Management, Markt | Autor: Thorsten Clemann & Ralf Capelan |

Der Generationenwechsel im Blickpunkt

Es muss nicht immer eine Neugründung sein. Ein bestehendes Unternehmen weiter zu führen, kann eine Alternative sein, die – richtig geplant – sowohl für den bisherigen Inhaber als auch für den Nachfolger interessante Chancen und Möglichkeiten bietet.

Der Weg in die Selbstständigkeit muss nicht immer in Form einer Neugründung erfolgen. Auch die Übernahme und Weiterführung eines bestehenden Unternehmens bietet sich als interessante Alternative für Existenzgründer an, die – richtig geplant – sowohl für den bisherigen Inhaber als auch für den Nachfolger eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten mit sich bringt.

In den kommenden Jahren wird eine Nachfolgewelle über den deutschen Mittelstand rollen. Bis zum Jahr 2022 planen nach Angaben des KfW-Mittelstandspanel (2018) über eine halbe Million der Inhaber von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), zu denen auch ein Großteil der Fitness- und Gesundheitsunternehmen in Deutschland zählt, eine Unternehmensnachfolge (siehe Abb. 1).

Status quo in Deutschland – Nachfolger gesucht!

Für viele Unternehmen wird dieser Generationenwechsel eine zunehmende Herausforderung. Die Zahl an nachrückenden Existenzgründern und qualifizierten Nachfolgeinteressierten ist zu gering, um den wachsenden Bedarf an Nachfolgern zu decken. Zudem beginnen viele Unternehmer zu spät mit der Nachfolgeplanung. Häufig sind es die mit dem Lebenswerk verbundenen Emotionen des Inhabers, die die Nachfolgeplanungen ausbremsen. Der Abschied vom eigenen Unternehmen fällt schwer, sodass das Thema „Nachfolge“ seitens der Inhaber gerne hinausgezögert wird.

Inhaber müssen frühzeitig mit der Nachfolgeplanung beginnen. Ausreichend Vorlauf und eine gute Vorbereitung sind allerdings entscheidende Erfolgsfaktoren für eine gelingende Übergabe. Wer „plötzlich“, beispielsweise aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen, unter Zeitdruck gerät, verliert, denn dann ist es zu spät, um einen „Wunschnachfolger“ zu suchen. Nur in den seltensten Fällen kann in dieser misslichen Lage ein Übernahmepreis erzielt werden, der den eigenen Vorstellungen entspricht. Hat der Unternehmer darüber hinaus den zu optimistisch kalkulierten Erlös zur Finanzierung seines Ruhestandes eingeplant, könnte dies fatale Folgen mit sich bringen. Da es bei der Übergabe eine Vielzahl an Optionen und Alternativen zu durchleuchten gibt, ist es wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen: Soll der gesamte Betrieb verkauft werden, oder ist eine Beteiligung des Nachfolgers, eine Verpachtung oder eine Verrentung angedacht? Kommt der Nachfolger aus der Familie, dem eigenen Unternehmen oder soll es ein externer Nachfolger werden? Gibt es eine gemeinsame Übergangsphase oder nicht?

Abbildung 1: Aktuelle Eckdaten & Status quo KMU in Deutschland. Anteile am gesamten Mittelstand in Prozent (leicht modifiziert nach KFW, 2018).

Egal für welche dieser Optionen sich der Inhaber entscheidet, das Unternehmen muss auf die Übergabe vorbereitet werden.

Die Übernahme muss für potenzielle Nachfolger attraktiv sein und ihnen die Möglichkeit bieten, auch in Zukunft ausreichend Einkommen zu erwirtschaften. Des Weiteren müssen rechtliche und steuerliche Fragestellungen seitens des Inhabers geklärt sowie die Altersversorgung durchkalkuliert werden. Zudem ist es sinnvoll, über die eigenen Tätigkeiten nach dem Ausstieg nachzudenken. Auch die Auswahl und Einarbeitung des Nachfolgers nimmt viel Zeit in Anspruch, sodass für Vorbereitung und Umsetzung drei bis fünf Jahre eingeplant werden sollten.

Für Gründer bringt eine Übernahme verglichen mit einer Neugründung einige Vorteile mit sich: Das Unternehmen ist bereits am Markt etabliert. Räumlichkeiten und Geräte sind vorhanden, die Abläufe organisiert und das Personal ist eingespielt. Häufig wird dem Nachfolger seitens des Inhabers zudem Unterstützung bei der Einarbeitung angeboten. Der größte Vorteil sind aber die Kunden, die nicht erst neu gewonnen werden müssen, sondern bereits vorhanden sind. Neugründer starten dagegen in allen Bereichen bei „null“. Der Aufbau eines neuen Unternehmens ist oft mit höherem Aufwand verbunden und das unternehmerische Risiko schwerer zu kalkulieren.

Auch für den Nachfolger gilt: Sorgfältige Vorbereitung ist alles!
Bei der Übernahme eines bestehenden Betriebs können viele Risiken bereits mit einer sorgfältigen Vorbereitung reduziert werden. Als potenzieller Nachfolger ist es wichtig, das Unternehmen mit all seinen Eigenheiten kennenzulernen und sich ein genaues Bild über den Istzustand des Unternehmens und seines Ertragspotenzials zu machen. Aufbauend auf dieser Analyse kann die zukünftige Entwicklung des Unternehmens geplant werden. Was soll beibehalten und was soll verändert werden? Soll es nach der Übernahme gleich eine Komplettveränderung geben, oder ist eher eine schrittweise Modernisierung angedacht?

