Anika Dornberg im Expertentalk: „Über die Ernährung können wir viel mehr steuern“

Anika Dornberg erläutert, warum spezialisierte Ernährungsberatung für verschiedene Zielgruppen entscheidend ist und welches Potenzial Studios durch qualitätsgesicherte, individuelle Konzepte erschließen können.
Lesezeit: 7 Minuten
Geteiltes Bild, links: Outdoor-Trainingsfläche vor modernem Gebäude; ein sportlich gekleideter Mann steht neben einer Trainingsstation und hält einen Shaker in der Hand, rechts: Porträtaufnahme vor hellem Hintergrund; eine Frau mit schulterlangen blonden Haaren trägt ein dunkles Poloshirt und blickt in die Kamera.
Im Interview erläutert Anika Dornberg, welche Rolle Supplements und zielgruppenspezifische Konzepte in der Ernährungsberatung spielen
Ernährungsberatung muss laut Anika Dornberg stärker spezialisiert gedacht werden. Unterschiedliche Zielgruppen wie Schwangere, Senioren oder Kinder benötigen individuelle Konzepte. Ernährung bietet großes Potenzial, das in vielen Studios noch nicht ausgeschöpft wird.

fM: Nullachtfünfzehn vs. Spezialisierung: Warum ist der Bedarf an einem zugeschnittenen Ernährungsangebot so groß?

Anika Dornberg: Ernährungsberatung oder auch Fitnesstraining sind sehr individuell. Vorgefertigte Angebote sind besser als gar kein Angebot, stoßen aber an ihre Grenzen. Ein spezifisches Ziel, eine Erkrankung oder gewisse Lebensumstände sorgen dafür, dass nullachtfünfzehn irgendwann nicht mehr ausreicht.

Daher ist Spezialisierung so unglaublich wichtig. Unterschiedliche Bedürfnisse und auch das Wohlbefinden sind entscheidende Marker, auf die es einzugehen gilt.

Für welche Zielgruppen eignet sich das Angebot Ernährungsberatung insbesondere?

Die Auswahl potenzieller Kunden ist groß: ältere Personen, Schwangere, Stillende oder Erkrankte – und diese Liste lässt sich ewig weiterführen.

Nehmen wir das Beispiel Schwangerschaft und Stillzeit: Beides bedeutet eine große Hormonveränderung, durch die sich ganz unterschiedliche individuelle Problematiken, Veränderungen und Schwierigkeiten einstellen. Hier spielt das Wohlbefinden eine große Rolle, das sich von Tag zu Tag ändern kann – hier sollten alle Beteiligten im Studio immer wieder aktiv nachfragen. Es geht nach der Schwangerschaft eben nicht nur darum, den Body wieder fitter zu machen und sich wohler zu fühlen, sondern auch um die Laktation, die eine Besonderheit darstellt.

Auch Personen mit Erkrankungen brauchen individuelle Beratung – egal ob es chronische Erkrankungen, Erkrankungen im Bewegungsapparat oder ernährungsabhängige Erkrankungen sind. So müssen bei einem Stoma – also einem künstlichen Darmausgang – nicht nur hinsichtlich der Ernährung, sondern insbesondere beim Training die Spezifika beachtet werden.

Auch durch den Longevity-Trend rückt die Zielgruppe der älteren Personen stärker in den Fokus. Worauf ist bei den Ernährungsangeboten für diese Zielgruppe zu achten?

Hier steht die Kombi aus Training und Ernährung an oberster Stelle. Die Muskelkraft lässt nach, die Knochendichte sinkt und die Mobilität schwindet. Passend zum Trend Longevity zeigen viele Studien, dass auch bei einem Trainingsstart in höherem Alter positive Auswirkungen auf den Körper nachweisbar sind und Lebensqualität zurückgewonnen werden kann. Grundlage hierfür ist auch eine bedarfsgerechte Ernährung.

