Ernährung, Fitness, Gesundheit | Autor: Prof. Dr. Markus Wanjek |

Gewichtsreduktion im Fitnessstudio: Reicht Training allein aus?

Obwohl viele Fitnessstudios neben Training auch ernährungsbezogene Maßnahmen zur Gewichtsreduktion anbieten, verfolgen Kunden oftmals eine rein bewegungszentrierte Abnehmstrategie. Fraglich ist jedoch, ob ein reines Fitnesstraining wirksam ist, um Übergewicht nennenswert zu reduzieren. In einem Forschungsprojekt der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) wurde erstmalig die Effektivität von verschiedenen Maßnahmen zur Gewichtsreduktion im Fitnessstudio unter Alltagsbedingungen untersucht.

Gewichtsreduktion ist ein zentrales Motiv für den Fitnessstudiobesuch (DSSV, 2013). Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Kunden mit Übergewicht (Body-Mass-Index ≥ 25,0 kg/m2) eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von circa 15 Prozent ihres Ausgangsgewichtes (14 kg) innerhalb von neun Monaten anstreben (Wanjek, 2020). In diesem Zusammenhang stellt sich sowohl für Trainer als auch für Kunden die Frage nach der effektivsten Gewichtsreduktionsstrategie.

Wissenschaftlich empfohlene Gewichtsreduktionsstrategie

Um eine Gewichtsreduktion zu erzielen, ist eine negative Energiebilanz über einen ausreichend langen Zeitraum erforderlich. Diese kann entweder durch eine Verringerung der Energieaufnahme (Diät) oder eine Steigerung des Energieverbrauchs (Training) herbeigeführt werden. Idealerweise sollten beide Strategien miteinander kombiniert werden (Training und Diät) (Jenssen et al., 2014).

In den evidenzbasierten Leitlinien verschiedener Fachgesellschaften wird zur Gewichtsreduktion eine moderate Verringerung der Energiezufuhr (≥ 500 kcal/Tag) in Kombination mit mindestens 150 Minuten moderat-intensiver Ausdaueraktivität pro Woche empfohlen (Semlitsch et al., 2019). Dadurch kann ein durchschnittlicher Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent des Ausgangsgewichtes (≈ 8 kg) innerhalb von drei bis sechs Monaten erzielt werden (NHLBI, 2013). Besonders effektiv sind Gewichtsreduktionsmaßnahmen dann, wenn sie einen multimodalen Ansatz verfolgen, durch qualifizierte Fachkräfte angeleitet werden und eine engmaschige Betreuung über einen längeren Zeitraum erfolgt (wöchentliche Treffen innerhalb der ersten 3–6 Monate). Dabei scheinen Gruppenprogramme im Vergleich zu einer Individualbetreuung etwas erfolgreicher zu sein. Dieser Unterschied ist in der Literatur jedoch nicht eindeutig belegt (NHLBI, 2013).

Effektivität von Maßnahmen zur Gewichtsreduktion im Fitnessstudio

Fitnessstudios bieten grundsätzlich gute Voraussetzungen, um die wissenschaftlichen Empfehlungen zur Gewichtsreduktion umzusetzen. Neben strukturierten Trainingsprogrammen werden in vielen Einrichtungen auch weitere Maßnahmen angeboten, die eine Ernährungsumstellung unterstützen, wie z. B. eine individuelle Ernährungsberatung oder gruppenbasierte Gewichtsreduktionskurse. Zu den Effekten von verschiedenen Gewichtsreduktionsmaßnahmen im Fitnessstudio lagen bisher allerdings noch keine wissenschaftlichen Daten vor. Die bisherigen Erkenntnisse zu den Gewichtsreduktionseffekten von lebensstilbezogenen Interventionsmaßnahmen stammen vornehmlich aus gut kontrollierten Interventionsstudien, die in universitären oder klinischen Forschungseinrichtungen durchgeführt wurden. Eine Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf die alltäglichen Rahmenbedingungen im Fitnessstudio ist dabei nicht gegeben. Diese Forschungslücke war Ausgangspunkt einer groß angelegten Untersuchung der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG). Ziel der weltweit einmaligen Untersuchung war es, die Effektivität von drei verschiedenen Maßnahmen zur Gewichtsreduktion im Fitnessstudio unter Alltagsbedingungen zu überprüfen (Wanjek et al., 2016).

