Alisa Miller: „Gruppentraining ist ganz klar mein Herzblut“

Group-Fitness-Expertin Alisa Miller spricht über die Bedeutung von Kursdesign, Raumgestaltung, individueller Betreuung und Trainerkompetenz.
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Splitbild: Auf der linken Seite das Bild zweier Frauen, die Boxbewegungen ausführen. Rechts das Porträtfoto einer Frau mit braunem Dutt und hellem Blazer vor einer Glasfassade.
Als Expertin für Group Fitness inspiriert Alisa Miller mit Leidenschaft und Know-how
Group-Fitness-Expertin Alisa Miller spricht über die Bedeutung von Kursdesign, Raumgestaltung, individueller Betreuung und Trainerkompetenz. Gruppentraining schafft Community, Motivation und emotionale Bindung – entscheidend für nachhaltigen Erfolg und Kundenbindung im Studio.

fM: Kursraum oder Fläche: Was ist für dich der entscheidende Unterschied zwischen Group Fitness und anderen Angeboten wie Personal Training?

Alisa Miller: Motivatorisch kann ich auch jemanden im Personal Training pushen, aber mit 20 bis 30 Menschen nebeneinanderstehen und gemeinsam eine Session durchheizen ist etwas anderes. Daher ist Gruppentraining ganz klar mein Herzblut und mein Steckenpferd. Diese gemeinschaftliche Motivation, die Atmosphäre und das gemeinsame Durchziehen ist das, was viele Menschen immer noch brauchen und gezielt suchen.

Zeitgleich ist es aber auch das Gefühl von dabei sein, ohne direkt gesehen zu werden. Wenn ich selbst als Trainierende einen Kurs besuche, freue ich mich manchmal darüber, einfach nur mitschwimmen zu dürfen.

Der Kursraum ist euer Wohnzimmer. Wie wird dieser zur perfekten Bühne für die Arbeit von Instruktoren?

Gruppentraining profitiert davon, wenn es Räumlichkeiten gibt, die wirklich perfekt zugeschnitten sind. Die klassischen 60 bis 80 Quadratmeter für kleine Kurse bzw. 100 bis 150 Quadratmeter für größere Gruppen in größeren Studios bilden da ein gutes Maß.

Zu den notwendigen Basics gehören schöne Spiegel und ein Schwingboden. Auch die Ausrichtung dieser Räume spielt eine entscheidende Rolle: Wenn wir als Instruktoren auf der kurzen Front stehen, haben wir einen sehr langen Raum vor uns. Die Teilnehmer stapeln sich so sehr, dass mich hinten eigentlich keiner mehr sehen und bei schlechter Akustik auch kaum noch hören kann.

Eine gute Raumakustik ist zudem entscheidend. Wenn das Mikro von der Lautstärke nicht ausreicht, stark rauscht oder es Rückkopplungen mit der Anlage gibt, ist das für Instruktoren und Teilnehmer gleichermaßen unangenehm und auch nicht professionell. Aus Akustiksicht sind auch schallgedämpfte Fenster wichtig. So haben Anwohner kein Problem mit Lärmbelästigung und auch innerhalb des Studios ist die Geräuschkulisse geringer.

Zudem sind gute Lüftungsanlagen in den Sommermonaten sehr hilfreich. Denn schlechte Lüftungsanlagen in Kombination mit Schweißgeruch sind nicht nur für olfaktorisch sensible Kunden unangenehm. Gleiches gilt auch für die Temperatur, die durch eine Klimaanlage geregelt werden sollte.

Ganz viel wird auch durch die Atmosphäre des Raums erzeugt. Mir ist es immer wichtig, dass die Räumlichkeiten hell sind bzw. dass es eine schöne Beleuchtung gibt. Dabei muss hell nicht steril heißen. Die richtigen Konzepte leben von einem dunklen Raumgefühl mit der richtigen, auch farbigen Beleuchtung, die eine Art Clubatmosphäre schafft.

Wie müssen Trainerteams aufgestellt sein, um mit den besonderen Gegebenheiten im Kurs bestmöglich umzugehen?

Wenn ich Gruppentraining unterrichten möchte, ist eine Gruppentrainer-B-Lizenz das 'bare minimum'. Es gibt aber viele weitere Skills, die wichtig sind. Für mich waren Ausbildungen im Bereich Functional Fitness sehr hilfreich. Auch Einblicke, die ich aus dem Athletiktraining und von renommierten Physiotherapeuten erhalten habe, haben mir Vorteile gebracht. Gerade wenn Teilnehmende vor der Stunde über Schmerzen und Verletzungen klagen, kann ich so besser reagieren. Wie ich mit solchen Situationen umgehe, erfahre ich nicht in einer B-Lizenz, dafür muss und sollte ich mich permanent weiterbilden.