Mit jedem Jahrzehnt, das wir älter werden, verändert sich der Nährstoffbedarf. Bei älteren Personen finden Veränderungen im Kau- und Schluckapparat statt, das Hungergefühl wird geringer und der Magen verkleinert sich. Auf diese Aspekte muss in der Beratung Rücksicht genommen werden, denn gewisse Speisen wie beispielsweise Rohkost fallen aufgrund der Festigkeit der Nahrung aus dem Speiseplan. Es dürfen sich aber zeitgleich keine Nährstoffdefizite einstellen.

Viele Seniorenresidenzen arbeiten mit Physiotherapeuten zusammen, um individuell auf die einzelnen Personen eingehen zu können. Solche Kooperationen sind auch im Bereich Ernährung denkbar. Mit Gruppenkursen für Senioren kann auch die Gemeinschaft gefördert und dem Einsamkeitsgefühl im Alter entgegengewirkt werden.

Sportler, Senioren, Schwangere – für die Bedürfnisse der Erwachsenen bieten wir eine Fülle an Angeboten. Aber vergessen wir dabei nicht die Zukunft: Kinder und Jugendliche?

Wir sehen es in der Gesellschaft und insbesondere auch in den Schulen: Sehr viele Kinder sind übergewichtig. Auf Elternabenden werden Eltern darum gebeten, ihren Kindern ein gesundes Frühstück mitzugeben und auf Süßigkeiten und süße Getränke zu verzichten. Schaut man jedoch in die Brotdosen, ist genau das Alltag.

Die Schülerinnen und Schüler sitzen mit Chipstüten und Softdrinks auf dem Schulhof. Da wundert man sich nicht, das Übergewicht und Adipositas zunehmende Probleme sind, die auch von den Eltern mitgeprägt werden.

Über die Interviewpartnerin

Anika Dornberg

Bereits in ihrer Schulzeit entdeckte Anika Dornberg ihre Affinität für das Thema Ernährung, weshalb für sie nach dem Abitur ein Studium der Ökotrophologie der nächste logische Schritt war. Nach Wahlmodulen im Studium und Trainingslizenzen folgte die Spezialisierung auf das Thema Ernährung in Kombination mit Fitness.

Praktische Erfahrungen sammelte sie u. a. in einer Rehaklinik und am Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde (im Rahmen der Kieler Adipositas-Präventionsstudie, KOPS). Seit vielen Jahren ist Anika Dornberg als Dozentin, Speakerin und Autorin für die DHfPG und die BSA-Akademie tätig.

Foto: DHfPG/BSA

Bedarfsgerechte Ernährung im Kindesalter ist daher sehr wichtig. Hier kann unsere Branche unterstützen – beispielsweise mit Ferienprojekten. Auch Schnuppertage oder Ähnliches sind für Kinder und Eltern ein guter Einstieg. Wichtig ist, die Eltern abzuholen. Dabei helfen Aussagen wie „Ihr Kind sollte drei Portionen Gemüse am Tag essen“ nicht – denn was sind drei Portionen? Wir müssen mit greifbarer Praxis an die Sache herangehen und auch Ressourcen wie Zeit und Budget immer im Auge behalten. Die Praxisinhalte sind entscheidend:

In zwei Stunden kann man den Teilnehmenden gesunde Snackmöglichkeiten näherbringen, die dann anstelle der Schokolade in der Brotdose landen. Auch können schnelle, leckere und zeitgleich gesunde Mahlzeiten mit den Eltern thematisiert werden.

Auch Bewegung kann mit aufgenommen werden, denn nicht nur die bedarfsgerechte Ernährung ist bei vielen Kindern ein Defizit. Zusätzliche Bewegungsangebote abseits des Schulsportes können gut mit dem Ernährungsprogramm verbunden werden. Wichtig dabei ist, das Alter der Kids zu berücksichtigen – denn Essverhalten, Nährstoffbedarf und Übungsauswahl verändern sich.

Mit welcher Checkliste sollten die Angebote aufgebaut werden, um eine möglichst gleichbleibende Qualität zu sichern?

