Management, Markt | Autor: Florian Schmidt und Jürgen Wolff |

Krisenmanagement im Lockdown: Die Fitness- und Gesundheitsbranche gegen die Corona-Krise

Der behördlich angeordnete Shutdown vom 16. März 2020 hat die Fitness- und Gesundheitsunternehmer deutschlandweit vor bisher nie dagewesene Herausforderungen gestellt. Ein schnelles Krisenmanagement war gefragt. Die fitness MANAGEMENT international hat dazu mit drei Studiobetreibern gesprochen, die sich mit viel Know-how, Kreativität und starken Netzwerken der Krise entgegengestellt haben: Monica Lanzendörfer (Fit-In-Haan), Alexander Dillmann (Vivana Fitness & Wellness Park, myline®) und Henrik Gockel (PRIME TIME fitness). Wie haben sie ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter durch diese schwierige Zeit geführt? Wie bereiten sie ihre Studios auf die Wiedereröffnung vor?

Interview mit Monica Lanzendörfer, Alexander Dillmann und Henrik Gockel

Die deutschlandweite Schließung der Fitness- und Gesundheitsstudios Mitte März 2020 hat die Branche hart getroffen. Die Zeit seit Beginn des Lockdowns war von vielen Unsicherheiten geprägt. Lange war nicht sicher, wann und unter welchen Bedingungen die Studios wieder öffnen dürfen. Daher mussten Fitnessunternehmer mehrere mögliche Szenarien in ihre Entscheidungen miteinbeziehen. Mit wenig bis gar keiner Vorlaufzeit mussten Betreiber vielfältige Probleme meistern und neue Prozesse aus dem Boden stampfen – gefragt waren Krisenmanager.

Komplexe Herausforderungen und viele Baustellen

Es galt, die Liquidität sowie die Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu sichern, trotz der erheblichen Einschränkungen die Nähe zu seinen Mitgliedern nicht zu verlieren und gemeinsam mit den Trainern schnellstmöglich neue digitale Angebote zu entwickeln.

Auch hinsichtlich der Mitarbeiterführung wurde den Unternehmern einiges abverlangt. Angestellte hatten Angst vor Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust und einem ungewissen Ausgang der Corona-Krise. Sie sollten aber gleichzeitig hochmotiviert die Kunden während der Schließung aus der Ferne betreuen.

Im Rahmen der Kommunikation waren Fingerspitzengefühl und psychologische Soft Skills gefragt. Zusätzlich musste man mit Vertragspartnern, Zulieferern, Banken und Kunden in einer unsicheren Zeit offen und transparent kommunizieren. Die Führungskräfte waren täglich gezwungen, auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren, ohne dabei den Masterplan für den Neustart aus den Augen zu verlieren.

Die Branche hat reagiert

Die Betreiber deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen haben mit ihren Teams erfolgreich Maßnahmen umgesetzt, die den eigenen Betrieb über mehrere Wochen Shutdown „getragen“ und auf die Wiedereröffnung unter Auflagen vorbereitet haben.


Interview mit Monica Lanzendörfer: „Meine Mitarbeiter machen den Unterschied“

fM: Frau Lanzendörfer, aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus ordnete die Bundesregierung am 16. März 2020 eine Kontaktbeschränkung an, was zur Folge hatte, dass Fitnessstudios geschlossen werden mussten. Was waren die ersten Maßnahmen, die Sie für Ihr Unternehmen ergriffen haben und welche Aspekte hatten für Sie dabei Priorität?

Monica Lanzendörfer: Als die Nachricht kam, dass die Studios geschlossen werden mussten, habe ich als erstes Kontakt zum Ordnungsamt aufgenommen und konnte den zuständigen Beamten erklären, wie gesundheitsorientiert wir arbeiten und was wir alles anbieten. Daraufhin sind wir zunächst in den Bereich Gesundheit und Reha eingestuft worden und durften geöffnet bleiben. Bis zum Abend des 17. März hatten wir auch noch geöffnet. Unsere Mitbewerber hatten sich in der Zwischenzeit beschwert, woraufhin die Anordnung folgte, dass auch wir schließen müssen.

Wir haben uns danach sofort im Team zusammengesetzt und einen Plan verfasst, wer welche Mitglieder anruft. Es ging zuerst darum, die Mitglieder zu informieren und auch mit ihnen in Kontakt zu bleiben. In diesen Gesprächen haben wir angekündigt, dass wir in der Zeit des Lockdowns Angebote für ein betreutes Training zu Hause zur Verfügung stellen und haben erklärt, wie wir das organisieren werden. Parallel dazu habe ich mich darum gekümmert, unsere Kosten so schnell wie möglich zu reduzieren. Ich habe mich bei der Arbeitsagentur um die Anträge für das Kurzarbeitergeld gekümmert und Gespräche mit den Banken, dem Finanzamt, den Krankenkassen und Leasingpartnern geführt.

fM: Welche Angebote haben Sie für Ihre Mitglieder in der Zeit des Shutdowns bereitgestellt?

