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Fitness mal anders: Die Bundespolizei

In Teil 2 unserer Artikelreihe 'Fitness mal anders' beschäftigen wir uns mit Fitness und Athletik bei der Bundespolizei. Alexandra Natho von der Bundespolizeiakademie in Lübeck ist Fachlehrerin im Bereich Polizeisport und bundesweite Ansprechpartnerin für Belange rund um das Thema Sport in der Prävention. fitness MANAGEMENT wollte wissen, wie die Bundespolizei die Fitness ihrer Mitarbeiter sicherstellt und hat Alexandra Natho dazu in einem Interview befragt.

Polizeioberkommissarin und Diplom-Sportwissenschaftlerin Alexandra Natho spricht im fM Interview über Fitness und Athletik bei der Bundespolizei.

fM: Welchen Stellenwert haben körperliche Fitness und Athletik für den Dienst bei der Polizei?
Alexandra Natho:
Für den Polizeiberuf ist nicht nur körperliche Fitness, sondern auch eine solide Gesundheit unbedingt erforderlich. Wechselschichten, lange und mitunter anstrengende Einsätze, die Konfrontation mit verschiedensten Situationen – der Polizeidienst stellt hohe Anforderungen an den Körper und die Psyche.

Gute körperliche Leistungsfähigkeit und Fitness sind dabei wichtige Grundvoraussetzungen für jedes polizeiliche Handeln und für die polizeiliche Handlungssicherheit, mitunter auch bei der Anwendung von notwendigen Zwangsmaßnahmen.

Polizeiliches Handeln erfordert ein regelmäßiges Training, mit dem Ziel, die Polizeibeamten zu professioneller Arbeit mit hoher fachlicher, sozialer, persönlicher und interkultureller Kompetenz zu befähigen.

Der Erhalt und Ausbau dieser Grundbefähigungen und damit auch der körperlichen Fitness genießen daher innerhalb der Aus- und Fortbildung der Bundespolizei eine hohe Priorität.

fM: Wie ist der Bereich Fitness und Athletik strukturell, zeitlich und auch in Bezug auf Zusatzangebote in die Ausbildung der Bundes- polizisten eingebunden?
Alexandra Natho:
Innerhalb der Bundespolizei gibt es aufgrund der verschiedenen Ausbildungs- und Studienstandorte, der unterschiedlichen Laufbahnen im mittleren, gehobenen und höheren Polizeivollzugsdienst und den differenzierten Zielformulierungen unterschiedliche strukturelle und zeitliche Bedingungen.

Ohne jetzt näher auf einzelne Laufbahnen einzugehen, ist es für alle Entscheidungsträger der Bundespolizei unbestritten, dass ein hohes Maß an körperlicher Fitness neben den anderen berufsspezifischen Faktoren ein wesentlicher Garant für den polizeilichen Erfolg ist.

Dies wird z. B. in der Grundlagenausbildung im mittleren Polizeivollzugsdienst durch eine Vielzahl an Trainingseinheiten deutlich, die u. U. durch individuelles betreutes Training der Dienstanfänger, welches auch außerhalb des Dienstes stattfindet, ergänzt werden können.

fM: In welchen Bereichen der körperlichen Fitness liegt im Verlauf der Ausbildung bei der Bundespolizei das Hauptaugenmerk?
Alexandra Natho:
Die Inhalte der Ausbildung und des Trainings orientieren sich in erster Linie an der Verbesserung bzw. dem Erhalt der sportmotorischen Grundfähigkeiten.

Hierzu gehören unter anderem die Verbesserung der Grundlagen in diesen Bereichen, z. B. der Kraft und der koordinativen Fähigkeiten für das Erlernen von Einsatztrainingsfertigkeiten, die läuferische Ausdauer und Sprintschnelligkeit, das Überwinden von Hindernissen im Rahmen von Hindernis- und Gerätebahnen sowie Grundlagen für das Retten von Personen aus Wassergefahren.

