft 2017, S. 35).

Cyber-Kurse – Digitalisierung auch im Gruppentraining
Im Zuge der Digitalisierung findet man neben den klassischen Live-Kursen immer häufiger Cyber-Kursangebote. Cyber-Kurse, auch virtuelle Kurse genannt, sind Filmproduktionen verschiedener Kursprofile, die in der Regel auf einer Leinwand oder einem Bildschirm im Kursraum ausgestrahlt werden. Die virtuellen Kursprofile sind vielfältig und abwechslungsreich gestaltet: von Kursklassikern wie Bauch-Beine-Po (BBP) und Pilates bis zu energiegeladenen Dance-Kursen – es ist für jeden etwas dabei. Durch die aufwendig initiierten Bildwelten am Strand oder mit Blick auf die Skyline von New York sollen vor allem positive Emotionen in den Kursteilnehmern hervorgerufen werden, welche den Trainingserfolg zusätzlich unterstützen können.

Das Angebot an Cyber-Kursen bietet dem Studiobetreiber sowohl Vor- als auch Nachteile. Eine Auflistung der wichtigsten Aspekte soll einen Überblick verschaffen.

Vorteile von Cyber-Kursen
• Kursangebot und Kursplanung
Die Unternehmen, die Cyber-Kurs-Installationen anbieten, offerieren dem Studiobetreiber ein facettenreiches Portfolio an Cyber-Kursen, zum Teil differenziert in die Leistungsstufen Einsteiger, Mittelstufe und Fortgeschrittene. Ein einzelner Live-Kurstrainer könnte ein so breites Spektrum an Kursprofilen nur schwer oder gar nicht abdecken. Dazu wäre nur ein Team aus realen Kurstrainern in der Lage. Obwohl die meisten Studios auch für Cyber-Kurse Kurszeiten festgelegt haben, können die Kursprofile im Vergleich zu Live-Kursen flexibler verändert werden. Zudem können Kursausfälle bei Cyber-Kursen besser bzw. ganz vermieden werden.

• Kurszeiten
Die zeitliche Flexibilität beim Training spielt eine immer größere Rolle für die Kunden. Möglichst rund um die Uhr eine Kursstunde anzubieten, ist für die meisten Studiobesitzer jedoch eine organisatorische und wirtschaftliche Herausforderung. In diesem Zusammenhang bieten sich virtuelle Kursprofile an, da diese zu jeder Zeit abgespielt werden können.

• Personalkosten
Das Anbieten von Cyber-Kursen erfolgt über den Erwerb einer Produktlizenz. Im Gegensatz zu Live-Kursen, fallen keine weiteren Personalkosten sowie Fortbildungsmaßnahmen für die Trainer mehr an. Zudem werben viele Cyber-Kursanbieter mit einer prominenten Trainerauswahl, welche unter realen Bedingungen unbezahlbar wäre.

Nachteile von Cyber-Kursen
• Anschaffungs- und Produktkosten
Der Erwerb der Produktlizenz kann sehr kostspielig sein und nach Hersteller und Umfang des Produktportfolios variieren. In der Regel wird eine einmalige Lizenzgebühr von ca. 200 bis zu 6.500 Euro fällig. Vor allem das virtuelle Indoor-Cycling ist in der Anschaffung deutlich teurer, da unter Umständen die entsprechenden Indoor-Räder bestellt werden müssen. Vor der Anschaffung der Cyber-Kurse sollte überprüft werden, ob die finanziellen, materiellen und räumlichen Ressourcen für die Installation in der Fitnessanlage gegeben sind. Wichtig sind ein Kursraum, eine stabile Internetverbindung, ein passendes Ausgabegerät wie TV oder Projektor sowie ein Audiosystem.

