Digitale Diagnostik in der Therapie

Spielerei oder effizientes Werkzeug? Digitale Diagnostik unterstützt Therapie und Training, wenn valide Messdaten und qualifiziertes Personal vorhanden sind.
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Oben links steht der rote und schwarze Schriftzug „FACHARTIKEL“ auf weißem Hintergrund. Links darunter befindet sich ein rundes Porträt eines Mannes mit der Beschriftung „Johannes Hell“. Im Vordergrund sitzt eine ältere Frau mit Wasserflasche auf einer Matte, rechts kniet eine Trainerin mit Tablet neben ihr. Unten links steht das weiße Logo „fM“, unten rechts der Text „Fotos: liderina – stock.adobe.com | DHfPG/BSA“ auf dunklem Hintergrund.
Digitale Diagnostik steht im Fachartikel als Bindeglied zwischen Therapiebewertung, Trainingssteuerung und verständlicher Rückmeldung im Fokus
Digitale Diagnostiktools bieten im therapeutischen Setting vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Ob zur Eingangsuntersuchung, während der Intervention oder als Evaluationsinstrument. Dabei stellt sich die Frage, wie für Patienten, Therapeuten und Einrichtungen der größtmögliche Nutzen entsteht.

Digitale Diagnostik ist in der Therapie längst etabliert. Richtig eingesetzt, wird sie zum praktischen Werkzeug, das es Trainern und Therapeuten ermöglicht, an der Schnittstelle zwischen Rehabilitation und Training präzisere Entscheidungen zu treffen und die Kommunikation im Team und mit den Kunden effizienter zu gestalten.

Bei der Auswahl des passenden Messinstruments ist es entscheidend, ob die gewonnenen Erkenntnisse handlungsrelevante Informationen zur Verfügung stellen, die im Therapieprozess auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden abgestimmt und zu Optimierungsprozessen genutzt werden können.

Welche digitalen Werkzeuge gibt es?

In Therapie- und Gesundheitseinrichtungen sind vor allem Messsysteme relevant, die die Funktionalität des Bewegungssystems und die Belastungsreaktion des Körpers auf bestimmte Trainingsreize nachvollziehbar machen.

Insbesondere nach Verletzungen (u. a. Bandverletzungen in Knie- und Sprunggelenk) oder bei Gelenkersätzen (z. B. Knie- oder Hüft-TEP) der unteren Extremität kann das Gangbild aufgrund von Immobilisationsfolgen und einer herabgesetzten Tiefensensibilität gestört sein.

Patientinnen und Patienten zeigen oftmals ein durch Schonverhalten provoziertes Hinken oder ein asymmetrisches Abrollverhalten, was aus reduzierten Bewegungsamplituden in den betroffenen Gelenken resultiert (Marino et al., 2024). Eine geeignete Maßnahme, um entsprechende Abweichungen im Gangverhalten aufzuzeichnen und zu visualisieren, sind inertiale Sensorsysteme (IMUs).

Diese kompakten Sensoren können an verschiedenen Stellen des Körpers angebracht werden (vgl. Abb. 1) und zeichnen unter der Verwendung von Beschleunigungssensoren und Gyroskopen (registrieren Drehbewegungen des Körpers) die Bewegungen des Kunden oder Patienten im Raum auf.

Anhand ausgewählter Algorithmen werden die erhobenen Daten in ein dreidimensionales Skelettmodell transferiert, worüber eine präzise Erfassung von Gelenkwinkeln und Bewegungsabläufen ermöglicht wird. Diese Informationen werden nach der Messung durch qualifiziertes Personal analysiert und dem Patienten oder der Patientin anschaulich präsentiert.

Anschließend können die Therapeutinnen und Therapeuten die relevanten Ergebnisse der Bewegungsanalyse in Therapie- und Trainingsempfehlungen überführen. Wurde beispielsweise eine reduzierte Kniegelenksstreckung in der terminalen Schwungphase vor dem initialen Bodenkontakt identifiziert, können gezielte Maßnahmen eingeleitet werden, die die Extension des Kniegelenks in der Dynamik verbessern. Ein gezieltes Krafttraining der kniegelenksstreckenden Muskulatur kann hierbei etwa eine Maßnahme darstellen.

