BECYCLE

Cycling statt Clubbing  

Excel Tabellen, PowerPoint Präsentationen und lange Tage vor dem Bildschirm bestimmten den Arbeitsalltag von Gundula Cöllen (34), Financial Analyst für einen Hedgefond und später in der Beratung tätig. Sie wollte Abstand von der Welt der Investments und Finanzen und kehrte zurück nach Deutschland. Auf der Suche nach einem sportlichen Ausgleich, den sie in Sydney, London und anderen Metropolen in verschiedensten Boutique-Konzepten stets fand, blieb sie jedoch erfolglos. Die Folge: Sie konzipierte nach internationalem Vorbild ihr eigenes Fitnesskonzept, das auf die Kombination aus Cycling, Musik und Ambiente setzte. Das war die Geburtsstunde von BECYCLE in Berlin. fitness MANAGEMENT international besuchte die gebürtige Wuppertalerin in ihrem Studio im Bezirk Mitte und sprach mit ihr über die Entstehung, das Konzept und die Zukunft von BECYCLE.

Café und Lounge in schickem Ambiente – doch wo ist der Fitnessraum? 

Wenn man das BECYCLE-Studio zum ersten Mal betritt, ist man verwundert. Das soll ein Fitness-Studio sein? Trainingsgeräte? Sucht man vergebens. Menschen in Trainingskleidung? Fehlanzeige. Stattdessen wird man von einer freundlichen Dame hinter einer stylishen Bar begrüßt, die den anwesenden Gästen – meist im Alter zwischen 30 und 40 – wahlweise einen „Flat White“ oder „Cold Brew“ zubereitet. Durchschreitet man das Café, landet man im Lounge-Bereich des Fitness-Clubs. Dieser erinnert an eine edle Modeboutique. Von Bekleidung über Body-?lotions bis hin zu Trinkflaschen kann man hier eine kleine, aber feine Auswahl an Produkten erwerben. Erst der leuchtende Schriftzug hinter dem Empfangstresen verrät: Man befindet sich bei BECYCLE. 

„Keines der deutschen Fitness-Konzepte hat mich angesprochen – also habe ich eines nach meinen Vorstellungen konzipiert“

Gundula Cöllen begrüßt uns herzlich. Vom feinen Berater- Zwirn aus ihrer beruflichen Vergangenheit ist nichts mehr übrig geblieben. Ein lockeres, farbenfrohes Kleid, Sneaker und strahlende Augen sind die Gegenwart. „Als ich nach meiner Beratertätigkeit im Ausland nach Deutschland zurückkehrte, habe ich nach einem geeigneten sportlichen Ausgleich gesucht, so wie ich ihn in den USA, Australien und England hatte“, erklärt die BECYCLE-Geschäftsführerin und stellte ernüchternd fest: „Im Grunde habe ich nur Fitnessketten vorgefunden, an die ich mich ein oder zwei Jahre hätte binden müssen. Das war für mich keine Option.“ Also ergriff Cöllen selbst die Initiative und begann mit den Planungen für ihr eigenes Fitnesskonzept, das in den Grundzügen an das amerikanische Modell vom Cycling-Spezialisten SoulCycle erinnert, das in den Vereinigten Staaten einen unvergleichlichen Siegeszug vorweisen kann und vor einigen Jahren von der US-Fitnesskette Euqinox übernommen wurde.

Das Berghain der Fitnessbranche

Auch wenn der erste Eindruck von BECYCLE anderes vermuten lässt, ist der Kern des Konzepts der Cycling-Raum. 57 dunkle Quadratmeter, auf denen 33 Fahrräder dicht an dicht in mehreren Reihen und auf Plateaus aufgereiht sind. Im vorderen Bereich des Raums befindet sich das Spinning-Rad des Trainers. Dieser leitet die Trainierenden an, motiviert und sorgt für die geeignete Musikauswahl in Verbindung mit einer Lichtshow für ein ganz besonderes Trainingserlebnis. Als Teilnehmer fühlt man sich während des 60-minütigen Kurses eher im Berliner Berghain, Berlins international bekannter Technoclub, verortet, als in einem Spinningkurs. Und genau das ist das Ziel.  

„Die meisten unserer Kunden haben einen anstrengenden Job oder auch schon Familie und können unter der Woche nicht bis drei Uhr morgens feiern gehen. Dafür kommen sie dann hier her. Für viele ist das in gewisser Weise ein Club-Ersatz. In dem dunklen Raum kann man sich komplett gehen lassen, Grimassen ziehen oder auch schreien. Es ist alles erlaubt“, so Cöllen. 

Community-Charakter gegen den Schweinehund

Doch trägt dieses Konzept auch nach der zehnten oder zwanzigsten Einheit oder kehrt bei den Teilnehmern irgendwann Routine ein? Cöllen versucht das mit Hilfe eines Community-Charakters innerhalb des Clubs zu verhindern. So schön das Café und die Lounge im Eingangsbereich auch sein mögen – sie sind kein Selbstzweck, sondern sollen die Kunden zum Verweilen, Netzwerken und Freundschaften Finden anregen, wie die Geschäftsführerin erklärt: „Zu Beginn muss man die Community verstehen, um hineinzuwachsen. Aber, wenn man erst einmal drin ist, macht es den Leuten unheimlich Spaß. Und wenn der innere Schweinehund bei jemandem doch einmal aufkommt, setzt der soziale Druck ein. Was, wenn ich nicht komme? Merken die anderen das? Fragt mich der Trainer bei der nächsten Session, wo ich war?“ Und die Zahlen geben dem Konzept bisher Recht: Die fünf bis sechs Rides am Tag sind im Durchschnitt zu rund 60 Prozent belegt. Bei drei bis vier Kursen die Woche müssen Wartelisten angelegt werden, weil der Andrang der Kunden zu groß ist. Kosten pro Ride: 23 Euro.