Methodik

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine dreimonatige Beobachtungsstudie unter Einbeziehung von 95 kommerziellen Fitnessstudios aus ganz Deutschland durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte durch Bachelor-Studierende der DHfPG im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten nach einheitlichen Messstandards und erstreckte sich über einen Zeitraum von zwei Jahren. Insgesamt konnten die Datensätze von 788 übergewichtigen Neukunden (BMI ≥ 25,0 kg/m2) mit dem Haupttrainingsmotiv „Gewichtsreduktion“ erhoben werden. In Abhängigkeit davon, welche Maßnahmen von den Kunden im Fitnessstudio zur Gewichtsreduktion genutzt wurden, erfolgte eine Kategorisierung in drei verschiedene Nutzergruppen: (1) Fitnesstraining (Kraft- und Ausdauertraining), (2) Fitnesstraining und individuelle Ernährungsberatung (Eins-zu-eins-Beratung), (3) Fitnesstraining und multimodaler Gewichtsreduktionskurs (Gruppenprogramm). Zu Beginn und nach drei Monaten der Fitnessstudiomitgliedschaft erfolgten standardisierte Messungen verschiedener anthropometrischer Daten. Zusätzlich wurde das Bewegungs- und Ernährungsverhalten mittels standardisierter schriftlicher Befragungen erfasst. Die wesentliche Zielgröße der Untersuchung war die absolute und relative Veränderung des Körpergewichtes. Weitere Zielgrößen waren die Veränderungen von BMI, Körperfettanteil und Taillenumfang. Zudem wurden auch Veränderungen von Bewegungsumfang, Energieverbrauch und Energieaufnahme betrachtet. In Tabelle 1 sind die Charakteristika der Gesamtstichprobe und der drei Nutzergruppen dargestellt (Mittelwerte und Standardabweichungen).

Tab. 1: Charakteristika der Studienteilnehmenden (Gesamtstichprobe und Nutzergruppen [FT = Fitnesstraining, FT + EB = Fitnesstraining und Ernährungsberatung, FT + GK = Fitnesstraining und Gewichtsreduktionskurs]) (© DHfPG/BSA)

Ergebnisse

Sowohl ein reines Fitnesstraining als auch die Kombination mit einer Ernährungsberatung oder einem Gewichtsreduktionskurs führte nach drei Monaten zu einem statistisch signifikanten Gewichtsverlust. Ebenso kam es in allen drei Gruppen zu einer statistisch signifikanten Verringerung von BMI, Körperfettanteil und Taillenumfang. Die drei Interventionsmaßnahmen erwiesen sich jedoch als unterschiedlich effektiv (vgl. Abb. 1 und Tab. 2).

Während bei den Kunden, die ein reines Fitnesstraining absolviert hatten, lediglich ein durchschnittlicher Gewichtsverlust von - 1,5 kg (- 1,7 %) festzustellen war, erreichten Kunden mit einer begleitenden Ernährungsberatung einen mittleren Gewichtsverlust von - 3,4 kg (- 3,6 %). Kunden, die zusätzlich zum Fitnesstraining an einem Gewichtsreduktionskurs teilgenommen hatten, erzielten im Mittel eine Gewichtsabnahme von - 5,5 kg (- 5,9 %). Ähnliche Effektivitätsunterschiede zeigten sich auch beim Ausmaß der Veränderungen von BMI, Körperfettanteil und Taillenumfang (vgl. Tab. 2).

Tab. 2: Veränderung von BMI, Körperfettanteil und Taillenumfang nach drei Monaten (Differenzwerte Eingangs- und Ausgangsmessung) (© DHfPG/BSA)