Hierzu zählt insbesondere die Oberflächen-Elektromyographie (EMG). Das EMG ermöglicht in diesem Zusammenhang eine nicht invasive Erfassung der Muskelfunktion sowie der Koordination zwischen Zentralnervensystem und Bewegungsapparat.

Die dafür benötigten Elektroden werden auf der Haut platziert und mit entsprechenden Signalverstärkern verbunden. Das Signal der Muskelaktivität wird auf ein mobiles Endgerät übertragen, worüber dem Patienten die Aktivität des Zielmuskels anhand simpler Balkendiagramme visualisiert wird.

Ist es das Ziel, die Streckung des Kniegelenks aktiv zu trainieren, bietet es sich an, die entsprechenden Elektroden auf einem oder mehreren Muskelanteilen des M. quadriceps femoris zu positionieren. Anschließend kann mithilfe ausgewählter Übungen (z. B. Beinpresse) eine Aktivierung der Zielmuskulatur provoziert werden.

Je nachdem, wie hoch oder niedrig die Muskelaktivität ausfällt, kann die Therapeutin oder der Therapeut Modifikationen der Grundübung vornehmen oder Korrekturhinweise geben, wodurch die Effizienz der Trainingsintervention gesteigert werden kann.

Die Veränderung der Muskelaktivierung kann der Patient umgehend wahrnehmen und die Bewegungskorrektur im motorischen Gedächtnis abspeichern. Damit kann der motorische Lernprozess gefördert und die Rehabilitation der verletzten Strukturen beschleunigt werden (Shanb & Youssef, 2014).

Zeitliche Positionierung digitaler Diagnostik

Vor der Trainingsintervention dient die digitale Diagnostik primär der Eingangsuntersuchung. Dabei soll neben dem aktuellen Status quo das individuelle Risikoprofil erfasst werden, anhand dessen das therapeutische Fachpersonal eine kundenzentrierte Zieldefinition vornehmen kann.

An dieser Stelle profitieren Trainer und Therapeuten insbesondere von digitalen Werkzeugen, die schnell objektive Ausgangswerte liefern. Darüber hinaus sollten die Daten unmittelbar in einen individuellen Therapieplan überführt werden können.

Welches Tool zum Einsatz kommt, hängt stark von den individuellen Bedürfnissen und Ressourcen des Kunden ab. Während der Trainingsintervention geht es hauptsächlich um akute körperliche Reaktionen auf den gewählten Trainingsreiz.

Digitale Diagnostik kann die Kommunikation zwischen Therapeuten und Patienten erleichtern

Die zentralen Fragestellungen dabei sind, wie sich die Bewegungsausführung unter dem Einfluss bestimmter Störgrößen verändert, ob die gewünschte Zielmuskulatur zur Realisation der Bewegungsaufgabe angesteuert wird und ob das Ausmaß der körperlichen Reaktion auf den gewählten Trainingsreiz im gewünschten Ausmaß erfolgt.

Gerade an der Schnittstelle zwischen Therapie und Training ist es besonders wichtig, der Kundin oder dem Kunden Fortschritte visuell erlebbar zu machen, wodurch der motorische Lernprozess unterstützt werden kann (Petancevski, Inns, Fransen & Impellizzeri, 2022).

Nach der Trainingsintervention übernimmt die digitale Diagnostik schließlich die Rolle der Evaluation. Mithilfe entsprechender Wiederholungsmessungen kann der Therapieverlauf evaluiert und eine nachvollziehbare Begründung für Progression oder Modifikation des Trainings abgeleitet werden.

Mehrwert der digitalen Diagnostik

Für Patienten liegt der größte Hebel in der Visualisierung der ausgewählten Parameter. Funktionseinschränkungen werden sichtbar, Fortschritte im Trainingsprozess nachvollziehbar. Das kann die Motivation und Therapieadhärenz der Kunden langfristig steigern (Zhang et al., 2022).

