Corona, Fitness, Gesundheit | Autor: Tanja Linhard |

Gesundheitliches Krisenmanagement (Teil 3): Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder

Kinder können sich aufgrund der aktuellen Situation bereits seit einigen Wochen nicht oder nur eingeschränkt mit Freunden verabreden und ihrem Sport im Verein oder in anderen Einrichtungen nachgehen. Ständig zu Hause zu sein kann schnell langweilig werden und ist nicht nur für die Kinder eine Belastungsprobe, sondern für die ganze Familie – vor allem wenn Mutter oder Vater aus dem Homeoffice arbeiten. Täglich stellen sich Eltern nun die Frage, wie sie ihre Kinder sinnvoll beschäftigen und sie vor allem zur Bewegung motivieren können.

Teil 3 der Reihe 'Gesundheitliches Krisenmanagement'

Der Gebrauch von sozialen Medien wie Instagram, Facebook & Co. sowie das vielseitige Angebot an Computerspielen und Serien – auch schon für Vorschulkinder – nimmt immer größeren Einfluss auf das Familienleben. Diese Medien haben bei den Kindern einen hohen Stellenwert und nehmen dadurch einen Großteil der Freizeitgestaltung ein.

Oft sind beide Elternteile berufstätig und haben daher wenig Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Für die auf sich allein gestellten Kinder sind Medien eine praktische und einfache Beschäftigungsmöglichkeit. Manche Kinder und Jugendliche befassen sich sogar nur noch damit.

Bewegung? Null! Eine fatale Entwicklung für junge Menschen, denn fehlende körperliche Betätigung führt zu Haltungsschwächen/-schäden, Rückenschmerzen, Übergewicht, Koordinations- und Herz-Kreislauf-Schwächen. Und nicht nur physische Schwächen sind bei Kindern zu beobachten.

Ihr passiver Alltag hat auch negative Auswirkungen und zeigt kausale Verknüpfungen zu Störungen im kinderpsychiatrischen Bereich. Ein vermindertes Selbstwertgefühl, Verhaltensauffälligkeiten, psychosoziale Störungen sowie Störungen der Lern- und Leistungsfähigkeit nehmen zu (Lecheler, 2008; Opper, Worth, Wagner & Bös, 2007).

Umso wichtiger ist es für die Kinder, eine Leidenschaft für jegliche Arten von Bewegung und Sport zu entwickeln und diese in Institutionen wie z. B. Schulen, Fitnessstudios, Vereinen, Clubs oder Tanzstudios regelmäßig auszuüben. Kinder haben hier die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen, sich gegenseitig zu motivieren, Spaß und Freude zu fühlen.


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In der momentanen Situation ist dies alles nicht gegeben und es müssen alternative Bewegungsmöglichkeiten gefunden werden. Wenn die Kinder keine Bewegungsideen und keine Motivation erfahren, nehmen die Medien einen noch größeren Raum ein und das könnte fatale Folgen für ihre Gesundheit haben.

Bewegung für Kinder in Zeiten von Corona

Viele Fitnessstudios, Vereine und Tanzstudios haben sehr schnell auf den Lockdown reagiert und bieten ihren „kleinen Kunden“ über Zoom (einfache Videokonferenzen für mehrere Geräte) und andere alternative Medien/Formate Live-Trainingseinheiten zu bestimmten Uhrzeiten an. Das ist eine wertvolle Initiative, um wieder Kontinuität in den Alltag zu bringen.

Ein weiteres gutes Beispiel ist der Basketballverein ALBA BERLIN. Als das Thema Corona immer akuter wurde, hat der Verein in kürzester Zeit mit den Trainern kinder- und jugendgerechte Trainingsprogramme zusammengestellt. Die einzelnen Trainingseinheiten sind auf die jeweiligen Altersstufen zugeschnitten. Auf dem vereinseigenen YouTube-Kanal werden von Montag bis Freitag verschiedene Sportprogramme für Kita-Kinder, Grundschüler und Oberstufenschüler angeboten. Die Kinder können täglich ganz unkompliziert an diesen Programmen teilnehmen.