• Sicherheits- und Gesundheitshinweise
Der richtige Umgang mit dem Trainingsequipment sollte in jeder Kursstunde demonstriert werden, um Verletzungen zu vermeiden. Innerhalb der Live-Kurse kann der Kurstrainer diesen Umgang nicht nur kommunizieren, sondern auch aktiv dafür sorgen, dass jeder Teilnehmer die Sicherheitshinweise beachtet. Ähnlich verhält es sich mit möglichen Gesundheitshinweisen wie der regelmäßigen Flüssigkeitszufuhr im Training oder dem Abbruch des Trainings bei Schwindel und Unwohlsein. Auch hier kann der reale Trainer individuell und situativ reagieren. Im Rahmen der Cyber-Kurse werden solche Gesundheitshinweise über die Online-Plattform mitgeteilt. Die entsprechende Geräteeinstellung wird vor der Cyber-Kursstunde mithilfe von Bildern vermittelt. Die Verantwortung, diese Hinweise zu berücksichtigen und umzusetzen, liegt jedoch allein beim Kursteilnehmer.

• Kundenbetreuung und -bindung
Ein möglicher Nachteil der Cyber-Kurse liegt in der fehlenden persönlichen Betreuung. Ein realer Kurstrainer steht für Fragen der Teilnehmer vor, während sowie nach dem Kurs zur Verfügung. Die persönliche, fachliche Beratung gibt dem Teilnehmer das Gefühl optimal aufgehoben zu sein. Der Trainer korrigiert die Bewegungsausführung der Teilnehmer und passt die Übungsauswahl situativ an. Auch neue Teilnehmer kann ein realer Kurstrainer schnell integrieren.

Zudem wird angenommen, dass sich die Teilnahme im Gruppentrainingsbereich positiv auf die Kundenbindung in der Fitnessanlage auswirkt. Im Gegensatz zu Cyber-Trainern, kann der Live-Trainer die Kursteilnehmer auf empathische Weise motivieren und damit für weitere Kursstunden begeistern. Seine freundliche und fröhliche Art kann sich auf die Kursteilnehmer übertragen und für eine angenehme Kursatmosphäre sorgen. Durch die Interaktion entsteht i. d. R. eine engere Bindung zum Live-Trainer.

Der Nutzen von Cyber-Kursangeboten in der Praxis
Die Digitalisierung des Kursbereichs bietet dem Studiobetreiber, wie bereits aufgeführt, einige Vor- und Nachteile. Ein Nutzen für den Studiobetreiber liegt vor allem darin, dass auch außerhalb der Zeiten von Live-Kursen ein Gruppentraining wahrgenommen werden kann. Damit können personelle Ressourcen geschont werden. Zudem stellt die innovative Erweiterung des Angebots um Cyber-Kurse eine Möglichkeit dar, sich von Mitbewerbern abzuheben und dies als Marketingargument gewinnbringend einzusetzen.

Fazit
Bevor ein virtueller Kursbereich im Studio eingeführt wird, sollte jeder Studiobetreiber abwägen, ob das Cyber-Kurskonzept in die Unternehmensstruktur, zur Philosophie und zur Zielgruppe passt. Die dargelegten Aspekte können bei der Entscheidungsfindung helfen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass Cyber-Kurse sicher eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Live-Gruppentraining darstellen können. Jedoch scheint momentan noch der reale Trainer durch die Digitalisierung, insbesondere hinsichtlich der Punkte Atmosphäre und Kundenbetreuung, nicht ersetzt werden zu können.

www.dhfpg-bsa.de

Anna Weinmann
Die Sportwissenschaftlerin Anna Weinmann arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement sowie der BSA-Akademie im Fachbereich Trainings- und Bewegungswissenschaft. Praktische Erfahrungen im Bereich Gruppen- sowie Individualtraining sammelte sie in Fitness- und Gesundheitseinrichtungen. Sie ist zudem ausgebildete Pilates-Trainerin.

Literatur
DSSV. (2017). Eckdaten 2017 der deutschen Fitness-Wirtschaft. Hamburg: DSSV. Deloitte. Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 02/2018

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fMi Ausgabe 02/2018

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