Beim Einbringen der eigenen Vorstellungen muss der Nachfolger im Hinterkopf behalten, dass er in ein bestehendes System eingreift. Die Pläne sollten daher offen kommuniziert und Entscheidungen nicht voreilig über die Köpfe der Mitarbeiter und Kunden hinweg getroffen werden.

Die detaillierte Untersuchung, Prüfung und Bewertung eines Kaufgegenstandes als Grundlage von Investmententscheidungen wird als Due Diligence bezeichnet. Hierbei werden u. a. die folgenden Punkte genauer analysiert:
- Gründe der Unternehmensaufgabe des Unternehmers
- Unternehmensimage
- Standort
- Zustand der Betriebsstätten, der Betriebsanlagen und der Ausstattung
- Gesellschaftsvertrag und Beteiligungen
- Personal
- Markt, Wettbewerb und Kunden (Potenzialbewertung)
- Produkte und Dienstleistungen
- Finanzsituation
• Analyse der Bilanz und GuV der letzten drei Jahre
• Einsicht in Bankkonten und Steuererklärungen
• Abschätzung der zukünftigen Umsatz- und Gewinnentwicklung
• Kennzahlenanalyse (Branchenvergleich)
- sämtliche vertragliche Beziehungen des Unternehmens (z. B. Mietvertrag, Leasingverträge etc.)

Die Abschätzung des Unternehmenswertes und die damit einhergehende Höhe des Kaufpreises ist ein häufiger Streitpunkt zwischen bisherigem Inhaber und Nachfolgeinteressiertem. Viele Unternehmer überschätzen den Wert ihres Unternehmens und schlagen eine sog. „Herzblutrendite“ auf ihr Lebenswerk auf.

Für die Unternehmensbewertung können unterschiedliche Methoden herangezogen werden. Die in der Praxis meistverbreitete Methode ist das Ertragswertverfahren, bei dem der Wert des Unternehmens auf Basis der zukünftig erzielbaren Reinerträge sowie den mit der Investition verbundenen Risiken kalkuliert wird. Externe Gutachter und Berater sind bei der Ermittlung des Unternehmenswertes dringend zu empfehlen. Eine weitere große Hürde stellt die Finanzierung dar. Der Kapitalbedarf wird häufig unterschätzt. Neben dem Kaufpreis müssen auch die Kaufnebenkosten und weitere Investitionen für Modernisierungsmaßnahmen sowie ein finanzieller Puffer für Unvorhergesehenes in der Finanzplanung mit einkalkuliert werden.

Wie bei der Neugründung gilt auch bei einer Unternehmensübernahme der Grundsatz: „Ohne schlüssiges Unternehmenskonzept und ausgearbeiteten Businessplan keine Zusagen bei Förderprogrammen und keine Finanzierung durch Kreditinstitute“. Der Finanzplan muss daher stimmig sein.

Neben diesen „größeren Hürden“ müssen auch die gesetzlichen Verpflichtungen zur Übernahme der Haftung für (Alt-)Verbindlichkeiten, die gesetzlichen Verpflichtungen zur Übernahme aller Rechte und Pflichten aus bestehenden Arbeitsverhältnissen und aus weiteren Vertragsverhältnissen, die Haftung aus betriebsbedingten Steuern und die konkrete Ausgestaltung der Übergabe geklärt werden. Für diese rechtlichen, steuerlichen und betriebswirtschaftlichen Angelegenheiten empfiehlt es sich für beide Parteien, erneut externe Berater einzubeziehen.

Fazit
Damit eine Übernahme gelingt, bedarf es von allen Beteiligten einer systematischen Vorbereitung. Inhaber sollten die Übergabe als strategisches Projekt ansehen, das erfolgreich geplant werden muss, sofern der Fortbestand des Unternehmens – aber auch in vielen Fällen die Altersvorsorge des Übergebers – in der Zukunft gesichert sein soll. Die steigende Nachfrage nach Nachfolgern bietet zukünftigen Existenzgründern in den nächsten Jahren vielseitige, spannende Chancen und Möglichkeiten. Aber auch sie müssen bei der Unternehmensauswahl ihre Hausaufgaben machen und sich die zur Wahl stehenden Unternehmen genau anschauen und das übernommene Unternehmen kontinuierlich weiterentwickeln, um langfristig erfolgreich zu sein.

www.dhfpg-bsa.de

Thorsten Clemann
Thorsten Clemann, B. A. Betriebswirtschaftslehre, M. A. Prävention und Gesundheitsmanagement, sammelte als Trainer sowie in Marketing und Vertrieb umfangreiche praktische Erfahrungen in der Fitness- und Gesundheitsbranche. Als freiberuflicher Berater unterstützt er Start-ups und Gründer in der Planungs-, Gründungs- und Aufbauphase. Er ist als Dozent, Autor und Tutor für die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement/BSA-Akademie tätig.

Ralf Capelan
Dipl.-Betriebswirt Ralf Capelan ist Dozent, Autor und Tutor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement/BSA-Akademie. Seit vielen Jahren ist der ehemalige Geschäftsleiter führender Fitnessketten zudem als Unternehmensberater im Fitness- und Freizeitmarkt tätig.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 06/2018

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fMi Ausgabe 06/2018

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