Wenn der Hipster neben der Hausfrau schwitzt

Bei der Schaffung eines solches Community-Charakters ist ein homogener Kundenkreis von Vorteil. Trainieren also nur angesagte Szene-Berliner in ihren 30ern oder 40ern im BECYCLE? Cöllen widerspricht. Man finde von der abnehmwilligen Hausfrau bis zum Skinny Jeans tragenden Hipster alle Zielgruppen an. Während nach Meinung der BECYCLE-Geschäftsführerin das konventionelle Fitness-Studio viele Kunden abschrecke, da man sich oft wie auf dem Präsentierteller fühle, könne man in ihrem Studio auch außerhalb des Rampenlichts trainieren. „Einige buchen bewusst das hinterste Fahrrad im Raum, um den Blicken der anderen nicht ausgesetzt zu sein. Die Dunkelheit tut ihr übriges“, ist sich Cöllen sicher. 

„Vertragsbindungen sind total überholt“ 

So modern und fortschrittlich man sich bei BECYCLE beim Trainingskonzept und Interieur gibt, gestaltet man auch die Vertragsstruktur – wenn davon überhaupt noch die Rede sein kann. „Eine der Hauptgründe, warum ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland kein geeignetes Fitness-Studio fand, war die Vertragslaufzeit“, erinnert sich Cöllen. Zwölf oder 24-Monatsverträge kamen für sie nicht in Frage. „Und ich wüsste auch nicht, wie ich meinen Kunden glaubhaft erklären sollte, warum sie sich für eine derart lange Zeit bei mir binden sollen. Das System der Vertragsbindung ist aus der Zeit gefallen, wie man es auch in anderen Branchen beobachten kann.“ Und tatsächlich: BECYCLE arbeitet vorwiegend mit Einzel- oder Zehnerkarten. Wer unbedingt eine Mitgliedschaft abschließen möchte, kann sich nicht länger als drei Monate binden. 

Auch wenn BECYCLE erst seit einem Jahr besteht, bestätigt die Geschäftsführerin, dass eine flexible Angebotsstruktur innerhalb der Monate zu schwankenden Teilnehmerzahlen führen kann. Durch eine gut funktionierende Klimatechnik im Cyclingstudio in den Sommermonaten und den Community-Charakter unter ihren Kunden seien diese Schwankungen jedoch nach eigenen Aussagen relativ gering und wirtschaftlich damit verkraftbar. 

„Unsere Trainer sind international und oft Schauspieler oder Comedians“

Neben der durch Ton und Licht geschaffenen Atmosphäre im Trainingsraum und die eng beieinander stehenden Räder, komme zusätzlich vor allem einer Variablen ein großer, vielleicht sogar der wichtigste Stellenwert zu: dem Instruktor. Diese sind bei BECYCLE häufig international und kommen u.a. aus den USA, Großbritannien oder Australien. Das Trainingskonzept von BECYCLE wurde laut Cöllen von einer erfahrenen Trainerin aus den USA in einem dreimonatigen Prozess vor Ort in Berlin erstellt und ihr Wissen an die Trainer bei BECYCLE weitergegeben. Heute geben diese ihr Wissen an die wiederum neuen Trainer weiter.  

Doch welche Voraussetzungen muss man bei BECYCLE mitbringen, um als Trainer ausgebildet zu werden? „Viele unserer Leute kommen aus der Entertainment-Industrie. Die meisten unserer Instruktoren arbeiten entweder als Personal Trainer, sind Schauspieler oder Comedians“, beschreibt Cöllen die Personalsituation. Ihre Devise lautet dabei vor allem: Fachfremde Experten aus dem Ausland holen, vor allem aus London, und diese mit immer neuem Fitness-Input füttern und weiterbilden.   

Mit Hilfe von Investoren will BECYCLE auch außerhalb Berlins wachsen

Bei all dem Erfolg, den das BECYCLE schon nach einem Jahr genießt, liegt die Frage nahe: Wann folgt das zweite Studio in der Hauptstadt? „Vermutlich wäre es das Cleverste, ein weiteres Studio in Berlin zu eröffnen. Ich habe jedoch in Frankfurt eine tolle Location entdeckt, in der wir das BECYCLE-Konzept ideal umsetzen könnten“, so Cöllen zu ihren Zukunftsplänen. Gerade im Hinblick auf die dort ansässige Bankenklientel, die sich nach dem Brexit weiter vergrößern dürfte, bietet sich die Mainmetropole bestens an. Auch andere Fitnesskonzepte in Frankfurt, die ihren Trainierenden körperlich einiges abverlangen, haben seit geraumer Zeit großen Erfolg. Berlin, so Cöllen, würde sich für BECYCLE von der Zielgruppe eigentlich gar nicht eignen. „Glücklicherweise ist die Stadt groß genug.“ Und, da ist sie sich sicher: „Das Konzept trägt sich am besten in Städten mit Leuten, die schon mit Boutique-Studios sensibilisiert wurden.“ Ein Wachstum auch über Berlin und Frankfurt hinaus ist also durchaus denkbar. 

www.becycle.de