Bei Ernährungsberatungen geht es oft um sensible Themen – Erkrankungen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild oder besondere Umstände, die Empathie und Diskretion erfordern. Dafür sollte ein separater Raum bereitstehen. Dieser sollte auch so ausgestattet werden, dass der Gesundheitszustand und die Körperzusammensetzung professionell gemessen und dokumentiert werden können. Nur auf Grundlage dieser Basis kann eine erfolgreiche Beratung stattfinden.

Der erste und einer der wichtigsten Schritte in der Beratung ist dann die Anamnese. Diese sollte grundsätzlich bei allen die gleichen Inhalte abfragen, zeitgleich aber auch auf die individuellen Bedürfnisse eingehen, die sich durch die bestimmte Zielgruppe und die dazugehörigen Lebensumstände ergeben. Wenn ich im Vorhinein weiß, welche Besonderheiten die Person mitbringt, sollten gezielte Fragen gestellt werden. Das gilt jedoch für alle Angebote im Studio – egal ob Training, Ernährung oder andere Bereiche.

Besonderen Stellenwert haben Erkrankung und Allergien. Dazu zählen nicht nur die typischen Unverträglichkeiten wie Laktose, Histamin oder Fruktose, sondern auch Heuschnupfen. Kreuzreaktionen wie gegen Birkenpollen sorgen oft für Lebensmittelallergien, die Berücksichtigung finden müssen.

Ernährungsberatung ist kein geschützter Begriff. Wie gelingt ein Qualitätsnachweis, der auch für Kooperationen bspw. mit Krankenkassen nutzbar ist?

Generell ist die Weiterbildung wichtig. Ich selbst schaue regelmäßig, dass mein Wissen auf einem aktuellen Stand ist. Dabei geht es nicht nur darum, breit gefächerte Angebote liefern zu können – auch sehr spezifische Themen sind entscheidend. So kann man auch mit Trends besser umgehen, die gerade in aller Munde, aber wissenschaftlich nicht belegt sind.

Wer Ernährungsangebote anbietet, benötigt grundsätzlich die Basisqualifikationen einer entsprechenden B-Lizenz. Das gilt nicht nur für die Ernährungsfachkräfte, sondern für jeden Flächentrainer und die Thekenkräfte, da die Mitglieder bei Rückfragen nicht zwischen dem anwesenden Personal unterscheiden und bei jedem Anliegen von allen Teammitgliedern Fachwissen  und eine kompetente Antwort voraussetzen. Für spezielle Zielgruppen oder Ernährungsformen bieten sich als aufbauende Qualifikationen Zusatzausbildungen an, beispielsweise für das Thema Veganismus.

Für alles, was in den Bereich der Kooperationen mit Krankenkassen oder anderen Anbietern geht, reichen diese Lizenzen nicht mehr aus. Hier muss zwischen Prävention und Therapie unterschieden werden: Personen, die freiwillig ins Studio kommen und eine Ernährungsberatung auf Selbstzahlerbasis nachfragen, sind unabhängig von den Krankenkassen und können Beratung und Coaching in Anspruch nehmen, bei denen eine B-Lizenz die Ausbildungsbasis bildet.

EineTherapie liegt dann vor, wenn die Personen erkrankt sind. Dann stellen die Krankenkassen Anforderungen an die Betriebe und die durchführenden Personen. Hier sind Ausbildungen wie die des Diätassistenten oder ein Hochschulabschluss im Bereich der Ernährungswissenschaft oder Ernährungsberatung notwendig. Diese müssen dann auch zertifiziert sein.

Training und Ernährung sind eine feste Kombi. Warum aber ist das Potenzial von Ernährungsberatung trotzdem noch so unausgeschöpft?

Über das Training können wir einiges erreichen, aber wir können über die Ernährung viel mehr steuern. Nehmen wir die Gewichtsreduktion als Beispiel: Das Einsparen von 500 Kalorien am Tag lässt sich über die Ernährung einfacher steuern als sich anderthalb Stunden auf dem Crosstrainer und im Krafttraining zu bewegen und so entsprechende Kalorien zu verbrennen.