Für Trainer und Therapeuten entsteht ein Mehrwert, wenn digitale Diagnostik den zeitlichen Aufwand für die händische Analyse der erhobenen Daten reduziert und die Entscheidungssicherheit im Therapieverlauf erhöht. Standardisierte Messprotokolle, automatisierte Berichte und gezielte Fortschrittskontrollen steigern den Therapieerfolg.

Für Einrichtungen wiederum können strukturierte digitale Workflows interne Prozesse beschleunigen, die Auslastung der Einrichtung planbarer und die Versorgungsqualität konsistenter machen.

Aufwand und Kosten der digitalen Diagnostik

Die Kostenfrage umfasst mehr als nur die Anschaffungspreise für Hard- und Software. Neben Geräten und Sensoren bedarf es einer regelmäßigen Wartung, Updates und IT-Aufwand. Räumlich sind manche Verfahren platzsparend (EMG, IMUs), andere benötigen teils definierte Testumgebungen (z. B. Gang-/Laufanalysen).

In personeller Hinsicht ist die medizinisch-technische Kompetenz entscheidend. Nicht das digitale Werkzeug selbst, sondern der Anwender entscheidet über Qualität und Verwertbarkeit der Ergebnisse.

Wer Messwerte nicht erklären, einordnen und in Therapieentscheidungen übersetzen kann, erzeugt Verunsicherung statt Klarheit. Demzufolge bedarf es qualifizierten Personals, das die digitalen Werkzeuge sinnvoll einsetzen und die Ergebnisse adäquat auswerten kann.

Fazit

Bevor Einrichtungen ein digitales Diagnostikwerkzeug nutzen, sollten sie klären, was sie mit der Anwendung des Tools erreichen möchten und inwiefern es den Kunden, der Einrichtung und dem Team einen Mehrwert bieten kann.

Anschließend kann geprüft werden, ob die Einrichtung die notwendigen räumlich-apparativen Voraussetzungen erfüllt und ob das Personal in der Lage ist, das entsprechende Tool zielführend einzusetzen. Sind spezielle Fort- und Weiterbildungen notwendig, muss dies ebenfalls berücksichtigt werden. Ein weiterer kritischer Aspekt ist der Wartungsaufwand. Ein isokinetisches Messsystem ist etwa deutlich wartungsintensiver und unhandlicher als ein Oberflächen-EMG.

Letztendlich geht es darum, der jeweiligen Zielgruppe den größtmöglichen Trainings- bzw. Therapieerfolg zu ermöglichen. Ob zu diesem Zweck digitale Werkzeuge notwendig sind oder ob bereits vorhandene analoge Lösungen zum Erfolg führen, muss im Einzelfall entschieden werden.

Eines ist jedoch klar: digitale Diagnostik ist weder Spielerei noch Selbstzweck. Sie wird zum effizienten Werkzeug, wenn sie valide Informationen liefert, die Ableitung individueller Trainings- und Therapieentscheidungen ermöglicht und die Kundenbindung durch transparente Rückmeldung langfristig steigert.

Auszug aus der Literaturliste

Manna, S. K., Hannan Bin Azhar, M. A. & Greace, A. (2023). Optimal locations and computational frameworks of FSR and IMU sensors for measuring gait abnormalities. Heliyon, 9 (4), e15210.

Marino, G., Capitani, F. de, Adamo, P., Bolzoni, L., Gatti, R. & Temporiti, F. (2024). Long-term gait analysis in patients after total knee arthroplasty: A systematic review and meta-analysis. Gait & Posture, 113, 75–98.

Zhang, Z.-Y., Tian, L., He, K., Xu, L., Wang, X.-Q., Huang, L. et al. (2022). Digital Rehabilitation Programs improve therapeutic exercise adherence for patients with musculoskeletal conditions: A systematic review with meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 52 (11), 726–739.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktiere uns bitte hier per Mail.

Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:

Hell, J. (2026). Digitale Diagnostik in der Therapie. medical fitness and healthcare, 1, 64–66.

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