Grundsätzlich ist es für Eltern wichtig, Struktur in den Alltag der Kinder zu bringen und die Zeit mit ihnen sinnvoll zu nutzen (Quality Time). Ein geregelter Tagesablauf ist wichtig, da die Vormittage von Schulkindern zur Erledigung von Arbeitsaufträgen der Schulen genutzt werden sollten und die Nachmittage so zum Spielen, Basteln, Toben und für Bewegung zur Verfügung stehen.

In welcher Form Bewegung stattfindet, ist den Eltern überlassen: Ob Online-Programme genutzt werden, Outdoor-Aktivitäten (z. B. Radfahren, Laufen, Klettern, Fangspiele, Federball) stattfinden oder kleine Sporteinheiten in den Wochenplan integriert werden, wichtig ist Regelmäßigkeit und Kontinuität. Mindestens dreimal pro Woche für 30 bis 60 Minuten sollten sich Kinder und Jugendliche bewegen.

Bewegungsideen für Kinder und Jugendliche (drinnen und draußen)

Kinder haben einen stark ausgeprägten Bewegungsdrang. Durch die Einschränkungen in der Corona-Krise waren Spielplätze gesperrt und Aktivitäten in der Öffentlichkeit auch nur bedingt möglich. Viele Familien leben in Wohnungen ohne Garten und haben in der momentanen Situation wenig Möglichkeit, den Kids einen Bewegungsraum im Freien zu schaffen. Also stellt sich immer wieder die Frage, wie die Kinder und Jugendlichen zu Hause zur Bewegung motiviert werden können?

Fragt man Kinder, die eine bestimmte Art von Sport treiben, warum sie das tun, bekommt man immer die gleiche Antwort: „Weil es Spaß macht!“ Die Trainingseinheiten sollten deshalb für jede Altersstufe so gestaltet sein, dass der Spaß an der Bewegung im Vordergrund steht – der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt! Deshalb ist es für das Training zu Hause wichtig, eine lockere Atmosphäre zu schaffen und keinen Leistungsdruck zu erzeugen. Die Kinder müssen unbedingt ihre Ideen in die Gestaltung der Trainingseinheiten miteinbringen können und das Training sollte Spannung und Abwechslung bieten.

Die Schulung der motorischen Grundeigenschaften Ausdauer, Kraft, Koordination, Beweglichkeit und Schnelligkeit muss den entwicklungsbedingten psychischen und physischen Besonderheiten der Kinder und Jugendlichen angepasst sein. Unter einem präventiven Gesichtspunkt ist im Kindesalter ein vielseitiges und abwechslungsreiches, einem einseitigen, maximalen und leistungsbetonten Training vorzuziehen (Meinel, Schnabel & Krug, 2007).

Im Folgenden sind einige Beispiele und Anregungen für Trainer und Eltern beschrieben, aufgeteilt für die einzelnen Altersstufen, die sowohl indoor (auch wenn wenig Platz vorhanden ist) als auch outdoor praktiziert werden können:


Vorschulalter (3 bis 6/7 Jahre)

Der Bewegungs- und Spieldrang ist in dieser Altersstufe sehr stark ausgeprägt, was sich positiv auf die motorische Entwicklung der Kinder auswirkt. Kinder in diesem Alter sind sehr neugierig und haben eine hohe affektive Lernbereitschaft. Die Konzentrationsfähigkeit hingegen ist noch gering.

Für die Trainingspraxis bedeutet das: Die Sportangebote sollten spielerisch und spannend sein und keinen Wettkampfcharakter haben. Bewegungsaufgaben sollten die Kreativität und das Körpergefühl der Kinder schulen und regelmäßige Pausen sind wichtig, um mal „abzuschalten“. Im Vordergrund steht die Schulung der koordinativen Eigenschaften.

Bewegungsgeschichte

Vorschulkinder kann man unglaublich gut motivieren, wenn verschiedene Bewegungen in eine Geschichte verpackt werden. Die Kinder versuchen dabei, vorkommende Figuren und Situationen in Bewegungen umzusetzen (Stein, 2008). Diese Geschichten sollten einem Thema zugrunde liegen, mit dem sich die Kids absolut identifizieren können (Urlaub, Schloss, Ritterburg, Frühlingwiese usw.).

