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Must-have in der Arbeitswelt 4.0

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) etabliert sich in immer mehr Unternehmen. Mit gutem Grund, denn ein gut strukturiertes und geplantes BGM spart Unternehmen Zeit und Geld.

Oliver Walle, BBGM, über Betriebliches Gesundsheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) etabliert sich in immer mehr Unternehmen zu einem festen Bestandteil. Mit gutem Grund, denn ein gut strukturiertes und geplantes BGM spart dem Unternehmen Zeit und Geld und kann sogar gewinnbringend sein: Zahlreiche Best-Practice-Beispiele und Studien belegen, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements anbieten, zum einen über motivierte und leistungsstärkere Mitarbeiter verfügen und zum anderen weniger Krankheitsausfälle bzw. Fehltage verzeichnen.

Der Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement e. V. (BBGM) als selbstständiger und unabhängiger Fachverband trägt durch seine Arbeit zur Weiterentwicklung und Professionalisierung des Fachgebietes bei, entwickelt Standards und setzt Leitplanken – alles mit dem Ziel der Gestaltung einer gesünderen Arbeitswelt.

Bei den letzten Vorstandswahlen ist unser Interviewpartner Oliver Walle als stellvertretender Vorstandsvorsitzender des BBGM im Amt bestätigt worden. Oliver Walle, selbst Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ist u. a. Fachautor, Mitglied im BGM-Expertenteam des DSSV sowie Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und der BSA-Akademie. Er verfügt über umfassende Praxiserfahrung, insbesondere bei der Umsetzung spezifischer betrieblicher Präventionsprogramme.

„Der Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement e. V. (BBGM) ist auf Wachstumsund Entwicklungskurs“. So lautete der erste Satz der Pressemitteilung zu den Vorstandswahlen 2017. Was bedeutet „Wachstumskurs“? Und: Wohin will sich der BBGM entwickeln?
Oliver Walle: Der BBGM hat bereits in den ersten Jahren nach seiner Gründung schnell Aufmerksamkeit in der Branche und auch seitens der Politik erhalten. Um nun weiter an Bedeutung zu gewinnen, müssen wir unter anderem auch weiterwachsen.Dies ist nicht nur für die Außendarstellung wichtig, sondern auch nach innen. Wir wollen uns neu aufstellen, um unseren Mitgliedern zusätzliche Leistungen anbieten zu können. Bereits heute haben unsere Mitglieder bei der jährlichen Fachtagung, dem BGM-Workshop auf der FIBO, in den Projektgruppen zu BGM-Themen und in den zahlreichen Regionalgruppen vielfältige Möglichkeitenzum fachlichen Austausch und zur Vernetzung. Einige Veranstaltungen sind den BBGM-Mitgliedern vorbehalten, andere hingegen sind offen. Mit Blick auf den BGM-Markt wollen wir weiter Qualitätsstandards entwickeln und uns mit unserem BGMG rundverständnis bei gesetzlichen Initiativen und politischen Entscheidungsprozessen einbringen.

„Wir wollen mit dem Verband den Megatrend Gesundheit als Schlüsselfaktor für die Zukunft von Unternehmen vorantreiben“. Mit diesen Worten gab der neue Vorstandsvorsitzende, Niels Gundermann, die Richtung vor. Wie soll das gelingen?
Oliver Walle: Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass BGM sich für Unternehmen von „nice-to-have“ zu einem „Must-have“ entwickelt hat. Waren die Entscheider in der Vergangenheit noch mäßig interessiert, wenn die Sprache auf die Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements kam, so wird dieses heute als vollwertiges Tool zur Förderung der Mitarbeitergesundheit, Steigerung der Produktivität bis hin zur Fachkräftegewinnung anerkannt. Damit BGM hierzu einen entsprechenden Beitrag leisten kann, spielt die Qualität der inhaltlichen Gestaltung und auch der Personen, die entweder im Unternehmen dafür verantwortlich sind oder als externe Dienstleister beraten und Maßnahmen durchführen, eine große Rolle.