Insbesondere das Thema Schwangerschaft ist hier herauszustellen. Viele wollen gerade zur Anfangszeit nicht auf ihren festen Kurs verzichten, kommen aber nicht mit allen Übungen klar. Wenn ich hier gezielt geschult bin und Übungsvariationen anbieten kann, ist mein Mitglied glücklich und das spricht sich herum.

Genauso verhält es sich mit Krankheitsbildern oder gezielter Prävention. Je spezialisierter ich ausgebildet bin, desto größer ist meine Range. Gerade auf den Communitygedanken zahlt das stark ein, wenn beispielsweise ältere Personen weiter an ihrem Kurs – der oft einen festen Punkt in der Wochenplanung ausmacht – festhalten können.

Einige kommen im Kurs – wie natürlich auch in anderen Bereichen – an Punkte, an denen sie Übungen nicht mehr folgen können. Aufgrund der Gruppengröße ist eine individuelle Anleitung aber oft gar nicht so einfach. Ich kann im Gruppentraining technisch nicht so fein arbeiten und justieren, wie es im Personal Training möglich ist – das muss ich im Blick behalten.

Über die Interviewpartnerin

Alisa Miller

Seit vielen Jahren hat sich die Fitnesstrainerin dem Gruppentraining verschrieben. Neben ihrem Studium zum Bachelor of Arts Fitnesstraining an der DHfPG absolvierte Alisa Miller diverse Hochschulweiterbildungen wie Sport- und Bewegungstherapie, spezifische Lizenzausbildungen aus dem Gruppentraining und eine Yoga-Ausbildung in Indien. Praktische Erfahrungen konnte sie durch ihre Tätigkeit als Group-Fitness-Koordinatorin bei Fitness First in München sammeln. Neben ihrer Tätigkeit als Personal Trainerin ist sie zusätzlich für die DHfPG und BSA-Akademie als Dozentin, Autorin und Speakerin aktiv.

Foto: DHfPG/BSA

Wie gelingt die optimale Belastungssteuerung in Kursen, an denen unterschiedliche Leistungsniveaus partizipieren?

Häufig werden Übungsvarianten von schwer nach leicht demonstriert. Wenn die Teilnehmenden die schwere Variation nicht schaffen, ist das sehr demotivierend und es wirkt – hart formuliert – degradierend. Daher sollte es immer von leicht zu schwer erklärt und demonstriert werden. Mit Formulierungen wie „Wer sich dabei immer noch langweilt, kann es mal so versuchen“ pushe ich, mehr als das einfachste Level zu schaffen. Wenn ich verschiedene Leistungsniveaus abgrenzen will, sollten Performancekurse auch gesondert benannt werden.

Auch Instruktoren, die manchmal mehrere Stunden hintereinander geben, können nicht permanent volle Power geben. Und wenn auch wir mal nur die mittlere Stufe wählen, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern eher von Nahbarkeit. Auch beim Einsatz von Kleinequipment herrscht eine große Vielfältigkeit.

Wie gelingt ein breites Angebot, auch wenn die Lagerkapazitäten endlich sind? Das wohl wichtigste Equipment für den Kursraum sind Matten. Aber hier ist Matte nicht gleich Matte. Je nach Angebotsspektrum sollten sich Studios überlegen, in zwei verschiedene Sorten zu investieren. Dünnere Varianten eigen sich super für Yoga. Gerade bei Übungen wie dem herabschauenden Hund ziehen sich dickere Matten wie eine Raupe auseinander, was keinen guten Stand schafft. Solch dickere Matten bieten jedoch bei Trainingsformaten, bei denen ich auf dem Rücken liege und Polsterung möchte, Vorteile. Grundsätzlich sollte aber immer auf hohe Qualität geachtet werden. Gerade bei Steppbrettern muss ein sicherer Stand gewährleistet werden.

Tubes und Co. lassen sich meistens mit wenig Raum verstauen. Anders sieht das mit Gymnastikbällen aus. Da diese nicht für jede neue Stunde vorbereitet werden können, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit, für einen Kurs mit 20 Personen Bälle zur Verfügung zu stellen. Unter Umständen reichen weniger Bälle, die dann im Teilnehmerfeld zirkulieren. Ich muss aber auch nicht jedes Equipment nur für das Gruppentraining anschaffen. Für speziellere Angebote kann auch auf die Trainingsfläche ausgewichen werden. Dort stehen größere Hanteln, Medizinbälle, Schlitten und Co. zur Verfügung und können genutzt werden. Hierfür bieten sich dann Zirkelkonzepte an, die in Kleingruppen auch einen Communitycharakter haben.

Wie lassen sich Gruppenangebote gestalten, um Abwechslung zu bieten und die Motivation hochzuhalten?

In erster Linie gelingt es über angepasste Choreos und neue Musik. Lizenzprogramme bieten hier eine Fülle verschiedener Lektionen, die ich in unterschiedlicher Art einbauen kann.