Ein Beispiel für eine Bewegungsgeschichte ist der „Zoobesuch“:

  • Die Kinder treffen sich an der Kasse eines Zoos und winken sich zu
  • Sie bezahlen an der Kasse und erhalten ihr Ticket (diese Situation wird pantomimisch dargestellt)
  • Die Kinder gehen zuerst ins Affenhaus; Bewegung: lustig, affenartig, Hüpfen auf allen Vieren       
  • Weiter geht es zu den Giraffen in einem großen Freigehege; Bewegung: Gehen auf Zehenspitzen, der Hals wird ganz lang gestreckt
  • Jetzt wird es gefährlich, sie betreten das Schlangenhaus; Bewegung: sich in Bauchlage auf dem Boden schlängeln
  • Danach entdecken sie ein großes Terrarium mit Spinnen; Bewegung: rückwärtig mit Blick zur Decke auf allen Vieren fortbewegen
  • Es wird nochmals spannend und gefährlich beim Löwengehege; Bewegung: gegenseitiges Anfauchen mit großen Armbewegungen
  • Letzte Station sind die Flamingos; Bewegung: Einbeinstand mit Beinwechsel
  • Am Ausgang verabschieden sich die Kinder (winken) und der Zoobesuch ist zu Ende

Ein zweites Beispiel ist das kleine Spiel „Hand auf...“:

Bei diesem Spiel sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Kinder laufen oder gehen locker kreuz und quer durch den Raum und erhalten verschiedene Kommandos, z. B. „Hand auf blau“. Ziel ist es, so schnell wie möglich die Hand auf einen blauen Gegenstand zu legen. Grundsätzlich orientieren sich die Kommandos an den vorhandenen Gegenständen im Raum. Wieder bewegen sich die Kinder durch den Raum bis das nächste Kommando folgt. Es gibt unendlich viele Beispiele („Bauch auf den Boden“; „Hand auf Holz“; „Beide Hände und Füße auf dem Boden“; „Gesäß an die Wand“)


Grundschulalter (6 bis 10 Jahre) und spätes Schulkindalter (10 bis 12/13 Jahre)

Kinder in dieser Altersstufe sind wegen ihrer Unbekümmertheit sehr gut zu motivieren. Sie haben ein begeistertes Sportinteresse und eine gute Lern- und Leistungsfähigkeit. Das Training sollte sportlich vielseitig sein, gespickt mit vielen Erfolgserlebnissen.

Ein Bewegungsbeispiel ist der Parcours (Strecke mit vorbereiteten Hindernissen):

Ziel ist es, verschiedene Bewegungsaufgaben nacheinander zu durchlaufen. Die motorischen Grundeigenschaften, vor allem die Koordination, Ausdauer und Beweglichkeit, werden bei dem folgenden Beispiel geschult. Je nach Platz können die Bewegungsaufgaben in verschiedenen Zimmern oder im Garten vorbereitet werden. Ein Parcours könnte wie folgt aussehen:

  • Über ein am Boden liegendes Seil balancieren
  • sich auf allen Vieren um einen Gegenstand (z. B. Stuhl) bewegen
  • einbeinig einen Ball fünfmal in die Luft werfen und fangen (rechtes und linkes Bein im Wechsel)
  • beidbeinig die Treppenstufen hochhüpfen
  • beidbeinig nach rechts und links über eine Markierung am Boden hüpfen (z. B. vom Treppenende zum Bad)
  • Hindernisse ohne Berührung überwinden (Wollfäden durch den Flur spannen oder einen Tunnel mit Decken bauen).

Mittel- und Oberstufe (13 bis 17 Jahre)

Bedingt durch Wachstumsschübe kommt es in dieser Altersstufe zu einer Verschlechterung des Last-Kraft-Verhältnisses, die eine Abnahme der koordinativen Leistungsfähigkeit zur Folge hat. Die Trainierbarkeit der konditionellen Fähigkeit hingegen erhöht sich, weil der Organismus die umfangreichste Veränderung erfährt.

Durch die psychische Labilität in dieser Phase kann es zu Lustlosigkeit und nachlassendem Sportinteresse kommen. In der Trainingspraxis kann also die Ausdauer- und Kraftfähigkeit sehr gut trainiert werden. Wichtig ist es, die koordinativen Fähigkeiten zu stabilisieren, um einer Verschlechterung des Kraftleistungsverhältnisses entgegenzuwirken.