Der unterschiedlich hohe Gewichtsverlust in den drei Gruppen kann durch die Veränderungen des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens bzw. durch die Differenzen in der Höhe des erreichten Gesamtenergiedefizites erklärt werden. So steigerte sich der Trainingsumfang und Energieverbrauch in allen drei Nutzergruppen annähernd gleich (ca. 130 Minuten/Woche bzw. 650 kcal/Woche). Zwischen den Gruppen gab es keine statistisch bedeutsamen Unterschiede. Insgesamt zeigte sich, dass der durchschnittlich realisierte Kalorienverbrauch durch das Fitnesstraining nicht ausreichend war, um das zur Gewichtsreduktion empfohlene Kaloriendefizit von 500 kcal/Tag zu erreichen. Die Energieaufnahme reduzierte sich hingegen in den beiden Nutzergruppen, die begleitend zum Fitnesstraining auch eine Maßnahme zur Ernährungsumstellung genutzt hatten, signifikant. Die Höhe des durchschnittlichen Energiedefizites erreichte in beiden Gruppen ein gewichtsreduktionsrelevantes Ausmaß (Ernährungsberatung: - 412 kcal/Tag, Gewichtsreduktionskurs: - 503 kcal/Tag). Zwischen den beiden Gruppen bestand kein signifikanter Unterschied. Letztlich fiel das durchschnittliche Gesamtenergiedefizit (Kalorienverbrauch und -reduktion) bei den Teilnehmenden des Gewichtsreduktionskurses (ca. - 600 kcal/Tag) und der Ernährungsberatung (ca. - 500 kcal/Tag) deutlich höher aus als das in der reinen Fitnesstrainingsgruppe (ca. - 180 kcal/Tag). Der höhere Gewichtsverlust in den Nutzergruppen mit einem ernährungsbezogenen Zusatzangebot lässt sich somit in erster Linie durch Änderungen der Energieaufnahme und weniger durch den zusätzlichen Energieverbrauch durch das Fitnesstraining erklären. Die Ergebnisse verdeutlichen damit die Notwendigkeit einer Kalorienreduktion zur effektiven Gewichtsabnahme.

Fazit

Die vorliegende Untersuchung liefert erstmals Ergebnisse zu den realistisch erwartbaren Gewichtsreduktionseffekten, die durch verschiedene Interventionsmaßnahmen im Fitnessstudio unter Alltagsbedingungen innerhalb von drei Monaten erzielt werden können. Die Daten zeigen, dass ein reines Fitnesstraining bei bestehendem Übergewicht keine optimale Strategie zur effektiven Gewichtsreduktion ist. Der durchschnittlich erreichte Gewichtsverlust fiel aufgrund des relativ niedrigen Kalorienverbrauchs durch das absolvierte Training gering aus (≈ - 2 %). Angebote im Fitnessstudio, die begleitend zu einem Fitnesstraining auch eine moderate Kalorienreduktion unterstützt haben, führten zu einem deutlich stärker ausgeprägten Gewichtsverlust (Ernährungsberatung: ≈ - 4 %, Gewichtsreduktionskurs: ≈ - 6 %). Von daher sollte Neukunden im Fitnessstudio mit Übergewicht/Adipositas ergänzend zu einem Fitnesstraining ein ernährungsbezogenes Zusatzangebot, idealerweise in Form eines gruppenbasierten Gewichtsreduktionskurses, zur initialen Gewichtsabnahme empfohlen werden.

Kunden, die einen Gewichtsverlust von (mehr als) fünf Prozent ihres Ausgangsgewichtes (ca. 5–7,5 kg) anstreben, aber dennoch eine rein bewegungszentrierte Strategie verfolgen wollen, ist ein regelmäßiges Ausdauertraining mit großen Umfängen (> 225 Minuten/Woche bzw. einem Kalorienverbrauch von > 2.000 kcal/Woche) anzuraten. Zudem sollte auf die Beibehaltung einer isokalorischen Ernährung geachtet werden, um eine Kompensation der verbrauchten Kalorien zu vermeiden (Donnelly et al., 2009; Swift et al., 2018).

Danksagung

Der Autor bedankt sich bei allen teilnehmenden Fitnesseinrichtungen, Bachelor-Studierenden der DHfPG und Studienteilnehmenden für die aktive Unterstützung des Forschungsprojektes.

Prof. Dr. Markus Wanjek

Prof. Dr. Markus Wanjek ist stellvertretender Fachbereichsleiter Gesundheitswissenschaften und Dozent bzw. Referent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) und der BSA-Akademie. Der Sportwissenschaftler promovierte zum Thema „Gewichtsreduktion im Fitnessstudio“ an der TU München. Seit über 20 Jahren arbeitet er nebenberuflich als Fitnesstrainer.

Auszug aus der Literaturliste

Wanjek, M., Senner, V., Scharhag-Rosenberger, F. & Halle, M. (2016). Effects of different weight loss intervention programmes in health clubs – an observational multicenter study. European Journal of Sport Science, 16 (7), 859–867.

Wanjek, M. (2020). Gewichtsreduktion im Fitnessstudio (Teil 1). Wie viel Gewicht wollen Kunden verlieren? fitness MANAGEMENT international, 149 (3), 106–109.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte marketing@dhfpg-bsa.de.

Den vollständigen Artikel finden Sie in fMi 04/2020

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fMi 04/2020

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