fM: Dein Unfall hat dein Leben radikal verändert. Wie hast du dich als Mensch verändert? Was hat dir die Kraft gegeben, Schritt für Schritt wieder Perspektive zu entwickeln?
Boris Grundl: Anfang Dezember 1989 bin ich in Mexiko von einer Klippe gesprungen, seitdem bin ich zu 90 Prozent gelähmt. Tetraplegie. Das klingt nach dem Ende. Aber es war der Anfang von allem, was heute zählt.
Was mir die Kraft gegeben hat? Nicht Motivation. Nicht positive Gedanken. Sondern eine einzige Verschiebung: Ich habe aufgehört, auf die 90 Prozent zu starren, die nicht mehr funktionieren, und angefangen, alles aus den zehn Prozent zu machen, die mir geblieben sind.
Das ist keine Technik. Das ist ein Kampf. Jeden Tag. Aber genau darin liegt die Kraft: Wer lernt, seinen Fokus konsequent auf den eigenen Einflussbereich zu richten, wird handlungsfähig. Wer beim Verlorenen bleibt, wird zum Opfer. Diese Unterscheidung – Einflussbereich versus Interessenbereich – hat mein Leben gerettet. Und sie rettet heute Führungskräfte vor Stillstand.
Verantwortung ist eines deiner Kernthemen. Wann hast du verstanden, dass Verantwortung der Schlüssel für Veränderung ist? Welche Denkfehler halten Menschen davon ab?
Im Rollstuhl hatte ich zwei Möglichkeiten: Verantwortung abgeben oder übernehmen. Wer abgibt, wird abhängig. Von Pflegern, vom Staat, von Mitleid. Ich habe mich für die zweite Option entschieden. Nicht weil ich ein Held bin, sondern weil die erste Option bedeutet hätte, innerlich zu sterben.
Der größte Denkfehler: Menschen verwechseln Verantwortung mit Schuld. Sie denken, Verantwortung übernehmen heißt, an allem schuld zu sein. Das Gegenteil ist richtig: Verantwortung heißt gestalten statt anklagen. Der zweite Denkfehler: alles oder nichts. Entweder volle Verantwortung oder keine. Beides ist falsch. Es geht darum, ehrlich zu unterscheiden: Was davon kann ich beeinflussen und was nicht? Nie alle Verantwortung, nie keine Verantwortung – das ist die reife Haltung.
Verantwortungsbewusstsein, mentale Haltung und Leadership sind erlernbar. Was braucht es, damit Führungskräfte ihr Potenzial wirklich entfalten und andere wirksam führen können?
Man muss den Unterschied zwischen Kennen und Können begreifen. Die meisten Menschen kennen Verantwortung, können sie aber nicht. Sie haben ein Bücherregal voller Wissen und ein leeres Ergebniskonto. Deshalb arbeiten wir mit drei Häusern: „Leading Simple“ liefert das Führungssystem – klar, messbar, umsetzbar. „Kraft der Sprache“ schärft die Wahrnehmung, weil Sprache Denken formt und Handlungsimpulse auslöst. Und „Steh auf!“ entwickelt die mentale Widerstandskraft, die es braucht, um dranzubleiben, wenn es unbequem wird. Denn genau dann hören die meisten auf.
Was es wirklich braucht? Einen systematischen Transferprozess. Kein Wochenendseminar, nach dem am Montag alles vergessen ist. Sondern konsequentes Üben, ehrliches Feedback, sichtbare Ergebnisse. Führung ist wie ein Muskel: Du musst ihn trainieren, nicht nur besichtigen.
Was bedeutet echte Führung – zuerst sich selbst, dann anderen gegenüber?
Selbstführung ist kein Wellnessprogramm. Sie bedeutet: Erkenne deine Ausreden und transformiere sie. Jeder von uns hat „Opfer-Sätze“: „Ich kann nicht, weil …“ oder „Wenn die anderen nicht …“ Echte Selbstführung beginnt, wenn du diese Sätze
in „Schöpfer-Sätze“ verwandelst. Aus „Ich kann nicht“ wird „Was kann ich mit dem, was ich habe?“.