Wenn man sich die Definition von Group Fitness anschaut, ist es die Anleitung durch einen ausgebildeten Gruppentrainer, der zur Musik, d. h. auf gleiche Geschwindigkeit, arbeitet und dies mit einer Gruppe Menschen macht. Dabei ist nicht zwangsläufig davon die Rede, dass alle Teilnehmenden die identische Übung machen. Wenn der Raum und die Anzahl der Personen es hergeben, kann auch der Aufbau als Zirkel eine Möglichkeit sein.

Je mehr unterschiedliche Übungen ich anbiete, desto mehr muss ich auch erklären. Das muss zeitlich in der Vorbereitung Berücksichtigung finden. So kann jede Übung am Anfang detailliert erklärt und vorgeführt werden. Ich kann mich aber nicht darauf verlassen, dass alle dies gleichermaßen verstanden haben. Ich bitte daher die Teilnehmenden, als erstes die Station auszuwählen, mit der sie sich am sichersten fühlen. Wenn ich die Stationen dann im Uhrzeigersinn abarbeiten lasse, gebe ich rechtzeitig vor Ende das Kommando, die nächste Übung noch einmal kurz zu beobachten, damit sich die Trainierenden ins Gedächtnis rufen, was als nächstes kommt.

Im Sommer boomen Outdoorkurse. Wo liegt hier das besondere Augenmerk?

Gerade Bootcamps lassen sich outdoor gut anbieten. Hierbei muss darauf geachtet werden, dass Training im Freien nicht immer die gleichen Gegebenheiten bietet. Arbeite ich mit Equipment, muss dieses zum Standort kommen, was aufgrund der Größe oder Menge ein logistischer Aufwand sein kann. Das Thema Lautstärke darf nicht unterschätzt werden, da keine angepasste Akustik gegeben ist. Auch der Untergrund kann seine Tücken haben: Ich weiß nie genau, was mich outdoor erwartet. Steine, Stöcke oder andere Unebenheiten stellen eine Verletzungsgefahr dar.

Gruppenangebote stehen für Community, Atmosphäre und Motivation. Was sorgt für diesen besonderen Spirit?

Gruppentraining lebt – mehr als Fitness generell – davon, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen. Davon profitiert die Motivation ungemein. Wenn ich nach rechts und links schaue, machen alle die gleichen Übungen.

Wenn ich heute Studios besuche, in denen ich früher als Group-Fitness-Koordinatorin tätig war, sehe ich auch Jahre später noch dieselben Gesichter in den Kursen. Genau diese Beispiele zeigen, wie sehr die Themen Kurse und Community zusammenspielen und welche riesigen Potenziale im Hinblick auf Kundenbindung darin stecken. Genau diese ansteckende Verbundenheit macht es für Neue viel einfacher, anzukommen. Man wird herzlich aufgenommen und es wird direkt nachgefragt, wenn jemand mal eine Session ausgesetzt hat. Daraus entwickeln sich schöne Geschichten, die es in dieser Intensität auf der klassischen Trainingsfläche eher selten gibt.

„Gruppentraining ist nur was für Frauen“: Wie viel Wahrheit steckt in diesem Vorurteil?

Wir Frauen ticken oft sehr gemeinschaftlich und freuen uns über ein Training in einer Community. Männer sind gerne Challenger. Da geht es auch um den Vergleich von Übungen, Gewichten oder Wiederholungszahlen. Kurse, die diesen Charakter von 'höher, schneller, weiter' haben, werden auch von Männern oft besucht. Inzwischen gibt es davon viele Konzepte. Wichtig ist aber: Geschlechterpräferenzen sagen nichts über das Anstrengungslevel des Kurses aus! Nur weil ein Kurs viele tänzerische Elemente vereint, ist er dadurch auf keinen Fall easy – oft ist da eher das Gegenteil der Fall.

Bei all diesen Vorurteilen spielt das Marketing eine massive Rolle. Bei Yoga schaffen wir es gerade, Klischees der Vergangenheit mit Antimarketing auszumerzen. Dabei geht es um Bildsprache und Wording. Auch beschriebene Trainingsmotive beeinflussen. Wenn wir Kurse wie Pilates als ein Angebot für Rückbildung nach der Schwangerschaft anpreisen, dürfen wir uns nicht wundern, keine Männer damit anzusprechen.

Was sind aus Instruktorsicht die entscheidenden Faktoren für den Erfolg von Group-Fitness-Angeboten?

In erster Linie braucht es Trainerpersonal, das wirklich langjährig dabeibleibt. Nur so ist gewährleistet, dass sich diese großartige und sich teilweise verselbstständigende Community aufbauen kann. Die Trainerinnen und Trainer, die eingesetzt werden, müssen Gruppentraining in erster Linie lieben. Dabei sollte sich jeder im besten Fall das Kursprofil aussuchen dürfen, das am besten zu ihm oder ihr passt. So merken die Teilnehmer, dass der Mensch da vorne glaubhaft ist, Energie hat und mit vollem Herzen dabei ist.

Hintergrund zum Thema

Lies außerdem unseren Artikel 'Expertentalk Group Fitness' als Einstieg zum Interview.

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