Durch die gezielte Veränderung der Nahrung nutzen wir andere Stellschrauben. Dieses Potenzial von Ernährung wird jedoch noch nicht an allen Stellen erkannt. Training spielt in den Studios die Hauptrolle, Ernährung eher eine untergeordnete.

Lies außerdem unseren Artikel Personalisierte Ernährung als Einstieg zum Interview.

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Auch hinter Supplements steckt ein großes Potenzial. Dennoch wird vonseiten der Mitglieder eher die Frage gestellt, was zusätzlich gekauft werden kann – anstatt das Verhalten anzupassen und Nahrungsergänzungsmittel als hilfreiche Unterstützung zu nutzen. Ähnlich ist es auch in der Therapie: Es ist einfacher, zum Arzt zu gehen, ein Rezept ausgestellt zu bekommen und Medikamente einzunehmen. Mithilfe von Ernährung und Training erreichen wir jedoch eine Verhaltensveränderung, die viel mehr bewirkt, da wir an die Ursache gehen und nicht nur Symptombekämpfung betreiben.

Hierfür müssen wir jedoch Bewusstsein schaffen, denn der Mensch geht oft lieber den Weg des geringeren Widerstandes. Dafür braucht es Ernährungs- und Trainingsaufklärung. Und es braucht Zeit, bis das Gesagte umgesetzt werden kann.

Trotz positiver Effekte sind Supplements nicht selten ein Streitthema, obwohl bei vielen Mikronährstoffen eine Unterversorgung in der Bevölkerung vorliegt. Wie kann hier zielführend adressiert werden?

Auch hier stellt die Anamnese oder ein Befund des Arztes die Grundlage, um eine Unterversorgung sicher feststellen zu können. Darüber hinaus bilden verschiedene Lebensweisen einen Hinweis, der auf eine Unterversorgung schließen kann, ebenso wie bevorstehende Zukunftspläne. Bei allem spielt dann die Ausbildung des Teams die entscheidende Rolle, um Ängste zu nehmen und alle relevanten Infos verständlich an die Mitglieder weitergeben zu können.

Nehmen wir wieder die Schwangerschaft als Beispiel: Schon mit dem Kinderwunsch sollte mit der Folsäuresupplementierung begonnen werden. Dieses wasserlösliche Vitamin ist sehr hitze-, licht- und sauerstoffempfindlich, weshalb eine ausreichende Aufnahme über die Nahrung schwierig ist.

Daher werden Supplemente empfohlen. Oft wird vergessen, dass dieses Vitamin nicht nur von Kinderwunsch bis Stillzeit relevant ist; Folsäure ist für die Zellteilung und für die Zellvermehrung und damit für jeden Menschen – gerade für Sportler – unabdingbar. Wer die Muskulatur erhalten und aufbauen will, benötigt Folsäure. Daher ist eine Beratung hinsichtlich der grundsätzlichen Aufnahme solcher Stoffe und einer möglicherweise notwendigen Supplementierung zu empfehlen.

Oft kennen die Mitglieder schon die typischen Mikronährstoffe, die durch die Lebensweisen vieler nicht ausreichend aufgenommen werden: Vitamin D, Eisen, Vitamin B12 etc. Doch die wenigsten machen sich Sorgen über mögliche Mangelerscheinungen, die richtige Aufnahme durch die Nahrung – Stichwort Wasser- und Fettlöslichkeit – oder eben Supplementierung.

Als ausgebildeter Trainer oder ausgebildete Trainerin ist es daher eine unserer Aufgaben, aufzuklären und Empfehlungen zu geben. Hier kann auch die Zusammenarbeit mit Ärzten helfen, um eine an die Medikation oder Erkrankung angepasste Ernährungsberatung zu erreichen. So können die Kunden besser mitgenommen werden, erhalten eine individuelle Betreuung und erfahren zeitgleich ein verstärktes Vertrauen in das Team, das Studio und die Branche. 

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Für fitness MANAGEMENT berichtet

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