Erst wenn du dir selbst nichts mehr vormachst, kannst du andere führen. Denn Menschen spüren sofort, ob jemand sich selbst im Griff hat. Wer seine eigenen Ergebnisse nicht ehrlich bewertet, wird auch die seiner Mitarbeitenden nicht ehrlich bewerten. Selbstführung ist das Fundament. Alles andere ist Fassade.
Über den Interviewpartner

Boris Grundl
Boris Grundl zählt zu den renommiertesten Leadershipexperten im deutschsprachigen Raum. Nach einem Unfall 1989 ist er zu 90 Prozent gelähmt. Heute inspiriert er als Unternehmer, Bestsellerautor und Speaker Menschen und Unternehmen mit seinen Impulsen zu Verantwortung, mentaler Stärke und wirksamer Führung. Mit seinem Grundl Leadership Institut begleitet er Führungskräfte und Organisationen in Veränderungsprozessen.
Was unterscheidet starke von schwachen Führungspersönlichkeiten?
Starke Führungskräfte sind ergebnisorientiert. Sie fragen: Was ist dabei herausgekommen? Schwache sind beziehungsorientiert. Sie fragen: Wie fühlen sich alle dabei?
Das klingt hart, ist aber entscheidend. Beziehungsorientierung erzeugt Abhängigkeit – von Anerkennung, von Status, von Harmonie. Ergebnisorientierung erzeugt Selbstfunktionalität. Starke Führungspersönlichkeiten machen sich überflüssig, weil sie Menschen entwickeln. Schwache halten Menschen klein, weil sie gebraucht werden wollen.
Der starke Leader kultiviert Stärke in anderen. Der schwache kultiviert Schwäche und nennt es Fürsorge. Ein konkretes Zeichen: Wenn du als Führungskraft drei Wochen im Urlaub bist und alles läuft, hast du gut geführt. Wenn alles zusammenbricht, hast du Menschen an dich gebunden statt sie entwickelt.
Viele Führungskräfte erleben Unsicherheit, Überforderung und ständigen Wandel. Warum ist „Leading Simple“ heute wichtiger denn je?
Weil Komplexität zunimmt und die mentale Belastbarkeit vieler abnimmt. Genau deshalb brauchen Unternehmen ein System, das einfach, klar und wiederholbar ist. „Leading Simple“ ist kein Trendkonzept; es basiert auf Erkenntnissen aus über 329 Firmenkulturen, die wir in den letzten Jahrzehnten tiefer analysiert haben.
Fünf Aufgaben, fünf Prinzipien, fünf Hilfsmittel – mehr braucht es nicht. Aber jedes einzelne Element muss vom Kennen ins Können gebracht werden. Die meisten Führungssysteme scheitern nicht an der Theorie, sondern am Transfer. „Leading Simple“ ist so gebaut, dass es im Alltag funktioniert, nicht nur im Seminarraum.
Wie weckt man bei Mitarbeitenden Lust auf Verantwortung und wie begleitet man die Lust auf Verantwortung, statt nur zu delegieren?
Indem du aufhörst, sie zu kontrollieren. Kontrolle erzeugt Widerstand, nicht Verantwortung. Wer dauerhaft kontrolliert wird, hört auf zu denken.
Stattdessen: Delegiere Ergebnisse, nicht Aufgaben. Sage nicht „Tu dies und das“, sondern frage: „Welches Ergebnis willst du erzielen – und wie?“ Damit verschiebst du Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Und dann halte aus, dass Fehler passieren. Denn Fehler sind der Preis der Entwicklung. Die Kunst ist: Verantwortung übertragen, ohne loszulassen. Begleiten, ohne zu übernehmen. Das verlangt Mut, viel Mut, weil du akzeptieren musst, dass jemand es anders macht als du und trotzdem ein gutes Ergebnis liefert.
Führung in der Fitness- und Gesundheitsbranche unterscheidet sich stark von Führung in klassischen Produktionsbetrieben: Das „Produkt“ entsteht oft im direkten Moment der Interaktion mit dem Kunden – etwa im Gespräch zwischen Trainer und Mitglied. Welche besonderen Anforderungen stellt das aus deiner Sicht an Führung, Kommunikation und Unternehmenskultur?