Monica Lanzendörfer: Wir übertragen täglich Live-Workouts auf Facebook, Instagram und Zoom. Bei Facebook und WhatsApp haben wir dafür neue Gruppen gegründet, damit dieser Content auch exklusiv für unsere Mitglieder bleibt.

Wir haben auch Equipment verliehen. Wenn Mitglieder in den Telefonaten gesagt haben, dass Sie zu Hause keine Geräte haben, mit denen Sie trainieren können, dann hatten sie die Gelegenheit, Kleingeräte bei uns abzuholen oder wir haben sie sogar hingebracht.

Darüber hinaus haben wir auch eine Einkaufshilfe organisiert. Gerade in der Anfangszeit des Lockdowns haben sich insbesondere die Älteren unter unseren Mitgliedern gar nicht aus dem Haus getraut. Wir sind dann aktiv geworden und haben unsere Hilfe angeboten. Wenn seither eine Trainerin oder ein Trainer einkaufen geht, dann macht sie oder er eine kleine Runde. Unsere Mitglieder konnten sich auch während der täglichen Sprechzeiten bei uns melden. Uns war wichtig, für unsere Mitglieder da zu sein.

Insgesamt haben wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sehr viel Solidarität erfahren. Ein Beispiel: Unsere Reinigungsfirma hat gesagt, wir sollen uns melden, wenn wir wieder öffnen und bis dahin hat sie die vereinbarten Beträge ausgesetzt. Das ist klasse! Wir stehen zusammen, in guten und in schlechten Zeiten.

fM: Welche Ihrer Entscheidungen und Schritte haben sich rückblickend für Sie am meisten bewährt?

Monica Lanzendörfer: Zuallererst die vielen Gespräche, die ich frühzeitig geführt habe, um die Kosten zu senken. Das ermöglicht uns einen längeren Atem.

Und dann der Kontakt mit den Kunden: Wir haben zuerst alle Mitglieder angerufen und später auch E-Mails versendet. Wir haben vor Ostern zu unserem 13-jährigen Bestehen einen Brief verschickt und unseren Kunden den Gratis-Download eines Hörbuchs geschenkt sowie verschiedene Kompensationsmöglichkeiten für ihre Beitragszahlung angeboten, die sie nach Corona in Anspruch nehmen können. Die Reaktion der Kunden auf diese Aktivitäten – dass wir uns so viele Gedanken machen und uns Mühe geben – war sehr positiv. Das hatten wir so nicht erwartet. Viele haben gesagt, dass es ihnen guttut, beim Cybertraining während der Zeit des Homeoffice ihre Trainer und andere vertraute Gesichter zu sehen.

fM: Welchen Stellenwert haben Ihre Mitarbeiter in dieser Krise?

Monica Lanzendörfer: Einen sehr hohen Stellenwert. Wir sind ein Premiumstudio und da machen die Mitarbeiter eigentlich alles aus – sie machen den Unterschied. Das Team ist in dieser Zeit super zusammengewachsen. Ich habe viel über meine Mitarbeiter gelernt und alle haben sich gegenseitig Halt gegeben. Unser Team hat einfach einen „Wahnsinnsjob“ gemacht. Jeder Trainer hat die Kunden angerufen, die er oder sie betreut hat. Die Kontakte waren sehr wichtig und auf einem ganz anderen Niveau, als wenn ich angerufen hätte. Die persönliche Bindung hat dabei sehr geholfen.

Zu den Minijobbern und Freiberuflern, die wir in dieser Situation nicht „in Lohn und Brot“ haben, halten wir auch Kontakt. Wir haben gesagt, dass sie Bescheid geben sollen, wenn es bei ihnen eng wird, dann finden wir eine gemeinsame Lösung.

fM: Sie sind mit Ihrem Studio auch der Initiative „Haan Hilft“ beigetreten, die von Unternehmern der Region ins Leben gerufen wurde. Was hat es mit der Initiative auf sich und wie konnten diese Sie unterstützen?

Monica Lanzendörfer: Unternehmer und Selbstständige aller Branchen aus der Stadt Haan haben sich zusammengetan. Den Anstoß hat eine Unternehmerin gegeben, die sehr gut vernetzt ist. Sie konnte den Kontakt zu der Düsseldorfer Agentur werbejunge herstellen, die u. a. Online-Plattformen einrichtet. Die Agentur hat die Website der Initiative gratis angelegt. Nach wenigen Tagen erhielten alle teilnehmenden Unternehmen einen Zugang und konnten an entsprechender Stelle ihre Daten eingeben. Die Website hat sich sehr schnell gefüllt und war nach zwei oder drei Tagen bereits aktiv. Seitdem können Gutscheine im Wert von 10, 25 oder 50 EUR bei den Firmen gekauft werden, die sich auf der Seite präsentieren, um sie nach der Krise dort einzulösen. Den teilnehmenden Unternehmen wird in der Zeit des Lockdowns Liquidität zur Verfügung gestellt.