Unsere Sportleiter/Trainer wählen und organisieren die Inhalte dabei so, dass zum einen die Teambildung unterstützt und zum anderen auch das Bewusstsein für die eigene Gesundheit (Präventionssport) und die persönliche Fitness gefördert wird. Darüber hinaus soll die Auswahl an Trainingsinhalten auch einen Anreiz zur Intensivierung außerdienstlicher Sportaktivitäten bieten.

fM: Gab es in Bezug auf den Stellenwert der körperlichen Fitness und auch in Bezug auf die Ausbildungsinhalte im Bereich körperliche Fitness in den vergangenen Jahren wesentliche Veränderungen?
Alexandra Natho:
Letztmalig hat die Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren im Juni 2011, auf Basis der Grundpositionen des Deutschen Polizeisportkuratoriums (DPSK) zum Sport in der Polizei, die erhebliche Bedeutung der körperlichen Leistungsfähigkeit als Schlüsselqualifikation für den Polizeiberuf in einem Beschluss herausgehoben. An dieser selbstverständlichen Auffassung hat sich auch innerhalb der Bundespolizei nichts geändert.

fM: Mangelnde Fitness ist nicht nur ein Problem bei einer Berufsgruppe. Kann die Polizei überhaupt auffangen, was unsere Gesellschaft vorher über Jahre hinweg versäumt hat?
Alexandra Natho:
Unsere Auszubildenden sind auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Aktuelle Studien belegen ja die besorgniserregende Entwicklung zum Thema Kinder und Bewegung. Die Spielkonsole ist heute meist interessanter als der Bolzplatz. Diese Entwicklung macht auch vor der Bundespolizei nicht halt und erschwert unsere Arbeit. Tatsächlich schlagen sich Veränderungen hinsichtlich der körperlichen Leistungsfähigkeit vor allem in einem Ansteigen koordinativer Defizite nieder, die dann leider auch mit einem erhöhten Verletzungsrisiko in der sportlichen und polizeilichen Ausbildung verbunden sind.

Das Überwinden von Hindernissen ist ein originärer Bestandteil des Bewegungsspektrums eines Polizisten. So nehmen bei der sportlichen Ausbildung Hindernisbahnen – neben Kraft- und Ausdauertraining – einen zentralen Stellenwert ein. Die Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit sind hier sehr komplex. Durch methodisches und individuelles Vorgehen wird versucht, die Auszubildenden zum Erfolg zu führen.

fM: Die Polizei fordert von ihren Beamten ein breites Spektrum verschiedener Tätigkeiten. Ist es für Sie überhaupt möglich, die verschiedenen Einheiten und deren individuell unterschiedlichen Anforderungen an Fitness und Athletik auf einen Standard zu bringen? Wie begegnen Sie dieser Herausforderung in der Praxis?
Alexandra Natho:
In der Tat wäre ein solcher Anspruch nicht realistisch. Jedem Polizeibeamten steht grundsätzlich ein bestimmtes zeitliches Kontingent für ein sportliches Training zur Verfügung. Dieses kann er je nach Möglichkeit außerhalb seines Dienstes oder schichtbegleitend wahrnehmen. Im Vordergrund stehen hier der Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit und die Gesundheitsprävention.

In den geschlossenen Einheiten und verschiedenen Spezialverwendungen sind die Zeiträume für ein körperliches Training wesentlich weiter gefasst, um den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Einheiten gerecht werden zu können. Darüber hinaus haben die Führungskräfte der Spezialverwendungen die Möglichkeit, bei Bedarf den Zeitanteil für ein sportliches Training temporär noch weiter zu erhöhen.

fM: Gibt es bei der Bundespolizei spezielle Vorgaben oder Angebote, durch welche die Bundespolizisten auch nach ihrer Ausbildung im aktiven Dienst im Bereich Fitness und Athletik unterstützt werden?
Alexandra Natho:
Um das sportliche Training in und nach der Ausbildung zu gewährleisten, werden an der Bundespolizeiakademie in mehrwöchigen Schulungsmaßnahmen ausgewählte Polizeivollzugsbeamte auf diese Aufgabe vorbereitet. Ergänzend dazu wurden für das Training in der Polizeiausbildung in der jüngeren Vergangenheit zivile Sportlehrer in der Bundespolizei eingestellt.

Das Polizeitraining nach der Ausbildung, zu dem auch der Erhalt sowie der Ausbau der physischen Leistungsfähigkeit zählt, ist funktionsbezogen und basiert auf den in der polizeilichen Ausbildung erworbenen Grundbefähigungen. Hierfür steht jedem Polizeivollzugsbeamten ein gewisses Zeitkontigent zur Verfügung. Jeder ist allerdings auch aufgefordert, eigeninitiativ und in seiner Freizeit zu trainieren.