In dieser Branche arbeiten Menschen, die andere Menschen verändern wollen. Das ist großartig und gleichzeitig die größte Falle. Denn viele definieren sich darüber, gebraucht zu werden. Sie fühlen sich gut, wenn der Kunde sie braucht. Aber echte Führung heißt: Menschen zur Eigenverantwortung befähigen, nicht an sich binden. Die besondere Anforderung? Trainern und Studiobetreibern beizubringen, dass ihr Erfolg nicht daran gemessen wird, wie abhängig die Kunden von ihnen sind, sondern wie selbstständig. Das ist eine fundamentale Umkehrung. Und sie betrifft nicht nur das Training, sondern die gesamte Unternehmenskultur. Wer in der Fitnessbranche echte Führung will, muss bei sich selbst anfangen, nicht beim Trainingsplan.
Trainerinnen und Trainer begleiten Menschen bei echten Verhaltens- und Gewohnheitsveränderungen. Inwiefern kann Führungs-Know-how auch darauf angewendet werden? Welche Rolle spielen mentale Haltung, Verantwortung und Selbstführung in solchen langfristigen Veränderungsprozessen?
Ein Trainer, der nur Übungen anleitet, ist austauschbar. Ein Trainer, der Haltung vermittelt, ist unbezahlbar. Verhaltensänderung beginnt nicht beim Verhalten, sondern beim Bewusstsein dahinter. Warum will jemand fitter werden? Aus Angst oder aus Stärke? Weg von Schmerz oder hin zu einem Ziel?
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wer nur aus Angst handelt, hört auf, sobald die Angst nachlässt. Wer ein Ziel hat, bleibt dran. Gute Trainer helfen ihren Kunden, Verantwortung für ihre Ergebnisse zu übernehmen, nicht nur für ihre Anwesenheit. Und dafür müssen sie selbst eine klare mentale Haltung haben. Du kannst in anderen nur das wecken, was in dir selbst lebendig ist.
Hör auf zu fragen, was die Welt dir schuldet, und fang an zu fragen, was du mit dem, was du hast, machen kannst. Das ist der ganze Unterschied zwischen Opfer und Gestalter. Zwischen Stillstand und Wachstum. Zwischen Kennen und Können. Ich mache das jeden Tag – mit zehn Prozent meines Körpers. Was machst du mit deinen 100?
Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Aufstiegskongresses nach deinem Vortrag nur eine einzige Erkenntnis oder Haltung mitnehmen sollen, welche wäre das?
Hör auf zu fragen, was die Welt dir schuldet, und fang an zu fragen, was du mit dem, was du hast, machen kannst. Das ist der ganze Unterschied zwischen Opfer und Gestalter. Zwischen Stillstand und Wachstum. Zwischen Kennen und Können. Ich mache das jeden Tag – mit zehn Prozent meines Körpers. Was machst du mit deinen 100?
Impulse für Führung und Zukunft
Verantwortung übernehmen, Menschen entwickeln und Führung wirksam gestalten – auf dem Aufstiegskongress vertieft der renommierte Leadershipexperte Boris Grundl diese Themen in seiner Keynote „Leading simple – mit Lust auf Verantwortung sich selbst und andere erfolgreich führen“. Im Mittelpunkt steht ein leicht verständliches und direkt anwendbares Führungssystem, das sich seit Jahren in der Praxis bewährt. Mit Klarheit und Präzision zeigt Boris Grundl, wie Führungskräfte Menschen fördern, Verantwortung stärken und nachhaltige Ergebnisse erzielen können.
Der Aufstiegskongress findet am 9. und 10. Oktober 2026 im m:con Congress Center Rosengarten in Mannheim statt und zählt zu den wichtigsten Branchenevents für Fitness, Gesundheit und Prävention. Freuen Sie sich auf zwei Tage voller Inspiration, aktueller Trends, praxisnaher Strategien und wertvoller Networking-Möglichkeiten.
Tickets für den Aufstiegskongress gibt es noch bis zum 10. August 2026 zum Early-Bird-Preis von 49,– EUR. Einfach nebenstehenden QR-Code scannen und Ticket sichern.
Weitere Programmhighlights und Informationen gibt es hier.