Im Vorstand sind Sie Ansprechpartner für die Themenbereiche „Qualitätssicherung/Dienstleistungen“ sowie „Aus- und Weiterbildung“. Ist das Ziel einer Qualitätsverbesserung auch Ihre Aufgabe im Vorstand?
Oliver Walle: Letztlich arbeiten alle Vorstandsmitglieder an der Weiterentwicklung von Qualitäts-
standards – sei es durch Veröffentlichungen und Statements, durch die Präsenz und das Mitwirken bei Kongressen und Messen, bei denen wir oftmals auch die Schirmherrschaft übernehmen, und auch in der Entwicklung konkreter Standards, so zum Beispiel für die Aus- und Weiterbildung. Und genau in diesem Bereich bin ich insbesondere aktiv. Wir haben bereits in 2012 damit begonnen, Empfehlungen zur Aus- und Weiterbildung im BGM zu erarbeiten, haben diese mit Ausbildungsinstitutionen abgestimmt und anschließend veröffentlicht. Institutionen können sich seitdem durch den BBGM zertifizieren lassen und damit ihren Lehrgangsteilnehmern eine BBGM-Prüfung zur Fachkraft für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM) und in einer weiteren Stufe eine Prüfung zum Betrieblichen Gesundheitsmanager (BBGM) anbieten. Immer mehr Institute lassen sich zertifizieren und die Zahl der BBGM-geprüften Gesundheitsmanager steigt weiter an. Was uns besonders freut, ist die zunehmende Akzeptanz und Wertigkeit des Zertifikates „BBGM-qualitätsgeprüft“ bei Unternehmen – also eine Markenbildung. Aktuell arbeiten wir an der Entwicklung eines Siegels „Qualität in der Dienstleistung“. Ausschlaggebend hierfür war, dass wir als Verband immer wieder nach einer Empfehlung für gute Dienstleister gefragt werden. Da wir vonseiten des Verbandes aus jedoch eine neutrale Haltung einnehmen, soll dieses Siegel Dienstleistungen unterscheidbar machen und damit die Suche der Unternehmen nach geeigneten Partnern erleichtern.

Gesundheitsförderung in Betrieben erreicht oftmals nur die Gesunden, zu selten aber Risikopersonen, die hohen Belastungen ausgesetzt oder bereits von Gesundheitsbeeinträchtigungen betroffen sind. Der „5. BGM-Werkzeugkasten” des BBGM zeigt neue Lösungsansätze auf. Welche sind das?
Oliver Walle: Maßnahmen zur Gesundheitsförderung werden oftmals nur in der Gruppe, in sogenannten Präventionskursen, angeboten. Risikopersonen erreicht man damit eher nicht. Ein Grund hierfür könnte zum Beispiel die Angst sein, sich in der Gruppe zu blamieren. Diese Personen geben eher Schmerzen und Einschränkungen als Gründe für die Nichtteilnahme an. Mit dem „5. BGMWerkzeugkasten“ wollen wir aufzeigen, wie diese Mitarbeiter mittels Personal Training und Coaching erreicht und betreut werden können, und zwar als fokussiertes Angebot in einem BGM.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Personal Training und Coaching am Arbeitsplatz?
Oliver Walle: Hiermit sind personalisierte Angebote gemeint, bei denen der Mitarbeiter ein auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Programm erhält, d. h. Mobilisations-, Dehnungs- und Kräftigungsübungen, individuell festgelegt in Ausführung, Umfang und Intensität. Dieses Programm kann bereits am Arbeitsplatz eingesetzt und dann auch in der Freizeit fortgesetzt werden, sei es durch Outdoor-Training oder in Fitness- und Gesundheitsanlagen. Coaching-Angebote sind in der Regel ohnehin personenbezogen. Hier geht es um die Erarbeitung individueller Strategien, um das eigene Gesundheitsverhalten zu verbessern und auch in Stress- und Krisensituationen einen Weg zu finden, durch eigenes Tun oder unter Zuhilfenahme von Therapeuten oder entsprechenden Einrichtungen vorhandene Probleme zu lösen. Angebote in Personal Training und Coaching richten sich sowohl an Mitarbeiter als auch an Führungskräfte. Risikopersonen haben in der Regel auch höhere Krankenstände oder es besteht das Risiko eines länger andauernden Ausfalls, weshalb sich im Gegenzug die höheren Kosten für solche Maßnahmen durchaus lohnen.

Welche Chancen ergeben sich speziell für Fitness- und Gesundheitsanlagen sowie für Physiotherapiezentren, wenn dieses Potenzial erst einmal erkannt und gehoben wird?
Oliver Walle: Diese Anlagen bieten in der Regel beides: Individual- und Gruppentraining, Physiotherapien, insbesondere die Betreuung von Personen mit gesundheitlichen Beschwerden und Einschränkungen. Insofern sind gerade für diese Anbieter spannende Möglichkeiten in einem BGM vorhanden. Auch wenn BGM als übergeordnetes System verstanden wird und in der inhaltlichen Ausgestaltung sehr komplex sein kann, so müssen die einzelnen Maßnahmen jede für sich hochprofessionell sein. Dabei sind Anbieter gefragt, die ihr Fach verstehen, Erfahrungen darin vorweisen und mit Menschen umgehen können. Eine individuelle Betreuung von Mitarbeitern vor Ort am Arbeitsplatz kann nur als Impuls verstanden werden. Nachhaltiges Training muss in entsprechenden Räumen stattfinden, in denen es zum Beispiel auch Umkleidemöglichkeiten gibt. Genau hier können Fitness- und Gesundheitsanlagen sowie Physiotherapiezentren punkten.