Innerhalb der Behörde können die Dienststellen dabei auf ausgebildete Sportleiter (Trainer) zurückgreifen, die dienststellenintern ein Sport- und Fitnessangebot anbieten bzw. den Polizeivollzugsbeamten für eine individuelle Beratung zur Verfügung stehen.

Sofern es die Wahrnehmung der gesetzlichen Aufgaben zulässt, ist auch ein schichtbegleitendes Training möglich. Dies ist allerdings aufgrund der Aufgabendichte in den Dienststellen nur schwer zu gewährleisten.

Die Sport-/Fitnessangebote für geschlossene Einheiten oder Spezialkräfte der Bundespolizei orientieren sich in erster Linie an deren Aufgaben und gehen über das „normale“ Maß hinaus.

fM: Die professionelle Fitness- und Gesundheitsbranche ist in den Bereichen Training, Prävention, Rehabilitation und auch BGM konzeptionell sehr gut aufgestellt und verfügt deutschlandweit über eine gewachsene Infrastruktur mit immer mehr zertifizierten Anbietern (DIN 33961). Inwieweit können lokale Fitness- und Gesundheitsdienstleister die Bundespolizei mit ihrem professionellen Angebot unterstützen?
Alexandra Natho:
  Der Dienstsport in der Bundespolizei wird, wie bereits beschrieben, in der Regel von intern ausgebildeten Sportübungsleitern in bundeseigenen Sportstätten durchgeführt. Stehen diese nicht in erforderlichem Umfang zur Verfügung oder sind Anfahrtswege aufgrund ihrer Länge nicht zu vertreten, können im Rahmen des zur Verfügung stehenden finanziellen Budgets geeignete Sportstätten angemietet oder Nutzungsverträge mit anderen Anbietern geschlossen werden.

Kooperationen mit der Bundeswehr, dem Zoll und mit den Kommunen vor Ort sind weit verbreitet. In Einzelfällen wird aber auch auf Angebote von kommerziellen Fitnessstudios zurückgegriffen.

Im Jahr 2013 wurde das Behördliche Gesundheitsmanagement in die Bundespolizei implementiert. In dessen Geltungsbereich sind neben den Polizei- auch die Verwaltungsbeamten sowie die Tarifbeschäftigten eingeschlossen.

Als Multiplikatoren dienen in den verschiedenen Organisationsbereichen eingesetzte regionale Ansprechpartner. Für den Bereich der Gesunderhaltung und Fitness wurden in Ergänzung der eigenen Ressourcen bundesweit Kooperationsvereinbarungen mit professionellen Anbietern getroffen.

Zur Person

Alexandra Natho (34) ist Polizeioberkommissarin und Diplom-Sportwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Fachlehrerin im Bereich Polizeisport an der Bundespolizeiakademie in Lübeck.

Von 1993 bis 2012 war Alexandra Natho erfolgreiche Eisschnellläuferin. Von 2008 bis 2010 war sie Teil der Spitzensportförderung der Bundespolizei und gewann mehrere deutsche Meistertitel. Noch während ihrer Zeit als Leistungssportlerin schloss sie ihr Diplom-Studium als Sportwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität in Bochum ab.

Seit 2013 gehört sie zur Fachgruppe Polizeitraining, Fachbereich Polizeisport, bei der Bundespolizeiakademie in Lübeck. In dieser zentralen Aus- und Fortbildungsstätte der Bundespolizei wird die Qualifikation von Sportleitern/Trainern im Dienstsport bundesweit geplant und durchgeführt.

Neben ihrer Tätigkeit als Fachlehrerin für die Aus- und Fortbildung bei der Bundespolizei wurde Alexandra Natho 2014 als Fachwirtin im Bereich Gesundheits- und Präventionssport zur bundesweiten Ansprechpartnerin für Belange rund um das Thema Sport in der Prävention berufen.

Außerdem leitet Alexandra Natho regelmäßig gesundheitsfördernde Kurse in Lübeck. Ihr Ziel ist es, den Präventionssport inhaltlich stetig weiterzuentwickeln. Seit 2018 ist Alexandra Natho lizensierte Kursleiterin Yoga.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi Ausgabe 03/2019

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fMi Ausgabe 03/2019

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