Wir haben unseren Beitrag für diese Initiative noch aufgestockt, indem wir unter unseren Mitgliedern Gutscheine für „Haan Hilft“ verlost haben, z. B. für besonders gelungene oder originelle Social-Media-Posts zum Thema „Home-Workout“. Als Studio haben wir von diesem Engagement profitiert – durch Gutscheine, vor allem aber durch die Vernetzung und weil wir uns weiter als Qualitätsstudio positionieren konnten.

fM: Was sind für Sie die prägenden Eindrücke und Erkenntnisse, die von der Corona-Krise und der Zeit des Lockdowns bleiben werden?

Monica Lanzendörfer: Die Solidarität und der Zusammenhalt prägen die Corona-Krise sehr stark. Es ist schön zu sehen, wie die Unternehmen der Branche zusammenrücken – sowohl auf der Industrie- als auch auf der Studioseite. Der Austausch der Branche über die Social-Media-Plattformen ist sehr intensiv. Konzepte und Ideen werden großzügig geteilt, das gab es vorher kaum.

Es trennt sich aber auch die „Spreu vom Weizen“. Man erkennt sehr schnell, wer sich um das große Ganze kümmert und auch schaut, wie es den Kollegen geht oder wer eben nur seine eigenen Vorteile sieht.

fM: Wie haben Sie Ihr Unternehmen auf die Aufhebung der Kontaktbeschränkungen und die Eröffnung der Studios vorbereitet?

Monica Lanzendörfer: Wir haben vor allen Dingen viel kommuniziert, intern und extern. Wir haben unsere Mitarbeiter sehr intensiv geschult und an einer einheitlichen Kommunikation gearbeitet. Außerdem haben wir das Studio richtig schön „zurechtgemacht“. Wir haben es von Grund auf gereinigt, alles auseinandergenommen und neu gestrichen.

Schon vor der Schließung hatten wir die Empfehlungen des DSSV immer direkt umgesetzt – wie z. B. Thekenaufsteller, Handdesinfektion beim Betreten und Verlassen des Studios. Die Mitglieder haben diese Angebote genutzt. Es hat allen Sicherheit gegeben.

Während der Schließung haben wir ständig versucht, einen möglichst konkreten „Fahrplan“ für die Wiedereröffnung zu bekommen. Wir haben so gearbeitet, als würde es bald wieder losgehen und sind deshalb gut vorbereitet. Wir haben z. B. eine große Menge Desinfektionsmittel geordert, für die Hände und die Geräte, feste Spender sowie Masken, Handschuhe, Absperrbänder und einen Spuckschutz für die Theke. Gewisse Hygienemaßnahmen waren ja schon Standard, z. B. für die Desinfektion der Cardiogeräte und auch – bei Bedarf – der Kraftgeräte. Hier haben wir unsere Ausstattung konsequent erweitert.

Wir gehen davon aus, dass die Corona-bedingten Änderungen nach der Wiedereröffnung noch länger nötig sein werden. Wenn es jetzt wieder losgeht, können wir zu 100 Prozent leisten, was gefordert wird.

fM: Inwieweit werden sich aus Ihrer Sicht der Fitnessmarkt und die Studiolandschaft nach Corona verändern?

Monica Lanzendörfer: Es wird leider eine Marktbereinigung geben, aber die Studios, die professionell und wirtschaftlich arbeiten, werden überleben. Der Gesundheitsaspekt des Fitnesstrainings, der jetzt so stark in den Vordergrund gerückt ist, wird einen höheren Stellenwert bekommen. Insbesondere die Premiumstudios, die sich bereits vorher in dem Bereich positioniert haben, werden davon profitieren können.

Ich denke, dass auch von den Initiativen wie „Stay Strong – Stay Together“ etwas bleiben wird. Vielleicht nicht in dem Ausmaß wie zur Zeit des Lockdowns, aber dass man gemeinsam etwas für das Image unserer Branche tut, wird meiner Einschätzung nach weiter bestehen. Wir haben jetzt angeschoben, dass die Fitnessstudios von außen noch stärker als Gesundheitsdienstleister wahrgenommen und verstanden werden, nicht mehr nur als Ort für Freizeitaktivität.

Unsere Mitglieder signalisieren uns auch, dass sie sich freuen, wenn es endlich wieder losgeht. Ich sehe für unser Studio nach der Krise ein engeres Miteinander. Auf vielen Seiten sind Bindungen entstanden, von denen etwas bleiben wird.

Über die Interviewpartnerin

Die passionierte Triathletin Monica Lanzendörfer betreibt das Premium-Gesundheitsstudio Fit-In-Haan. Sie ist seit über 35 Jahren in der Branche tätig, seit 1999 Referentin bei der BSA-Akademie und seit 2002 auch Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG).

Interviewreihe 'Krisenmanagement im Lockdown'

Freuen Sie sich auf die weiteren Teile der Interviewreihe 'Krisenmanagement im Lockdown':

Teil 2 mit Alexander Dillmann
Teil 3 mit Henrik Gockel.

Noch mehr Content der DHfPG-Experten

Folgenden Artikel bieten weiteren spannenden Input und Impulse zum Thema Krisenmanagement.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi 03/2020 Leseprobe

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fMi 03/2020 Leseprobe

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