Welche Qualifikations- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für Unternehmen in der Fitness- und Gesundheitsbranche, um sich in BGM aktiv zu engagieren?
Oliver Walle: Wie zuvor schon erwähnt, empfehlen wir vom BBGM die Ausbildung zum Betrieblichen Gesundheitsmanager in zwei Stufen: Die Basisstufe mit dem Abschlusstitel „Fachkraft für Betriebliches Gesundheitsmanagement“, in der das grundlegende Verständnis von BGM, das wesentliche Fachwissen und der Prozess für den Aufbau und die inhaltliche Gestaltung dieses Managementsystems vermittelt wird. Die zweite Stufe, die mit dem Abschluss „Betrieblicher Gesundheitsmanager“ endet, fokussiert sich auf die Anwendung des BGM. Hierbei geht es um die strategische, taktische und operative Planung, das Projektmanagement unter Einsatz entsprechender Methoden und um die Entwicklung von BGM-Prozessen.

BGM ist die strukturierte Durchführung von gesundheitsförder-lichen und -präventiven Maßnahmen zugunsten der Mitarbeitenden in einem Unternehmen. (Quelle: bbgm, Unser Verständnis)

 

In der vom DSSV durchgeführten Umfrage „Fitness-Trends 2018“ wurde deutlich, dass es neben den kurzfristigen Strömungen vor allem langfristige Entwicklungen sind, die die Branche auch in diesem Jahr prägen und damit zur weiteren Professionalisierung beitragen werden. Auf Platz 1 der Fitness-Trends 2018 sehen die Befragten das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). Sind Sie von diesem Trend überrascht, besonders von der Spitzenplatzierung?
Oliver Walle: Ja, etwas. Natürlich nimmt auch die Fitnessbranche den Trend in den Unternehmen und in der Gesellschaft wahr. Gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen und entsprechendes Führungsverhalten, Angebote zur Gesundheitsförderung und Möglichkeiten der Work-Life-Balance bzw. der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen im Unternehmen einfach dazugehören, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des vorherrschenden Fachkräftemangels und der Überalterung in der Gesellschaft und den Betrieben. Unternehmen müssen attraktiver werden, um Beschäftigte zu halten und neue zu gewinnen. Bislang tat sich die Fitnessbranche etwas schwer, tiefer in diesen BGM-Markt einzusteigen, obwohl hier Potenziale schlummern. Ich finde es klasse, dass BGM als Trend Nr. 1 gesehen wird und ermuntere die Anbieter, sich entsprechend zu qualifizieren und mehr in BGM anzubieten als beispielsweise „nur“ Rabattvereinbarungen.

Auf der Corporate Health Convention Ende April 2018 in Stuttgart unter dem Spotlight „Dynamisches BGM – Wettbewerbsvorteil Gesundheit“ referierten Sie zu dem spannenden Thema „BGM bewerten: Unmöglich?!“ Unsere Frage: Lässt sich BGM bewerten? Wenn ja, wie?
Oliver Walle: Es gibt Erkenntnisse dazu, was ein gutes und nachhaltiges Betriebliches Gesundheitsmanagement auszeichnet und welche Punkte auf jeden Fall dazugehören müssen. BGM kann mit einzelnen Kennzahlen bewertet werden; auch eine Systembewertung wird möglich.

Eine letzte Frage: Die 6. BGM-Fachtagung im Herbst 2017 stand unter dem Motto „Zukunft des BGM – ein Blick ins Jahr 2050“. Wohin entwickelt sich in Ihren Augen BGM?
Oliver Walle:Unter dem Dach des BGM tauchen immer mehr Inhalte auf. Waren es früher eher klassische Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention, so gehören heute schon zahlreiche Arbeitsschutz- und Personalmanagementthemen dazu. Die Arbeitswelt 4.0 wird die Gesellschaft und Betriebe vor neue Herausforderungen stellen. BGM, und davon bin ich fest überzeugt, wird hierbei ein unverzichtbares System sein, das Unternehmen helfen wird, diese Herausforderungen zu bewältigen.

Den vollständigen Artikel finden Sie in mfhc Ausgabe 01/2018

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mfhc Ausgabe 01/2018

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