Das Beweglichkeitstraining sollte unbedingt gefördert werden, denn beschleunigtes Knochen- bzw. Skelettwachstum steht der Dehnfähigkeit der Muskulatur und Bänder nach, wodurch sich eine erhebliche Verschlechterung der Beweglichkeit in diesem Altersabschnitt ergibt. Jugendliche brauchen unbedingt „coole“ Motivationsanreize, die sich auf aktuelle Musik oder Sportvorbilder beziehen.

Hier ist das Beispiel ein Zirkeltraining zur Verbesserung der Kraft, Ausdauer und Koordination:

Es werden im Wohnraum (oder im Garten) bis zu sechs Trainingsstationen aufgebaut. Man erklärt den Teilnehmenden (Geschwister/Eltern) die einzelnen Aufgaben dieser Stationen. Geschickte Positionierung der einzelnen Stationen im Kreis, eine Nummerierung sowie einfache Zeichnungen zur Beschreibung der Übungen erleichtern den Trainingsfluss. Jeder Teilnehmende sucht sich eine Station aus, an der er starten möchte. Die Belastungs- und Erholungszeit wird vor Beginn des Zirkeltrainings festgelegt. Hier ein Beispiel von sechs Stationen:

  1. Station: Seilhüpfen beidbeinig oder im Wechsel; wenn kein Seil vorhanden ist, beidbeinig nach rechts und links über eine Markierung hüpfen
  2. Station: Ausgangsposition Rückenlage, zwölfmal Crunches im Wechsel mit zwölfmal Beckenheben  
  3. Station: –Zwei bis vier Schritte vorwärts und rückwärts über eine Markierung am Boden laufen
  4. Station: Burpees (Kombination Kniebeuge, Liegestütze, Strecksprung)
  5. Station: Jumping Jacks (Grätschsprung)
  6. Station: Vierfüßlerstand oder Unterarmstütz (diagonales Arm- und Beinheben)

Belastungszeit: 1,5 bis 2 Minuten (motivierende aktuelle Musik)
Erholungszeit: 1 bis 1,5 Minuten (ruhigere Musik)

Die Stationen werden mit lockernden Bewegungen während der Erholungszeit gewechselt bis man alle Stationen durchlaufen hat. Je nach Lust und Fitness können ein bis drei Runden trainiert werden.


Fazit

Die Corona-Krise ist für alle eine große Herausforderung. Für viele Eltern ist es noch schwieriger geworden, Kinder, Job und Haushalt „unter einen Hut“ zu bekommen. Auf der anderen Seite verbringen viele Eltern wesentlich mehr Zeit mit ihren Kindern und können diese Chance nutzen, um daraus ein für immer bleibendes Erlebnis zu gestalten. Denn sich gemeinsam bewegen, Spaß zu haben und zusammen zu lachen bleibt in Erinnerung und ist ein großes Geschenk.

Über die Autorin

Tanja Linhard ist u. a. Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) und der BSA-Akademie.

Serie 'Gesundheitliches Krisenmanagement'

Alle weiteren Serienartikel der dreiteiligen Reihe 'Gesundheitliches Krisenmanagement' auf einen Blick:

Noch mehr Content der DHfPG-Experten

Diese beiden Artikel bieten weiteren spannenden Input und Impulse, damit Sie trotz Stress und Belastungen mental und körperlich immer auf der Höhe bleiben.


Literaturliste

Lecheler, J. (2008). Trägt das veränderte Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen zur Entstehung chronischer Krankheiten bei? Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 59 (10), 241–242.
Opper, E., Worth, A., Wagner, M. & Bös, K. (2007). Motorik-Modul (MoMo) im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Motorische Leistungsfähigkeit und körperlich-sportliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 50 (5-6), 879–888. https://doi.org/10.1007/s00103-007-0251-5
Meinel, K., Schnabel, G. & Krug, J. (Hrsg.). (2007). Bewegungslehre – Sportmotorik. Abriss einer Theorie der sportlichen Motorik unter pädagogischem Aspekt (11. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer.
Stein, G. (2008). Bewegungsgeschichten. Wir reisen ins Bewegungsland (3. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer.

 

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